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Team: Mittelerde
Challenge: Hurt/Comfort – Achillesferse – fürs Team
Fandom: Tatort Saarbrücken
Titel: Der Plan
Inhalt: Adam und Leo planen das weitere Vorgehen.
Anmerkung: Habe komplett vergessen, wo ich hiermit eigentlich hinwollte. Jetzt haben Adam und Leo einfach sehr viele, sehr komplizierte Gefühle füreinander und der Prompt ist … impliziert.



Der Plan

In Leos Wohnung ist er bisher nicht gewesen, was eine ziemlich schwache Leistung ist, aber es ergab sich einfach nicht. Wenn man zwei Tage lang versucht, sich jemandem wieder zu nähern, nur um dann sofort wieder auf Abstand zu gehen, gehen so einige Feinheiten der guten Sitte verloren.

Der Flur drängt sich gegen sie, weil er für zwei Männer ihrer Größe nicht gemacht ist und Leo zögert einen Moment, halb vorgebeugt, eine rüde unterbrochen unbewusste Bewegung, die er jeden Abend macht: Schuhe ausziehen. Er lässt es bleiben, winkt mit der Hand in Richtung der Garderobe und Adam schmeißt den Rucksack davor und seine Jacke über den Rucksack. Sein Herzschlag stolpert immer noch in todesnahem Tempo vor sich hin und er hat keine Ahnung, was Leo von ihm will.

Leo stapft voran, an einer dunklen Küche vorbei ins Wohnzimmer, in dem er endlich Licht macht. Eng ist es hier, enger als Adam angenommen hätte, und er nimmt auf einem Sessel Platz, mit so viel Abstand, wie noch möglich ist, ohne, dass er wieder durch die Haustür bricht und wegrennt.

„Wir brauchen einen Plan.“

Adam schluckt, doch sein Herz stemmt sich mit beiden Kammern störrisch gegen seine Kehle. Nichts nach unten, nichts nach draußen, soll er seine Scheiße doch im Mund behalten.

Er schluckt noch einmal und sein Herz brüllt empört.

„Ich hatte einen Plan“, sagt er laut. Leo zuckt fast zusammen und da fällt Adam auf, dass er nicht der einzige ist, der seit fast zwei Tagen nicht geschlafen hat. „Knochen finden, Bericht schreiben, Fall abgehakt.“ Er verschränkt die Arme vor dem Brustkorb, doch er schlottert trotzdem noch. Wenn Leo heftig ausatmet, wird Adam in sich zusammenfallen, soviel steht fest.

„Macht dir das Spaß?“, fragt Leo da leise. „Mich für blöd zu verkaufen?“

Ein unwirsches Wort, ein ganzer hässlicher Satz will sich aus Adams Mund kämpfen, doch er pfeift sich selbst zurück. Das hier ist immerhin Leo.

„Ich verkauf dich nicht für blöd“, murmelt er. Gott, er ist so müde. „Aber wir müssen den Fall abhaken und Ester und Pia irgendwie beschäftigen. Was anderes bleibt uns gar nicht übrig.“

Abhaken, unter den Teppich kehren und hoffen, dass niemals jemand wieder danach fragt. Dass der Alte aus dem Krankenhaus wieder rauskommen wird – geschenkt. Adam hat sich in den letzten zwei Monaten schon damit abgefunden. Sein Vater wird ihm das Leben zur Hölle machen, wird ihn manipulieren, ihn hassen, ihn komplett ruinieren, und in Saarbrücken nichts als verbrannte Erde für Adam zurücklassen, oder sie zu einem staubigen Haufen über ihm zusammenkehren, je nachdem wer von ihnen früher ins Gras beißt.
Das ist alles nichts neues, das alles hat Adam schon erlebt und solang sein Vater sich auf ihn konzentriert, auf ihn allein, kann Adam damit umgehen. Wie genau, weiß er noch nicht und mit welcher Kraft er das bewerkstelligen soll, ist ihm auch noch nicht eingefallen. Aber irgendwie wird es gehen. Gehen müssen, denn die Alternative ist, dass sein Vater sich auf Leo stürzt.

Adam legt den Kopf schief. Unter seinem Pullover ist mittlerweile der Schweiß getrocknet und lässt ihn trotz der lauwarmen Temperaturen draußen frieren.

Für Leo, sagt er sich. Jedes bisschen Kraft, die letzten Reste seiner verkorksten Seele, alles gehört ihm längst. Ob er das weiß oder überhaupt haben will, spielt keine Rolle, Adam wird ihn niemals danach fragen. Er kann ihn nur beschützen, endlich ist er mal an der Reihe, vielleicht ist es doch ganz gut, dass sein Vater noch nicht draufgegangen ist.

Adam schnaubt fast belustigt, als er sich zuhört. Leo runzelt die Stirn und wirft sich dann im Sessel zurück, presst viel zu fest die Handballen gegen seine Augenhöhlen.

