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[personal profile] servena posting in [community profile] 120_minuten
Titel: Entscheidung
Challenge: Krimi/Thriller/Horror - „Das passt mir nicht“ (Päckchen #12)
Fandom: Original | Fortsetzung von Briefe
Sprache: Deutsch
Wörter: 1.000
Team: Team Ouroboros mit Team Melpomene, Metaphermorphose & Pluto
Widmung: [livejournal.com profile] der_jemand, [livejournal.com profile] alea
Kommentar: Endlich habe ich diese Stelle hinter mir!

Sie wurde wach davon, dass jemand sie an den Schultern rüttelte. “Mel. Hey, Mel.”

Entscheidung

Sie wurde wach davon, dass jemand sie an den Schultern rüttelte. “Mel. Hey, Mel.”
Sie blinzelte ins Licht der Leuchtstoffröhren an der Decke, bis Wills Gesicht sich davorschob und Kontur annahm. „Hast du hier geschlafen?“, fragte er.
Sie brauchte einen Moment, um sich daran zu erinnern, wo „hier“ war. Dann aber machte sich der leicht vibrierende Boden unter ihr und das Stampfen der Motoren um sie herum bemerkbar.
„Nur ein bisschen“, sagte sie, obwohl sie noch nicht auf die Uhr geschaut hatte. Sie setzte sich auf und rollte dann vorsichtig ihren Kopf hin und her, um ihren steifen Nacken zu lockern. Trotz ihrer zusammengerollten Jacke, die sie als Kopfkissen verwendet hatte, war der Boden nicht sonderlich bequem gewesen. Aber sie hatte geschlafen, das war die Hauptsache. Das Duett zweier Alpha-II-Maschinen war besser als jedes Schlaflied. In ihrer Kabine hätte sie sicher nur an die Decke gestarrt.
Sie schüttelte ihre Haare aus und begann sie dann erneut zusammenzubinden. „Was ist explodiert?“, fragte sie währenddessen.
„Nichts“, sagte Will, auch wenn sein Gesicht diese gute Nachricht nicht widerspiegelte. „Aber es ist Zeit.“ Und auf ihren verständnislosen Gesichtsausdruck hin fügte er hinzu: „Für die Abstimmung.“
Die Abstimmung. Beinahe hätte sie das vergessen. Nicht, dass sie das Will je gesagt hätte, denn es schien alles zu sein, woran er denken konnte.
Sie ergriff seine ausgestreckte Hand und ließ sich von ihm aufhelfen. Ihr entging nicht, dass er sich hinterher das Motoröl an einem Taschentuch abwischte. Ihre Hose war hingegen ohnehin nicht mehr zu retten, also kam es auf einmal mehr jetzt auch nicht mehr drauf an.
Bevor sie den Maschinenraum verließen, klopfte Melanie im Vorbeigehen zwei Mal gegen die Verkleidung des Steuermoduls und dachte: Mach nichts Dummes, während ich weg bin.
Der Weg zur Brücke fühlte sich weiter an als sonst. Sie sprachen nicht miteinander, aber hin und wieder warf sie einen Seitenblick auf Wills ernstes Gesicht. Er sah aus, als würde er zu seiner eigenen Hinrichtung gehen.
Sie waren die letzten. Alle standen, und mit der ganzen Belegschaft anwesend wirkte die Kabine unangenehm klein. Reyna hielt sich nicht mit einer Einleitung auf. „Sofern niemand etwas dagegen hat, wird dies eine offene Abstimmung sein. Möchte jemand widersprechen?“ Sie blickte in die Runde, aber niemand sagte etwas. „Also einverstanden. Ich habe mir folgendes überlegt. Ihr werdet der Reihe nach die Gelegenheit haben, euch zu äußern. Sollte sich dadurch ein Patt ergeben, werde ich die entscheidende Stimme abgeben. Ist das in Ordnung?“
Alle nickten zögerlich. Es war ungewohnt, auf so direkte Weise gefragt zu werden. Zwar wurde die Führungshierarchie auf so kleinen Schiffen üblicherweise eher locker gehandhabt, aber dennoch hatte der Kapitän immer das letzte Wort. Jetzt war alles auf den Kopf gestellt.
„Ellie, möchtest du anfangen?“, fragte Reyna. Ellie stand direkt auf ihrer rechten Seite, aber sie sah aus, als hätte sie für einen Moment ihre Stimme verloren.
Als sie nichts sagte, sprang Javier ein. „Ich kann anfangen.“
Melanie war sich fast sicher, dass sie Will neben sich mit den Zähnen knirschen hören konnte.
„Ich finde, wir sollten bleiben und alles in unserer Macht Stehende tun, um der Elpis II zu helfen“, fuhr Javier fort. Er klang, als hatte er sich vorher zurechtgelegt, was er sagen wollte. „Unser Auftauchen hat sie erst in diese Lage gebracht. Wir sind die einzigen, die ihnen helfen können. Uns wurde schon mehrfach unerwartet Hilfe angeboten und ich glaube daran, dass das wieder geschehen kann. Und falls nicht…“, er hob die Schultern, „dann war es das wert, finde ich.“
