Titel: 3 Stunden
Challenge: Sci-Fi/Fantasy - Feuchte Augen (Päckchen #9)
Fandom: Original | Fortsetzung von Licht
Sprache: Deutsch
Wörter: 1.600
Team: Team Ouroboros mit Team Pluto & Team Melpomene
Kommentar: Für
alea und
der_jemand, die mich jede Woche auf’s Neue motivieren! :D Tschakka!
Will merkte erst, dass er auf seinem Bleistift herumkaute, als er die Mine erreichte und sich der widerliche Geschmack in seinem Mund bemerkbar machte.
3 Stunden
Will merkte erst, dass er auf seinem Bleistift herumkaute, als er die Mine erreichte und sich der widerliche Geschmack in seinem Mund bemerkbar machte.
Er spuckte den Stift aus und spülte mit einem Glas Wasser nach. Zum Glück enthielten Bleistifte schon seit Jahrhunderten kein Blei mehr.
Dann wandte er sich wieder den Papieren auf seinem Schreibtisch zu. Die Rechnung erstreckte sich über mehrere Blätter. Auf dem letzten hatte er das Ergebnis unterstrichen und inzwischen mehrmals umkringelt.
Es war genau das gleiche Ergebnis wie bei den letzten zwei Malen.
Es war auch das gleiche Ergebnis, das ihm der Bordcomputer schon vor Stunden mitgeteilt hatte. Üblicherweise hatte Will ein nicht sonderlich starkes Misstrauen in Technik. Seiner Meinung nach hätte er sonst auch seinen Beruf verfehlt. Andererseits kannte er auch genug Leute, die Technik misstrauten, gerade weil sie sich damit auskannten. Nichts machte einen so paranoid wie zu wissen, dass die Software von Raumschiffen unter der Haube üblicherweise in etwa so schlimm aussah wie eine bereits mehrfach wieder zusammengeflickte Commerson.
In seiner Ausbildung hatte Will mehrere Jahre damit verbracht, zu lernen, wie man komplexe Gleichungen aufstellte und löste. Dann hatte man ihn in ein Raumschiff mit einem Bordcomputer gesetzt, der die gleiche Arbeit innerhalb weniger Sekunden erledigte. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal etwas per Hand ausgerechnet hatte.
Aber üblicherweise hoffte er auch nicht, dass der Bordcomputer sich irrte.
Es war außerdem ein deutlich angenehmerer Zeitvertreib, als im Maschinenraum auf und ab zu wandern und gelegentlich einem Schraubenzieher auszuweichen. Mathematik erforderte die gesamte Konzentration; es blieb kein Platz für Horrorszenarien, wenn der gesamte Kopf mit Zahlen ausgefüllt war.
Aber man konnte eine Rechnung auch nur so oft ausführen, bis man sich lächerlich vorkam.
Drei Mal war er das Problem von unterschiedlichen Seiten angegangen, und drei Mal war er bei exakt dem gleichen Ergebnis gelandet. Es war Zeit, der Wahrheit ins Auge zu blicken, auch wenn sie ihm nicht gefiel.
Er raffte die Blätter der letzten Rechnung zusammen und machte sich auf den Weg zur Brücke.
Die Aletheia folgte üblicherweise dem Tag- und Nachtrhythmus von Agricola, einem Planeten im Zentrum des Oranischen Imperiums. Nach dieser Vorgabe hätten sie jetzt alle in ihren Kojen schlafen sollen, bis auf eine Person, die auf der Brücke Wache hielt, um die Crew im Falle eines unvorhergesehenen Ereignisses alarmieren zu können.
Nur waren sie gerade in der Mitte eines solchen unvorhergesehenen Ereignisses.
Reyna hatte zwar angeordnet, dass jeder, der gerade keine wichtigen Aufgaben ausführte, die Gelegenheit zum Schlafen nutzen sollte. Aber als Will die Brücke betrat, waren sie dennoch alle anwesend.
Ellie hatte einen Kompromiss gefunden, in dem sie sich auf ihrem Stuhl zusammengerollt hatte. Sie hatte die Augen geschlossen und atmete in gleichmäßigem Rhythmus. Irgendwer hatte eine Wolldecke über sie ausgebreitet.