„Das wird so nicht gehen, Adam“, murmelt er. „Dein Vater wird reden.“

„Mag sein.“

„Und dann?!“

„Weiß ich nicht, Leo“, giftet Adam zurück. „Das kommt drauf an, was er erzählt, oder?“

Sie drehen sich im Kreis. Wie kann man so klug und gleichzeitig so dämlich sein, schießt es Adam durch den Kopf, und Leo starrt ihn mit einem Blick an, als würde er sich genau dasselbe fragen.

Seufzend sinkt Adam tiefer in den Sessel. Alles in ihm verlangt wimmernd nach Schlaf, doch er schiebt es weg.

„Du brauchst dir keine Sorgen machen“, sagt er schließlich leise, versöhnlich, damit Leo es endlich begreift. „Es ist alles geregelt.“

Leo sitzt mit einem Mal aufrecht, als habe der Blitz in sein Rückenmark eingeschlagen. „Was soll das heißen?!“

„Das soll heißen“, sagt Adam gedehnt, „dass es nur zwei Varianten gibt. Entweder mein Vater zeigt uns ganz hochoffiziell an und dann haben wir ein Gerichtsverfahren am Hals.“

„Oder?“

„Oder, und das ist wahrscheinlicher, er sagt nichts, und spielt irgendwelche Psychospielchen mit mir.“

„Und das ist besser?!“

Adam zuckt die Schultern. „Besser als ein Prozess und Rufmord, oder?“ Leo schüttelt den Kopf, und weil er es anscheinend immer noch nicht verstanden hat, fügt Adam seufzend hinzu: „Es ist alles geklärt, Leo. Nichts fällt auf dich zurück. Du warst einfach nur zufällig nach dem Kino da.“

„Ich war aber nicht im Kino!““

„Doch, warst du. Das haben damals schon alle geglaubt. Ich verspreche dir, es wird dir nichts passieren. Der Alte hat seinen Hass auf mich und du bist raus.“

Sie sollten keine Zeit hiermit verschwenden. Adam muss einen Knochen finden, Adam muss sich überlegen, wie er seine Aussagen so legt, dass nicht einmal der Schatten eines Verdachts auf Leo fällt, Adam muss außerdem dringend schlafen und essen und vielleicht noch einmal über Mord im Krankenhaus nachdenken.

„Darum geht es dir hier?“

Leos Frage reißt ihn aus seinen Schlachtvorbereitungen und er schaut ihm verblüfft ins völlig fassungslose Gesicht.

„Worum denn sonst?“

„Ist dir vielleicht mal in den Sinn gekommen, dass ich nicht zusehen will, wie du unter diesem Monster zugrunde gehst?“

Ein eiskalter, schmerzhafter Schauer erfasst ihn. Er versteht die Wörter, er versteht den Satz und trotzdem ergibt das überhaupt keinen Sinn.

„Leo…“, fängt er an, doch Leo hört ihm nicht zu. Seine Hände krampfen sich um die Knie, um die Sessellehne, er springt wie von der Kette gelassen auf und beginnt durch den Raum zu tigern, auf und ab, zum Fenster, zur Küche, wahrscheinlich würde er am liebsten raus rennen, doch Leo ist kein Feigling.

„Ich fass dich nicht, wirklich nicht“, sagt er, und wird mit jedem Wort lauter. „Du kapierst es einfach nicht! Du tauchst nach fünfzehn Jahren wieder auf, als mein Partner, und du erzählst mir nichts! Schiebst dich einfach in mein Leben und ich hab keine Ahnung, wo du warst, was du gemacht hast! Zwei Monate lang sitzt du jeden Tag neben mir und ich komm nicht an dich ran. Du lächelst, du sagst du hast mich vermisst, und dann? Funkstille! Du hältst dich von mir fern, ich weiß nicht mal, wo du hier wohnst! Das…“ Der Tiger bleibt stehen, wirft einen abschätzenden Blick auf Adam, dann auf sein eigenes Spiegelbild in der pechschwarzen Fensterscheibe und fasst dann anscheinend einen Entschluss. „Das ist viel schlimmer, als wenn du wirklich tot wärst.“ Adam hört ihn kaum, so leise haucht er gegen das Glas. „Dann könnte ich vielleicht endlich abschließen. Aber so? Was…was soll ich denn denken, Adam? Was soll ich denn tun?“

Adam kann nicht reagieren. Die Worte schlagen wie Patronen in sein Hirn, zerfetzen all seine Gedanken. Er kratzt panisch an Leos Sessel und macht mehrmals den Mund auf, doch er findet keine Antwort. Scheiße, gottverdammte Scheiße, was hat er denn hier nicht mitgeschnitten?

„Ich… ich wollte dich beschützen…“, würgt er schließlich hervor. Seine Fingernägel reißen Fäden aus dem Polster, er ballt die Fäuste und fixiert panisch Leo, der immer noch die schwarze Aussicht hinter dem Fenster anstarrt.

