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Team: Mittelerde
Challenge: Romantik/Intimität – Loyalität – fürs Team
Fandom: Ateezerton (Ateez Bridgerton!AU)
Titel: Kapitel 4
Inhalt: Die Saison hat begonnen und Wooyoung muss sich wohl oder übel mit seinem neuen Titel abfinden.
Anmerkung: Kapitel 1 Kapitel 2 Kapitel 3



Kapitel 4

Wooyoung hatte die letzten paar Monate vor seinem Debüt damit verschwendet, sich selbst zu sagen, dass es gar nicht so schlimm werden würde; dass all das Aufhebens, das Hongjoong machte, im Wasserglas ihrer Familie zwar Wellen von der Größe des Jirisan* schlug, in der weiten Welt der diesjährigen Debütanten aber verloren gehen würde.

Ihre Familie war weder besonders adelig noch herausragend reich, und die meisten anderen Clans wussten zwar um den tragischen Tod ihrer Eltern vor ein paar Jahren, aber sonst eben kaum etwas um die fünf Brüder aus Seoul, obwohl fast alle einen Hut aus ihrer Fabrik trugen.

Natürlich änderte die Schriftrolle alles. Seonghwa musste einige Beziehungen und Gefallen dafür eingefordert haben, denn es prangte das Siegelzeichen aus dem inneren Kreis des Königshauses unter Wooyoungs Namen und der wortreichen, schwülstigen Verlautbarung, dass er trotz seiner niederen Stellung die Gunst des Königs erworben habe und den Titel des Treasure für diese Saison tragen dürfe.

Nichts auf der gesamten Halbinsel konnte damit konkurrieren. Wooyoung spürte die ungläubigen, hasserfüllten Blicke aller alteingesessenen Clans und ihrer Sprösslinge auf sich, als er mit wehenden Hanbokärmeln** den Gang hinunterschritt, um das schwere goldene Siegel bei den offiziellen Feierlichkeiten in Empfang zu nehmen. Hongjoong, in Begleitung von Seonghwa, hatte ihm eingebläut, keinerlei Regung zu zeigen, sondern nur huldvoll auf den Boden zu sinken und mit höchster Ehrerbietung den Titel anzunehmen.

„Stolz darfst du zuhause zeigen“, hatte er noch hinzugefügt, während er Wooyoung völlig euphorisch auf die Schultern klopfte und ihm fast den Hut vom Kopf schlug. „Du hast es verdient!“

Die einzigen, die Stolz zeigten, waren Yunho und Mingi, die ihm alles aus der Hand nahmen, ihm im Flur auflauerten, an Armen und Beinen packten und dann wie ein erschlagenes Reh durchs Haus trugen, brüllend, dass der Treasure vorbei komme, und der Treasure dürfe weder laufen noch Dinge tragen noch selbst Tee trinken, deshalb ist hier der Löffel, Wooyoung, Mund auf, aaaaaaa…

Jongho verdrehte die Augen und verschanzte sich mit Yeosang in seinem Zimmer und Wooyoung hatte einerseits Spaß an dem Blödsinn und andererseits keine Lust mehr auf die blauen Flecke und das andauernde Gerede und vor allem hatte er keine Lust auf Hongjoong, der ihm genauso auflauerte wie Yunho und Mingi, und ihm eine Balleinladung nach der anderen auf den Tisch warf.

„Du solltest bei jedem davon erscheinen“, sagte er eines Abends kurz nach dem Essen. „Ursprünglich hatte ich angedacht, dich nur zu den Großen Drei zu schicken, aber warum sollten wir uns diese Chance entgehen lassen? Eingeladen bist du sowieso überall.“

„Das wird zu teuer!“, protestierte Wooyoung. Er versuchte die Papiere zu sortieren, doch sein Schreibtisch quoll über von Einladungen, Briefen, Schriftrollen, Rechnungen und Papieren der Fabrik und einem entsetzlich geschmacklosen westlichen Porträt einer sehr verzweifelten Person. „Meine Garderobe reicht dafür nicht, und die Schneider sind ausgebucht bis nächstes Jahr!“

Hongjoong hielt tatsächlich einen Moment lang inne, und Wooyoung warf hastig das Porträt ins Kohlebecken. Es zischelte und ächzte, wahrscheinlich genauso empört und gelangweilt von den Hässlichkeiten darauf wie er selbst.

