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Titel: 14 Zylinder
Challenge: Scifi/Fantasy - Ein Grund zum Feiern (Päckchen #11)
Fandom: Original | Fortsetzung von Hestia
Sprache: Deutsch
Wörter: 1.600
Team: Team Ouroboros mit Team Melpomene, Metaphermorphose & Pluto
Kommentar: Hoffentlich liest das niemand, der tatsächlich Ahnung von Motoren hat.

Im Raumhafen von Pothohar 2 war die Hestia ein Titan unter Zwergen.

14 Zylinder

Im Raumhafen von Pothohar 2 war die Hestia ein Titan unter Zwergen.
Tiffany wusste, dass sie ein großes Schiff war, und doch war sie immer wieder überwältigt, wenn sie sie von außen sah. Innen war es leicht, ihre Größe zu vergessen. Der größte Teil ihres Innenraums wurde von den sechs Tanks eingenommen, die hauptsächlich automatisch gesteuert wurden. Nur ein kleiner Teil im Bug wurde tatsächlich von der Crew genutzt; hier lagen die Steuerzentrale und die Kabinen. Der Maschinenraum lag direkt dahinter. All dies war gut zu Fuß zu erreichen, aber wenn etwas mit einem Tank nicht stimmte, war es ratsam, sich dafür einen Scooter zunehmen.
Ein schönes Schiff war sie nicht. Ihre Hülle war aus doppelt verstärktem grauem Stahl und gezeichnet von so einigen Schrammen und Dellen, die sie im Laufe der Jahrzehnte angesammelt hatte, in denen sie schon Dienst tat. Die genieteten Übergänge wiesen Rostflecke auf. Die anderen hatten ihr versichert, dass dies reine Schönheitsmängel waren, die die Stabilität nicht beeinträchtigten. Und ein Tankschiff musste nun einmal nicht schön sein.
Tiffany mochte dem nicht ganz zustimmen. Von ihrem Platz auf dem Dock konnte sie auf der Steuerbordseite die großen bronzenen Buchstaben erkennen, die HESTIA formten. Sie waren das einzige am Schiff, das glänzte, und das auch nur, da Tiffany sich ihnen in mühevollen Stunden mit einem Poliertuch und extrastarkem Reiniger gewidmet hatte. Jetzt war sie stolz auf den Anblick.
Die Werft, die das Schiff gebaut hatte, war traditionsbewusst gewesen, und so war sie benannt nach der griechischen Göttin des Herdes. Ihre beiden Schwesternschiffe, die Hestia II und III, waren bereits nichts mehr als ausgeweidete Wracks auf einem Schiffsfriedhof, aber sie drehte immer noch fleißig ihre Kreise durch diesen Teil des Universums.
Die Hestia war nicht windschnittig wie die kleinen Raumflitzer, die um sie herumschwirrten, sondern langgezogen und rund wie eine Trommel, mit kleinen Stabilisationsflossen an den Seiten. Vorne lief sie in einer kurzen Schnauze zu, während hinten die riesigen Triebwerke herausragten. Kleine Rangiertriebwerke lagen kaum sichtbar an beiden Seiten und unter dem Bug. Für mehr als zum Einparken waren sie aber nicht zu gebrauchen; einen richtigen Rückwärtsgang hatte die Hestia deshalb, wie die meisten zivilen Schiffe ihrer Größe, nicht. Für sie gab es im Flug nur eine Richtung: Nach vorn.
Sie aus dem Hafen zu bekommen, ohne dass die Lotsenschiffe ihr den Weg freimachten, könnte ganz schön schwierig werden, dachte sie bei sich.
Tiffany beobachtete, wie die Arbeiter mit einem Kran den riesigen Schlauch abkoppelten, der die Tanks befüllt hatte. Die Anzeige hatte kaum auf halb voll gestanden, als sie die Zentrale verlassen hatte, und sie war sich sicher, dass der Kapitän gerade im Kopf ausrechnete, was ihn das alles kosten könnte.
Sobald der Schlauch eingeholt war, rannte sie die Gangway herauf und die dunklen Gänge entlang, bis sie die Kommandozentrale erreicht hatte. „Schlauch ist los!“, berichtete sie, als sie über die Schwelle stolperte.
Mara stand vor den hohen Frontfenstern am Steuerruder. „Was hast du Ihnen erzählt?“
„Ich hab ihnen gesagt, wir hätten festgestellt, dass ein Tank leck ist. Sie haben keine Fragen gestellt.“
Sie nickte, dann wandte sie sich an Pandora, die links von ihr an der Konsole stand. „Tanks verriegeln.“
Pandora drückte auf ein paar Knöpfe, und von hinten ertönte das knirschende Geräusch von den sich schließenden Metallschotten. „Tanks sind dicht.“
Tiffany beobachtete von der Tür aus, wie sie die Vorbereitungen zum Auslaufen durchführten. Mara hatte das Kommando, und sie spulte das Programm ab, als hätte sie es schon tausende Male gemacht, was auch der Wahrheit entsprach. Der Kapitän hingegen hatte sich in seinen Sessel verkrochen und las in einem neuen Buch, als würde ihn das alles nichts angehen. Als Tiffany sich etwas vorlehnte, konnte sie auf dem abgewetzten Ledereinband in goldenen Lettern „Moby Dick“ erkennen.
„Hilfsmaschinen hochfahren.“
Das Schiff erbebte unter ihnen, als die Maschinen mit einem dumpfen Brummen zum Leben erwachten. Ein Stift fiel herunter und rollte durch die Kabine. „Hilfsmaschinen A und B bereit.“
