[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Fandom: Youtuber (Berliner Cluster)
Challenge: Kleidung: Ringelsocken (für das Mega-Team)
Personen: LeFloid, Frodo
Wörter: ~1500
Anmerkung: Fortsetzung zu A Guinea Pig's Rage. Der verzauberte Flo und der entnervte Frodo konsultieren die Hexe erneut.


Wieder lag das Haus in einem feinen, dunstigen Nebel vor ihnen. Es mochte damit zu tun haben, dass es heute den halben Tag über geregnet hatte oder dass die Sonne langsam hinter ihnen unterging. Und doch kam Max nicht umhin, den Dunst als etwas Sonderbares zu bemerken. Als würde dieser das Grundstück umgeben.

Max hob Flo aus der offenen Transportbox, die er nun stets auf dem Beifahrersitz hübsch angeschnallt mit sich herumfuhr, und bettete ihn sanft gegen seine Brust.
Flo klapperte mit den Zähnen.

„Ganz ruhig“, sagte Max, tätschelte das Meerschweinchenköpfchen und strich seinem plüschigen Freund die Wirbelsträhne zur Seite, damit sie nicht mehr halb in dessen rechtes Auge hing.

„Wir probieren's heute einfach mal damit, sie nich' anzuschreien. Vielleicht hilft das ja schon.“

Als er die Straße, die eigentlich ein matschiger Trampelpfad war, überquerte, bemerkte er Bewegungen im Augenwinkel. Auf dem Dach hockte eine Krähe, die ihn mit halb geöffnetem Schnabel beobachtete. Als er den Zaun des Vorgartens erreichte und auf den Klingelknopf drückte, legte der Vogel den Kopf schief und begann, wie eine lebendige Alarmanlage zu krächzen.

Max öffnete das Tor.
Irgendwo im Dickicht der verblühenden Dalien rechts schnuffte etwas. Erst, als Max sich umwandte und einen Blick über seine Schulter warf, konnte er den Igel erkennen.

„Würd' mich nich' wundern, wenn hier gleich 'n Wolf um die Ecke stratzt“, murmelte er.
Wenn er wieder zu Hause war, musste er unbedingt googeln, ob hier in der Nähe in letzter Zeit Menschen verschwunden waren. Die Ansammlung von Tieren rund um das Haus bescherte ihm Gänsehaut.

Das Geräusch der sich öffnenden Haustür halb in seinem Rücken schreckte ihn mit seiner Gewöhnlichkeit auf.

Die Frau trug regenbogenfarbene Ringelsocken unter einem kurzen, wollenen Kleid. Ihre Haare waren dunkelgrün.

Max musterte sie für den Bruchteil einer Sekunde und überlegte, ob er da eine andere Person vor sich hatte. Doch die Art, wie ein nahezu seliges Grinsen in ihre Züge kroch, erinnerte ihn an die Begegnung vor einigen Wochen.

„Frodo“, sagte sie freundlich und lehnte sich gegen ihren Türrahmen. „Und ich hab mir grad' gedacht, dass ich gerne mal wieder Besuch hätte!“

Er blinzelte sie an. Flo in seinen Armen gab ein winziges Grunzen von sich.

Max erklomm die drei Stufen zur Haustür, verlagerte sein Gewicht und grub mit der linken Hand in seiner Jackentasche nach dem Kekstütchen. Auffordernd hielt er es der Frau hin.
„Da“, sagte er und er klang weniger unwirsch als er eigentlich geplant hatte.
„Zimtplätzchen. Bisschen sandig. Wenn's um Kochkünste geht, haste den Falschen verzaubert.“

Sie schaute ihn zögernd an. Ihr Blick wanderte zu den Keksen.
„Zimtplätzchen“, wiederholte sie.

