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Team: Enterprise
Challenge: Kink – …made them do it – fürs Team
Fandom: Major Grom: Der Pestdoktor (Sergey/Igor)
Titel: Newa gonna give you up
Inhalt: Nach dem Anschlag auf das Kasino fährt Sergey Igor nach Hause.
Anmerkung: Heftige Spoiler für Major Grom: Der Pestdoktor. Das Ganze spielt direkt, nachdem Igor Yulias Handy nach dem Angriff im Kasino zerbricht. Das „…“ aus dem Prompt sind… äh… Krisen philosophischer Natur. Und Angst. Passt scho.


Newa gonna give you up

Der Typ, der die Autos wegfährt, starrt ihn an und Igor findet nicht, dass er wesentlich schlechter aussieht, als vor ein paar Stunden. Zugegeben, sein Jackett ist weg, sein Hemd hat nicht mehr alle Knöpfe, vermutlich regnen ihm Glassplitter wie Schuppen auf die Schultern, und er blutet.

Okay, er sieht scheiße aus.

Aber er will seine Tüte wiederhaben und als nach weiteren zehn Sekunden immer noch nichts passiert, macht Igor einen Schritt nach vorn und plötzlich hüpft der Kerl davon wie ein Reh.

„Ihr… Hut wurde wie gewünscht nicht berührt“, sagt der Mann atemlos, als er Igor den Plastikbeutel gegen die Brust drückt. „Es ist alles da, wirklich!“

„Super“, sagt Igor, dreht sich um und stapft die Straße hinunter, vorbei an Sanitätern, Sportwagen und ihren aufgelösten Besitzern, und ungefähr der Hälfte aller Sankt Petersburger Polizisten und Spezialeinheiten. Ein paar versprengte Uniform-Kollegen werfen ihm verstohlene Blicke zu, doch Igor beachtet sie nicht weiter und sie halten ihn nicht auf.

Sie werden ihn rauswerfen, das weiß er. Es war ein Risiko, und diesmal hat er sich verschätzt und wenn er bloß seinen Job verlieren würde, wäre ja auch alles nicht so schlimm.

Aber er hat Lyoscha unter den Angreifern gesehen. Gott, er hätte besser auf den Jungen aufpassen müssen und warum konnte Dima nicht einfach einen Abend lang die Klappe halten, und warum hat Yulia ihn gefilmt und warum überhaupt läuft der verdammte Vogelmann Amok in seiner Stadt.

Die Uferpromenade neben ihm wird plötzlich weiter, die Newa glitzert schwarz mit goldenen Tupfern darauf. Igor bleibt stehen und denkt nach. Er könnte reinspringen. Er ist ein guter Schwimmer, es wäre überhaupt nicht schwer, bis nach Hause zu schwimmen. Zwei Probleme. Die Newa fließt nicht ansatzweise an seiner Gegend vorbei. Außerdem hat Igor keine Lust zu schwimmen, er hat nur Lust auf dunkles Wasser, das über seinem Kopf zusammenschlägt und ihn für einige Stunden davon befreit, über irgendetwas nachzudenken.

„Es wären deutlich mehr als ein paar Stunden“, flüstern die Wellen, die gegen die Spundwände klatschen. „Und das weißt du ganz genau, du Vollidiot.“

Gerade als Igor anfangen will, mit dem Wasser zu diskutieren hält ein Auto neben ihm. Ein schlankes, schwarzes Fahrzeug, er kennt es nicht, verspiegelte Scheiben, die langsam heruntergefahren werden.

„Major Grom?“ Sergey Razumovsky, bleich, rothaarig und fremd wie ein Alien, beugt sich über die Mittelkonsole und wird von blaulila Cockpitlichtern angestrahlt. „Kann ich Sie heimfahren?“


Ja, denkt Igor. Warum eigentlich nicht.

Igor sagt nichts dazu, dass Sergey vermutlich zu betrunken ist, um zu fahren, und Sergey sagt nichts, als die Straßen immer enger und schmutziger werden.

Yulias Stimme hallt in Igors Ohr, sie flüstert etwas von Waffen und dubiosen Geschäften und das auch rothaarige Philanthropen nur schwache Menschen sind und Sergey Razumovsky vermutlich nicht so harmlos ist, wie Igor ihn gerne hätte, damit wenigstens eine Sache mal einfach ist.

„Da wären wir“, murmelt Sergey ein paar Augenblicke später, als er im Innenhof parkt, um einen entspannten Ton bemüht, auch wenn sich seine Hände um das Lenkrad krallen.

Igor starrt auf das Gebäude, in dem er wohnt und er muss nicht mal bis zur höchsten Etage hinaufsehen, bevor ihm klar wird, dass er hier nicht bleiben kann. Auf Igors Couch sitzt nämlich Dimas Geist und schaut ihn anklagend an, prophezeit ihm, dass er irgendwann töten wird, dass er Igor für jemanden hält, dem das Leben anderer scheißegal ist.

