Team: Enterprise
Challenge: Charakterschwächen – Gleichgültigkeit – fürs Team
Fandom: Tatort Saarbrücken
Titel: Hundeelend
Inhalt: Leo muss zum Schießtest und Adam versucht, zu helfen.
Anmerkung: Spielt direkt nach „Das fleißige Lieschen“, also Spoiler für diese Folge!
Hundeelend
„Ich werd den Scheißhund nicht los.“
Adam atmet Rauch aus, in der leisen Hoffnung, die Wörter dahinter zu verstecken. Leo neben ihm rührt sich nicht. Vielleicht hat er es nicht gehört, aber Adam kann die Klappe nicht halten, Rauchschleusen offen und alles.
„Die blöden Firmenscheißer, die sich gegenseitig abstechen sind mir total egal, aber der kleine Köter… man ey.“ Er weiß selbst nicht, wo er mit dieser Tirade hinwill. Das arme Tier, gestresst, misshandelt, über eine Brücke geschmissen wie ‘ne Kippe, nur um dann von einem Sadistenfatzke zertreten zu werden. Das kann‘s doch echt nicht sein.
Er mag Hunde nicht mal besonders. Aber der kleine Fellball, winzig, starr und kaputt auf seiner Schnuffeldecke bringt ihn fast zum Heulen, jedes Mal, wenn er dran denkt, und vorhin beim Berichttippen sind die Zeilen vor seinen Augen verschwommen, ineinandergeflossen und nichts ergab mehr Sinn. Da hat Adam es nicht mehr ausgehalten und das Weite gesucht. Das Weite ist die Terrasse des Präsidiums und Adam wollte nur rauchen, den Tag hinter sich bringen und dann ins Hotel zurückfahren.
Aber Leo hat nach ihm gesucht, oder ist zumindest zufällig ebenfalls hier rauf gestiegen, hat Adam angeschaut, und sehr langsam und stockend die Glastür hinter sich geschlossen. Vielleicht wollte er auch alleine sein, aber Adam saß schon hier, und weil Leo ein höflicher Kerl ist, hat er ihm nicht gesagt, dass er sich verpissen soll, obwohl er seit vier Tagen jedes Recht dazu hätte.
Adam schnaubt ein wenig, als er sich das vorstellt. Leo, der ihn umarmt, im Auto auf der Landstraße, kaum sieben Stunden nach der Ankunft in Saarbrücken, und der auf Adams atemloses „Ich hab dich vermisst“ nur höflich nickt und sagt „Okay, und jetzt verpiss dich.“
„Es waren nicht die Firmenscheißer.“
Adam zuckt zusammen und verbirgt sich in seiner Jacke. Der Leo in seinem Kopf und der Leo neben ihm verschmelzen wieder, reißen ihn zurück in die Gegenwart, die ihm nicht gefällt.
„Was?“
„Von den Firmentypen hat sich keiner abgestochen oder über den Haufen geschossen“, fährt Leo fort. Sein Gesicht wirkt schmaler, aber vielleicht bildet sich Adam das auch nur ein, weil es ihm selbst so elend geht. „Lida Thalmann hat ihn umgebracht.“
Adam schnaubt abfällig, doch für einen kurzen Moment schießt ihm heißes Blut in die Wangen. Er hat‘s vergessen, verdrängt, oder wie auch immer man das nennen will. Lida muss vor Gericht, Lida hat gestanden, Lida hat einen Menschen umgebracht. Wie bescheuert. Er weiß das doch, er hat den Bericht doch selbst geschrieben. Aber irgendwie gibt es Mord und es gibt...
„Totschlag.“ Er streckt die Beine aus. „Das war bloß Totschlag. Das ist was anderes.“
Ein Gehstock ist schließlich keine Pistole. Genauso wie ein Spaten keine Pistole ist und ein Kanister Benzin auch keine Pistole ist.
Leo sagt nichts, zumindest nichts, was Adam hören kann und er fragt nicht nach, was das Zischeln bedeuten sollte.
Es ist kein guter Tag heute.
