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Team: Enterprise
Challenge: Romantik/Intimität - Blut ist dicker als Wasser (für's Team)
Titel: Der Hirte pfeift
Fandom: Die Jungen der Paulstraße
Anmerkungen: In der Ursprungssprache dieses Fandoms sind aus irgendeinem Grund random moderne AUs total beliebt. Wollte ich auch mal probieren. Einzige Schwierigkeit: Die beiden Charaktere haben keine canon Vornamen. Man tut ja in solchen Fällen stilistisch, was man kann.


Du hast nicht aufgepasst, wo du hingelaufen bist. Das Ziel ist nicht wichtig; es gibt eigentlich gar kein Ziel. Das Ziel ist in erster Linie: wegkommen. Alles hinter dir lassen, was eigentlich vor dir liegt.

Dinge wie: vom Lehrer angeschissen werden, weil man die Mathearbeit versaut hat. Wen zur Hölle interessiert es bitte, wie die scheiß Mathearbeit gelaufen ist? Dich interessiert es jedenfalls einen absoluten Scheißdreck.

Dinge wie: nach Hause kommen, wo es die Eltern einen ebenso großen Scheißdreck interessiert, wie die Mathearbeit gelaufen ist, oder ob du in der großen Pause dem einen kleinen Wichser aus der 9b eine gezimmert hast, weil er dich schief angeguckt hat, oder ob du irgendjemand das scheiß Pausenbrot geklaut hast.

Dinge wie: von einem Lehrer nach dem anderen zur Seite genommen zu werden mit der Frage, warum du deine ‚Aggressionen an den anderen Schülern auslassen‘ musst. Warum du – ihre Worte, nicht deine – ‚den Starken markieren‘ musst, indem du die anderen Jungs bedrohst, warum du ihnen Dinge wegnimmst, die dir nicht gehören.

(Du erzählst ihnen nicht, dass dir gar nichts gehört; gar nichts auf der scheiß Welt gehört dir, und die Eltern schmieren dir auch kein Pausenbrot.)

Würde auf der Straße ein Stein liegen, würdest du danach treten. Aber da liegt kein Stein, also stellst du dir kurz vor, wie es wäre, eine Autoscheibe einzuschlagen, einfach so. Ziemlich gut wär das. Würdest du den kleinen Scheißern vom Gymnasium begegnen, würdest du ihnen vermutlich auch irgendwas einschlagen. Aber die sind nicht hier, wo auch immer du bist.

Da ist ein Zaun neben dem Gehweg, dahinter nur Gebüsch, irgendein überwuchertes Grundstück, für das sich auch niemand interessiert. Du streifst mit der Hand am Zaun entlang; der Reißverschluss an deinem Ärmel lässt es klappern.

Ein paar Schritte hinter dir wiederholt sich das Geräusch.

Du schlägst im Gehen gegen den Zaun, und auch das Geräusch wiederholt sich. Würdest du eine Autoscheibe einschlagen, würde auch noch eine zweite eingeschlagen werden, und würdest du einem kleinen Gymnasiasten eins über den Schädel ziehen—

Es gab eine Zeit, da hat es dich genervt, dass da immer jemand war, mit dem du deine Freunde teilen musstest, mit dem du dein scheiß Zimmer teilen musst, mit dem du dein Pausenbrot teilen müsstest, wenn dir jemand ein Pausenbrot schmieren würde. Heute nervt es dich nicht mehr. Soll er dir doch ziellos durch die Stadt nachlaufen, soll er doch für dich schwänzen und seine eigene scheiß Mathearbeit in den Sand setzen, dann habt ihr wenigstens auch das noch gemeinsam, so wie alles andere auf der Welt, so wie immer.

Dass ihr euch nur so stark fühlt, weil ihr zu zweit seid, sagen die Lehrer, als hätten sie einen Dreck über euch verstanden. Als wär das in irgendeiner Weise das Geheimnis des Universums. Klar fühlt ihr euch nur so stark, weil ihr zu zweit seid. Allein wär es ja auch alles gar nicht auszuhalten.

