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[personal profile] servena posting in [community profile] 120_minuten
Titel: Briefe
Challenge: Hurt/Comfort - Schreibaufgabe: Briefform
Fandom: Original | Fortsetzung von Andere Probleme
Sprache: Deutsch
Wörter: 1.500
Team: Team Ouroboros
Kommentar: Dieses Mal war es ein bisschen störrischer, aber hier ist es! @[livejournal.com profile] der_jemand, [livejournal.com profile] alea

Javier warf noch einen prüfenden Blick auf den Rauchmelder an der Decke, bevor er sich die Zigarette anzündete.

Briefe

Javier warf noch einen prüfenden Blick auf den Rauchmelder an der Decke, bevor er sich die Zigarette anzündete. Das blinkende Licht war erloschen, als er die Batterie herausgenommen hatte, das Batteriefach hing offen. Solange er die Tür geschlossen hielt, würde hoffentlich nichts anfangen zu piepen.
Nachdenklich drehte er die Zigarettenschachtel zwischen den Fingern. Er hatte sie aus seinem letzten Heimaturlaub mitgebracht und seitdem kaum angerührt. Er rauchte nicht oft; sein Vater, der zeit seines Lebens eine Rauchwolke hinter sich herzog, war ein zu eindrückliches Negativbeispiel. Nur gelegentlich zündete er sich eine an und dachte an Zuhause.
So wie jetzt.
Er faltete sich zurück auf seine Koje und zog dabei den Kopf ein, damit er nicht an das Bett darüber stieß. Beinahe routinemäßig verfluchte er den Tag, an dem Will ihm bei der Bettenwahl zuvorgekommen war. Auch sonst war die Kabine kaum groß genug, um sich darin umzudrehen. Dennoch hatte man es geschafft, zwei erwachsene Männer mitsamt ihrer zugegeben eher kärglichen Habseligkeiten hier unterzubringen. Die Server des Bordcomputers hatten wahrscheinlich mehr Platz als sie und eine bessere Kühlung. Aber die waren ja auch mehr wert.
Er klopfte die Asche auf einer Untertasse ab, die er sich aus der Küche geliehen hatte, und achtete darauf, sich keine Löcher in das Bettlaken zu brennen. Das Datapad starrte ihn mit der leeren Seite und dem blinkenden Cursor vorwurfsvoll vom Kopfkissen aus an.
Er hatte noch kein Wort geschrieben, obwohl er es sich fest vorgenommen hatte. Er wusste einfach nicht, wie er anfangen sollte. Hey Mamá und Papá, das ist wahrscheinlich die letzte Nachricht, die ihr von mir erhalten werdet, hab euch lieb, sagt meiner Cousine Elena, sie kann meine Büchersammlung haben?
Er stöhnte und ließ für einen Moment den Kopf auf das Kopfkissen sinken.
Er konnte nicht aufhören, an seinen letzten Besuch zu denken. Er konnte sich einfach nicht mehr erinnern, zu welchem Anlass er da gewesen war. Hatte einer seiner Großeltern Geburtstag gehabt? Nein, bestimmt hatte eine seiner Cousinen geheiratet. Oder war es doch ein Feiertag gewesen?
Wie dem auch war, das Haus war brechend voll gewesen mit Verwandtschaft. Man kam kaum die Treppe hoch, ohne einem Onkel oder einem Neffen auf die Finger zu treten. Was er nie zugeben würde, war, dass er häufig gar nicht sicher war, wie diese Leute alle genau mit ihm verwandt waren. War Onkel Carlos nicht vielleicht in Wahrheit ein Großonkel? Von welcher Seite der Familie war Tante Marta? Und lagen genug Grade zwischen ihm und Cousine Adriana, damit er mal mit ihr ausgehen konnte? Von der Horde Kinder, die bei solchen Gelegenheiten durch den Garten tobte, ganz zu schweigen. Jemand sollte das nächste Mal einen Stammbaum aufhängen.
Javier verglich solche Veranstaltungen insgeheim gern mit einem heißen Bad: Zuerst angenehm und entspannend, aber auf Dauer nicht zu ertragen. Wahrscheinlich sprach da das Einzelkind aus ihm. (Diese Schande durfte sich seiner Mutter selbstverständlich jedes Mal anhören.)
So machte es Sinn, dass er bei der erstbesten Gelegenheit zu den Sternen geflüchtet war, so weit weg, dass seine Mutter ihn nicht einmal mehr regelmäßig anrufen konnte, um ihm irgendwelche Mädchen aus der Nachbarschaft anzudrehen. Offensichtlich war sie der Meinung, im Rest des Universums gäbe es keine Frauen, oder zumindest keine, die ihres einzigen Sohnes würdig wären.
Er hörte wieder ihre Stimme, als sie sich im Raumhafen von Neu-Valencia verabschiedeten: „Du kommst so selten. Diesmal schreibst du mir wenigstens einmal, hörst du?“ Und sie hatte ihn in den Arm geknufft, damit er wusste, dass es ihr Ernst war.
Er war sich sicher, dass sie nicht diese Art von Brief gemeint hatte. Und plötzlich vermisste er sie so sehr, dass es wehtat.
Er fragte sich, was die anderen wohl schreiben mochten. Er wusste, dass Wills Eltern nicht mehr lebten, aber dass er mindestens eine Schwester hatte. Ellies Eltern hatte er sogar schon einmal getroffen; er erinnerte sich vage an ein sehr freundliches älteres Ehepaar, das Ellie zum Raumhafen gebracht hatten. Die Verabschiedung hatte ewig gedauert und im Shuttle hatte er Ellie sein Taschentuch geliehen, weil sie nicht aufhören konnte zu schniefen.