Sein Vater ist aufgewacht. Schwach, verwittert, aber nicht tot, und Adam zieht die Nase hoch. Der Hund ist nicht das einzige, was ihn zum Heulen bringt, wem macht er hier eigentlich was vor. Er wischt sich durchs Gesicht, schaut angestrengt an Leo vorbei. Er hat ihn ganze vier Tage für sich haben dürfen, nach fünfzehn Jahren. Vier Tage, in denen Leo ihn angefaucht, ängstlich angestarrt und einmal angelächelt hat.
Es ist ok, denkt Adam. Selbst wenn es das nicht wäre, was soll er machen? Jetzt, wo sein Vater aufgewacht ist, muss er sich von Leo fernhalten, damit er ihn nicht mit in die Tiefe zieht, und alles, was Adam sich eventuell ganz heimlich vorgestellt hat, kann er knicken.
Er braucht sich keine Wohnung suchen, ist ihm vorhin eingefallen, in aller Banalität, die solche Katastrophen mit sich bringen. Er kann nicht hier bleiben, kann Leo keine Zielscheibe auf den Rücken malen und so schlimm ist das Hotel nicht. Teuer, ja, das schon, aber vermutlich nicht teurer als Saarbrücker Mieten. Ist ja nur auf Zeit.
Er hat‘s nicht anders verdient. Er hätte nicht kommen dürfen. Fünfzehn Jahre sind einfach nicht genug Buße, für das, was er getan hat.
Er fängt an zu zittern und der Hund winselt jämmerlich in seinem Kopfkino.
Plötzlich kommt Bewegung in Leo neben ihm und für einen schrecklichen Moment denkt Adam, dass er es weiß, dass er rausgefunden hat, wie es um seinen Vater steht, dass er ihn anbrüllen wird, weil das alles Adams Schuld ist.
Aber Leo streckt nur unbeholfen die Hand aus und zeigt Adam ein Papier.
„Ich muss zum Schießtest“, flüstert er.
Der Wind nimmt zu, das Blatt reißt an Leos Fingern und der bleigraue Himmel rückt näher an sie heran.
Adam schaut Leo ins Gesicht. Das Hagere, Gehetzte, das Schwarzblau der Schlaflosigkeit auf seiner Haut bildet er sich nicht ein. Vier Tage, schießt es Adam durch den Kopf, er hat nur vier Tage gebraucht, um Leo so zuzurichten.
Kann er nicht mehr ändern, denkt er, schiebt die Sorge und die Angst und die Scham weit von sich. Bringt nichts, braucht er jetzt nicht dran denken, und morgen lohnt es nicht mehr, weg damit.
Der Zettel hingegen, der ist frisch und ein akutes Problem.
Das kann er.
„Ich weiß nicht, was das bringen soll.“
„Das ist ganz easy. Du schießt, du beweist den Wichsern, dass du es kannst, und Ende der Geschichte.“
Leo lässt den Arm sinken, streift die Ohrschützer ab und dreht sich um, um Adam einen skeptischen Blick zuzuwerfen.
Adam rollt als Antwort nur mit den Augen und schmeißt das Kaugummipapier auf den Boden, mit dem er rumgespielt hat.
Außer ihnen ist niemand am Schießstand, was vermutlich ganz logisch ist, schließlich ist Freitagnachmittag um vier und der Typ am Eingang hat sie verflucht, als er ihnen die Anmeldepapiere hinschob. Adam hat ihm ein Küsschen durch die Plexiglasscheibe zugeworfen und dann Leo hinter sich her zur allerletzten Bahn geschleift.
Irgendwer von diesen Sesselfurzern will Leo ans Leder, soviel ist klar. Adam hat nur halb zugehört, als sein neuer Vorgesetzter ihn über die internen Ermittlungen in Bezug auf Leo aufgeklärt hat und ihm war selten etwas so egal wie das. Leo hingegen nimmt sich diese Scheiße viel zu sehr zu Herzen. Als ob er das nötig hätte, als ob es irgendeinen Zweifel daran gäbe, dass Leo ein fantastischer Kommissar ist, der außer Kommafehlern in Berichten nichts falsch macht.