„Ey, Arschloch“, ruft er hinter dir; als ob du dich umdrehen würdest, „sind wir bald da?“

Du zeigst ihm über die Schulter hinweg den Mittelfinger.

„Hat dich keiner gezwungen“, sagst du. Standardantwort. Als würdest du ihm nicht genauso hinterherlaufen, wenn er so einen absoluten Scheißtag gehabt hätte. Als würdest du freiwillig in fucking Mathe oder sonstwo sitzen, während er wegwill.

Drei Schritte später fällt dir auf, dass das das erste ist, was ihr heute miteinander gesprochen habt. Ihm fällt es auch auf; du hörst, wie seine Schritte hinter dir kurz schneller werden, dann stößt er mit seiner Schulter gegen deine und auf einmal ist es ein Abenteuer. Abgehauen aus der Schule, die Eltern vermissen euch frühestens zwei Stunden nach Einbruch der Dunkelheit, wenn überhaupt, keiner von euch hat Geld, aber ihr habt beide genug – wie die Lehrer es nennen würden – ‚kriminelle Energie‘, dass euch das nicht den Tag verderben wird.

„Wo sind wir eigentlich?“, fragt er, schaut sich um, die Hände in den Hosentaschen, und du zuckst mit den Schultern.

„Kein Plan“, antwortest du. Noch so eine Standardantwort, passt auch auf alle Situationen. Ihr habt nie einen Plan, oder zumindest keinen guten.

„Cool“, sagt er, beiläufig, vergräbt die Hände ein bisschen tiefer in den Hosentaschen, stößt jetzt bei jedem Schritt gegen deine Schultern. Seine – eure – Art zu sagen: Es ist mir ehrlich scheißegal, wo wir sind, solange du hier bist. Lass uns Scheiße bauen. Schlechte Entscheidungen treffen. Das Leben komplett verschwenden.

Auf der anderen Straßenseite ist ein riesiger Parkplatz, Schotter, mit Parkwächter, der auf einem ranzigen weißen Campingstuhl sitzt und sich laut mit einem rauchenden Kerl unterhält; ein paar Meter weiter eine Trafik mit offener Tür, der Plastiksichtschutz wackelt im Wind. Ihr schaut euch kurz an, ein Bruchteil einer Sekunde, dann ist es entschlossen. Keine Worte nötig.

Einigkeit über mehrere Sachverhalte gleichzeitig: Erstens, der rauchende Mann ist aller Wahrscheinlichkeit nach der Trafikant. Zweitens, was zu trinken und ein paar Kippen und vielleicht ein Snickers wären nice. Drittens, whatever.

Die Männer beachten euch nicht, als ihr die Straßenseite wechselt. Das ist der Vorteil daran, sich als ‚Problemjugendlicher‘ in ‚Problemvierteln‘ ‚herumzudrücken‘ (du kannst den Lehrer förmlich in deinem Kopf hören): Kein Schwein interessiert sich dafür, was du machst. In eurem Viertel hätten sie euch vielleicht beachtet, der Parkplatzwächter und der Trafikant, weil sie auf der Hut sind vor Jungs in roten Jacken, roten Hosen, roten Kappen. Aber hier, wo auch immer du euch hingetrieben hast, wissen sie nichts von den Rothemden. Ihr Pech. Sie beachten euch nämlich auch nicht, als ihr euch durch den Türvorhang schleicht. Im Laden ist niemand. Du steigst über den Tresen, stopfst dir vier, fünf Päckchen Zigaretten in die Hosentaschen, schnappst dir ein Feuerzeug. Am Tresen ist ein Aufsteller mit Süßigkeiten angebracht; du achtest nicht darauf, wonach du greifst, du bist zu sehr damit beschäftigt, die Tür im Blick zu behalten. Es ist eine Sache von höchstens 30 Sekunden, dann seid ihr wieder raus, drückt euch an der Hauswand vorbei weg von Trafik und Parkplatz, so schnell es eben geht, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Profis halt.