An ihrer Stelle hatte Javier den Funk übernommen. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt und sah aus, als wäre er irgendwo zwischen Schlaf- und Wachzustand, während seine Finger rhythmisch auf den Sender tippten.
Reyna selbst ignorierte ihre eigene Anweisung, indem sie in ihrem Sessel saß und in den Weltraum hinausstarrte.
„Captain“, sagte er in die Stille hinein. „Auf ein Wort.“
Sie sah ihn an, als wäre er jetzt gerade die letzte Person, mit der sie sprechen wollte. (Was, wie er zugeben musste, vollkommen nachvollziehbar war. Unter diesen Umständen wäre er auch die letzte Person gewesen, mit der er hätte sprechen wollen.) Aber dann seufzte sie nur und hievte sich aus ihrem Sessel, um ihm auf den Gang hinaus zu folgen.
Dort drückte er ihr die Blätter mit der Rechnung in die Hand. Sie zog irritiert die Augenbrauen zusammen. „Was soll mir das mitteilen?“
„Das“, er deutete auf sein mehrfach hervorgehobenes Ergebnis, „ist die Anzahl der Minuten, die uns noch bis zum Point of no Return bleiben.“
Sie starrte für einen Moment die Zahl an. „Bist du sicher?“
„So sicher, wie ich mir jemals bei etwas war.“
Sie presste die Lippen zusammen. „Scheiße.“
Er fühlte den Drang, sich zu erklären. „Tatsächlich ist die Rechnung recht einfach. Die Masse der beiden Schiffe sowie die Schubkräfte der Aletheia sind konstant. Nur die Anziehung, die Phobos auf sie ausübt, wächst mit schwindender Distanz nach folgender Formel. Dabei übt Phobos auf die Elpis II aufgrund ihrer höheren Masse eine deutlich stärkere Anziehung aus. Aktuell zieht sie uns mit hinein, weil unsere Antriebe diese Kraft nicht vollständig neutralisieren können. Aber ab einem bestimmten Zeitpunkt überschreitet auch die Anziehung, die Phobos auf uns ausübt, diesen Wert. Selbst wenn wir uns dann dazu entscheiden, die Leinen zu kappen, könnten wir uns nicht mehr aus eigener Kraft befreien. Wir würden unseren Sturz damit lediglich verlangsamen.“
Reyna nickte langsam.
„Unsere einzige Hoffnung wäre dann eine Rettung von außen“, schloss er ab.
Er konnte sehen, wie sie nachdachte. „Unsere Chancen stehen deutlich besser als die der Elpis II“, sagte sie dann. „Wir sind leichter, und unsere Triebwerke sind funktionsfähig. Es gibt viele Schiffe da draußen, die uns abschleppen könnten.“
Er fühlte sich dazu verpflichtend, dem eine Dosis Realismus entgegenzusetzen. „Aber Captain, mit Verlaub, wir sind auch ein Oranisches Militärschiff in Internationalem Luftraum. Wir haben nicht gerade viele Freunde hier. Es reicht nicht, geeignete Schiffe in Reichweite zu haben, die müssen auch kommen wollen.“
„Die Panacea ist gekommen“, erinnerte sie ihn.
„Aber sie haben es auch klar gemacht, dass sie nicht das Leben von den tausend Kolonisten riskiert werden, die sie an Bord haben, nur um fünf Oraniern den Arsch zu retten.“
Er nahm einen tiefen Atemzug. „Und da ist noch etwas.“
„Natürlich“, sagte Reyna.