Adam schert die Vorgeschichte nicht, die können ihm erzählen, was sie wollen. Er hört nicht zu, wenn es ihm nicht passt, das Einzige, was zählt, ist, dass er Leo kennt.
„Ich seh‘ dich nicht schießen“, sagt er schließlich und streckt den Arm aus, um Leo das Poster am Ende der Bahn zu zeigen. „Da drüben drauf, übrigens. Falls du ‘ne Anleitung brauchst.“
„Alter…“ Leo runzelt die Stirn und ah, da ist sie, die Hölzer-Bockigkeit. „Nochmal: Was soll das bringen?“
„Wär vielleicht ganz gut beim Schießtest auch zu schießen, hm?“
„Ich kann auf Pappe schießen!“ Leo faucht und knallt die Pistole etwas unsanfter als nötig auf den Sims. „Darum geht’s überhaupt nicht!“
„Dann ist doch alles klar?“ Adam geht auf ihn zu, bis sie beide in dem engen Zwischenraum zwischen den Sicht- und Lärmschutzwänden stehen. Leo atmet schwer und unregelmäßig, huscht mit den Augen über Adams Gesicht, seine Schultern und schlägt schließlich die Hände gegen die Schläfen.
„Gar nichts ist klar“, murmelt er.
Vermutlich sollte Adam etwas Versöhnliches sagen, etwas Aufmunterndes voller Zuversicht und vielleicht noch mit einem Augenzwinkern garniert, das an ihre gemeinsame Vergangenheit, ihre innige Verschwiegenheit erinnert.
Stattdessen greift er nach der Pistole und schießt zweimal auf die Pappe, komplett gegen die Vorschriften und wahrscheinlich sogar komplett daneben. Adam kann sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal geschossen hat und ihm klingeln die Ohren, selbst sein Arm zittert durch den Rückstoß, doch er achtet nicht darauf. Er sichert die Waffe und hält sie Leo hin, der ihn völlig entgeistert anstarrt.
„Ist ganz einfach“, erklärt er mit einem zuckersüßen Lächeln Er muss aussehen wie ein Verrückter. „Du ziehst hier dran und dann macht‘s peng.“
Der Schlafmangel, der Hund, sein gottverdammter Vater laufen in seinem Hirn Amok, die Waffe liegt warm und schwer in seiner Hand und er kapiert nicht, was daran so schrecklich ist.
„Du kapierst nicht, worum es hier geht, oder.“ Leo blinzelt, als hingen Bleigewichte an seinen Lidern und in seine Augen schleicht sich ein Ausdruck von… Adam schaut genauer hin, und erkennt es, ja, Leo hat aufgegeben. Resigniert. Eingesehen, was andere Leute schon länger wusste, nämlich, dass man von Adam Schürk nichts erwarten braucht.
Einen schrecklichen Moment lang tut es weh. Dann schiebt er es weg.
„Nein, Leo, kapier ich nicht“, sagt Adam. Er wird das nicht ausdiskutieren, er will es nicht hören. Leo muss schießen. Das ist alles. Am liebsten würde er ihn am Arm packen, und seine Hand führen, aber Adam ist zu langsam, Leo hat schon Luft geholt und läuft mit einem Mal über von Worten.
„Ich hab einen Kollegen in Gefahr gebracht, Adam, ich konnte nicht schießen, ich war wie betäubt! Wenn der nochmal geschossen hätte, wär mein Kollege gestorben, ich hätte jemanden umgebracht!“
„Nicht du, sondern der Verdächtige!“, faucht Adam dazwischen, aber Leo schlägt mit der Faust gegen die Trennwand.
„Ich, Adam! Hör auf, Dinge anzunehmen, von denen du keine Ahnung hast! Du warst nicht da! Du weißt nicht, wie es war, du kennst mich überhaupt nicht mehr!“
In ihrem Trennwand-Viereck ist kein Platz für ein Echo aber Leos Worte hallen nach, in Adams Stirn, seiner Brust, in seinem Herzen. Leo richtet sich auf, als hätten sie sich verprügelt. Er presst den Mund zusammen, schluckt wahrscheinlich Wörter, Vorwürfe und Wunden hinunter, die er sowieso niemals rauslassen wollte.