„Jaha“, erwiderte Max und streckte den Arm aus. „Ick werd' jetz' aber nich' vor dir auf die Knie gehen oder so!“

Sie musterte ihn wohlwollend, dann nahm sie ihm die Kekse ab.
„Würd ich dir auch nich' raten“, sagte sie und winkte ab. „Da machst du dir nur die Hose schmutzig. Kommt doch rein, ich hab eh gerade Tee gekocht!“


Von innen wirkte das Haus gleichzeitig gewöhnlicher und noch mystischer als von außen.
Auf dem Boden lagen staubige Laufteppiche. Von der holzvertäfelten Decke hingen an Bindfäden und Lederbändern Kristalle und getrocknete Blumen. Sie passierten eine kleine Küche, in die man brüchige Ikea-Möbel gestopft hatte und aus der es nach Garten und Bäckerei zugleich roch. Die Frau führte Max in ein helles Wohnzimmer mit schweren Vorhängen an den Fenstern und einem Billy-Bücherregal neben dem nächsten. In seinem Zentrum stand eine mehrteilige, leicht verwilderte Couchgarnitur mit einem hölzernen Kaffeetisch.
Auf einem Sessel lag auf einem Kissen die schwarze Katze mit den grünen Augen und blickte sie aufmerksam an.

Durch die Fenster und die geöffnete Terrassentür konnte man in den Garten hinaussehen. Es war ein für diese Gegend typisches, lang gezogenes Grundstück, welches aussah, als würde es direkt in einem Wald oder Hain enden. Blumen, Sträucher, Kräuter, Obstbäume säumten die engen Grasgänge.

Max brauchte eine Weile, ehe er sich davon erholt hatte, dass seine Gastgeberin aus ihrem Heim offensichtlich eine verdammte Märchenhexenhauskulisse gebaut hatte.

„Setzt euch doch hin“, hört er sie von hinter sich sagen.

Auf einem Tablett balancierte sie Teegeschirr und Zucker heran. Sie hatte Max' Plätzchen geradezu liebevoll auf einen Teller drapiert. Die Zuckerdose hatte die Form und Farbe einer kleinen Doctor Who-Tardis.



Grüner Tee?”, fragte die Frau. Sie setzte sich in den zweiten, katzenfreien Sessel und begann, das Geschirr zu sortieren.

„Also, sorry, aber...“Max setzte Flo vorsichtig auf seinem Schoß ab. “Zum Teetrinken sind wir nich’ wirklich gekommen.”

“Ich weiß”, entgegnete sie seelenruhig und er war wirklich nicht sicher, ob das Süffisanz oder ernst gemeinte Freundlichkeit war.
„Aber wenn wir schon mal welchen haben, können wir ihn ja auch trinken.“

Vom Rand des Tellers nahm sie ein Stück Karotte, das sie Flo hinhielt. Das Meerschweinchen drehte den Kopf weg und die Frau zuckte mit den Schultern.

„Also gut“, setzte Max an. „Hier sind wir. Für deine Genugtuung: Die letzten drei Wochen waren nich‘ besonders entspannt.“ Er zeigte auf das Meerschweinchen: „Seine Familie und Freunde denken schon, Flo wäre tot, die Arbeit leidet, das Internet stellt die übelsten Verschwörungstheorien auf und er treibt mich in den Wahnsinn.“ Er stutzte: „Okay, Korrektur: Wir treiben uns gegenseitig in den Wahnsinn.“
Er wandte sich der Frau voll und ganz zu. Sie schaute ihn auf dieselbe merkwürdig aufmerksame Art an wie die Katze, und trank dabei Tee.

„Das kann so nich‘ weitergehen! Was auch immer du willst – ich tu’s!“ Jetzt hatte er den Satz herausgewürgt und ihm wurde dabei weniger schlecht, als er vorher gedacht hatte. Vielleicht lag es daran, dass diese Situation so unglaublich grotesk war, wer wusste das schon.

„Entspann dich“, erwiderte sie. Sie schlug ihre Ringelsockenbeine übereinander und beugte sich zu ihm vor. „Das klingt ja fast schon so, als würdest du dich gleich prostitutieren wollen.“