„Die Panacea hat uns durch ihren Schutz kostbare Zeit verschafft, aber der meiste Treibstoff wird durch unsere Triebwerke verbrannt. Bevor Phobos uns verschlingen kann, wird der uns ausgehen. Dann bleibt nicht mehr viel Zeit für Rettungsaktionen.“
„Wie viel Zeit würden wir dadurch der Elpis II noch verschaffen?“
Er zog die Schultern hoch. „Nicht viel. Eine Stunde, vielleicht zwei.“
Sie schwieg, während sie langsam seine Zettel zusammenfaltete, um sie dann in der Brusttasche ihrer Uniform zu verstauen. „Ich verstehe.“
Sie wandte sich wieder in Richtung Brücke, aber er hielt sie mit einer Hand am Arm auf. „Captain, das kann niemand von uns verlangen.“
„Nein.“ Sie sah ihn ernst an. „Aber vielleicht sollten wir es von uns verlangen.“
Das Zischen der sich öffnenden Türen ließ sie beide herumfahren. „Ich unterbreche eure deprimierende Lagebesprechung ja nur ungern“, sagte Javier, „aber Will hat mal wieder unrecht.“ Er sah geradezu unverschämt zufrieden mit sich aus.
„Womit?“, fragte Will sofort.
„Ein Tanker mit 50.000 Tonnen erstklassigem Treibstoff ist gerade von Pothohar 2 auf dem Weg zu uns.“
Will drängte sich an ihm vorbei zurück auf die Brücke. „Was für ein Schiff?“
Javier folgte ihm und glitt in den Stuhl vor der Funkkonsole, bevor Will ihn besetzen konnte. „Die Hestia, ein Tanker der Alpha-Klasse.“
Er überschlug die Distanz im Kopf. „Die sind nie rechtzeitig hier. Ein Schiff dieser Größe macht maximal 25 Knoten.“
„Sie sagen, sie machen 35.“
„Das kann gar nicht sein. Die müssen sich irren.“
Javier zuckte mit den Schultern. „Das habe ich Ihnen auch gesagt. Darauf ließen sie ausrichten, das Militär hätte kein Monopol auf Ingenieure mit Grips im Kopf und sie würden ja wohl selber am besten wissen, wie schnell ihr Schiff gerade sei.“ Er grinste breit.
„Und wie kommen wir an diesen Treibstoff heran?“, fragte Reyna von hinten. „Sie werden sich uns nicht weit genug nähern können.“
„Deshalb haben sie eine kleine Vaquita dabei. Ich sage euch, die haben an alles gedacht.“
„Wir betanken also unser Schiff im freien Raum in den Ausläufern eines glühenden Sterns?“, fragte Will. „Klingt nach ‘ner spannenden Erfahrung.“
„Du hast auch immer etwas auszusetzen“, sagte Javier.
„Ich möchte gerne eine Ankündigung machen“, sagte Reyna, als sich eine Viertelstunde später alle auf der Brücke versammelt hatten. Selbst Melanie hatte sich lange genug von ihrer Maschine trennen können, aber nicht lange genug, um sich das Motoröl aus dem Gesicht zu wischen.
Reyna räusperte sich. Sie sah aus, als würde sie lieber woanders sein. „Unser Ingenieur hat mich vorhin darüber in Kenntnis gesetzt, dass uns noch 3 Stunden und 22 Minuten bleiben, bis wir eine Entscheidung treffen müssen. Entweder wir kappen die Leinen der Elpis II, um uns selbst zu retten, und nehmen dabei den beinahe sicheren Tod von 5.239 Zivilisten in Kauf. Oder wir verschaffen der Elpis II einige Stunden mehr Zeit und riskieren dafür unser eigenes Leben, wenn sich niemand rechtzeitig für eine Rettungsaktion einfindet.“
In der darauffolgenden Stille konnte man jedes Knirschen und Knarzen des Schiffes hören.
„Ich möchte, dass jeder von euch diese Entscheidung für sich trifft. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, werden wir darüber abstimmen. Jede Stimme ist gleich viel wert, Enthaltungen gibt es nicht. Wir sind fünf Menschen an Bord, also wird es in jeden Fall eine Mehrheit geben.“
„Ich dachte, Sie sagten, das sei hier keine Demokratie“, sagte Will.
Sie sah ihn an. „Das, was wir hier tun, hat nicht mehr sonderlich viel mit unserem offiziellen Auftrag zu tun. Also mache ich eine Ausnahme.“
Er nickte ihr zu.
