Angst - unter Freunden - fürs Team
Sep. 3rd, 2020 10:48 amTeam: Ouroboros
Challenge: Angst – Unter Freunden (Päckchen folgt)
Fandom: Tatort Saarbrücken – die neuen, traurigen! (Ich fürchte, ich brauch ein Tag)
Titel: Geständnis
Inhalt: Leo nimmt Adam mit nach Hause und sie führen ein trauriges Gespräch.
Anmerkung: Zur Ehrenrettung wenigstens eine Story in der Sommerchallenge! Hurra!
Geständnis
„Ich hab die ersten zwei Jahre an der Uni nur gesoffen.“
Leo knallt das Glas auf den Tisch. Der Schnaps lässt seine Augen tränen und seine rissigen Mundwinkel reichen mittlerweile fast bis zum Ohrläppchen. Adam hat anscheinend Brennspiritus an der Tanke gekauft. Nichts kann der.
„War schön?“
Adam sitzt ihm im Halbdunkel seines Wohnzimmers gegenüber und Leo muss sich immens anstrengen, um ihn zu sehen. Adams Pulli verschmilzt förmlich mit der Umgebung und durch den leichten Schleier, der so langsam Leos Blickfeld eintrübt, sieht es so als, würde Adams Kopf frei im Raum schweben.
Er hatte Adam eigentlich nur an seinem Elternhaus abgesetzt, und wollte nach Hause fahren, um die Decke anzustarren, und endlich mal über die letzten paar Wochen nachzudenken.
Über Esthers Sticheleien etwa, die immer noch an ihm nagen, oder der allmorgendliche Spießrutenlauf durchs Präsidium. Oder dass jemand ein Passfoto von Leo auf das Bild einer Sau geklebt, mit Rotstift „Kollegenschwein“ daneben geschrieben und das Kunstwerk an Leos Bürotür geklebt hat und mindestens die Frühschicht einfach so dran vorbeigelaufen ist).
Aber dann hatte er nicht mal den Wagen richtig gewendet, bevor Adam auf die Motorhaube gehauen und seine langen Beine wieder in Leos Auto verfrachtet hatte.
Leo hatte nichts gesagt sondern war einfach losgefahren - bis auf den Zwischenstopp an der Tankstelle direkt zu sich nach Hause.
Auch jetzt weiß Leo nicht, was er sagen soll, der Mut und auch die Ideen fehlen ihm. Wie erzählt man jemandem sein ganzes Leben, zwischen Achtzehn und Mitte Dreißig? Ein Leben, von dem Adam nichts weiß, nichts wissen kann, außer wenn er Leos Akte gelesen hätte, aber das gehört sich nicht (und Leo hat das nicht gemacht).
Man will den Werdegang seines ehemals besten Freundes schließlich nicht in Times New Roman, Schriftgröße 12, zwischen den Deckeln eines Leitz-Ordners nachverfolgen müssen, oder?
Eigentlich will er, dass Adam ihm erzählt, wie es ihm so geht oder auch ging, in den letzten fünfzehn Jahren, aber Adams schwebender blonder Schädel stiert ihn bloß erwartungsvoll an.
„Was“, fragt Leo. Ihm fällt ein, dass er ein Glas in der Hand hält. Es ist schon leer, und daran kann er sich nicht mehr erinnern.
Adam schnaubt und wirft der Schnapsflasche einen verächtlichen Blick zu. „Du verträgst doch gar nichts, oder“, fragt er, als wüsste er das nicht. Als hätte Adam ihn während der Klassenfahrt in der Toskana nicht davon abhalten müssen, auf einen Brunnen zu klettern und in das Fenster einer Eisdiele zu fallen, weil Leo einmal in seinem Leben cool sein wollte und die schlimm zusammengepantschte Bowle von Antonia fast auf Ex gekippt hatte. Als hätte Leo sich das alles nur eingebildet, und sie wären niemals Freunde gewesen.
„Nee“, sagt Leo, und dann fällt ihm wieder ein, was er erzählt hat: „War ziemlich scheiße, an der Uni.“
Das war es wirklich. Er hat sich durch ein paar Semester gemogelt, dann abgebrochen und dann ist er zur Polizei gegangen, wahrscheinlich weil er Adams Schatten gejagt hat.
Den fing er zwar nicht, aber mit der Zeit verblasste Adam und die Schmerzen in Leos Kopf wurden auch weniger. Er wuchs aus seiner Traurigkeit heraus, wie seine Mutter bei Leos Prüfungsfeier sagte, wahrscheinlich froh, dass es ihr erspart blieb, ihren Sohn in Therapie zu schicken, doch Leo wusste, dass er nicht herausgewachsen war, sondern er sich einfach um das adam-förmige Loch in seinem Herzen herum neu aufgebaut hatte, krumm und schief und mit wenigen, hauchdünnen Fäden beieinander gehalten.
