zu spät

Mar. 30th, 2008 05:17 pm
[identity profile] duathwen.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Konnte keinen USB-Stick finden *grummel*

Fandom: Original
Warnungen: niente
Challenges: #1 Abgelehnt; #4 Zeit
Rating: PG-13?
Wordcount: 850

Der Brief kam an einem Dienstag, lag einfach so zwischen den Rechnungen.
Du nahmst ihn aus der Post und legtest ihn auf meinen Schreibtisch, mitten in mein Chaos von steinharten Gummibärchen, angekauten Bleistiften und zerknüllten Papierbögen.

Ich kam erst um zehn Uhr nach Hause, weil ich vom Laden direkt in meinen Zeichenkurs ging und von dort aus weiter zu Anna, der ich ja noch die Abzüge der Fotos schuldete.
Der Aufzug funktionierte mal wieder nicht und ich musste die Treppen bis in den vierten Stock zu Fuß gehen.

Als ich in die Wohnung kam, lagst du auf der Couch im Wohnzimmer, starrtest auf den Bildschirm und misshandeltest den Controller in deiner Hand.
Fast wollte ich dich darauf hinweisen, dass das arme Ding ja nichts dafür kann, wenn du abkratzt, ließ es dann aber sein, holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank und setzte mich neben dich.

“Da ist ein Brief für dich gekommen”, erwähntest du ganz beiläufig, als sich gerade wieder eine CutScene einschaltete, die du schon zum zigsten Mal gesehen hattest. - Wie oft hast du das Spiel jetzt schon gespielt und wann schaffst du es endlich alle Sidequests zu erfüllen?

“Brief?”

“Ja, Irgendwas-College, Cambridge University.”

Ich erstarrte. November, es war November! Klar doch! Mein Mund war plötzlich trocken und ich brauchte einen großen Schluck Bier, um nicht zu zittern zu beginnen.

“Dann sollte ich den wohl aufmachen”, murmelte ich.

“Jup”, stimmtest du mir zu, lächeltest ein bisschen und starrtest wieder auf den Bildschirm.

Ich stand auf und lief orientierungslos durch den Raum.

“Wo…”, setzte ich an, aber du unterbrachst mich auch gleich.

“Am Schreibtisch!”, riefst du mir zu, bevor du dich wieder voll auf dein Spiel konzentriertest. Du spieltest an diesem Dienstag besser als sonst.

In meinem Zimmer thronte der verhängnisvolle Umschlag auf ein paar verworfenen Skizzen, und meine Hand zitterte leicht, als ich ihn aufhob. Ich stellte das Bier am und griff nach dem Brieföffner, hielt aber inne, bevor ich ihn aufmachte. Ich konnte das nicht alleine.

Also tapste ich zurück zu dir ins Wohnzimmer und setzte mich wieder neben dich. Du warfst mir einen Seitenblick zu und musstest glatt ein paar böse Schläge von einem Zombie einstecken.

“Fuck”, zischtest du und versuchtest noch irgendwas zu retten, musstest dich aber mit deinem Tod abfinden und vom letzten Speicherpunkt aus weiterspielen.

Da legtest du den Controller auf den Couchtisch und sahst mich fragend an.

“Mach du”, forderte ich dich auf und hielt die Den Umschlag und den Öffner hin.

“Schaffst du’s nicht allein?”, wolltest du amüsiert wissen, nahmst aber gehorsam die beiden Dinge in die Hände und wolltest den Brief gerade aufmachen, als ich dich mitten in der Bewegung aufhielt. Mir war plötzlich etwas eingefallen.

“Was, wenn die mich annehmen?”

Du lachtest laut auf.

“Das ist jetzt nicht dein ernst, du hast dich informiert und so weiter, oder?”
“Ja, klar, schon.” Ich zögerte. Ich wollte das nicht sagen. Aber ich musste wohl. “Was wird aus uns, wenn ich nach Cambridge gehe?”, setzte ich kleinlaut hinzu und senkte den Blick.