Adam hat keinen Platz mehr zum Runterschlucken, das dunkle, schleimige Wasser steht ihm bis zum Hals. Noch eine Sache mehr und er ertrinkt.
Er packt Leos Hand, gegen seinen erschrockenen, instinktiven, faustballenden Widerstand, zerrt seine Finger auseinander, und drückt ihm die Waffe gegen die Handfläche.
„Mach“, keift er. „Mach einfach.“
Dann dreht er sich um, ignoriert Leos Blick, seinen verblüfften Mund, er dreht sich einfach um und geht.
Als er an der Sicherheitstür ankommt, knallen hinter ihm drei Schüsse durch die Luft.
Challenge: Charakterschwächen – Gleichgültigkeit – fürs Team
Fandom: Tatort Saarbrücken
Titel: Hundeelend
Inhalt: Leo muss zum Schießtest und Adam versucht, zu helfen.
Anmerkung: Spielt direkt nach „Das fleißige Lieschen“, also Spoiler für diese Folge!
Hundeelend
„Ich werd den Scheißhund nicht los.“
Adam atmet Rauch aus, in der leisen Hoffnung, die Wörter dahinter zu verstecken. Leo neben ihm rührt sich nicht. Vielleicht hat er es nicht gehört, aber Adam kann die Klappe nicht halten, Rauchschleusen offen und alles.
„Die blöden Firmenscheißer, die sich gegenseitig abstechen sind mir total egal, aber der kleine Köter… man ey.“ Er weiß selbst nicht, wo er mit dieser Tirade hinwill. Das arme Tier, gestresst, misshandelt, über eine Brücke geschmissen wie ‘ne Kippe, nur um dann von einem Sadistenfatzke zertreten zu werden. Das kann‘s doch echt nicht sein.
Er mag Hunde nicht mal besonders. Aber der kleine Fellball, winzig, starr und kaputt auf seiner Schnuffeldecke bringt ihn fast zum Heulen, jedes Mal, wenn er dran denkt, und vorhin beim Berichttippen sind die Zeilen vor seinen Augen verschwommen, ineinandergeflossen und nichts ergab mehr Sinn. Da hat Adam es nicht mehr ausgehalten und das Weite gesucht. Das Weite ist die Terrasse des Präsidiums und Adam wollte nur rauchen, den Tag hinter sich bringen und dann ins Hotel zurückfahren.
Aber Leo hat nach ihm gesucht, oder ist zumindest zufällig ebenfalls hier rauf gestiegen, hat Adam angeschaut, und sehr langsam und stockend die Glastür hinter sich geschlossen. Vielleicht wollte er auch alleine sein, aber Adam saß schon hier, und weil Leo ein höflicher Kerl ist, hat er ihm nicht gesagt, dass er sich verpissen soll, obwohl er seit vier Tagen jedes Recht dazu hätte.
Adam schnaubt ein wenig, als er sich das vorstellt. Leo, der ihn umarmt, im Auto auf der Landstraße, kaum sieben Stunden nach der Ankunft in Saarbrücken, und der auf Adams atemloses „Ich hab dich vermisst“ nur höflich nickt und sagt „Okay, und jetzt verpiss dich.“
„Es waren nicht die Firmenscheißer.“
Adam zuckt zusammen und verbirgt sich in seiner Jacke. Der Leo in seinem Kopf und der Leo neben ihm verschmelzen wieder, reißen ihn zurück in die Gegenwart, die ihm nicht gefällt.
