Seelchen, stoß dich nicht!
May. 18th, 2008 10:46 pmFandom: Original (Papierflugzeuge)
Personen: Samuel, Rufus, Vivian und Josua
Challenge: #2 "69,5"
Kommentar: Ich wollte es eigentlich nicht zu persönlich werden lassen, aber ich weiß eben nur von Meerschweinchen, wie sie aussehen, wie sie sterben. Außerdem.. naja, aktueller Anlass und bla. Wir haben mal wieder ein totkrankes Schwein hier.
Warnung: death, traurig und so.
Eigentlich hatte Samuel damit gerechnet, dass Vivian ihn beschimpfen, schlagen und achtkantig rauswerfen würde. Eigentlich hätte sie mit ihren schwarzen Fingernägeln auf ihn losgehen müssen oder ihren Kant-Reader nach ihm werfen.
Irgendetwas in der Art.
Er hatte auf einen Widerstand gewartet, vielleicht auch nur einen Blick, den sie ihm quer durch das Herz bohren würde.
Aber nichts dergleichen geschah und das machte die Situation, in der er nun steckte, besonders komisch.
Vivians klugscheißender Bruder saß auf der himbeerfarbenen Couch und faltete ein Hustenbonbonpapierchen mittlerweile zum dreihundertsten Male. Mit System zwirbelte er, es raschelte leise und doch laut. Und wenn er losließ, troddelte sich das Papier wieder auf, damit er es in die andere Richtung zwirbeln konnte.
„Wusstet ihr, dass niederländische Forscher rausgefunden haben, dass Menschen ab dem Zeitpunkt ihres Todes unerklärlicherweise genau 69, 5 Gramm weniger wiegen?“, sagte er in die Halbstille hinein ohne aufzusehen.
Am Fenster stand Vivian und hielt ihr Meerschweinchen wie ein Baby im Arm.
Das Tier hatte weit aufgerissene Augen, aus denen der Glanz stumpf drang wie ein Gift in den Raum. Es nahm Samuel die Luft zum Atmen.
„Ich warte im Auto.“, hatte er zu Rufus an der Wohnungstür gesagt.
„Vivian wird mich wohl kaum dabei haben wollen.“
Doch sein Freund hatte seine Hand so festgehalten, als ginge es um Leben und Tod, schweigend und verzweifelt.
Dabei ging es nur um den Tod, denn der war sicher.
Die Sache war, dass Samuel Vivian im jetzigen Zustand überhaupt nicht kannte. Die große Philosophin vom Dienst, die ihn immer nur anzicken konnte, wirkte mit einem Mal klein, hilflos und völlig aufgelöst.
Der eigentliche Plan heute war gewesen, gemeinsam am See picknicken zu gehen. Und dann war Vivians Anruf da gewesen, fünfzig Meter vorm Einparken.
„Er stirbt!“, hatte sie durch das Telefon gesagt, welches so laut eingestellt war, dass selbst Samuel es hatte hören können.
„Was soll denn 69, 5 Gramm schwer sein?“, fragte Rufus eingeschüchtert. Er war ganz blass und wagte es nicht, zu Vivian und dem sterbenden Meerschwein herüberzusehen.
Josua schaute noch immer nicht auf, aber er raschelte auf eine nervtötende Art weiter mit dem Papier.
„Naja, man kann da so seine Überlegungen anstellen. Vielleicht die Seele?“
Rufus machte den Mund auf als wolle er etwas sagen, doch es kam nur Schweigen heraus.
„Da stellt sich natürlich die Frage, ob die Seele eines Tiers genauso schwer wäre wie die eines Menschen. Oder vielleicht schwerer. Vielleicht wiegt die Seele eines Elefanten das Zehnfache oder Hundertfache. Vielleicht wiegt so eine Meerschweinchenseele viel, viel weniger.“
Josuas Blick verfing sich im Nichts.
„Du kannst ihn ja wiegen, Klugscheißer.“, murmelte Samuel genervt und machte eine nickende Kopfbewegung in Richtung Vivian.
