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Team: Melpomene + Pluto und Ouroboros
Challenge: Angst + Unter Freunden (Päckchen 9)
Fandom: Winnetou


Tabemohats lenkte sein Pferd gerade noch rechtzeitig an das seiner Mutter, um seine kleine Schwester aus ihren erschlaffenden Armen zu nehmen. Bevor er nur noch zusehen konnte wie sie vom Pferd rutschte. Mit seinen acht Jahren war er nicht in der Lage, ihr zu helfen, selbst wenn er nicht mit Pferd und Baby beschäftigt gewesen wäre.
So blieb ihm nur, ebenfalls vom Pferd zu steigen, wenn auch eleganter als seine Mutter es getan hatte. Immerhin hatten sie es zu dem kleinen See geschafft. Wasser war also da, sowohl zum Trinken, als auch um ihre fiebrige Stirn zu kühlen. Und natürlich um die Pferde zu tränken. Die hier auch endlich mal wieder saftiges Gras fanden statt sich nur mit dürren Halmen und Gräsern abzumühen, die sie die letzten Tage auf dem kargen Geröllboden gefunden hatten.
Zuerst aber sah er nach seiner Mutter. Sie war auf eine Stelle voll Moos geglitten. Hatte sie das noch bemerkt, und ihr Pferd absichtlich dahin gelenkt? Oder war es Zufall, oder die Hand eines schützenden Geistes gewesen? Auf jeden Fall erlaubte er sich einen erleichterten Seufzer. Immerhin hatte sie sich nicht weiter verletzt, soweit er erkennen konnte. Ein Griff an ihre Stirn bewies, dass er allerdings auch nicht zu sehr triumphieren durfte: sie war noch immer warm, viel zu warm. Vorsichtig legte er die Schwester neben seine Mutter. Er brauchte seine Hände, und sie war noch immer am Schlafen. Auch eigentlich schon zu lange. Auch diesen Gedanken verdrängte er, wie schon den an die Temperatur seiner Mutter. Er musste sich kümmern. Die Pferde an das Wasser führen. Glücklicherweise sträubten sie sich nicht, so durstig wie sie waren folgten sie willig dem Geruch von Wasser. Die kurze Strecke zum See war schnell überwunden, die Pferde tranken, und er nahm die Trinkschläuche und füllte sie. Dann wieder zurück zu seiner Mutter und Schwester, einen Schlauch quer über seinen Schultern. Warten bis die Pferde fertig waren würde zu lange gehen. Seine Mutter hatte ihm am vergangenen Abend ihr letztes Wasser gegeben, selbst also seit Mittag nicht mehr getrunken. Etwas, das er erst bemerkt hatte als ihr der Schlauch vom Mund gerutscht war und nichts heraus tropfte. Sie hatte ihn angelogen als sie ihm den einen Schlauch gegeben hatte, mit den Worten „Ich nehme den Rest von diesem hier, du kannst unbesorgt trinken!“
Mühsam flößte er ihr ein paar Schlucke ein. Sie aufstützen, Wasser in den Mund, und den Hals massieren bis sie schluckte. Er erinnerte sich daran, nicht zu viel auf einmal zu geben, kühlte noch etwas ihre Stirn mit mehr Wasser. Jetzt konnte er ja leicht noch mehr holen.
Nachdem er auch noch etwas gegessen hatte kamen dann allerdings die ganzen Gedanken wieder, die er bis dorthin verdrängt hatte. An den Abend an dem sein Onkel, der Bruder seines kürzlich verstorbenen Vaters, in ihr Zelt gekommen war. Er hatte mir seiner Mutter gesprochen, laute Worte. Er wusste dass er nicht hätte lauschen dürfen, aber er hatte es ja gar nicht versucht. Sein Onkel war nur so laut gewesen dass er gar keine andere Wahl hatte. Vermutlich hatte er gar nicht darauf geachtet, so wie er stank hatte er Feuerwasser getrunken.
Nachdem der wieder gegangen war, hatte seine Mutter ihn aufgefordert die Sachen zusammen zu suchen und zu einem Bündel zu schnüren auf die er nicht verzichten konnte. Es war nicht viel. Eine Decke, sein Messer, sein Tomahawk mit dem ihm sein Vater bereits die ersten Bewegungen gezeigt hatte. Nach kurzem Nachdenken noch seine Puppe – eigentlich war er bereits zu alt dafür, aber es war ein Geschenk seines Vaters gewesen, und bald könnte er sie an seine Schwester weiter geben. Dann hätte auch die eine Puppe von ihrem Vater bekommen. Wenn auch durch die Hände ihres älteren Bruders.
