[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Fandom: Youtuber (Berliner Cluster)
Challenge: H/C: altes Kuscheltier (noch keinem Päckchen zugeordnet)
Personen: LeFloid, Frodo
Wörter: ~1300
Anmerkung: Forsetzung zu the man, the guinea pig and the witch. Flo ist immer noch verzaubert, völlig entnervt und zettelt Streit an.


Max entsperrte sein Handy und wischte dabei versehentlich Keksteig über das Display. Schmodderig blieb dieser genau über der Angabe des Rezeptes kleben, wie heiß der Ofen eingestellt werden sollte.

Im Türrahmen hockte Flo und sah missmutig zu ihm hinauf. In den letzten drei Wochen hatte er den vorwurfsvollen Blick durch den braunschwarzen Wirbel auf seinem Köpfchen perfektioniert.

„Hör doch endlich mal auf, mich in dem Tonfall anzugucken“, murrte Max. Er wischte den Keksteig vom Handy und begann, Backpapier über das Blech zu spannen.

„Is' ja nich' so, als hätten wir groß 'ne Wahl!“

Inzwischen wünschte er sich nichts sehnlicher, als dass Flo wieder in der Lage war zu sprechen und ihn mit allen Flüchen zu beglücken, die ihm so einfielen. Das waren bei Flo eine ganze Menge. Scheiße, selbst das zornige Quieken vermisste Max. Es erinnerte ihn wenigstens akustisch an seinen schimpfenden Freund.

Dabei gab Max sich alle Mühe der Welt. Wer dankte es ihm denn, dass er seit drei Wochen so tat, als hätte er keinen Schimmer, wo Flo abgeblieben war? Er war dabei gewesen, als Olli Flo als vermisst gemeldet hatte. Er hatte die Polizei belogen. Er hatte Flos Familie belogen.

Auf der anderen Seite hatte er aus seiner kleinen Wohnung ein Meerschweinchenparadies gemacht, hatte Fressnapf ein Vermögen in den Rachen geschoben für weiche Nagerunterlagen, Trinkflaschen, Heu und Knabberstangen mit getrocknetem Obst. Wusste der Teufel, was Flo an denen so toll fand – vermutlich war das die Art, wie sich seine leicht destruktive Art auf Meerschweinisch übersetzte. Wenn Menschen frustriert waren, gingen sie boxen. Als Meerschweinchen raspelte man vermutlich seinen Frust an irgendetwas ab, das aussah, als würde es nach geschnetzelter Pappe schmecken.

„Also klar könnten wir wieder hingehen und sie anschnauzen“, fuhr Max fort. Inzwischen hatte er sich daran gewöhnt, dass er ja doch keine verbale Antwort bekommen würde.
„Es hilft ja nüscht. Ick hätte nie gedacht, dass ich mal sowas sagen würde, aber besondere Situationen erfordern besond're Maßnahmen, ooch wenn das heißt, dass ich Kekse backe.“

Mit einem großen Löffel verteilte Max Keksteig auf dem Backpapier.

“When you visit a witch
Bring an offering“
, hatte an der Tür der Hexe mit den bunten Haaren gestanden und er hatte eine leise Ahnung, dass Haferkekse von Ikea nicht den gewünschten Effekt haben würden.

Flo schnaufte leise und ging dazu über, sich zu putzen.
Das tat er erst seit kurzem und ihm dabei zuzusehen erweckte in Max zugleich zwei Dinge: Den Impuls, leise „Aaww“-Geräusche von sich zu geben und puren Terror.

Flo war ein verzauberter Mensch und die erste Zeit hatte man ihm das auch angemerkt. Doch je mehr Zeit er in seinem winzigen, neuen Körperchen verbrachte, desto mehr schien er das zu vergessen.
Max sah ihm kurz dabei zu, wie er sich mit einem Vorderpfötchen über das Gesicht wischte, sich – zugegeben noch recht wacklig – auf drei Beinchen stellte und mit dem Hinterlauf am Ohr kratzte.

Max hatte sich die letzten Nächte damit um die Ohren geschlagen, das Internet nach Magie und Hexen zu durchforsten. Viel Brauchbares war dabei nicht herausgekommen. In letzter Zeit schien Hexerei mehr damit zu tun zu haben, pseudo-mystische Selfies auf Instagram hochzuladen und Wikipedia verriet ihm bedauerlicherweise auch nicht, wie man einen verwandelten Menschen in seinen Originalzustand zurückbrachte.

Es war das erste Mal, dass er in einem Feld kämpfte, auf dem er sich Null auskannte.
Man hatte ihm seinen Partner in Crime weggenommen ohne dass dieser wirklich weg war, und seine Waffen beschränkten sich auf veganen Keksteig und Hoffnung in das Erbarmen einer dicken Frau mit bunten Haaren.