„Will ich nich‘, keene Sorge!“
Sie lächelte sanft: „Unangemessener Scherz. Tut mir leid. Und wie siehst du das?“ Die Frage war eindeutig an Flo gerichtet.
Das Meerschweinchen blinzelte sie an. Ein Zögern ging durch Flo hindurch – Max konnte die sich verändernde Spannung in dem kleinen Körperchen fühlen – und dann reckte er ihr das Schnäuzchen entgegen.
„Oh“, machte die Frau. „Richtig.“
„Was?“, fragte Max.
Die Hexe antwortete ihm zunächst nicht. Sie nahm die Möhre vom Tisch und hielt sie dem Meerschweinchen erneut hin. Diesmal biss Flo zu, nahm ihr das Gemüse aus der Hand, legte es auf Max‘ Hosenbein ab und begann zu fressen, als würde ihn nichts anderes interessieren.
Mit einem Mal war es, als wäre er gar nicht mehr da. Max zog die Augenbrauen zusammen;
„Was hast du mit ihm gemacht?“
„Nichts. Jedenfalls nichts Neues. Ihr habt euch nur einen ungünstigen Zeitpunkt zum Reden ausgesucht.“

„Was soll denn das schon wieder heißen?!“

„In ein paar Tagen ist Vollmond.“
Max hatte bis dato immer gedacht, dass er sein Temperament meistens unter Kontrolle hatte. Bis zu diesem Gespräch hier;
„Wenn das hier irgendeine beknackte Hexengeheimsprache sein soll-“, setzte er polternd an. Er war so laut, dass das Meerschweinchen auf seinem Schoß vor Schreck die Karotte fallenließ.
Mit einem Mal stand die Frau vor ihm. Er wusste nicht, wie das so schnell geschehen konnte. Eben hatte sie noch in ihrem Sessel gehockt. Jetzt stand sie direkt vor ihm und er schaffte es nicht mehr, seinen wütenden Satz zu beenden.
„Lass mich ausreden“, sagte sie und die Worte hallten in ihm wider wie ein Befehl, gegen den sein Körper sich nicht wehren konnte.

„Der Zauber ist an die Mondenergie gebunden, Frodo. In drei Tagen ist Vollmond und mit ihm ist der Zauber natürlich am stärksten.“
Sie trat einen Schritt zurück und Max fühlte sich, als ob sie von ihm abgelassen hätte. Dabei hatte sie ihn gar nicht angefasst.
Er brauchte eine Weile, ehe er seine Gedanken wieder sammeln konnte;
„Wie jetzt? Dann ist er am meerschweinchen’sten?“
„Ganz genau.“

Max sah auf das Tier herab.
Dafür war er nicht hergekommen. Er hatte Flo zurückhaben wollen – nicht noch mehr verlieren. Etwas Unsichtbares, Enges legte sich um seinen Brustkorb und schnürte ihn langsam zu.
„Er wird verschwinden“, murmelte er mit Grabesstimme. „Und alles, was bleibt, ist dieses Nagetier?“

„Kein Grund, so theatralisch zu sein“, erwiderte die Hexe. Sie ließ sich wieder in den Sessel fallen, nahm ein Plätzchen und schob es sich in den Mund.
„Dein Freund ist etwas Wahrhaftiges, das kann keine Hexe der Welt verschwinden lassen. Mit dem abnehmenden Mond wird der Zauber wieder abgeschwächt. Es ist ein Zyklus. Aber okay, dafür habt ihr Typen nicht so groß ein Gefühl.“ Sie winkte ab. „So schlecht sind die Kekse übrigens gar nich'.“

„Du wirst ihn nich' zurückverwandeln.“ Es war keine Frage. Er sprach nur aus, was er langsam begriff.

Die Frau nickte.

„Mit einer so starken Mondenergie ließe sich das jetzt eh nich‘ machen“, sagte sie. „Und außerdem seid ihr noch lange nicht so weit, Frodo. Hast du wirklich gedacht, wenn ihr nach drei Wochen hier anklopft und mal kurz nett seid, kriegt ihr, was ihr wollt?“
Sie schaute ihn mit einem Ausdruck an, der fast schon an Mitleid grenzte.

Die Katze im Sessel gegenüber gähnte.
Vielleicht, weil sie wusste, dass die Vorstellung fürs erste vorbei war.

Date: 2020-08-22 08:06 am (UTC)
From: [identity profile] cricri-72.livejournal.com
Awwwww ... klasse! Ich habe gerade die ganzen Geschichten in einem Rutsch gelesen und mich sehr amüsiert <3 Außerdem bin ich jetzt natürlich sehr gespannt, wie's ausgeht ...

Edit: Am meerschweinchen'sten ist ein genialer Titel :D
Edited Date: 2020-08-22 08:08 am (UTC)

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