„Außerdem“, fuhr sie fort, bevor die Versammlung sich auflösen konnte, „hat die Panacea angeboten, Nachrichten für uns an Verwandte oder Freunde weiterzuleiten, sofern wir dies wünschen. Bitte nehmt euch alle einen Augenblick Zeit, um darüber nachzudenken, ob ihr dieses Angebot wahrnehmen wollt.“
Niemand sagte etwas.
„Abtreten“, sagte sie leise, bevor sie ihnen den Rücken zuwandte.
Will sah sich in der Kabine um. Von Javiers Schalk war nichts mehr auf seinem Gesicht zu sehen, er sah einfach nur müde aus. Melanie kaute so sehr auf ihrer Unterlippe herum, dass diese bereits angefangen hatte zu bluten. Ellie, immer noch eingewickelt in ihre Decke, war den Tränen nahe.
Im Bild der Heckkamera lag die Elpis II groß und starr im Raum und starrte ihn schweigend an.
Challenge: Sci-Fi/Fantasy - Feuchte Augen (Päckchen #9)
Fandom: Original | Fortsetzung von Licht
Sprache: Deutsch
Wörter: 1.600
Team: Team Ouroboros mit Team Pluto & Team Melpomene
Kommentar: Für
Will merkte erst, dass er auf seinem Bleistift herumkaute, als er die Mine erreichte und sich der widerliche Geschmack in seinem Mund bemerkbar machte.
3 Stunden
Will merkte erst, dass er auf seinem Bleistift herumkaute, als er die Mine erreichte und sich der widerliche Geschmack in seinem Mund bemerkbar machte.
Er spuckte den Stift aus und spülte mit einem Glas Wasser nach. Zum Glück enthielten Bleistifte schon seit Jahrhunderten kein Blei mehr.
Dann wandte er sich wieder den Papieren auf seinem Schreibtisch zu. Die Rechnung erstreckte sich über mehrere Blätter. Auf dem letzten hatte er das Ergebnis unterstrichen und inzwischen mehrmals umkringelt.
Es war genau das gleiche Ergebnis wie bei den letzten zwei Malen.
Es war auch das gleiche Ergebnis, das ihm der Bordcomputer schon vor Stunden mitgeteilt hatte. Üblicherweise hatte Will ein nicht sonderlich starkes Misstrauen in Technik. Seiner Meinung nach hätte er sonst auch seinen Beruf verfehlt. Andererseits kannte er auch genug Leute, die Technik misstrauten, gerade weil sie sich damit auskannten. Nichts machte einen so paranoid wie zu wissen, dass die Software von Raumschiffen unter der Haube üblicherweise in etwa so schlimm aussah wie eine bereits mehrfach wieder zusammengeflickte Commerson.
In seiner Ausbildung hatte Will mehrere Jahre damit verbracht, zu lernen, wie man komplexe Gleichungen aufstellte und löste. Dann hatte man ihn in ein Raumschiff mit einem Bordcomputer gesetzt, der die gleiche Arbeit innerhalb weniger Sekunden erledigte. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal etwas per Hand ausgerechnet hatte.
Aber üblicherweise hoffte er auch nicht, dass der Bordcomputer sich irrte.
Es war außerdem ein deutlich angenehmerer Zeitvertreib, als im Maschinenraum auf und ab zu wandern und gelegentlich einem Schraubenzieher auszuweichen. Mathematik erforderte die gesamte Konzentration; es blieb kein Platz für Horrorszenarien, wenn der gesamte Kopf mit Zahlen ausgefüllt war.
Aber man konnte eine Rechnung auch nur so oft ausführen, bis man sich lächerlich vorkam.
Drei Mal war er das Problem von unterschiedlichen Seiten angegangen, und drei Mal war er bei exakt dem gleichen Ergebnis gelandet. Es war Zeit, der Wahrheit ins Auge zu blicken, auch wenn sie ihm nicht gefiel.
Er raffte die Blätter der letzten Rechnung zusammen und machte sich auf den Weg zur Brücke.