Als ihr die nächste Straßenecke erreicht, fangt ihr an zu rennen, weniger aus Angst, jetzt noch erwischt zu werden, als einfach aus überschüssiger Energie, zu viel Adrenalin. Er drückt dir im Rennen eine Flasche Cola in die Arme, die du fast fallen lässt. Deine Lungen brennen, es ist sowieso ein ziemlich heißer Tag, und als ihr achtlos über eine Straße lauft, hupen die Autos euch an. Noch ein paar Häuser weiter.

„Alter, stopp, ich kann nicht mehr“, japst er schräg hinter dir; es klirrt, als er zwei Glasflaschen auf den Boden abstellt, damit er die Hände auf die Beine stützen und durchatmen kann. „Gib mal die Cola.“

Er trinkt gierig; währenddessen begutachtest du seine Ausbeute. Zwei Flaschen Whisky, nicht schlecht. Eine davon könnt ihr beim nächsten Mal mit in den Botanischen Garten nehmen, wenn sie so lange hält. Feri wird zwar wissen, dass ihr sie geklaut habt, aber abschlagen wird er das Angebot auch nicht. Und du, du nimmst sowieso jede Gelegenheit, die du kriegen kannst, um mit Feri zu trinken, um seine Hemmschwelle zu senken, um—

Whatever.

Weiter zwischen zwei Häusern hindurch, mehr Gestrüpp, ein Bauzaun, und auf einmal steht ihr am Fluss. Es ist nicht die Donau, nicht die große, sondern irgendein kleiner Nebenarm, der ruhig vorbeifließt.

„Krass“, sagt er, steigt ein paar Stufen runter und setzt sich an die Befestigung am Ufer. Gut, dann ist das wohl abgemacht, dass ihr hier den Rest vom Tag verbringt. Du lässt dich neben ihn fallen, fischst deine Ausbeute aus allen Taschen deiner Hose und deiner Jacke. Nicht schlecht, was ihr angesammelt habt. Zwischen BiFi und Mars ist es kein sonderlich gesundes Mahl, aber den Tag übersteht man damit trotzdem. Vielleicht könnt ihr später noch, wenn ihr es ganz geschickt anstellt, einen Döner abgreifen. Er zaubert noch eine kleine Flasche Fanta aus der Jackentasche und wirft sich auf den Rücken, seufzt genüsslich.

„Bist du jetzt platt oder was“, fragst du provokativ. Du kannst jetzt nicht hier liegen und dir die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Oder dir den Wind um die Nase wehen lassen, der einen für euch ungewohnten Geruch von warmem Fluss zu dir trägt, ein Geruch, den du nicht einordnen kannst, weil dir der Deutungshorizont fehlt, oder was auch immer. Du kannst nicht anfangen, darüber nachzudenken, dass auch dieser Tag irgendwann enden wird, dass ihr den Weg nach Hause nochmal finden müsst, dass ihr das gleiche Spiel morgen nochmal treiben müsst, und nochmal, und nochmal, bis du irgendwann nicht mehr vor der Standpauke, der Mathearbeit und der ganzen Scheiße weglaufen kannst.

„Häh, was, gar nicht“, antwortet er, aber er atmet immer noch ziemlich schwer (du auch) und straft sich damit selbst lügen. Du lachst ihn aus, aber es steckt keine böse Absicht dahinter, frotzelst, dass er gar nichts gewöhnt ist. Es ist eine Unterhaltung, die ihr exakt so schon ungefähr eintausendmal geführt habt, einfach nur, weil es leichter ist als jeglicher alternative Gedankengang. Routine. Harmlos. Ein Ventil für Streitsucht ohne Konsequenzen, denn ihr rauft euch immer wieder zusammen.

„Halt doch die Fresse“, sagt er schließlich.

„Halt selber die Fresse“, konterst du.