Und dann fing alles an, aufzuhören.
Das Tier wirkte mit einem Mal winzig und hässlich, der Kopf wurde schmal wie der einer Ratte und das Atmen wurde ein steifes Stocken.
Der Moment, in dem der restliche Glanz aus den dunklen Äuglein verschwand und das Leben wie ein lautloser Seufzer wich, erschien Samuel wie eine Ewigkeit.
Er hatte sich nie viel aus philosophischen Gedanken um Leben und Tod und Himmel und Hölle gemacht, aber nun saß er hier auf der roten Couch und musste daran denken, wie seltsam das Leben war, weil es für jedes Wesen irgendwann aufhören musste, weil es nur ein zeitlich begrenzter Zustand war und flüchtig wie eine Wolke am Himmel oder eine Welle auf dem Meer oder eine Scheiß-Blume auf einer Scheiß-Wiese, die irgendwann verblühte und verging.
Vivian weinte lautlos mit stockendem Atem, der an den des Meerschweins erinnerte und er jagte Samuel eine Gänsehaut über den Rücken.
Josua legte das Bonbonpapier zur Seite, stand auf und ging an seiner Schwester vorbei zum Fenster. Draußen sangen Vögel in die flirrende Sommerluft, alles wurde ein bisschen lauter, als er das Fenster öffnete.
„Sonst stößt sich das Seelchen am Glas, wenn es in den Himmel steigt.“, murmelte er und legte der schluchzenden Vivian einen Arm um den Oberkörper.
„Alles muss mal aufhören.“, hörte Samuel sich geistesabwesend flüstern.
„Macht doch nicht so´n Scheiß-Drama drum!“
Dann vergrub er sein Gesicht in Rufus´ Shirt und spürte das Zittern- Gott sei Dank ein lebendiges Zittern- im Leib seines Freundes.
Und auf dem Tisch raschelte das Bonbonpapier, welches sich Stück für Stück entwand.
Personen: Samuel, Rufus, Vivian und Josua
Challenge: #2 "69,5"
Kommentar: Ich wollte es eigentlich nicht zu persönlich werden lassen, aber ich weiß eben nur von Meerschweinchen, wie sie aussehen, wie sie sterben. Außerdem.. naja, aktueller Anlass und bla. Wir haben mal wieder ein totkrankes Schwein hier.
Warnung: death, traurig und so.
Eigentlich hatte Samuel damit gerechnet, dass Vivian ihn beschimpfen, schlagen und achtkantig rauswerfen würde. Eigentlich hätte sie mit ihren schwarzen Fingernägeln auf ihn losgehen müssen oder ihren Kant-Reader nach ihm werfen.
Irgendetwas in der Art.
Er hatte auf einen Widerstand gewartet, vielleicht auch nur einen Blick, den sie ihm quer durch das Herz bohren würde.
Aber nichts dergleichen geschah und das machte die Situation, in der er nun steckte, besonders komisch.
Vivians klugscheißender Bruder saß auf der himbeerfarbenen Couch und faltete ein Hustenbonbonpapierchen mittlerweile zum dreihundertsten Male. Mit System zwirbelte er, es raschelte leise und doch laut. Und wenn er losließ, troddelte sich das Papier wieder auf, damit er es in die andere Richtung zwirbeln konnte.
„Wusstet ihr, dass niederländische Forscher rausgefunden haben, dass Menschen ab dem Zeitpunkt ihres Todes unerklärlicherweise genau 69, 5 Gramm weniger wiegen?“, sagte er in die Halbstille hinein ohne aufzusehen.
Am Fenster stand Vivian und hielt ihr Meerschweinchen wie ein Baby im Arm.
Das Tier hatte weit aufgerissene Augen, aus denen der Glanz stumpf drang wie ein Gift in den Raum. Es nahm Samuel die Luft zum Atmen.
„Ich warte im Auto.“, hatte er zu Rufus an der Wohnungstür gesagt.