„Was?“
„Von den Firmentypen hat sich keiner abgestochen oder über den Haufen geschossen“, fährt Leo fort. Sein Gesicht wirkt schmaler, aber vielleicht bildet sich Adam das auch nur ein, weil es ihm selbst so elend geht. „Lida Thalmann hat ihn umgebracht.“
Adam schnaubt abfällig, doch für einen kurzen Moment schießt ihm heißes Blut in die Wangen. Er hat‘s vergessen, verdrängt, oder wie auch immer man das nennen will. Lida muss vor Gericht, Lida hat gestanden, Lida hat einen Menschen umgebracht. Wie bescheuert. Er weiß das doch, er hat den Bericht doch selbst geschrieben. Aber irgendwie gibt es Mord und es gibt...
„Totschlag.“ Er streckt die Beine aus. „Das war bloß Totschlag. Das ist was anderes.“
Ein Gehstock ist schließlich keine Pistole. Genauso wie ein Spaten keine Pistole ist und ein Kanister Benzin auch keine Pistole ist.
Leo sagt nichts, zumindest nichts, was Adam hören kann und er fragt nicht nach, was das Zischeln bedeuten sollte.
Es ist kein guter Tag heute.
Sein Vater ist aufgewacht. Schwach, verwittert, aber nicht tot, und Adam zieht die Nase hoch. Der Hund ist nicht das einzige, was ihn zum Heulen bringt, wem macht er hier eigentlich was vor. Er wischt sich durchs Gesicht, schaut angestrengt an Leo vorbei. Er hat ihn ganze vier Tage für sich haben dürfen, nach fünfzehn Jahren. Vier Tage, in denen Leo ihn angefaucht, ängstlich angestarrt und einmal angelächelt hat.
Es ist ok, denkt Adam. Selbst wenn es das nicht wäre, was soll er machen? Jetzt, wo sein Vater aufgewacht ist, muss er sich von Leo fernhalten, damit er ihn nicht mit in die Tiefe zieht, und alles, was Adam sich eventuell ganz heimlich vorgestellt hat, kann er knicken.
Er braucht sich keine Wohnung suchen, ist ihm vorhin eingefallen, in aller Banalität, die solche Katastrophen mit sich bringen. Er kann nicht hier bleiben, kann Leo keine Zielscheibe auf den Rücken malen und so schlimm ist das Hotel nicht. Teuer, ja, das schon, aber vermutlich nicht teurer als Saarbrücker Mieten. Ist ja nur auf Zeit.
Er hat‘s nicht anders verdient. Er hätte nicht kommen dürfen. Fünfzehn Jahre sind einfach nicht genug Buße, für das, was er getan hat.
Er fängt an zu zittern und der Hund winselt jämmerlich in seinem Kopfkino.
Plötzlich kommt Bewegung in Leo neben ihm und für einen schrecklichen Moment denkt Adam, dass er es weiß, dass er rausgefunden hat, wie es um seinen Vater steht, dass er ihn anbrüllen wird, weil das alles Adams Schuld ist.
Aber Leo streckt nur unbeholfen die Hand aus und zeigt Adam ein Papier.
„Ich muss zum Schießtest“, flüstert er.
Der Wind nimmt zu, das Blatt reißt an Leos Fingern und der bleigraue Himmel rückt näher an sie heran.
Adam schaut Leo ins Gesicht. Das Hagere, Gehetzte, das Schwarzblau der Schlaflosigkeit auf seiner Haut bildet er sich nicht ein. Vier Tage, schießt es Adam durch den Kopf, er hat nur vier Tage gebraucht, um Leo so zuzurichten.
Kann er nicht mehr ändern, denkt er, schiebt die Sorge und die Angst und die Scham weit von sich. Bringt nichts, braucht er jetzt nicht dran denken, und morgen lohnt es nicht mehr, weg damit.
Der Zettel hingegen, der ist frisch und ein akutes Problem.
Das kann er.
„Ich weiß nicht, was das bringen soll.“
„Das ist ganz easy. Du schießt, du beweist den Wichsern, dass du es kannst, und Ende der Geschichte.“
Leo lässt den Arm sinken, streift die Ohrschützer ab und dreht sich um, um Adam einen skeptischen Blick zuzuwerfen.
Adam rollt als Antwort nur mit den Augen und schmeißt das Kaugummipapier auf den Boden, mit dem er rumgespielt hat.