Er hebt den Mittelfinger, zieht sich mit der anderen Hand die Kappe über die Augen. Seufzt noch einmal genüsslich, als wärt ihr hier in Urlaub, als wär das das schönste, was euch passieren könnte. (Vielleicht ist es das schönste, was euch in diesem scheiß Leben passieren kann.) Du willst ihn ankacken, richtig zur Sau machen dafür, dass er Spaß hat daran, hier rumzuliegen und eure Unterhaltung im Sand verlaufen zu lassen, während du nach einer Sekunde Stille in deinem Kopf schon wieder anfängst, an den Morgen zu denken und an all den Schwachsinn, den der Lehrer dir an den Kopf geknallt hat, weil er glaubt, dass er dich durchschaut hat und dass er dir ein schlechtes Gewissen machen kann und dass er dir irgendwas austreiben kann, was ihm nicht passt. Dass er es vielleicht irgendwann schafft, dass dein Bruder in der Schule bleibt, anstatt dir durch die halbe Stadt nachzulaufen und Whisky und Kippen aus einer Trafik zu klauen.

Hat ihn doch keiner gezwungen, dir nachzulaufen.

Du greifst nach einem Päckchen, reißt mit zittrigen Fingern das Plastik ab, verfluchst dich selbst dafür, dass dir diese Scheiße so zusetzt. Reiß dich zusammen. Kaum, dass du dir die Kippe angezündet hast mit dem lächerlichen Feuerzeug (es ist eine Tussi im Bikini drauf, witzig) streckt er die Hand aus, macht eine ‚gib her‘-Geste, die du aus Gewohnheit ignorierst. Du atmest einmal tief ein, bis der Rauch in deiner Lunge dir fast einen Hustenreiz verursacht; er wirft irgendwas nach dir, Steinchen oder sonst irgendein Dreck, der hier an der Böschung liegt. Er bleibt so lange hartnäckig, bis du ihm das Päckchen und das lächerliche Porno-Feuerzeug auf den Bauch geworfen hast. Er wirft es zurück, verfehlt dich ein bisschen, aber du kannst das Feuerzeug mit dem Fuß davon abhalten, die Böschung runterzurutschen. Du willst schon ansetzen, ihn blöd anzumachen dafür, ob er nicht aufpassen kann, ihr habt nur das eine, ob er eigentlich irgendwie dumm ist in seinem Kopf oder so, aber er hat sich aufgesetzt und murmelt: „Sorry“, nimmt dir den Wind aus den Segeln.

Starrt deine Hand an, die immer noch zittert (scheiße). Du nimmst noch einen Zug, viel zu tief, dass du eigentlich denkst, du müsstest es in den Füßen spüren, und hältst ihm die halb abgebrannte Zigarette schließlich hin. Sachtes Beben in den Fingern. Er nimmt dir sanft mit der einen Hand die Kippe aus der Hand, verschränkt im nächsten Moment die Finger der anderen Hand mit deinen. Idiot. Das macht er auch nur, wenn ihr weit, weit weg seid von den anderen Jungs und vom Botanischen Garten, oder wenn es spät, spät in der Nacht ist und ihr den Eltern im Wohnzimmer gegenüber beim Streiten zuhört oder bei sonstwas. Er rückt noch ein Stück näher an dich ran, bis eure Schultern und eure Beine aneinanderstoßen. Eigentlich ist es viel zu warm dafür, aber ist auch scheißegal, es ist eh alles scheißegal. Mit zwei Zügen hat er aufgeraucht, schmeißt die Kippe ins Wasser. Du stößt ihn an, mit deinem Knie gegen das Knie, das sowieso schon gegen deines lehnt.

„Das ist Umweltverschmutzung, du Arsch.“

Er zuckt mit den Schultern, verschränkt eure Hände noch ein bisschen fester. Er fragt nicht, was los ist, weil das eine verdammt bescheuerte Frage wäre und er außerdem die Antwort kennt. Es gibt nichts, worüber ihr reden müsstest. Es gibt eigentlich allgemein nur sehr selten etwas, worüber ihr redet. Spontan fällt dir nichts ein, worüber ihr jemals geredet hättet. Umso überraschender vielleicht, dass du ihm die Sache mit den Händen, die Sache mit dem Nachlaufen, die Sache, dass ihr immer noch nachts die Matratzen zusammenschiebt, wie seit gefühlten hundert Jahren schon, noch nicht ausgetrieben hast. Vielleicht, weil das etwas wäre, worüber ihr reden müsstet. Sehr viel wahrscheinlicher, weil du auch eigentlich nicht willst, dass es aufhört. Er war schließlich immer schon da. Du kannst dir das Leben gar nicht anders vorstellen als mit ihm.