Er kann da nicht hoch und er hat keine Zeit nachzudenken. Manchmal ist eh jede Idee, die man hat, eine dämliche Idee, deshalb dreht er nur sachte den Kopf.

„Kann ich mit zu dir?“

Es spricht für Sergey, dass er bloß traurig lächelt und den Rückwärtsgang einlegt.


„Du wohnst in deinem Büro?“, fragt Igor, als sie hoch oben im Vmeste-Gebäude aus dem Fahrstuhl steigen und sie von Statuen und Botticellis teilnahmsloser Venus empfangen werden.

Sergey antwortet nicht, lässt aber sein Jackett auf den Boden fallen, was die Frage ungefähr beantwortet. Es soll vermutlich beiläufig und lässig wirken, weil er ja so reicht ist, dass er es nicht nötig hat, auf seine Klamotten zu achten, schießt es Igor durch den Kopf, bevor er endlich die Augen aufmacht und sieht, wie Sergey schwankend auf die Couch zugeht und sich schwer fallen lässt. Er verzieht Mund und Stirn vor Schmerzen.

Er hat sich vor fünfzig Leute gestellt und damit ein Feuer auf sich gezogen, das ihn locker das Leben hätte kosten können. Igor setzt sich neben ihn und schluckt zum ersten Mal in seinem Leben einen abfälligen Kommentar runter.

Yulia und Dima verstehen sich mittlerweile prächtig in seinem Schädel, ein Wort gibt das andere, wundervoll, genau das richtige, und er wird gleich mitmachen, sie rausschmeißen und dann vielleicht sich selbst von diesem Turm.

„Mach doch“, necken ihn die Scheiben, doch bevor er ihnen die Meinung geigen kann, wacht Sergey neben ihm plötzlich aus seiner Starre auf.

„Entschuldige“, sagt er kopfschüttelnd. „Willst du was trinken?“

Er steht auf, bevor Igor etwas antworten kann und stolpert zu den riesigen Automaten hinüber. Er tippt eine Nummer, dann noch eine, und noch eine und es scheint ihn Mühe zu kosten, nur die Finger zu heben, doch als er seine Schätze schließlich entgegen nimmt, löst sich die Spannung aus seinen Schultern. Selbst seine Haare fallen wieder sanfter um sein Gesicht.

Was ihm seine Tüte, ist Sergey anscheinend seine giftig-süße Limo und Senfchips.

Igor bekommt ein Wasser und einen Saft in die Hand gedrückt, Chips und Schokolade laden auf den Polstern zwischen ihnen. Sergey tritt sich die Schuhe von den Füßen, knöpft sein Hemd auf, und zutscht dann einen Kinderkirschsaft leer, wie manche sich Heroin spritzen würden.

Igor sollte irgendwo anders hingucken, aber er kann nicht und erneut kehrt Stille ein, bis Sergey fertig ist. Dann wirft er das Trinkpäckchen auf den Couchtisch.

„Was passiert jetzt mit ihnen?“, will er wissen.

„Hm?“

„Mit… den Leuten aus dem Casino.“

Igor lässt den Kopf nach hinten fallen und denkt nacht.

„Heute Nacht müssen sie auf die Wache“, erklärt er. Er überlegt, dass die Kollegen mit Sicherheit Überstunden machen müssen, um Personalien aufzunehmen, und wie oft heute Vornamen „Leck mich“ und Nachnamen „am Arsch, du Faschistenschwein“ lauten werden.

Gott, hoffentlich hat Lyoscha wegrennen können.

„Anklage. Für die allermeisten. Bei den Minderjährigen werden die Eltern kontaktiert und wenn sie keine haben, das Jugendamt. Dann kommen die Zeugenaussagen, Haftrichter, und all das Zeug. Je nachdem was man ihnen nachweisen kann, landen sie im Gefängnis und die Kaution wird sich keiner leisten können.“ Er atmet tief ein, wirft einen zögerlichen Blick auf Sergey. „Du könntest auch eine Aussage machen.“

„Nein“, sagt Sergey sofort.

„Der Typ, der dich von der Treppe getreten hat…“, erinnert ihn Igor, aber Sergey winkt ab.

„Schon gut. War meine Schuld.“

„Was?“

Sergey lächelt, streicht sich die Haare zurück. Es sollte affektiert wirken, Igor kennt keinen einzigen Mann mit solch langen Haaren, aber alles, was er spürt, ist das Verlangen, selbst in Sergeys Haar zu fassen. Scheiße, was ist in diesem Saft, fragt er sich, bis ihm auffällt, dass die Flasche noch zu ist.