Außer ihnen ist niemand am Schießstand, was vermutlich ganz logisch ist, schließlich ist Freitagnachmittag um vier und der Typ am Eingang hat sie verflucht, als er ihnen die Anmeldepapiere hinschob. Adam hat ihm ein Küsschen durch die Plexiglasscheibe zugeworfen und dann Leo hinter sich her zur allerletzten Bahn geschleift.
Irgendwer von diesen Sesselfurzern will Leo ans Leder, soviel ist klar. Adam hat nur halb zugehört, als sein neuer Vorgesetzter ihn über die internen Ermittlungen in Bezug auf Leo aufgeklärt hat und ihm war selten etwas so egal wie das. Leo hingegen nimmt sich diese Scheiße viel zu sehr zu Herzen. Als ob er das nötig hätte, als ob es irgendeinen Zweifel daran gäbe, dass Leo ein fantastischer Kommissar ist, der außer Kommafehlern in Berichten nichts falsch macht.
Adam schert die Vorgeschichte nicht, die können ihm erzählen, was sie wollen. Er hört nicht zu, wenn es ihm nicht passt, das Einzige, was zählt, ist, dass er Leo kennt.
„Ich seh‘ dich nicht schießen“, sagt er schließlich und streckt den Arm aus, um Leo das Poster am Ende der Bahn zu zeigen. „Da drüben drauf, übrigens. Falls du ‘ne Anleitung brauchst.“
„Alter…“ Leo runzelt die Stirn und ah, da ist sie, die Hölzer-Bockigkeit. „Nochmal: Was soll das bringen?“
„Wär vielleicht ganz gut beim Schießtest auch zu schießen, hm?“
„Ich kann auf Pappe schießen!“ Leo faucht und knallt die Pistole etwas unsanfter als nötig auf den Sims. „Darum geht’s überhaupt nicht!“
„Dann ist doch alles klar?“ Adam geht auf ihn zu, bis sie beide in dem engen Zwischenraum zwischen den Sicht- und Lärmschutzwänden stehen. Leo atmet schwer und unregelmäßig, huscht mit den Augen über Adams Gesicht, seine Schultern und schlägt schließlich die Hände gegen die Schläfen.
„Gar nichts ist klar“, murmelt er.
Vermutlich sollte Adam etwas Versöhnliches sagen, etwas Aufmunterndes voller Zuversicht und vielleicht noch mit einem Augenzwinkern garniert, das an ihre gemeinsame Vergangenheit, ihre innige Verschwiegenheit erinnert.
Stattdessen greift er nach der Pistole und schießt zweimal auf die Pappe, komplett gegen die Vorschriften und wahrscheinlich sogar komplett daneben. Adam kann sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal geschossen hat und ihm klingeln die Ohren, selbst sein Arm zittert durch den Rückstoß, doch er achtet nicht darauf. Er sichert die Waffe und hält sie Leo hin, der ihn völlig entgeistert anstarrt.
„Ist ganz einfach“, erklärt er mit einem zuckersüßen Lächeln Er muss aussehen wie ein Verrückter. „Du ziehst hier dran und dann macht‘s peng.“
Der Schlafmangel, der Hund, sein gottverdammter Vater laufen in seinem Hirn Amok, die Waffe liegt warm und schwer in seiner Hand und er kapiert nicht, was daran so schrecklich ist.
„Du kapierst nicht, worum es hier geht, oder.“ Leo blinzelt, als hingen Bleigewichte an seinen Lidern und in seine Augen schleicht sich ein Ausdruck von… Adam schaut genauer hin, und erkennt es, ja, Leo hat aufgegeben. Resigniert. Eingesehen, was andere Leute schon länger wusste, nämlich, dass man von Adam Schürk nichts erwarten braucht.
Einen schrecklichen Moment lang tut es weh. Dann schiebt er es weg.
