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[identity profile] erynwen.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Enterprise

Fandom: Tatort Saarbrücken

Charaktere: Leo Hölzer, Adam Schürk

Prompt: Ponyhof (fürs Team)

Anmerkung: Minor character death, mentions of past child abuse, alcohol, smoking.




Wind, der durch die Bäume rauscht. Regen, der auf Blätter fällt, auf feuchten Waldboden. Irgendwo ruft ein Vogel.

Das Zischen von Luft, als eine Bierflasche geöffnet wird, das Klappern von Metall, als der Kronkorken auf den Boden fällt.

Adam lässt den Kopf gegen die Wand hinter sich fallen, hört das dumpfe Geräusch, umfasst die Bierflasche und nimmt einen tiefen Schluck.

Es ist nicht sein erster Schluck heute, nicht sein erstes Bier, und er fragt sich wieder, ob er nicht was stärkeres hätte holen sollen, an der Tanke kurz vor der Abzweigung, da wo er so oft schon irgendwas gekauft hat, früher Gummibärchen und Bravos, dann irgendwann Kippen und Feuerzeugbenzin, und jetzt halt Alkohol. Massen und Massen an Alkohol, schießt es ihm durch den Kopf, und er muss ein bisschen in sich hineinkichern.

Das Klirren von Glas, als er das Bein ausstreckt, gegen die restlichen Bierflaschen tritt, die in ihrer Tüte auf ihr Schicksal warten.

Adam seufzt, nimmt noch einen Schluck und schließt die Augen.

Windrauschen, Regenrauschen, Gedankenrauschen.

Die Luft riecht nach feuchtem Waldboden, schon leicht herbstlich, modrig, verwest, alles stirbt.
Wie passend, denkt Adam, wie ausserordentlich passend.

Ein Rascheln, ein Stampfen, eindeutig Schritte über nasse, alte Blätter, und Adam zuckt zusammen, richtet sich auf, lauscht.

Er rechnet mit dem Förster, damit verjagt zu werden. Oder mit Wanderern, die ihn blöde fragen, was er hier macht und wo sie jetzt am besten weiter wandern.

Und ein Teil von ihm rechnet auch mit, nein fürchtet schon fast, jemand anderen, und der Teil ist gar nicht überrascht, als ein brauner Haarschopf durch die Bodenöffnung ragt, dicht gefolgt von einer gerunzelten Stirn und zusammengezogenen Augenbrauen über besorgten Augen.

“Hier bist du,” die Stimme von Leo, vorsichtig, besorgt, und doch leicht verärgert.
Adam verzieht das Gesicht. Ja, hier ist er.

“Ich hab dich schon überall gesucht,” fährt Leo fort, und beinahe antwortet Adam, dass er danach nicht gefragt hat, darum nicht gebeten hat, aber dann sieht er Leo richtig an.

Die Haare nass, Regentropfen, die sein Gesicht herunterlaufen. Der schwarze Anzug ebenfalls nass, das Hemd darunter schon fast transparent.
Wie lange war der Idiot denn bloß im Regen herumgerannt, fragt sich Adam, und deswegen sagt er nur ein wenig zerknirscht, “Sorry. Ich musste da weg.”

Adam zieht die Beine ein, setzt sich in den Schneidersitz, als Leo die letzten Zentimeter die Leiter hochklettert, sich ebenfall hinsetzt.

Seine Schuhe, seine schönen Anzugschuhe, Ausgehschuhe, die er bestimmt gestern noch gewissenhaft geputzt hat, sind voller Schlamm und kleinen Hölzchen und Blättern, und vermutlich hat Leo auch nasse Füße.

Und trotzdem setzt er sich Adam gegenüber, lächelt ein wenig gequält, “Ja, kann ich verstehen. War schon fast froh, als du verschwunden bist, weil ich dann auch gehen konnte.”

Ein Schnaufen aus Adams Nase, als Antwort auf Leos Aussage. Dann die Erinnerung an die Bierflasche in der Hand, und er deutet mit dem Kopf zur Plastiktüte, “Willst du auch eins?”
Leo zieht eine Augenbraue fragend hoch, “Was, so früh schon?”
Adam zuckt mit der Schulter, “Was, auf dem Leichenschmaus saufen sie jetzt doch auch.”

Leo zuckt zusammen, versucht es allerdings nicht zu zeigen, doch Adam sieht es trotzdem.
“Es tut mir leid,” murmelt er, und er ist vermutlich der einzige Mensch auf dieser Erde, dem Adam das abkauft, auch wenn er nicht versteht, warum Leo das jetzt sagt.

“Da bist du vermutlich so ziemlich der Einzige,” antwortet er auch nur und kassiert einen Blick von Leo, irgendwo zwischen Verständnis und Mitleid, und widersteht dem Drang, Leo vom Hochstand zu treten nur knapp.

“Deine Mutter vielleicht noch,” setzt Leo nach, und Adam lacht wieder schnaufend durch die Nase.
“Nee glaub mir, dass mein Vater tot ist, das tut ihr auch nicht leid. Wohl eher das Gegenteil.”

Da, jetzt hat er es laut gesagt.

Sein Vater ist tot. Tot und begraben, zumindest geht Adam davon aus, dass das Grab schon zugeschaufelt wurde, ist aber auch egal.

Weg, der Alte ist endlich und endgültig weg, und wo er gewesen ist, da ist jetzt diese Lücke, dieses Loch, von dem Adam nicht weiß, wie er es füllen soll.