Melanie war allein, wenn er sich recht erinnerte. „Wie ein Blatt im Wind!“, hatte sie einmal stolz verkündet. Und wie es um den Captain stand, wusste niemand.
Als sich die Kabinentür zischend öffnete, hatte er nicht mal mehr Zeit, die Zigarette auszuquetschen.  Aber es war nur Will, der beim Anblick der Decke empört nach Luft schnappte. „Was hast du mit dem Rauchmelder gemacht?“
„Er wird es überleben.“ Er nickte in Richtung der Batterie auf dem winzigen Nachttisch. „Mach die Tür zu und ich geb dir eine ab.“
Will drückte auf den Schließknopf und streckte wortlos die Hand aus.
„Wie läuft’s?“, fragte Javier, nachdem er sein Feuerzeug wieder weggesteckt und Will sich neben ihm Platz verschafft hatte.
„Bis jetzt ist nichts explodiert. Eine Tour noch und wir sind wieder voll.“
„Das klingt unter den gegebenen Umständen doch super.“
Will warf einen Blick auf das Datapad hinter Javier. „Wie läuft’s damit?“
„Beschissen.“
Will nickte, als würde das Sinn machen.
„Hast du nicht eine Schwester?“
„Zwei“, sagte Will.
„Was schreibst du ihnen?“
„Ich habe nicht die geringste Ahnung.“
In dem Moment ging die Tür auf und Melanie streckte ihren schwarzen Lockenkopf hindurch. „Hab ich doch richtig gerochen. Rück sie raus, Javier.“
„Das sind meine letzten“, protestierte er, aber gleichzeitig hielt er ihr die Schachtel hin. Sie quetschte sich zu ihnen auf die Koje und nahm ihm mit der Zigarette auch gleich das Feuerzeug ab.
„Der Captain bringt uns um, wenn sie uns erwischt“, sagte Will, nach Javiers Meinung ein bisschen yu spät.
„Was der Captain nicht weiß, macht sie nicht heiß“, sagte Melanie ungerührt und blies ein paar Rauchringe in die Luft. Die Lüftungsanlage hatte ihre liebe Not mit dem ganzen Qualm.
Jemand klopfte an der Tür. Einen Moment tauschten sie erschreckte Blicke aus. Aber dann ertönte Ellies Stimme von der anderen Seite: „Will?“
„Komm rein“, sagte der nur.
Sie schlüpfte durch die Tür und begann sofort zu husten. „Du meine Güte. - Hey, macht ihr hier Vollversammlung ohne mich?“
„Das war so nicht geplant“, sagte Javier. „Möchtest du auch eine?“
„Nein, danke, der Rauch aus zweiter Hand reicht mir vollkommen. Man kann ja kaum die Hand vor Augen sehen.“ Aber anstatt wieder zu gehen, setzte sie sich auf den kleinen Teppich vor dem Bett und schlang die Arme um ihre Knie.
„Hat einer von euch schon was geschrieben?“, fragte Javier in die Runde.
„Ich schreibe nichts“, sagte Melanie sofort. Sie sah nicht sonderlich unglücklich darüber aus, aber Javier war sich nicht sicher, ob das der Wahrheit entsprach; er hatte Melanie noch nie leicht lesen können.
„Ich hab schon was geschrieben“, sagte Ellie leise. Sie griff in die Tasche ihrer Uniformjacke und zog ein kleines Datapad heraus. „Ihr könnt es lesen, wenn ihr wollt.“
Javier nahm es überrascht entgegen. Er war sich nicht sicher, ob er etwas so Privates geteilt hätte, aber Ellie war da anders. Will und er rückten enger zusammen und Melanie schaute ihnen über die Schulter.
„Liebe Mutter, lieber Vater,
ich schreibe euch dies, weil ich nicht weiß, ob ich von meiner letzten Mission zurückkehren werde. Falls nicht, so sollt ihr wissen, dass ich für etwas gestorben bin, an das ich glaube. Die Zeit auf der Aletheia war eine der schönsten meines Lebens. Ich bereue nichts. Aber ich vermisse euch auch und ich wünsche, ich könnte euch noch einmal sehen.
Ich überlasse es euch, zu entscheiden, was mit meinen Sachen geschieht. Ich bin mir sicher, ihr werdet die besten Entscheidungen treffen. Außerdem habe ich ein bisschen Geld auf der Bank zurückgelegt. Bitte zögert nicht, euch davon etwas zu gönnen und dabei an mich zu denken.
Bitte knuddelt Cooper ganz viel von mir.
Eure euch immer liebende Tochter,
Ellie“
„Cooper ist unser Hund“, sagte sie, als Javier ihr das Datapad zurückreichte. Dann fing sie an zu weinen. Für einen Moment herrschte betroffene Stille, nur unterbrochen von ihrem schnellen Atem und einem gelegentlichen Schniefen.
Dann sagte Javier „Macht mal Platz hier“, und sie zogen Ellie zwischen ihn und Will auf das Bett. Es war mehr als eng und das Bettgestell gab ein bedenkliches Quietschen von sich, aber keiner von ihnen achtete darauf. Javier legte einen Arm um sie, während Will ihr ein Taschentuch reichte. Melanie beugte sich herüber und strich Ellie durch das Haar.
„Können wir bei dir abschreiben?“, fragte Will.
Das brachte Ellie trotz ihrer Tränen zum Lachen. Sie schnaubte laut in das Taschentuch und sagte dann: „Ihr faulen Säcke.“ Das brachte auch die anderen zum Lachen.
„Man wird ja wohl noch fragen dürfen“, sagte Will.