„Nein, Leo, kapier ich nicht“, sagt Adam. Er wird das nicht ausdiskutieren, er will es nicht hören. Leo muss schießen. Das ist alles. Am liebsten würde er ihn am Arm packen, und seine Hand führen, aber Adam ist zu langsam, Leo hat schon Luft geholt und läuft mit einem Mal über von Worten.
„Ich hab einen Kollegen in Gefahr gebracht, Adam, ich konnte nicht schießen, ich war wie betäubt! Wenn der nochmal geschossen hätte, wär mein Kollege gestorben, ich hätte jemanden umgebracht!“
„Nicht du, sondern der Verdächtige!“, faucht Adam dazwischen, aber Leo schlägt mit der Faust gegen die Trennwand.
„Ich, Adam! Hör auf, Dinge anzunehmen, von denen du keine Ahnung hast! Du warst nicht da! Du weißt nicht, wie es war, du kennst mich überhaupt nicht mehr!“
In ihrem Trennwand-Viereck ist kein Platz für ein Echo aber Leos Worte hallen nach, in Adams Stirn, seiner Brust, in seinem Herzen. Leo richtet sich auf, als hätten sie sich verprügelt. Er presst den Mund zusammen, schluckt wahrscheinlich Wörter, Vorwürfe und Wunden hinunter, die er sowieso niemals rauslassen wollte.
Adam hat keinen Platz mehr zum Runterschlucken, das dunkle, schleimige Wasser steht ihm bis zum Hals. Noch eine Sache mehr und er ertrinkt.
Er packt Leos Hand, gegen seinen erschrockenen, instinktiven, faustballenden Widerstand, zerrt seine Finger auseinander, und drückt ihm die Waffe gegen die Handfläche.
„Mach“, keift er. „Mach einfach.“
Dann dreht er sich um, ignoriert Leos Blick, seinen verblüfften Mund, er dreht sich einfach um und geht.
Als er an der Sicherheitstür ankommt, knallen hinter ihm drei Schüsse durch die Luft.
no subject
Date: 2021-07-19 05:38 pm (UTC)Rauchschleusen offen und alles
KIWI not to be predictable and also schmoopy on main aber mein GOTT habe ich deine Wörter vermisst ich kann es dir nicht sagen wie sehr
Ein Gehstock ist schließlich keine Pistole. Genauso wie ein Spaten keine Pistole ist und ein Kanister Benzin auch keine Pistole ist.
HAHHHHHHHHHHHHHH f u c k
Er hat ihn ganze vier Tage für sich haben dürfen, nach fünfzehn Jahren.
Es ist ein Stich ins Herz, hörst du, ein Stich. Ins Herz.
alles, was Adam sich eventuell ganz heimlich vorgestellt hat, kann er knicken.
Mach ihn und Leo und uns ruhig unglücklich WHY DON'T YOU ♥
der bleigraue Himmel rückt näher an sie heran.
♥
Vier Tage, schießt es Adam durch den Kopf, er hat nur vier Tage gebraucht, um Leo so zuzurichten.
Leo hat nur vier Tage gebraucht, um sich selbst so zuzurichten, plus/minus 15 Jahre
Adam hat ihm ein Küsschen durch die Plexiglasscheibe zugeworfen
Ach der Charmer/F*cker :) ♥
Leo atmet schwer und unregelmäßig, huscht mit den Augen über Adams Gesicht
Actual live footage wie Leo sich selbst zurichtet, Adam, are you watching
Er muss aussehen wie ein Verrückter. „Du ziehst hier dran und dann macht‘s peng.“
die unhinged energy, Kiwi, ich spüre sie schon
Einen schrecklichen Moment lang tut es weh.
MIR AUCH
du kennst mich überhaupt nicht mehr!“
AUTSCH.
ACH ACH ACH ACH KIWI ♥ Mehr Zitat als tatsächlicher Kommentar in diesem Kommentar, aber ich schicke dir und deinen grandiosen Wörtern sehr viel Liebe in Gedanken, wie immer!
no subject
Date: 2021-07-20 10:07 am (UTC)*umarmt die zwei*
*umarmt dich*
Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa
no subject
Date: 2021-07-20 05:50 pm (UTC)