Am nächsten Tag, als sein Onkel dann mit den anderen Jägern aufgebrochen war noch weitere Bisons zu schießen und herbei zu bringen, machten sie sich zu dritt auf zu den Pferden. Niemand hinderte sie daran, davon zu reiten, sie waren ja keine Gefangenen. Der einzige der ein Recht hatte sich einzumischen war der Onkel. Mit Glück käme er erst am Abend wieder, spät am Abend. Oder an einem anderen Tag, manchmal mussten die Büffel eine Weile verfolgt werden, selbst vom Jagdlager aus. Die Hoffnung, dass ein Unfall ihn ereignete, und er gar nicht wieder käme, die vergrub Tabemohats schnell. Sein Vater würde ihn dafür schelten, immerhin war Pahayoko doch mit ihm verwandt, und älter.
Vor ihm waren sie geflohen, seine Mutter wollte ihn nicht heiraten.
Aber dann war seine Mutter krank geworden. Eine Verletzung die sie sich an einem ihrer ersten Abende, als sie nach Kaninchen jagte, geholt hatte. Eigentlich hatte es nicht schlimm ausgesehen, aber mit der Zeit war der kleine Riss feurig rot geworden, ihre Augen hatten angefangen zu glänzen, und obwohl sie versucht hatte, es ihm zu verheimlichen, wusste er, dass es ihr immer schlechter ging.
Ohne weitere Ablenkung fiel es ihm schwer, seine aufkommende Panik zu bekämpfen. Seine Mutter war krank, es ging ihr immer schlechter, und seit ihrem Sturz vom Pferd war sie auch nicht mehr zu sich gekommen. Seine Schwester war ebenfalls geschwächt. Sie trank noch von der Brust der Mutter, und so weit er sehen konnte hatte auch diese unter der Krankheit der Mutter und dem Mangel an Wasser gelitten. Und gerade gestern noch hatte die Mutter ihn darauf hingewiesen dass sie heute Mescalero-Land erreichen würden. Dieser See gehörte schon dazu, lag aber noch sehr am Rande. Immer geradeaus würden sie in ein paar weiteren Tagen bestimmt die ersten Jägergruppen treffen. Als er gefragt hatte, warum ausgerechnet Mescalero-Apachen, wie konnten sie nur zu ihren Feinden fliehen, hatte sie ihm nur eine Antwort gegeben: Winnetou. Ein Name, den er oft gehört hatte, voll Wut und Hass, aber auch widerwilliger Bewunderung. Manchmal sogar nicht ganz so widerwillig. Schiba-bigk, der Sohn Tevuah-schohes, hatte ganz offen davon gesprochen wie er Old Shatterhand und Winnetou getroffen hatte. Wie sie ihn unterstützt hatten seinen Vater zu rächen, und es tatsächlich zu einer Allianz zwischen Komantschen und Apachen gekommen war. Aber viele der älteren Krieger und Häuptlinge anderer Gruppen, die dem alten Häuptling aufgrund seiner Taten und seiner Erfahrungen gefolgt waren, aber keine solche Loyalität zu seinem jungen Sohn aufbrachten, sprachen dagegen. Dass Tevuah-schohe ein Freund eines Weißen war, war ihnen schon ein Gräuel, dass dieser auch noch durch seine Blutsbrüderschaft mit Winnetou ein Apache war brachte diese Krieger doppelt auf. Ein Gefühl, das sich langsam durchsetzte. Aber sein Vater hatte anders empfunden, und vielleicht war das der Grund, dass seine Mutter dorthin wollte. Vielleicht waren er und sein Vater eine Art Freund geworden, und seine Mutter wusste davon. Aber so wie es im Moment aussah, würde er die Antwort nicht erfahren. Seiner Mutter ging es immer schlechter, allmählich wurde sie unruhig – aber nicht auf eine Art, die auf ein baldiges Erwachen hindeutete. Eher so, als wäre sie in einem Alptraum gefangen.
Was sollte er tun? Zurück konnte er nicht, und voraus – wie würde er aufgenommen? Er war zu alt, um Apatsche zu werden, er war ein traditioneller Feind. Vielleicht wenn seine Mutter jemand kannte würde das ignoriert werden, aber wenn er allein kam? Oder nur mit seiner Schwester? Die wäre dort in Sicherheit, Babys wurden adoptiert. Aber was würde mit ihm passieren? Er kühlte die Stirn seiner Mutter, und hoffte, dass es nicht soweit kam.
