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[personal profile] aleamakota posting in [community profile] 120_minuten
Challenge: Krimi/Thriller/Horror: Poetisch (Fürs Team, Päckchen 2)
Team: Pluto
Fandom: Wolfs Horst und Horst sein Wolf
Charaktere: Horst (ein Biker), Wolfgang (ein Spießer), Günni (ein schlecht gelaunter Taxifahrer), Marcos (sein gut gelaunter Chef)
Anmerkung: Uff, das war ein Akt, aber sofern ich mich nicht zu nem kitischigen Epilog hinreißen lasse, bin ich fertig. Fortsetzung zu Effizient und streichelweich. Man braucht außerdem Verkuppelt, um den Krimi zu verstehen.
Danke an [livejournal.com profile] luinaldawen für Marcos Namen, der für sich sprach, und an meine Mutter für die schrecklichen Grußkarten.

Wolfgang hatte sich perfekt vorbereitet. Er kannte den Preis für die Taxifahrt bis auf den letzten Pfennig auswendig, auf jeder der vorgeschlagenen Routen und zu verschiedenen Uhrzeiten. Er hatte am Morgen spontan sämtliche Wertpapierkunden von Sandra und Gülcan übernommen, um sich schon mal warm zu verhandeln. Er hatte Horst eingebläut, ihm das Reden zu überlassen, damit kein Unglück passierte (und die doppelte Menge Geld eingesteckt, falls das nichts brachte). Ja, er hatte nach dem gemeinsamen Frühstück sogar begonnen, sich mit der Möglichkeit anzufreunden, dass Horst wirklich gleichzeitig Biker und verdammt netter Kerl sein könnte. Vielleicht sogar vollzeit bisexuell, aber das würde er lieber leugnen, bis der Beweis erbracht wäre.
Auf Marcos Schmidt hatte ihn jedoch nicht mal der Kulturschock vorbereiten können, den er an Schrödingers Biker erlitten hatte. Aufgereiht wie zwei ungezogene Schüler vorm Direktorenbüro saßen sie nebeneinander und warteten, während Herr Schmidt (Marc, Jungs, einfach Marc) seinen Fahrer aus dem Gleittag herbeitelefonierte. Sein perlweißes Lächeln strahlte mit den bebilderten Zitaten an der Wand um die Wette.
Wenn das Leben nur Theater macht, such‘ dir deine Rolle aus.
In jeder Minute, die man mit Ärger verbringt, versäumt man sechzig glückliche Sekunden.
Er fühlte sich gleichzeitig sehr verstanden und persönlich beleidigt von dem augenrollenden Wolf, dem die bunten Vögelchen um den Kopf flogen. (Nur 58 an der Zahl, nicht 60, er hatte zweimal nachgezählt, sie hatten ja Zeit genug.) Vielleicht hätten sie doch einfach die Anzeige riskieren sollen. Verglichen mit den sonnengelben Wänden und den fröhlich orangen Plastikstühlen, erschien ihm ein verranztes Polizeirevier sehr einladend.
Taxifahrer, las er ein riesiges Poster, weil Superheld kein anerkannter Beruf ist.
„Der Weg in die Hölle ist gepflastert mit Motivationszitaten“, flüsterte er schaudernd.
„Mir gefällt das da“, antwortete Horst und neigte den Kopf zu einem Comic, der halb von einer winkenden Glückskatze verdeckt wurde.
Taxi!, rief die Blondine auf dem Bürgersteig.
Fußgänger!, antwortete der Taxifahrer winkend aus seinem Auto.
Angewidert verzog Wolfgang das Gesicht.
„Wenn überhaupt, müsste das ‚Fußgängerin‘ heißen.“
„Vielleicht steht ja noch jemand hinter ihr und er meint beide.“
Horst!“, zischte Wolfgang.
„So, Jungs“, strahlte Marc und knallte enthusiastisch den Hörer auf die Gabel. „Günni ist unterwegs und bringt auch deinen Rucksack mit, den könnt ihr dann freikaufen.
Hehehe, kleiner Scherz", fügte er hinzu, als Horsts Augen sich weiteten.
„Dauert nicht lange, er wohnt praktisch nebenan. Trotzdem Kaffee?“
„Och, n-“
„Unbedingt!“, grätschte Wolfgang dazwischen und lächelte sein schönstes, falschestes Servicelächeln.
„Bist du sicher, dass das ne gute Idee ist?“, murmelte Horst halblaut in die selige Dampfwolke hinein, die Marc hinterließ, als er in die Kaffeeküche schoss. „Nicht dass er uns den auch gleich mitberechnet.“
„Den Preis bin ich bereit zu zahlen. Wenn er noch einmal ‚Jungs‘ sagt, wirst du einen Mord verhindern müssen.“
Horst lachte auf.
„Also erst redest du mir die ganze Fahrt ins Gewissen, dass ich Günni nich‘ umbringen soll und jetzt willst du selber den Chef ermorden? Vielleicht solltest du Yoga machen oder so.“
Günni?! Du liebe Güte, und der Mann war noch nicht mal hier!
Kein Yoga. Und kannst du bitte nicht gleich nochmal diesen Fahrer adoptieren?“
„Okay“, grunzte Horst vergnügt, „Aber jetzt mal unter uns, du kommst schon ein bisschen aggressiv rüber manchmal.“
„Aggressiv. Ich.“
„Schon so’n bisschen“, amüsierte sich sein Nachbar und zeigte einen verdammt großen Zentimeter mit Daumen und Zeigefinger.