Ihr guckt ein bisschen auf das Wasser, wie in so einem schlechten Sonntagabendfilm. Fehlt eigentlich nur, dass irgendwo traurig eine Geige spielt oder so eine Scheiße. Er greift um dich rum, fischt sich eine Kippe aus der angebrochenen Packung und zündet sie einhändig an, als wäre er irgendwie der tollste Checker und nicht dein kleiner Bruder, der sowieso bloß pafft, weil er sonst beim ersten Zug immer noch jedes Mal husten muss. Du lachst ihn aus, wie jedes Mal. Er bläst dir Rauch ins Gesicht. Solange er sich mit dir beschäftigt, ist eh alles gut.

Du würdest dir ein Snickers schnappen, oder ein BiFi, oder sonstwas, aber du hast auch irgendwie keine Lust, loszulassen. Worauf hast du Lust? Für immer hier zu sitzen, das wär ein guter Anfang. Manchmal könnte einer von euch zurück zur Trafik laufen und was klauen, dann würdet ihr zwar nur von Whisky-Cola und Schokoriegeln leben, aber hey—

Whisky-Cola wär doch eine Idee. Dafür lässt du sogar seine Hand los, die er dir direkt pflichtbewusst auf den Rücken legt. Er kennt dich halt, auch, wenn ihr im Leben noch nicht viel miteinander geredet habt. Er kennt dich in- und auswendig. Du angelst nach einer der Whiskyflaschen, nach der Colaflasche.

„Eyy,“ macht er, anerkennend, als du beides triumphierend hochhebst. Ihr seid solche Idioten. Es sind mindestens 30 Grad, ihr habt heute pro Person ne halbe Kippe geraucht und nichts gegessen, das wird richtig reinhauen. Aber man ist nur einmal jung, man lebt nur einmal, was weißt du schon, die ganze Scheiße einfach hinter die Binde kippen und nicht mehr drüber nachdenken, das klingt nach einem guten Plan für den Nachmittag. Wenn es schneller geht, weil es so heiß ist, umso besser. Wenn es noch schneller geht, weil die Eltern euch kein verschissenes Pausenbrot schmieren, könnt ihr wenigstens am Ende ihnen die Schuld geben.

„Und wie willste das jetzt anstellen?“, fragt er, während du die Colaflasche zwischen die Knie klemmst und gleichzeitig die Whiskyflasche aufdrehst.

„Da du ja keine Becher mitgeklaut hast…“ Du drückst ihm die offene Whiskyflasche in die Hand. Er drückt die halb abgebrannte Zigarette aus und legt sie achtsam neben sich – prügeln und klauen ist in Ordnung, aber bei Kippen in die Donau schmeißen hörts auf. Irgendwie auch dämlich.

„Kommt im Bauch eh alles zusammen, oder was?“ Er hebt die Whiskyflasche an die Lippen, nimmt einen Mund voll Flüssigkeit. Du machst das gleiche mit der Colaflasche, aber beim Flaschentausch müsst ihr euch redlich bemühen, das Zeug nicht schon direkt runterzuschlucken oder gar auszuspucken, weil du ihn nicht ernst nehmen kannst, wenn er die Augen gespielt weit aufreißt und mit den Augenbrauen wackelt. Irgendwie schafft ihr es trotzdem, nehmt beide noch einen Schluck; du hast dich maßlos verschätzt mit der Cola, und wenn sein panisches Gewedel irgendein Anhaltspunkt ist, dann hat er sich maßlos mit dem Whisky verschätzt. Am Ende hustet er wieder und du lachst, aber seine Hand ist wieder auf deinem Rücken und er lacht mit, sobald er sich wieder gefangen hat. Nimmt den nächsten Schluck. Du auch. Und so weiter.