Plötzlich knackte es hinter ihm. Er griff nach dem Gewehr seines Vaters – immerhin hatte er ein oder zwei mal daraus geschossen, und er wusste, dass seine Mutter es geladen hatte. Besser als gar keine Waffe. Oder den Tomahawk, den er nur im Nahkampf verwenden konnte.
Ein Indianer stand vor ihm. Ein Komantsche? Nein. Es musste ein Mescalero-Apatsche sein, so selbstverständlich wie er hier stand. Erwachsen, mit langen Haaren, einem Medizinbeutel und einer Friedenspfeife um den Hals. Ein aufwendig genähter Lederanzug aus weiß gegerbtem Hirschleder, mit Stachelschweinborsten verziert – er musste entweder sehr wichtig sein, oder mit einer hervorragenden Lederarbeiterin verwandt. Auch seine Schuhe waren aufwendig gearbeitet, mit feinen Perlen bestickte Mokassins. Keine Adlerfeder war an ihm zu sehen, also war er wohl kein Häuptling. Er hatte immerhin keine Waffe in der Hand.
„Bleib stehen! Wer bist du?“ rief Tabemohats ihm zu, erschrocken vor seiner eigenen Frechheit gegenüber einem Älteren. Aber es ging um seine Mutter, der Neuankömmling konnte ja ein Feind sein.
„Ich bin Winnetou. Und wie heißt mein junger Bruder?“
Winnetou? Konnte das sein? Und wenn ja, was würde er tun, wenn er erfuhr dass sie Komantschen waren? Tabemohats zögerte. Und entschloss sich, seiner Mutter zu vertrauen.
„Mein Vater nannte mich Tabemohats.“ Das Eingeständnis, dass er sich noch keinen Kriegernamen verdient hatte. „Aber wenn du Winnetou bist, bist du ein Häuptling. Wieso trägst du keine Abzeichen, keine Adlerfeder?“
„Ich bin Winnetou. Wenn du dein Gewehr herunter nimmst, werde ich meinen Gefährten rufen. Er hat mein Gewehr – vielleicht hast du von diesem schon gehört?“
Tabemohats musste überlegen – aber dann fiel es ihm ein. Die „Silberbüchse“. Ein Gewehr, beschlagen mit silbernen Nägeln. Er nickte, und senkte den Lauf des Gewehrs. Wenn der andere nicht allein war, war es sowieso sinnlos. Mehr als einen Schuss konnte er unmöglich tun. Und falls er seinen Gegenüber damit tötete, würde dessen Gefährte ihn sicher rächen.
Kaum zeigte der Lauf auf den Boden, verließ ein weiterer Mann das Gebüsch. Ein Weißer, in gleicher Kleidung wie sein Gefährte. Mit zwei Gewehren über der Schulter – und einem weiteren quer in der Hand. Als wollte er offensichtlich machen, dass er es nur zeigte. Die Silberbüchse. Das waren also Winnetou und Old Shatterhand, den nur letzterem würde Winnetou sein berühmtes Gewehr anvertrauen.
„Wenn Tabemohats erlaubt, werde ich nach der Frau sehen.“ bemerkte Winnetou. Während er schon einen Schritt in Richtung seiner Mutter tat.
Tabemohats senkte den Kopf, dem Häuptling etwas zu verweigern kam ihm verwegen vor. Auch wenn er nicht wusste, was der tun wollte oder konnte.
Der Weiße war mittlerweile zu ihm getreten.
„Winnetou ist auch ein großer Kenner von Krankheiten und Medizinen. Vielleicht kann er deiner Mutter helfen.“
Tabmohats Blick schnellte auf. Er hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben, etwas das ihm erst jetzt bewusst wurde, wo Old Shatterhands Worte sie ihm zurück gaben. Er sah zu Winnetou, der inzwischen an der Seite seiner Mutter kniete, sie untersuchte.
Er nickte ihnen zu. „Ich kenne ein Kraut. Ich gehe, es zu suchen.“
Noch bevor Tabemohats die Worte verarbeitet hatte, konnte er Winnetou nicht mehr sehen. Dann spürte er eine Hand auf seiner Schulter.
„Ihr seid jetzt in Sicherheit, unter Freunden.“
„Ich bin ein Komantsche.“ platzte es aus ihm heraus.
„Das wissen wir. Und es spielt keine Rolle.“

Date: 2020-09-20 08:54 pm (UTC)
From: [identity profile] cricri-72.livejournal.com
Und hier dasselbe: Päckchen 9 und alle drei Teams (unseres, Pluto und Ouroboros)

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