„Was Javier sagt“, sagte Ellie schnell. Als sich alle Blicke auf sie richteten, lief sie bis zu den Haarspitzen rot an. „Ich meine… Da sind so viele Menschen an Bord. Familien. Kinder. Und wir können sie vielleicht retten. Ist das nicht unser Job? Und wenn er das nicht ist, sollte er das nicht sein? Ich möchte nicht in einer Welt leben, wo wir solche Leute einfach aufgeben. Ich glaube, damit kann ich nicht leben.“ Sie wischte sich mit dem Ärmel ihrer Uniform über das Gesicht.
Reynas Blick wanderte weiter. „Will?“
Sie konnte hören, wie er einmal tief durchatmete. „Ich weiß, dass Javier und Ellie daran glauben möchten, dass rechtzeitig ein Sternenkreuzer vom Himmel kommt, um uns allen den Arsch zu retten. Aber die Chancen, dass uns ein geeignetes Schiff rechtzeitig erreicht, sind denkbar gering. Wir haben es versucht, aber ich finde, es ist an der Zeit einzusehen, dass wir verloren haben. Wir sollten die Leben retten, die wir wirklich retten können. Ich bin dafür, dass wir gehen.“
Er lehnte sich zurück gegen die Instrumententafel, als wäre schlagartig alle Kraft aus ihm gewichen.
Jetzt fand sie alle Augen auf sich gerichtet. „Melanie?“, fragte Reyna. Äußerlich sah sie ganz ruhig aus, nur die Art, wie sie ihre Finger fest ineinander verschränkte, verriet ihre Anspannung.
Sie begann mit: „Ich hab wahrscheinlich nicht lange genug darüber nachgedacht. Aber ich finde, eigentlich sieht die Sache ganz einfach aus. Wir sind fünf Menschen. Wir haben die Chance, fünftausend Menschen zu retten. Das sind für jeden von uns tausend. Das kann ich mir nicht mal vorstellen. Ich hab keine Familie da draußen. - Na, meine Großtante Amelia, aber die zählt nicht. - Ihr seid meine Familie. Also was für ein Recht habe ich, den Platz von tausend Menschen zu beanspruchen, von denen die meisten bestimmt vermisst werden? Das kommt mir selbstsüchtig vor. Also bin ich dafür, dass wir bleiben.“ Sie fing Wills Blick auf. „Sorry, Will.“
Er war schnell darin, seine Enttäuschung zu verbergen, aber nicht schnell genug.
Reyna nickte langsam und löste ihre Finger voneinander. „Also gut. Dann soll es so sein.“
„Ich hatte eh nie eine Chance, oder, Captain?“, fragte Will. Melanie war sehr vertraut mit seinen Gesichtsausdrücken, die er in solchen Situationen aufsetzte, und die üblicherweise von „Das passt mir jetzt nicht“ bis hin zu „Seid ihr denn alle bescheuert?“ rangierten. Aber so resigniert hatte sie ihn noch nie gesehen.
„Wahrscheinlich nicht“, sagte Reyna ungewöhnlich sanft. Dann fügte sie in ihrer normalen Stimme hinzu: „Muss ich mir jetzt Sorgen machen, dass mir im Schlaf die Kehle durchgeschnitten wird?“
„Keine Sorge, Captain. Allein kann ich das Schiff nicht fliegen.“ Mit diesen Worten verschwand er durch die zischenden Schiebetüren.
Reyna sah ihm ernst hinterher. Ellie seufzte. Selbst Javier sah ein bisschen schuldbewusst aus.
„Ich geh schon“, sagte sie und machte sich auf, ihm zu folgen.

Date: 2020-09-28 11:06 am (UTC)
aleamakota: (Cat)
From: [personal profile] aleamakota
Okay, damit ist es amtlich: Im Herzen bin ich Will. Ich fühle seine Resignation so sehr! Okay then, guess I'll die. Trotzdem wünsche ich ihm und seinen lebensmüden Kameraden, dass seine pessimistischen (realistischen?) Erwartungen enttäuscht werden.

Edit: Übrigens braucht diese Reihe längst n Namen und n Tag, finde ich.
Edited Date: 2020-09-28 11:08 am (UTC)

Date: 2020-09-28 09:52 pm (UTC)
der_jemand: (green)
From: [personal profile] der_jemand
Ich würde es mir ein bisschen einfach machen, wenn ich einfach aleas Kommentar unterschreiben würde, oder? Aber... what she said. In jedem Detail, inklusive Tag und Namen.

Ah, verdammt. Armer Will, auch wenn Idealisten immer recht haben sollten. Aber was für ein sucker punch-Satz, das „Keine Sorge, Captain. Allein kann ich das Schiff nicht fliegen.“. Da bleibt einem das Herz in der Kehle stecken. *__*

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