„Vivian wird mich wohl kaum dabei haben wollen.“
Doch sein Freund hatte seine Hand so festgehalten, als ginge es um Leben und Tod, schweigend und verzweifelt.
Dabei ging es nur um den Tod, denn der war sicher.
Die Sache war, dass Samuel Vivian im jetzigen Zustand überhaupt nicht kannte. Die große Philosophin vom Dienst, die ihn immer nur anzicken konnte, wirkte mit einem Mal klein, hilflos und völlig aufgelöst.
Der eigentliche Plan heute war gewesen, gemeinsam am See picknicken zu gehen. Und dann war Vivians Anruf da gewesen, fünfzig Meter vorm Einparken.
„Er stirbt!“, hatte sie durch das Telefon gesagt, welches so laut eingestellt war, dass selbst Samuel es hatte hören können.
„Was soll denn 69, 5 Gramm schwer sein?“, fragte Rufus eingeschüchtert. Er war ganz blass und wagte es nicht, zu Vivian und dem sterbenden Meerschwein herüberzusehen.
Josua schaute noch immer nicht auf, aber er raschelte auf eine nervtötende Art weiter mit dem Papier.
„Naja, man kann da so seine Überlegungen anstellen. Vielleicht die Seele?“
Rufus machte den Mund auf als wolle er etwas sagen, doch es kam nur Schweigen heraus.
„Da stellt sich natürlich die Frage, ob die Seele eines Tiers genauso schwer wäre wie die eines Menschen. Oder vielleicht schwerer. Vielleicht wiegt die Seele eines Elefanten das Zehnfache oder Hundertfache. Vielleicht wiegt so eine Meerschweinchenseele viel, viel weniger.“
Josuas Blick verfing sich im Nichts.
„Du kannst ihn ja wiegen, Klugscheißer.“, murmelte Samuel genervt und machte eine nickende Kopfbewegung in Richtung Vivian.
Und dann fing alles an, aufzuhören.
Das Tier wirkte mit einem Mal winzig und hässlich, der Kopf wurde schmal wie der einer Ratte und das Atmen wurde ein steifes Stocken.
Der Moment, in dem der restliche Glanz aus den dunklen Äuglein verschwand und das Leben wie ein lautloser Seufzer wich, erschien Samuel wie eine Ewigkeit.
Er hatte sich nie viel aus philosophischen Gedanken um Leben und Tod und Himmel und Hölle gemacht, aber nun saß er hier auf der roten Couch und musste daran denken, wie seltsam das Leben war, weil es für jedes Wesen irgendwann aufhören musste, weil es nur ein zeitlich begrenzter Zustand war und flüchtig wie eine Wolke am Himmel oder eine Welle auf dem Meer oder eine Scheiß-Blume auf einer Scheiß-Wiese, die irgendwann verblühte und verging.
Vivian weinte lautlos mit stockendem Atem, der an den des Meerschweins erinnerte und er jagte Samuel eine Gänsehaut über den Rücken.
Josua legte das Bonbonpapier zur Seite, stand auf und ging an seiner Schwester vorbei zum Fenster. Draußen sangen Vögel in die flirrende Sommerluft, alles wurde ein bisschen lauter, als er das Fenster öffnete.
„Sonst stößt sich das Seelchen am Glas, wenn es in den Himmel steigt.“, murmelte er und legte der schluchzenden Vivian einen Arm um den Oberkörper.
„Alles muss mal aufhören.“, hörte Samuel sich geistesabwesend flüstern.
„Macht doch nicht so´n Scheiß-Drama drum!“
Dann vergrub er sein Gesicht in Rufus´ Shirt und spürte das Zittern- Gott sei Dank ein lebendiges Zittern- im Leib seines Freundes.
Und auf dem Tisch raschelte das Bonbonpapier, welches sich Stück für Stück entwand.
no subject
Date: 2008-05-18 09:31 pm (UTC)Fühl dich in den Arm genommen.
no subject
Date: 2008-05-19 08:45 am (UTC)Danke, das ist Lieb von dir. =)