Die Aletheia folgte üblicherweise dem Tag- und Nachtrhythmus von Agricola, einem Planeten im Zentrum des Oranischen Imperiums. Nach dieser Vorgabe hätten sie jetzt alle in ihren Kojen schlafen sollen, bis auf eine Person, die auf der Brücke Wache hielt, um die Crew im Falle eines unvorhergesehenen Ereignisses alarmieren zu können.
Nur waren sie gerade in der Mitte eines solchen unvorhergesehenen Ereignisses.
Reyna hatte zwar angeordnet, dass jeder, der gerade keine wichtigen Aufgaben ausführte, die Gelegenheit zum Schlafen nutzen sollte. Aber als Will die Brücke betrat, waren sie dennoch alle anwesend.
Ellie hatte einen Kompromiss gefunden, in dem sie sich auf ihrem Stuhl zusammengerollt hatte. Sie hatte die Augen geschlossen und atmete in gleichmäßigem Rhythmus. Irgendwer hatte eine Wolldecke über sie ausgebreitet.
An ihrer Stelle hatte Javier den Funk übernommen. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt und sah aus, als wäre er irgendwo zwischen Schlaf- und Wachzustand, während seine Finger rhythmisch auf den Sender tippten.
Reyna selbst ignorierte ihre eigene Anweisung, indem sie in ihrem Sessel saß und in den Weltraum hinausstarrte.
„Captain“, sagte er in die Stille hinein. „Auf ein Wort.“
Sie sah ihn an, als wäre er jetzt gerade die letzte Person, mit der sie sprechen wollte. (Was, wie er zugeben musste, vollkommen nachvollziehbar war. Unter diesen Umständen wäre er auch die letzte Person gewesen, mit der er hätte sprechen wollen.) Aber dann seufzte sie nur und hievte sich aus ihrem Sessel, um ihm auf den Gang hinaus zu folgen.
Dort drückte er ihr die Blätter mit der Rechnung in die Hand. Sie zog irritiert die Augenbrauen zusammen. „Was soll mir das mitteilen?“
„Das“, er deutete auf sein mehrfach hervorgehobenes Ergebnis, „ist die Anzahl der Minuten, die uns noch bis zum Point of no Return bleiben.“
Sie starrte für einen Moment die Zahl an. „Bist du sicher?“
„So sicher, wie ich mir jemals bei etwas war.“
Sie presste die Lippen zusammen. „Scheiße.“
Er fühlte den Drang, sich zu erklären. „Tatsächlich ist die Rechnung recht einfach. Die Masse der beiden Schiffe sowie die Schubkräfte der Aletheia sind konstant. Nur die Anziehung, die Phobos auf sie ausübt, wächst mit schwindender Distanz nach folgender Formel. Dabei übt Phobos auf die Elpis II aufgrund ihrer höheren Masse eine deutlich stärkere Anziehung aus. Aktuell zieht sie uns mit hinein, weil unsere Antriebe diese Kraft nicht vollständig neutralisieren können. Aber ab einem bestimmten Zeitpunkt überschreitet auch die Anziehung, die Phobos auf uns ausübt, diesen Wert. Selbst wenn wir uns dann dazu entscheiden, die Leinen zu kappen, könnten wir uns nicht mehr aus eigener Kraft befreien. Wir würden unseren Sturz damit lediglich verlangsamen.“
Reyna nickte langsam.
„Unsere einzige Hoffnung wäre dann eine Rettung von außen“, schloss er ab.
Er konnte sehen, wie sie nachdachte. „Unsere Chancen stehen deutlich besser als die der Elpis II“, sagte sie dann. „Wir sind leichter, und unsere Triebwerke sind funktionsfähig. Es gibt viele Schiffe da draußen, die uns abschleppen könnten.“
Er fühlte sich dazu verpflichtend, dem eine Dosis Realismus entgegenzusetzen. „Aber Captain, mit Verlaub, wir sind auch ein Oranisches Militärschiff in Internationalem Luftraum. Wir haben nicht gerade viele Freunde hier. Es reicht nicht, geeignete Schiffe in Reichweite zu haben, die müssen auch kommen wollen.“
„Die Panacea ist gekommen“, erinnerte sie ihn.