Auf der Brücke lehnte Reyna sich seufzend in ihrem Stuhl vor und stellte den Alarm der Lüftungsanlage ab. Fünf Minuten würde sie ihnen geben, entschied sie.
Und dann würde sie über sie kommen und allen, die noch eine Zigarette in der Hand hatten, kräftig die Leviten lesen.

Date: 2020-09-23 09:48 pm (UTC)
der_jemand: (Default)
From: [personal profile] der_jemand
OH GOTT, ICH MUSS SIE ALLE KNUDDELN! ALLE!
Gott, das ist schön. Ich will weinen.

Und dabei habe ich mich am Anfang noch herzlich über
Die Server des Bordcomputers hatten wahrscheinlich mehr Platz als sie und eine bessere Kühlung. Aber die waren ja auch mehr wert.
gefreut und mir Javier und Will in einem College-Mitbewohner AU gewünscht und jetzt... MUSS ICH SIE ALLE KNUDDELN. ALLE. Besonders Reyna, sie ist ein guter Kapitän. ♥

Date: 2020-09-27 03:25 pm (UTC)
aleamakota: (Cat)
From: [personal profile] aleamakota
Die Server des Bordcomputers hatten wahrscheinlich mehr Platz als sie und eine bessere Kühlung. Aber die waren ja auch mehr wert.


An dem hatte ich auch den meisten Spaß, bevor es sentimental und flauschig wurde. Hach, ich bin ganz rührselig. Aber bei all dem Stress verdienen sie ja auch eine große Portion Liebe.

Date: 2021-05-02 03:35 pm (UTC)
From: [identity profile] cricri-72.livejournal.com
Oh Gott, der Abschiedsbrief, mein Herz ...

Aber dafür habe ich dann hier gelacht wie blöd :D
Fünf Minuten würde sie ihnen geben, entschied sie.
Und dann würde sie über sie kommen und allen, die noch eine Zigarette in der Hand hatten, kräftig die Leviten lesen.



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