Ihr macht die Colaflasche leer, die Whiskyflasche aber nicht. Vielleicht habt ihr doch noch ein wenig Verstand. Du hast jeden Schluck bis in die Zehenspitzen gespürt, Hitze von innen zusätzlich zur Hitze von außen und von seiner Hand auf deinem Rücken, die er auch nicht wegnimmt, als ihr beide anfangt zu schwitzen. Ist doch eh egal, seid doch nur ihr. Gab schon Schlimmeres.

„Weißt du, was jetzt nice wär?“, fragt er unvermittelt.

„Kein Plan“, antwortest du, mal wieder. „‘N Eis?“

Er stockt, macht ein nachdenkliches Geräusch. „Ja, auch“, sagt er schließlich. „Nochmal einfach so ne ganze Packung Wassereis vom Spar, war schon geil.“

„Du hast fast gekotzt hinterher, aber klar, war geil.“ Logisch, dass du ihn daran erinnern musst. Er erinnert sich grundsätzlich immer nur an die guten Sachen, die geilen Sachen, an alles, was so richtig gefetzt hat. Du erinnerst dich im Gegenzug für ihn an alles andere. Auch so eine Sache, bei der es dir lieber wär, wenn ihr euch nicht ganz so gut gegenseitig ergänzen würdet. Aber er hat schon recht: Das Eis war mega, der Tag damals auch. War auch ungefähr so heiß wie heute, ungefähr so ein Scheißtag wie heute, mit dem Unterschied, dass es ein bisschen schwerer war, am Security-Mann vom Spar vorbeizukommen, als an dem teilnahmslosen rauchenden Trafikanten von vorhin.

Und natürlich, dass ihr nicht so nice am Wasser gechillt habt wie heute, sondern im Botanischen Garten, wo euch am Ende auch noch Feri blöd kam, weil geklautes Zeug mitbringen, bla bla bla. Da rein, da raus.

Aber er hatte Spaß und am Ende ist das für dich auch irgendwie alles, was zählt.

„Aber was denn jetzt?“, fragst du, bevor er nur noch an Eis denkt und seinen Faden komplett verliert.

Er dreht sich zu dir, strahlt dich an, wie es auch nur passiert, wenn ihr ganz weit weg vom Rest der Welt seid, und sagt mit seinem letzten Rest kindlicher Freude: „Schwimmen.“

Du willst ihn fragen, ob er jetzt komplett bescheuert ist, einfach nur aus Reflex, aber Whisky-Cola kribbelt dir in den Zehen und den Fingerspitzen, seine Hand ist immer noch viel zu heiß auf deinem Rücken, du schwitzt eh wie bescheuert und sein verdammtes (exklusives) Strahlen wird vermutlich niemals nicht ansteckend sein für dich.

Du kannst gar nicht anders als mitzugrinsen. Was dich vor ein paar Minuten noch an seinem Verstand hat zweifeln lassen, klingt plötzlich wie die beste Idee der Welt. Ist doch egal, wenn auf dem Weg nach Hause die durchnässten Sohlen eurer abgelatschten Turnschuhe schmatzen. Eure restlichen Klamotten trocknen in der Hitze eh sofort. Und vielleicht habt ihr ja Glück und die Strömung der Donau (oder zumindest dieses kleinen Nebenarms) bringt euch ganz woanders hin. Wohin fließt die Donau von hier eigentlich? Kein Plan. Egal.

Du ziehst ihn am Shirt hoch, oder er zieht dich, es geht alles schnell, die Welt dreht sich vor lauter Whiskey-Cola und Sonnenschein, und plötzlich ist alles nass und kalt und schwerelos.

Das Ziel ist nicht wichtig, der Weg ist nicht wichtig, nur der Ausgangspunkt ist wichtig. Scheiß auf den Rest der Welt. Noten? Lehrer, die meinen, dass sie dich vollkommen fucking durchschaut haben? Scheiß drauf, ehrlich.

Solche Momente wie dieser, die gehören euch. Und vielleicht sind sie sogar noch lebenswerter, weil sie dir nicht allein gehören.

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