„Aber sie haben es auch klar gemacht, dass sie nicht das Leben von den tausend Kolonisten riskiert werden, die sie an Bord haben, nur um fünf Oraniern den Arsch zu retten.“
Er nahm einen tiefen Atemzug. „Und da ist noch etwas.“
„Natürlich“, sagte Reyna.
„Die Panacea hat uns durch ihren Schutz kostbare Zeit verschafft, aber der meiste Treibstoff wird durch unsere Triebwerke verbrannt. Bevor Phobos uns verschlingen kann, wird der uns ausgehen. Dann bleibt nicht mehr viel Zeit für Rettungsaktionen.“
„Wie viel Zeit würden wir dadurch der Elpis II noch verschaffen?“
Er zog die Schultern hoch. „Nicht viel. Eine Stunde, vielleicht zwei.“
Sie schwieg, während sie langsam seine Zettel zusammenfaltete, um sie dann in der Brusttasche ihrer Uniform zu verstauen. „Ich verstehe.“
Sie wandte sich wieder in Richtung Brücke, aber er hielt sie mit einer Hand am Arm auf. „Captain, das kann niemand von uns verlangen.“
„Nein.“ Sie sah ihn ernst an. „Aber vielleicht sollten wir es von uns verlangen.“
Das Zischen der sich öffnenden Türen ließ sie beide herumfahren. „Ich unterbreche eure deprimierende Lagebesprechung ja nur ungern“, sagte Javier, „aber Will hat mal wieder unrecht.“ Er sah geradezu unverschämt zufrieden mit sich aus.
„Womit?“, fragte Will sofort.
„Ein Tanker mit 50.000 Tonnen erstklassigem Treibstoff ist gerade von Pothohar 2 auf dem Weg zu uns.“
Will drängte sich an ihm vorbei zurück auf die Brücke. „Was für ein Schiff?“
Javier folgte ihm und glitt in den Stuhl vor der Funkkonsole, bevor Will ihn besetzen konnte. „Die Hestia, ein Tanker der Alpha-Klasse.“
Er überschlug die Distanz im Kopf. „Die sind nie rechtzeitig hier. Ein Schiff dieser Größe macht maximal 25 Knoten.“
„Sie sagen, sie machen 35.“
„Das kann gar nicht sein. Die müssen sich irren.“
Javier zuckte mit den Schultern. „Das habe ich Ihnen auch gesagt. Darauf ließen sie ausrichten, das Militär hätte kein Monopol auf Ingenieure mit Grips im Kopf und sie würden ja wohl selber am besten wissen, wie schnell ihr Schiff gerade sei.“ Er grinste breit.
„Und wie kommen wir an diesen Treibstoff heran?“, fragte Reyna von hinten. „Sie werden sich uns nicht weit genug nähern können.“
„Deshalb haben sie eine kleine Vaquita dabei. Ich sage euch, die haben an alles gedacht.“
„Wir betanken also unser Schiff im freien Raum in den Ausläufern eines glühenden Sterns?“, fragte Will. „Klingt nach ‘ner spannenden Erfahrung.“
„Du hast auch immer etwas auszusetzen“, sagte Javier.
„Ich möchte gerne eine Ankündigung machen“, sagte Reyna, als sich eine Viertelstunde später alle auf der Brücke versammelt hatten. Selbst Melanie hatte sich lange genug von ihrer Maschine trennen können, aber nicht lange genug, um sich das Motoröl aus dem Gesicht zu wischen.
Reyna räusperte sich. Sie sah aus, als würde sie lieber woanders sein. „Unser Ingenieur hat mich vorhin darüber in Kenntnis gesetzt, dass uns noch 3 Stunden und 22 Minuten bleiben, bis wir eine Entscheidung treffen müssen. Entweder wir kappen die Leinen der Elpis II, um uns selbst zu retten, und nehmen dabei den beinahe sicheren Tod von 5.239 Zivilisten in Kauf. Oder wir verschaffen der Elpis II einige Stunden mehr Zeit und riskieren dafür unser eigenes Leben, wenn sich niemand rechtzeitig für eine Rettungsaktion einfindet.“
In der darauffolgenden Stille konnte man jedes Knirschen und Knarzen des Schiffes hören.