Max schob die Plätzchen in den Ofen, schnitt etwas von der Gurke auf der Anrichte ab und setzte sich neben den grimmigen Flo auf den Küchenboden.
Das Meerschweinchen schnaufte verdrießlich, als er ihm die Gurke zum Essen hinhielt.


Vielleicht lag es daran, dass ein verdrießliches Schnaufen nach drei Wochen nicht mehr putzig sondern, wirklich, wirklich nervtötend war oder daran, dass Max sich seit genauso langer Zeit die verzweifelten Gesichter von Freunden und Verwandten ansehen musste – oder auch daran, dass er sich so unglaublich isoliert vorkam – was auch immer der Grund war, es war einer zuviel.

Er schubste Flo. Nicht viel, nur ein kleines Bisschen.
Doch es reichte, dass dieser das Gleichgewicht verlor, auf seinem plüschigen Hintern landete und ein winziges, maushaftes Piepsen von sich gab.

„Ick muss mir deine ständige schlechte Laune nich' antun, weißte! Ich hätte dich auch im fucking Tierheim abgeben können! Ich versuch dir zu helfen und du hast nix anderes zu tun als alles immer nur zu hassen!“

Flo verharrte. Für einen Moment überzog seine Haltung etwas Erstarrtes, Unnatürliches.

Und dann tat er etwas, was Max noch nie bei ihm gesehen und gehört hatte: Er stellte sich wieder auf, reckte den kleinen Körper, verlagerte das hintere Gewicht von einem Hinterfüßchen auf das andere und klapperte mit den Zähnen.

Dann drehte er sich um und wuselte über den Flur.

Max sah ihm wie gefroren hinterher bis das Meerschweinchen aus seinem Blickfeld verschwunden war.
Im nächsten Augenblick ertönte vom Wohnzimmer her angestrengtes Nagen an Holz.

Max schoss in die Höhe.

Als er ins Zimmer stürzte, biss Flo sich auf der Couch bereits in seiner dort ruhenden Akustikgitarre fest.

Wenn man ihn gefragt hätte, wann Max zuletzt so wütend gewesen war, dass sich die Peripherie seines Gesichtsfeldes weiß gesäumte hatte, er hätte es nicht gewusst. Doch jetzt brach dieser Zorn wie Donner und Blitze über ihn herein.

„Was zur Hölle!“, brüllte er und schubste das Tierchen erneut zur Seite. Es kullerte geradezu einen halben Meter über die Couch. Max versuchte, nach Flo zu krallen, doch dieser wich quiekend und zähneklappernd aus.
„Du blöder Arsch!“, rief Max. Er ballte die Faust und ließ sie auf die Couch niedersausen. Flo wich erneut aus. „Du Mistsau, du –“


Seine Hand schwebte in der Luft, als er mit einem Mal spürte, wie ihm der Perspektivwechsel den Halt unter den Füßen wegzog.


Hier stand er und versuchte, jemandem wehzutun, der sich selbst ganz und gar verloren hatte. Jemand, der seine schärfste Waffe – seine Worte – verloren hatte. Jemand, der mit einem Mal klein und zerbrechlich und hilflos war.
Jemand, der es hasste, klein, zerbrechlich und hilflos zu sein.

Ein Mensch, der sich mehr und mehr in ein Tier verwandelte ohne sich dagegen wehren zu können.

Max ließ die Hand sinken.

„Tut mir leid“, murmelte er und setzte sich langsam auf die Couch. „Das hätt' ich nich' sagen sollen. Flo?“


Das Meerschweinchen beäugte ihn zögernd. Noch immer in Habachtstellung, den Körper gesenkt und bereit zum Sprung.

„Flo?“, wiederholte Max.

Sekundenlang fühlte er, dass er einem Tier ins Gesicht sah. Nicht seinem besten Freund und Kollegen. Eine Gänsehaut breitete sich über seinen Armen aus.

Dann löste sich die Erstarrung und Flo krabbelte auf ihn zu, ließ sich hochheben und vorsichtig auf Max' Brust absetzen. Er schnaufte wieder, doch dieses Mal wirkte es weder genervt noch schlecht gelaunt.

„Tut mir leid“, wiederholte Max und drückte seinen Freund vorsichtig wie ein altes Kuscheltier.
„Kommt nich' wieder vor. Wir kriegen das hin, okay? Is' mir egal, was die Trulla von uns will, ich lass nich' locker, bis du wieder ganz du bist.“

Flo sah ihn stumm an. Dann schmiegte er sich gegen Max und ließ sich den Kopf kraulen.
Solange, bis Max der Gedanke kam, dass das vielleicht nicht besonders angemessen war zwischen Freunden und dem Meerschweinchen stattdessen seinen Zeigefinger hinhielt für das vielleicht winzigste High-Five auf der Welt.


Flo schlug nicht ein. Aber er legte sein Pfötchen auf dem Finger ab.

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