„Ich meine“, sagt Sergey gedehnt, „dass es nicht sehr clever von mir war, ihnen Geld anzubieten.“

„Hm“, macht Igor. Kann man so oder so sehen, und der Kasper auf der Treppe hatte wohl nichts übrig für Nuancen.

„Ist es schlimm, dass ich sie verstehen kann?“, fragt Sergey da leise. Igor wendet den Kopf und zuckt zusammen, als er merkt, wie nah Sergey ihm plötzlich ist. Er hat die Beine auf die Couch gezogen, und stützt den Kopf in seine Handfläche.

Igor kannte ein paar der Typen, die ihm die Fresse poliert haben, und das sind keine armen Schlucker, denen das Leben übel mitgespielt hat. Es sind Arschlöcher, die Kioske überfallen oder Omas an der Haustür verarschen und denen man ins Kreuz treten will, weil sie unbelehrbar sind.

Aber viele kennt er eben nicht, und Lyoscha wird nicht der einzige gewesen sein, der wegen etwas, was in seiner Wut und Verzweiflung vielleicht wie Gerechtigkeit aussah, nach einer Brechstange gegriffen hat.

„Nein“, seufzt Igor schließlich. „Verstehen kann man das wohl.“

Sergey atmet aus, als käme er aus der Tiefsee wieder an die Wasseroberfläche.

„Aber“, sagt Igor, und Sergey zuckt zusammen. „es ist trotzdem keine Art, Leute anzuzünden oder Kinder auf Mülldeponien in die Luft zu jagen.“

Er ist lauter geworden, als würde er mit dem Pestdoktor persönlich diskutieren und Sergey verbirgt seinen Mund hinter seinem Unterarm. Igor sollte dringend schlafen und nicht irgendwelchen philosophischen Scheißdreck diskutieren. Er steht auf extrem dünnem Eis, und Dima, der ihm einen Mord zutraut, drischt mit der Spitzhacke auch noch darauf ein.

„Es ist eine Revolution.“

Sergey will offensichtlich noch nicht schlafen gehen. „Sie… es gibt keine Revolutionen ohne Opfer.“

Igor knurrt und Sergey hebt sofort beschwichtigend die Hände. „Ich meine…“

„Ich weiß, was du meinst“, unterbricht ihn Igor und schlägt die Hände vors Gesicht. „Ich hasse nur, dass ich es weiß.“

Das entlockt Sergey ein halbherziges Lächeln. „Die Zeit für einfache Antworten ist vorbei“, sagt er, was nicht stimmt, diese Zeit gab es nämlich noch nie für Igor, und das neueste Beispiel sitzt neben ihm.

Bevor er etwas erwidern kann, ist Sergey aufgestanden.

Er wirft Igor einen letzten, unsicheren Blick zu, dann knöpft er langsam sein Hemd ganz auf und lässt es sanft von seinen Schultern gleiten.



Sie landen also im Bett, es ist okay, denkt Igor, sie sind beide am Ende und zumindest Sergey hat vor irgendetwas panische Angst, da macht man schon mal verrückte Dinge, wie mit einem Polizisten zu schlafen.

„Ist okay“, murmelt Sergey, als Igor sich über ihm abstützt und etwas in seinem Gesicht sucht. Absolution vielleicht?, flüstert Dima und Igor würde sich gern selbst eine runterhauen, doch eine Hand streckt sich nach ihm aus, streicht ihm durchs Haar und dann legt Sergey seine nackten Beine über Igors Schultern und nickt ihm zu.

Sergey macht zwischendrin die Augen zu, und er seufzt einen Namen, der definitiv nicht nach Igors klingt, aber auch das ist okay. Igor muss ihn festhalten, da Sergey fast um sich schlägt, als er ihn zum Kommen bringt, und das ist mehr als okay, was Igor von sich selbst niemals wissen wollte.

Sergey ist geschickt darin, sich um Igor zu kümmern, leise zwar aber überraschend forsch, und Igor beißt in ein Satinkissen, um nicht zu brüllen.

Es löst nichts. Es bringt sie beide nicht weiter, es ändert nichts an der Pest, nichts an den Geistern, die in Igors Wohnung spuken, nichts an dem Abgrund, in den Sergey starrt, sein Lebenswerk zu Tode getrampelt von einem wütenden Mob, aufgeputscht von Vogelmasken und struktureller Missstände.

Aber sie schlafen beide ein, schlafen bis zum nächsten Morgen durch.

Bloß Igor schleicht sich weg, bevor Sergey schlaftrunken nach ihm greifen kann.

Date: 2021-08-01 05:16 pm (UTC)
From: [identity profile] failte-aoife.livejournal.com
Hach.

„Nein“, seufzt Igor schließlich. „Verstehen kann man das wohl.“

Sergey atmet aus, als käme er aus der Tiefsee wieder an die Wasseroberfläche.


Hach

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