„Du hast ne Scheißart, das zu zeigen!“ Leo hält inne und fährt sich unwirsch mit dem Handrücken über die Augen. „Ich bin erwachsen, Adam! Ich bin Polizist, falls du es nicht gemerkt hast, ich kann auf mich selbst aufpassen, aber nicht, wenn du nicht ehrlich zu mir bist!“

Leos schnaufendes Luftholen hallt im Wohnzimmer wider.

„Ich dachte… ich dachte, du hasst mich“, haucht Adam schließlich. „Weil ich alles ruiniert hab.“

„Was hast du ruiniert?“

Adam schluckt. Leo nimmt ihn systematisch auseinander, als sei das hier ein Verhör. „Alles! Dein Leben hier! Mein Vater…“

„Solange du nicht auch noch Arzt geworden bist, ohne mir davon zu erzählen, glaube ich nicht, dass dein Vater deinetwegen aufgewacht ist! Man, Adam, sag mir einfach, was ich machen soll, was du noch von mir willst!“

Adam schweigt und starrt Leo an, der völlig entkräftet am Fenster lehnt. Die letzten Sätze hat er geschrien und Adam schießt durch den Kopf, was sie jetzt machen würden, wenn jemand von Leos Nachbarn die Polizei wegen Ruhestörung rufen würde. Fast wünscht er sich ein Klingeln an der Tür, damit er Leos Frage nicht beantworten muss.

Was er von Leo will, ist ein diffuses, pulsierendes, leuchtendes Dings in seiner Brust, was niemals das Licht des Tages erblicken wird. Leo verdient jemand besseres, das haben sie nun offensichtlich gerade geklärt; jemanden, der ihn nicht fünfzehn Jahre lang zurücklässt, jemanden, der ihn wahrhaft versteht, und ihn liebt.

„Es tut mir leid“, hört er Leo da sagen. „Die…Sache im Wald. Dass ich geschossen habe.“

Jemanden, der Leo nicht vor Wahl stellt, entweder ein Totschläger oder ein Mörder zu werden.

Adam springt vom Sessel auf, überwindet die drei Meter zu Leos zitterndem Körper am Fenster, stößt sich die Schienbeine auf dem Weg dorthin, alles scheißegal.

„Ich hätte das niemals von dir verlangen dürfen“, sprudelt es aus ihm heraus, als er dicht vor ihm stehen bleibt. „Ich weiß, was ich gesagt habe, im Wald, das war scheiße dumm von mir, es tut mir leid, bitte, Leo…“

„Es hätte alles einfacher gemacht.“ Leo schluchzt fast und Adam weiß nicht, was er tun soll, er will irgendwas zerschlagen, an den Wänden kratzen, etwas anzünden. Leo darf nicht weinen, Leo darf nicht leiden, oh Gott, er hat alles falsch gemacht.

Schließlich streckt er langsam die Hand aus und legt sie unbeholfen auf Leos Schulter. Er kann seinen Herzschlag im Hals fühlen, pumpend, rasend, stolpernd, völlig durchgedreht. Leo zittert unter ihm, sackt nach vorne, bis er mit dem Kopf gegen Adams Brust lehnt.

„Es hätte vor allem dich kaputt gemacht“, flüstert Adam, hofft, dass Leo ihn versteht. „Das ist es nicht wert. Dass ist dieses Schwein nicht wert.“

Leo stöhnt. „Kapier doch einfach mal, dass es um dich geht“, spricht er gegen Adams Körper, heißer feuchter Atem tanzt über sein Brustbein und Adam stirbt gleich an Reizüberflutung.

„Es geht um dich!“, gibt Adam zurück, und dann passiert das letzte, womit er gerechnet hätte: Leo lacht und schließt die Arme um ihn, zerrt Adam fest gegen seinen Kopf, seinen Hals, seine Brust.

Adam bleibt stocksteif stehen, doch Leo lässt ihn nicht los, im Gegenteil, er dreht den Kopf, schmiegt seine Wange an Adams Brust und schließt die Augen.

Eine Weile lang bleiben sie so. Eng verschlungen, Adams Hände wie Vogelkrallen auf Leos Rücken, er merkt erst nach ein paar Augenblicken, dass er ihn streichelt, und Leo endlich langsamer, tiefer, entspannter atmet.

Nach einer Weile löst er sich von Adam. „Wir haben ihn schon mal besiegt“, sagt er. Er muss den Kopf in den Nacken legen, um Adam in die Augen zu sehen und trotzdem kommt Adam sich schrecklich klein vor. „Wir schaffen das wieder. Zusammen. Okay?“

„Okay“, sagt Adam, obwohl er seiner Zunge nicht erlaubt hat, das auszusprechen. „Alles, was du willst.“

Trotz seiner Augenringe, seiner Blässe, seiner verheulten, rotgeäderten Augen und der völlig erschöpften Linie seiner Schultern schnaubt Leo amüsiert. „Ich komm drauf zurück, Herr Schürk.“

Scheiße, denkt Adam. Doch er lächelt dabei.

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