Sie waren so hauchdünn, dass das Geräusch seiner nicht abgefeuerten Dienstwaffe gereicht hat, um sie zu zerreißen, und jetzt steigt Leo die Galle im Mund hoch. Er hat seine Kollegen verraten, er belügt seine Eltern seit fünfzehn Jahren und er hat einen Mann ins Koma geschlagen, und dann hat er seinen besten Freund verloren, und musste alleine klarkommen, mit all dem Dreck und all den schrecklichen Geheimnissen, und jetzt denkt er, genau jetzt ist der Punkt, wo alles zu viel wird.
Leo war schon immer weich.
Er weint, merkt er, und Adam sagt nichts dazu.
„Was ist mit dir passiert?“, bringt er schließlich hervor, um sein Schluchzen zu übertönen. weil gar nichts verblasst ist und er fast zwei Jahrzehnte auf seinen fehlenden Teil gewartet hat.
Adam antwortet immer noch nicht und Leo bewegt mühsam die Augen, um sicher zu gehen, dass sein Schädel nicht doch durch den Schleier davon geschwebt ist. Zum ersten Mal seit Adam wieder da ist, scheint er unsicher zu sein. Er bewegt die Finger, als wolle er nach Leos Glas oder seiner Hand greifen, doch er hält inne und zieht sich wieder in seinen schwarzen Pulli zurück.
„Nichts“, sagt er. „Mit mir ist nichts passiert. Ich bin bloß wieder da.“
Leo schnaubt, durch Tränen und Schnaps hindurch, und schiebt das Glas weg, bis es vom Tisch fällt. „Einfach so?“
„Einfach so.“ Adam bleibt sitzen, Adam starrt ihn an, Adam erklärt nichts. Er reißt ein Loch in Leos Leben, das er fünfzehn Jahre lang zugeschüttet hat, und dann kommt er wieder und macht alles zunichte und Leo ist so wütend, so enttäusch und so unendlich froh, dass er ihn wieder hat.
Vielleicht ist auch das so – unter Freunden.
Challenge: Angst – Unter Freunden (Päckchen folgt)
Fandom: Tatort Saarbrücken – die neuen, traurigen! (Ich fürchte, ich brauch ein Tag)
Titel: Geständnis
Inhalt: Leo nimmt Adam mit nach Hause und sie führen ein trauriges Gespräch.
Anmerkung: Zur Ehrenrettung wenigstens eine Story in der Sommerchallenge! Hurra!
Geständnis
„Ich hab die ersten zwei Jahre an der Uni nur gesoffen.“
Leo knallt das Glas auf den Tisch. Der Schnaps lässt seine Augen tränen und seine rissigen Mundwinkel reichen mittlerweile fast bis zum Ohrläppchen. Adam hat anscheinend Brennspiritus an der Tanke gekauft. Nichts kann der.
„War schön?“
Adam sitzt ihm im Halbdunkel seines Wohnzimmers gegenüber und Leo muss sich immens anstrengen, um ihn zu sehen. Adams Pulli verschmilzt förmlich mit der Umgebung und durch den leichten Schleier, der so langsam Leos Blickfeld eintrübt, sieht es so als, würde Adams Kopf frei im Raum schweben.
Er hatte Adam eigentlich nur an seinem Elternhaus abgesetzt, und wollte nach Hause fahren, um die Decke anzustarren, und endlich mal über die letzten paar Wochen nachzudenken.
Über Esthers Sticheleien etwa, die immer noch an ihm nagen, oder der allmorgendliche Spießrutenlauf durchs Präsidium. Oder dass jemand ein Passfoto von Leo auf das Bild einer Sau geklebt, mit Rotstift „Kollegenschwein“ daneben geschrieben und das Kunstwerk an Leos Bürotür geklebt hat und mindestens die Frühschicht einfach so dran vorbeigelaufen ist).
Aber dann hatte er nicht mal den Wagen richtig gewendet, bevor Adam auf die Motorhaube gehauen und seine langen Beine wieder in Leos Auto verfrachtet hatte.
Leo hatte nichts gesagt sondern war einfach losgefahren - bis auf den Zwischenstopp an der Tankstelle direkt zu sich nach Hause.
Auch jetzt weiß Leo nicht, was er sagen soll, der Mut und auch die Ideen fehlen ihm. Wie erzählt man jemandem sein ganzes Leben, zwischen Achtzehn und Mitte Dreißig? Ein Leben, von dem Adam nichts weiß, nichts wissen kann, außer wenn er Leos Akte gelesen hätte, aber das gehört sich nicht (und Leo hat das nicht gemacht).
Man will den Werdegang seines ehemals besten Freundes schließlich nicht in Times New Roman, Schriftgröße 12, zwischen den Deckeln eines Leitz-Ordners nachverfolgen müssen, oder?