“Weißte, ich hab immer gedacht, ich wäre erleichtert, wenn der Alte endlich hopps geht,” sagt Adam, und kann kaum selber glauben, dass er es laut sagt.
“Biste nicht,” fragt Leo.
“Ich hab keine Ahnung. Da ist nichts. Einfach ein großes, riesiges Nichts.” Adam zuckt mit den Schultern. “Vielleicht kommt das ja noch. Ich hab keine Ahnung.”

Adam nimmt wieder einen Schluck aus seiner Bierflasche, während er mit der anderen Hand in seiner Jackentasche nach seinen Zigaretten fischt, eine zwischen die Lippen steckt während er das Feuerzeug sucht.

Leo sieht ihn wieder fragend an, “Jetzt echt? Hier drin?”
“Was, das Ding ist viel zu feucht, als das ich es in Flammen aufgehen lassen könnte,” antwortet Adam.
“Na, auf deine Verantwortung.”

Adam zwinkert Leo verschwörerisch zu, dann steckt er sich die Zigarette an und nimmt einen tiefen Atemzug. Bläst den Rauch wieder zum Sichtschlitz hinaus, damit ihm Leo nicht auch noch deswegen einen Vortrag hält.

“Weißte noch, als wir hier oben mal den Playboy durchgeblättert haben,” fragt Adam plötzlich in die Stille hinein.
“Oh Gott, wie kommst du denn jetzt da drauf,” lacht Leo leise.

Adam zuckt wieder mit den Schultern, atmet wieder Rauch in die Welt hinaus. “Kam mir gerade wieder in den Sinn. Weil ich den damals mit nach Hause genommen habe, was auch immer ich mir dabei gedacht habe. Weil mein Vater den dann prompt gefunden hat, und mich zur Strafe drei Tage in den Keller gesperrt hat.”

Ein Zischen, als Leo die Luft scharf durch die Nase einzieht.

“Ich hab den Keller gehasst. Ich meine, besser als der Schrank, weil ich auch mal drei Schritte gehen konnte, aber dafür waren da unten mehr dunkle Ecken.” Ein Zug an der Zigarette. “Ich habs nie mit der Dunkelheit gehabt, und obwohl ich ihm das nie gesagt habe, muss mein Vater das irgendwie gewusst haben, hat mich ständig in die Dunkelheit gesperrt oder mir die Sicht genommen.”

Ein letzter Zug, dann hält Adam die KIppe in den Regen, sieht dabei zu, wie sie durchnässt, wie die Glut erlischt, und er drückt die Kippe in eine leere Bierflasche.

“‘Das Leben ist kein Ponyhof’. Das hat er immer gesagt, wenn ich mal wieder kein Essen bekommen habe, wenn er mich geschlagen hat.”
Adam sieht an sich hinab, findet einen Faden an seiner Jacke, spielt mit den Fingern daran herum.

“Ich hab das nie verstanden, was das eigentlich heißen soll, kein Ponyhof. Was ist an einem Ponyhof so toll? Kann mir auch was schöneres vorstellen, als ständig Scheiße zu schippen.”
“Muss irgendwas mit Pferdebüchern zu tun haben,” hört er Leo sagen, und Adam verzieht das Gesicht zu einem schiefen Grinsen.
“Ja, vielleicht. Trotzdem scheiß Vergleich.”

Ein Rascheln, als Leo das Gewicht verlagert, näher an ihn heranrückt. Wieder klirren die Bierflaschen, dieses Mal hat Leos Fuß sie erwischt.
Leo sitzt jetzt so nah, sie berühren sich fast. Ein bisschen die Schulter beim Einatmen, ein wenig die Knie beim Ausatmen, und dazwischen strahlt Leo diese Wärme aus, wie so eine Standheizung.

Schon immer, schon damals, war Adam irgendwie immer kalt, und Leo war immer warm, und vielleicht ist Adam deshalb zu Leo gravitiert, hat sich angezogen gefühlt, wollte ihm deswegen immer nah sein.

Adam beobachtet Leo aus dem Augenwinkel, wie er da sitzt und dem Regen lauscht, den Kopf gegen die Wand gelehnt, die Augen der Decke zugewandt.

Naja gut, vielleicht nicht nur deswegen, denkt Adam mit Blick auf Leos Profil, seine Wangenknochen, seine Nase, seinen Hals.

Ja gut, nicht nur deswegen.

Adam seufzt, schiebt diese Erkenntnis beiseite, das jetzt nicht auch noch. Er zieht das Bein an, legt das Handgelenk aufs Knie, lässt die Hand baumeln wie die Gedanken, die durch seinen Kopf gehen.

Und wenn er sich ein bisschen erschreckt, als Leos Hand auf seiner liegt, dann verbirgt er es hoffentlich besser als Leo sein Zusammenzucken vorhin. Schluckt hoffentlich nicht so laut wie es für ihn scheint, als Leo zudrückt, und ihre Finger miteinander verschränkt.

Ein zittriges Schnaufen, als Adam ausatmet, dann lässt er den Kopf zur Seite fallen, zielstrebig auf Leos Schulter.

Und dann weint er doch, obwohl er doch nicht weinen wollte, obwohl er gedacht hatte, dass er gar nicht weinen könnte, er weint und dreht den Kopf, weint auf Leos eh schon nassen Anzug.

Und Leo fasst seine Hand nur fester, legt seinen Kopf schief, Leos Kopf auf Adams Kopf auf Leos Schulter.

Wind, der durch die Bäume rauscht. Regen, der auf Blätter fällt, auf feuchten Waldboden. Irgendwo ruft ein Vogel.

Und Adam weint.

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