„Du unterschätzt, was für Möglichkeiten der Titel eröffnet“, sagte Hongjoong schließlich. Er wandte den Blick von Wooyoung ab und betrachtete stattdessen Precious, die am Rande der Terrasse vor Wooyoungs Zimmer saß und leidvoll den Glühwürmchen nachmiaute. „Wir brauchen uns nicht mehr zu verstecken.“

„Ich habe mich noch nie irgendwo versteckt“, erwiderte Wooyoung. Ihm schoss das Blut den Nacken hinauf, durch die Fingernägel bis in die Haare, und er saß mit einem Mal sehr aufrecht am Schreibtisch. Kampfbereit fast, und völlig erschrocken davon, doch der Zorn wischte ihm durchs Hirn, legte ihm Worte in den Mund, Sätze, derer er sich niemals für fähig gehalten hätte.

Du machst Bücklinge vor Leuten, die dich hassen, Bruder, nicht ich!
Wenn du dich meinetwegen schämst, dann ist das dein Problem! Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen!
Wie kannst du es wagen, du bist nicht Mutter und nicht Vater, ich bin dir keinerlei Rechenschaft schuldig!
Ich bin genug! Oder etwa nicht?

Der Zorn trat mit Hahnenfüßen um sich, riss Wunden und alte Befindlichkeiten auf, um die es hier überhaupt nicht ging. Wooyoung biss sich auf die Zunge, grub die Fingernägel in seinen eigenen Unterarm, um sich vom Reden abzuhalten. Sein Herz, müde von den letzten Tagen, schlug unregelmäßig und nur noch halbwach in seiner Brust und er hatte überhaupt keine Kraft mehr für diesen Kampf, von dem Hongjoong wahrscheinlich nicht mal etwas wusste.

„Natürlich nicht“, sagte Hongjoong da. Wooyoung zuckte zusammen und wich seinem Blick aus. „Aber du darfst nicht vergessen, dass du drei Jahre verloren hast, du brauchst jeden Vorteil, den du kriegen kannst.“

„Das ist nicht meine Schuld!“ Wooyoung rang mit dem Hahn und wünschte sich, dass Hongjoong endlich den Mund halten würde. Dass er gehen würde, ihn in Ruhe lassen, dass er morgen aufwachen würde und er drei Jahre jünger wäre, und am allermeisten wünschte er sich, dass ihre Eltern immer noch am Leben wären.

„Natürlich nicht!“ Hongjoong wandte sich um und lächelte versöhnlich. „Das meinte ich doch auch gar nicht. Ich will nur, dass du das bestmöglichste bekommst, Brüderchen, so wie du es verdient hast.“

Der Hahn und Wooyoung erstarrten zu Eis. Das Blut schäumte in seinen Ohren, keiner wusste mehr wohin mit all der Wut und plötzlich packte ihn bleierne Müdigkeit. Er blinzelte ein paar Mal, doch die vielen bunten Kärtchen und Schriftrollen verschwammen trotzdem vor seinen Augen.

Hongjoong trat zu ihm und tätschelte ihm die Schulter. Er merkte nicht, dass Wooyoung kurz davor stand, in Tränen auszubrechen, oder tat wenigstens so, als würde er es nicht merken. „Ich bin so stolz auf dich, Wooyoung“, sagte er stattdessen leise und lächelte ihm aufmunternd zu.

Was nützte all der Zorn, was nützte alle Angst, und alle Zweifel. Nichts davon durfte jemals nach außen dringen, nicht, wenn Hongjoong sich so freute und nach all den Jahren endlich wieder entspannt und aufrecht ging.

Dann war Wooyoung eben der Treasure, dann würde er eben auf jedem einzelnen Ball, auf jedem Ausflug, bei jedem Wettbewerb und bei jeder noch so kleinen Veranstaltung erscheinen und mit allen tanzen und parlieren, die sich Hoffnungen machten. Alles, alles würde er tun, wenn es Hongjoong damit besser ging.

Was am Ende der Saison auf ihn lauerte – was auf jeden Treasure lauerte, seit Generationen, seit es den Titel gab – daran verschwendete Wooyoung erst einmal keinen Gedanken. Das Jahr war lang. Es konnte viel passieren.

Resolut erstickte er sein Schluchzen mit einem Räuspern, packte Hongjoongs Hand und warf ihm ein strahlendes Lächeln zu.

„Wir zeigen es ihnen!“, verkündete er laut und Hongjoong lachte mit.

Wooyoung beschloss, dass ihm dieses Geräusch reichen musste.

Wie schlimm konnte es schon werden?


*zweithöchster koreanischer Berg
** Hanbok = traditionelles koreanisches Gewand

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