Eigentlich will er, dass Adam ihm erzählt, wie es ihm so geht oder auch ging, in den letzten fünfzehn Jahren, aber Adams schwebender blonder Schädel stiert ihn bloß erwartungsvoll an.
„Was“, fragt Leo. Ihm fällt ein, dass er ein Glas in der Hand hält. Es ist schon leer, und daran kann er sich nicht mehr erinnern.
Adam schnaubt und wirft der Schnapsflasche einen verächtlichen Blick zu. „Du verträgst doch gar nichts, oder“, fragt er, als wüsste er das nicht. Als hätte Adam ihn während der Klassenfahrt in der Toskana nicht davon abhalten müssen, auf einen Brunnen zu klettern und in das Fenster einer Eisdiele zu fallen, weil Leo einmal in seinem Leben cool sein wollte und die schlimm zusammengepantschte Bowle von Antonia fast auf Ex gekippt hatte. Als hätte Leo sich das alles nur eingebildet, und sie wären niemals Freunde gewesen.
„Nee“, sagt Leo, und dann fällt ihm wieder ein, was er erzählt hat: „War ziemlich scheiße, an der Uni.“
Das war es wirklich. Er hat sich durch ein paar Semester gemogelt, dann abgebrochen und dann ist er zur Polizei gegangen, wahrscheinlich weil er Adams Schatten gejagt hat.
Den fing er zwar nicht, aber mit der Zeit verblasste Adam und die Schmerzen in Leos Kopf wurden auch weniger. Er wuchs aus seiner Traurigkeit heraus, wie seine Mutter bei Leos Prüfungsfeier sagte, wahrscheinlich froh, dass es ihr erspart blieb, ihren Sohn in Therapie zu schicken, doch Leo wusste, dass er nicht herausgewachsen war, sondern er sich einfach um das adam-förmige Loch in seinem Herzen herum neu aufgebaut hatte, krumm und schief und mit wenigen, hauchdünnen Fäden beieinander gehalten.
Sie waren so hauchdünn, dass das Geräusch seiner nicht abgefeuerten Dienstwaffe gereicht hat, um sie zu zerreißen, und jetzt steigt Leo die Galle im Mund hoch. Er hat seine Kollegen verraten, er belügt seine Eltern seit fünfzehn Jahren und er hat einen Mann ins Koma geschlagen, und dann hat er seinen besten Freund verloren, und musste alleine klarkommen, mit all dem Dreck und all den schrecklichen Geheimnissen, und jetzt denkt er, genau jetzt ist der Punkt, wo alles zu viel wird.
Leo war schon immer weich.
Er weint, merkt er, und Adam sagt nichts dazu.
„Was ist mit dir passiert?“, bringt er schließlich hervor, um sein Schluchzen zu übertönen. weil gar nichts verblasst ist und er fast zwei Jahrzehnte auf seinen fehlenden Teil gewartet hat.
Adam antwortet immer noch nicht und Leo bewegt mühsam die Augen, um sicher zu gehen, dass sein Schädel nicht doch durch den Schleier davon geschwebt ist. Zum ersten Mal seit Adam wieder da ist, scheint er unsicher zu sein. Er bewegt die Finger, als wolle er nach Leos Glas oder seiner Hand greifen, doch er hält inne und zieht sich wieder in seinen schwarzen Pulli zurück.
„Nichts“, sagt er. „Mit mir ist nichts passiert. Ich bin bloß wieder da.“
Leo schnaubt, durch Tränen und Schnaps hindurch, und schiebt das Glas weg, bis es vom Tisch fällt. „Einfach so?“
„Einfach so.“ Adam bleibt sitzen, Adam starrt ihn an, Adam erklärt nichts. Er reißt ein Loch in Leos Leben, das er fünfzehn Jahre lang zugeschüttet hat, und dann kommt er wieder und macht alles zunichte und Leo ist so wütend, so enttäusch und so unendlich froh, dass er ihn wieder hat.
Vielleicht ist auch das so – unter Freunden.
no subject
Date: 2020-09-05 07:19 am (UTC)[insert kermit.gif here]
Die Soemmerchallenge schaffte es doch immer wieder :D
Und die Geschichte ist auch sehr schön ... ich bin ja gespannt, ob der nächste Tatort Saarbrücken mit der ganzen Fanfiction mithalten kann ;)
no subject
Date: 2020-09-06 11:15 am (UTC)Ich kenne die beiden nicht, verpasse also Nuance und Hintergrund, aber das ist schön. Schön und atmosphärisch und so, so traurig. <3
Ich liebe den letzten Satz. Und ich liebe den ersten Satz, der ist so wunderbar du. :)
...Kann ich noch mehr an deine Ehre appellieren? Damit ich mehr lesen kann? :)