„Ich möchte, dass jeder von euch diese Entscheidung für sich trifft. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, werden wir darüber abstimmen. Jede Stimme ist gleich viel wert, Enthaltungen gibt es nicht. Wir sind fünf Menschen an Bord, also wird es in jeden Fall eine Mehrheit geben.“
„Ich dachte, Sie sagten, das sei hier keine Demokratie“, sagte Will.
Sie sah ihn an. „Das, was wir hier tun, hat nicht mehr sonderlich viel mit unserem offiziellen Auftrag zu tun. Also mache ich eine Ausnahme.“
Er nickte ihr zu.
„Außerdem“, fuhr sie fort, bevor die Versammlung sich auflösen konnte, „hat die Panacea angeboten, Nachrichten für uns an Verwandte oder Freunde weiterzuleiten, sofern wir dies wünschen. Bitte nehmt euch alle einen Augenblick Zeit, um darüber nachzudenken, ob ihr dieses Angebot wahrnehmen wollt.“
Niemand sagte etwas.
„Abtreten“, sagte sie leise, bevor sie ihnen den Rücken zuwandte.
Will sah sich in der Kabine um. Von Javiers Schalk war nichts mehr auf seinem Gesicht zu sehen, er sah einfach nur müde aus. Melanie kaute so sehr auf ihrer Unterlippe herum, dass diese bereits angefangen hatte zu bluten. Ellie, immer noch eingewickelt in ihre Decke, war den Tränen nahe.
Im Bild der Heckkamera lag die Elpis II groß und starr im Raum und starrte ihn schweigend an.
no subject
Date: 2020-08-16 06:26 pm (UTC)Und das Drama nimmt zu. Ich sollte meine Fingernägel wachsen lassen, damit ich angespannt drauf kauen kann. Dennoch fühlt sich das verglichen mit der SciFi, die ich in letzter Zeit gelesen habe, noch angenehm hoffnungsvoll an. Ich warte auf das dicke Ende und hoffe gleichzeitig auf ein Happy End, auch wenn das wohl nur der Anfang eines neuen politischen Dramas wäre. xD
no subject
Date: 2020-09-26 06:22 pm (UTC)Hoffnungsvolle SciFi ist mein Ding, du darfst dich also auf ein nicht allzu trauriges Ende freuen (sofern ich irgendwann mal zum Ende komme...)
no subject
Date: 2020-09-26 08:28 pm (UTC)no subject
Date: 2021-05-02 03:28 pm (UTC)<3
Wer braucht was anderes überhaupt ...
no subject
Date: 2020-08-19 09:16 pm (UTC)Ich möchte dich ganz offiziell wissen lassen, dass ich bi all meiner Liebe für deprimierende und fatalistische SciFi und Konsequenzen nicht damit klarkommen würde, wenn du die Crew der Aletheia tötest. Just sayin'. Ich mag sie. Und gah, Will wächst mirimmer mehr ans Herz! Therapeutische Mathematik/Physik!
...Und ich schließe mich an, ich brauche Fingernägel zum Kauen. Ich weigere mich mögliches Scheitern zu akzeptieren, aber ich bin gespannt. Und warte auf die Hestia. <3
no subject
Date: 2020-09-26 06:10 pm (UTC)Bei Will hab ich tatsächlich eine Weile gebraucht, um mit ihm warm zu werden. Auf den Anfang war ich aber dann schon etwas stolz. :D
Vielleicht sollte ich euch für jedes neue Kapitel ein Stück Bubble Wrap schicken...
no subject
Date: 2020-09-20 08:51 pm (UTC)Magst Du noch Päckchen 9 ergänzen und alle drei Teams nennen und taggen: Also Eures, Pluto und Melpomene? Alea fragt dann die Wörter für die Losung fürs Banner an :)
no subject
Date: 2020-09-27 09:33 am (UTC)Ich habe leider total den Überblick verloren, aber wenn ihr noch mehr von mir verwerten wollt, bitte gerne! (Diesmal tagge ich auch schneller um, versprochen...)