Wolfgang nahm die Geste zum Anlass, selbst auch eine anzubringen. Er nahm den Mittelfinger in den Mund und fügte ihn den Zitaten im Raum hinzu, indem er ihn Horst ins Gesicht streckte.
„Darf ich dich an was erinnern, Ghandi?“
„Alles noch beim Alten bei euch, wie ich sehe“, knurrte es von der Tür.
„Günni!“, tönte es hochmotiviert aus der Kaffeeküche zurück.
„Das ging ja erfreulich schnell“, log Wolfgang zähnefletschend, um von seinem nassen Finger abzulenken.
„Horst“, stellte selbiger sich vor, um auch etwas beizusteuern.
„Hast was vergessen, Horst.“
Aber er war rechtzeitig aufgestanden, um den Rucksack zu fangen, der ihm mit einem schweren Umpf gegen die Brust flog. Und dann standen sie da mit einem Mal. Hoch-wie-breit-Günni mit der abgerissenen Jeansweste und der Mittagssonne im Rücken, und Horst, flankiert von Marcs Kaffeeweißerlächeln und von Wolfgang, der sich seinerseits erhob, bevor seine Knie sich gänzlich in Pudding verwandeln konnten.
Die Frage von letzter Nacht holte ihn wieder ein: Was hatte er sich dabei gedacht?
Warum war er mit einem Biker um den Block gegangen? Warum hatte er sich so einfach vor ihm geoutet, ohne an die Konsequenzen zu denken, die so etwas haben konnte? Warum hatte er sich bereiterklärt, sein heiliges Motorrad zu hüten? Warum hatte er mit ihm die Taxizeche geprellt, statt sich noch an Ort und Stelle zu entschuldigen? Warum ballte er die Fäuste, fest entschlossen, Horsts arbeitsloses Portemonnaie zu verteidigen? (Testkunde. Also ob!) War er über Nacht lebensmüde geworden?
„Sieh nach, ob alles drin ist“, grollte er.
„Penner“, spie Günni ihm entgegen. „Als ob ich’s nötig hätte.“
Jungs, nun macht mal h-“
Horst hob gebieterisch eine Hand. Irgendetwas passierte daraufhin mit der Luft. Marc vergaß das Ende seines Satzes. Das Kaffeegeschirr auf seinem Tablett klingelte leise vor sich hin. Wolfgang ballte die Fäuste fester, um auch etwas zum Festhalten zu haben.
Mit einem weiteren Umpf landete der schwere Rucksack zwischen Horsts zu leichtem Hochzeitsschuhwerk. Günni verschränkte die Arme vor der Brust und verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen.
„Wird schon stimmen, oder? So unter Ehrenmännern.“
„Hmm“, knurrte Günni zur Antwort.
„So ne wilde Seele kann jeden treffen, weißt du? Motorradfahren ist der friedliche Ausdruck davon.“
Wolfgang spürte die große, beruhigende Hand auf seinem Rücken und versteinerte. Horsts offenherziges Lächeln ging durch den Raum wie eine apokalyptische Schockwelle.
Günni verlagerte das Gewicht wieder auf den anderen Fuß und musterte Wolfgang aus verengten Augen. Wenn Bikerklischees gleichzeitig tot und lebendig sein konnten, konnten normalsterbliche Motorradfahrer dann auch mehrere Herzinfarkte gleichzeitig haben?
„Das nächste Mal zieh dir wenigstens Schutzkleidung an, Mann.“
Wie gern hätte Wolfgang ihm den Vogel gezeigt und ihm mitgeteilt, dass es ganz sicher kein nächstes Mal geben würde. Doch dazu hätte er den Mund öffnen müssen, und Töne herausbringen, und im Moment hätte er nicht einmal sagen können, ob seine Puddingknie ihn noch aufrecht hielten, oder ob er das einzig Horsts Hand zu verdanken hatte.
„Wie viel schulden wir dir?“, erkundigte sich deren Besitzer als wäre das alles ganz normal.
„Fuffi.“
„Von hier bis zum Festsaal macht 7,56 Mark“, hörte Wolfgang sich sagen.
„Ich bin aber nicht nur zu euch gefahren“, entgegnete Günni langsam und verschränkte die Arme fester.
„Weiter zur Stephanstraße 2 in Porz sind 24,73. Macht 32,29 Mark insgesamt.“
Wo Günnis Mund gewesen war, bildete sich ein schmaler Strich.
„Wenn du gerade durchfährst“, knirschte er. „Aber Max-Planck ist gesperrt.“
„34,44 Mark.“
Horst wandte den Kopf zu ihm herum. Sein freundliches Lächeln verlor ein wenig an Festigkeit.
„Was mit Trinkgeld?“
„Gibt’s nur für zufriedenstellenden Service.“
Günni verlagerte das Gewicht. Einmal, zweimal…
„Vierzig.“
„Fünfunddreißig“, antwortete Wolfgang und verschränkte seinerseits die Arme vor der Brust, um besser auf sein Gegenüber herabsehen zu können.
„DEAL!“, schrie Marc und brachte das Kaffeetablett und sich selbst hinter den schützenden Schreibtisch.
„Perfekt“, sprang Horst ihm bei, indem er Wolfgang ein einziges Mal beschwichtigend über den Rücken strich. „Marc, wir brauchen da bitte ne Quittung zu, kriegst du das hin, Sportsfreund?“
Wolfgang erinnerte sich nicht mehr an viel von dem, was geschah, als Horsts Hand und das Adrenalin ihn plötzlich verließen und man sich daranmachte, die Formalitäten zu klären. Aber er schwor noch Jahre später, dass dies der Moment war, in dem seine weichen Knie und das unnachgiebige Herz die Aggregatszustände tauschten.

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