Dein Lächeln wurde weich und ein bisschen melancholisch. Du legtest Brief und Öffner beiseite, nahmst mein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger deiner rechten Hand, hobst es an und sahst mir in die Augen.

“Dann werden wir uns mit Telefonsex zufrieden geben müssen.”

Ich lief rot an, senkte den Blick wieder und forderte dich auf, den Brief aufzumachen.

Du tatest es, aber kaum, dass du den Briefbogen herausgenommen hattest, erstarb dein Lächeln.

“Was?”

Du reichtest mir den Brief und nahmst den Controller wieder in die Hand.

“We are sorry to tell you…” Abgelehnt.

Scheiße. Nicht mal ein Interview, nicht mal in Erwägung gezogen. Scheiße.

Du spieltest so halbherzig, dass du nach zwei Minuten wieder abkratztest und ich starrte einfach nur auf den Bildschirm. Du bekamst mit, dass ich wohl unter Schock stand- mein ganzer Studienplan war mehr oder weniger geplatzt. Cambridge war alles, was ich je gewollt hatte, ich hatte keinen beschissenen Plan B! - legtest den Controller wieder weg und nahmst mich in den Arm.

“Du kannst es nächstes Jahr wieder probieren”, flüstertest du in mein Ohr und strichst mir über das Haar.

Ich schüttelte den Kopf.

“Nein”, war alles, was ich herausbrachte. Es gab kein “reset” nach dem “game over“. Nicht für mich.

Da lehnte ich mich zurück, wischte mir die Augen aus und lächelte, obwohl mir nicht danach zu Mute war.

“Ich hab morgen Nachmittag Zeit, du wolltest doch Shoppen gehen, oder? Ich brauch Jeans und Ölfarben, gehen wir gemeinsam?”

Du warst dir nicht ganz sicher, was du sagen wolltest, nicktest dann aber.
“Morgen klingt gut. Da hab ich nur eine Vorlesung, die ich nicht unbedingt brauche.”

“Okay, wann treffen wir uns dann?”, fragte ich.

“Ich hol dich vom Laden ab, ist zwei okay?”, schlugst du vor.

“Komm um eins, dann können wir noch essen gehen und feiern, dass unsere Beziehung auf Zeit sich gerade verlängert hat”, scherzte ich.

Du nahmst mich wieder in die Arme und küsstest mich liebevoll. Deine Zunge strich tröstend über meine und ich wusste, dass es nicht so wichtig war, wo ich zeichnete, solange du zu Hause saßt und den Playstationcontroller zertrümmertest.

Date: 2008-03-30 07:29 pm (UTC)
From: [identity profile] wieldy22.livejournal.com
Irgendwie klingt Du-Perspektive in der Vergangenheit richtig seltsam =) Hat aber was süßes ;) Ich mag die Geschichte. Zuerst hatte ich gedacht, ich würde sie lieber mögen, wenn sie vor dem Öffnen des Briefes aufgehört hätte (offene Enden machen mich glücklich, denn happy ends finde ich kitschig aber insgeheim will ich sie mir zumindest als Möglichkeit offen halten), aber jetzt finde ich es doch gut so wie es ist.

Ich frage mich übrigens gerade, wer da welches Geschlecht hat :) Ich dachte, dass Ich weiblich ist und Du männlich, aber im Prinzip ist alles möglich...

Date: 2008-04-04 01:08 pm (UTC)
From: [identity profile] bridget-k.livejournal.com
Hi!

Ich finde das Präteritum in diesem Fall sogar richtig klasse! Das gibt deiner Story noch eine weitere Bedeutung und der Schreibstil wirkt irgendwie origineller.

Es hat auch einen Vorteil: Man ist gezwungen langsamer und genauer zu lesen und überliest damit keine wichtigen Details.

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