Tiffany reckte den Hals und konnte durch ein Bullauge im Gang erkennen, dass die Hafenarbeiter langsam nervös wurden. „Ich glaub, jetzt haben sie was gemerkt.“
„Zu spät“, sagte Mara. „Anker los.“
Die Anker waren nicht mehr als riesige Eisenklötze an Ketten, die per Magnetismus an das Metall einer Raumstation andocken konnten. So konnte das Schiff an seinem Platz gehalten werden, ohne dass es abdriften konnte. Mit dem Umlegen eines Hebels wurde der Stromkreislauf unterbrochen. Ein Anker löste sich mit einem lauten Knall und begann im Raum zu treiben, bis er langsam durch die Kette eingeholt wurde.
„Buganker los.“ Einen Moment später: „Heckanker los.“
Connor, der Funker, drehte sich auf seinem Platz um. „Die Hafenzentrale ruft uns an.“
„Ignorieren“, sagte Mara. „Noch besser, schalt den Funk ab.“
„Aber das ist illeg - “ Sie warf ihm einen Blick zu und er drückte seufzend auf den roten Knopf.
„Okay, gib mir langsam Schub. Ruder Backbord 20.“
Langsam, ganz langsam, begann die Hestia sich vorwärts zu bewegen und dabei vom Dock wegzudrehen. Das Schiff direkt vor ihnen rückte bedrohlich näher.
„Achtung, der Frachter“, sagte Pandora ruhig.
„Ich seh ihn. Was muss der Idiot auch so dicht parken.“
Mühsam manövrierte sich die Hestia an dem kleineren Schiff vorbei. Währenddessen schoss eine Irawadi direkt vor ihrem Bug vorbei und hupte dabei aufgeregt. „Nun reg dich doch nicht auf, für dich ist doch überall Platz“, sagte Mara nur.
Um sie herum herrschte ein reges Kommen und Gehen. Viele Schiffe waren viel schneller unterwegs als sie, und es war schwierig abzuschätzen wohin sie wollten. Und wenn die Hestia einmal in Bewegung war, war sie nur schwer wieder zu stoppen. Mara hielt es daher nach der Devise, Augen zu und durch. „Die sind viel schneller als wir, sollen die doch aus dem Weg gehen.“
Tiffany stellte sich vor, dass sie von außen aussahen wie ein Wal, der durch einen Schwarm Karpfen schwamm.
Begleitet wurde ihre ungeplante Abreise durch allerlei Hupen und unfreundlichen Gesten mit den Steuerflossen. Hinter ihnen entstand Chaos, als Schiffe von ihren geplanten Routen abwichen oder abbremsten und so wiederum die Schiffe hinter ihnen behinderten. Mehr als einmal entkamen kleinere Raumflitzer nur knapp einem Zusammenstoß.
Eine Vaquita schlug über sie hinweg einen eleganten Salto und fädelte sich dann direkt vor ihnen wieder ein. „Alter Angeber“, sagte Mara, aber an ihrem Gesicht war zu sehen, dass sie sich freute. „Vielleicht hat er ja genug Verstand, uns hier heraus zu lotsen.“
Das kleinere Schiff hatte dank seiner Wendigkeit einen besseren Überblick über die Situation, und flog voraus, um ihnen den Weg zu zeigen. Für einen Moment lief alles
„Da ist ein Schiff der Hafenpolizei.“
„Ich seh ihn.“ Eine Baird mit leuchtendem Blaulicht umkreiste sie erst und setze sich dann direkt vor ihre Nase. STOP las die Anzeige auf dem Dach, UNAUTHORISIERTES ABLEGEN. Hätten sie den Funk nicht ausgeschaltet, hätte der Polizist ihnen sicher noch einiges mehr zu sagen gehabt.
Mara nahm es pragmatisch. „Nase weg, sonst ist die Nase ab“, murmelte sie, und dann „Halbe Kraft voraus!“ Der Hafenpolizist hatte offenbar einen Selbsterhaltungstrieb, denn er drehte im letzten Moment ab, sodass sie an ihm vorbeiziehen konnten.
„Achtung, der Kreuzer!“
„Ach du Scheiße. Wo kommt der denn her? Der war gestern noch nicht hier!“ Direkt in ihre Flugbahn schob sich ein Kreuzer der Klasse Orca mit der klassischen schwarz-weißen Bemalung, halb so groß wie sie selbst, geleitet von einem kleinen Lotsenschiff.
„Sind die denn alle blind?“, tobte Mara.
Der Kapitän hatte sein Buch weggelegt. „Das passt nicht.“
„Das muss passen“, wiedersprach Mara. „Keine Zeit mehr zum Bremsen. Volle Kraft voraus.“
Es passte - fast. Das Lotsenschiff tauchte schnell genug ab, als es den Tanker auf sich zu rauschen sah, aber der Orca hatte bereits zu viel Schub. Es gab ein entsetzliches Kreischen, als sich die Hüllen beider Schiffe für einen Moment touchierten. Dann waren sie durch und auf dem Weg in den offenen Raum.
Mara atmete laut aus. „Nächstes Mal ankern wir weiter draußen, ist mir total egal, was die Hafenleitung dazu sagt.“


Sie entfernten sich noch ein Stück von dem Trubel der Hafenstation, die Vaquita immer vor ihnen, bevor sie schließlich stoppten. Normalerweise würden sie jetzt die Hilfsmaschinen herunterfahren, bevor sie die Hauptantriebe in Betrieb nahmen. Diesmal aber liefen sie weiter.
„Jetzt kommt der Moment der Wahrheit“, hörte Tiffany Pandora murmeln. Und dann lauter: „Fahre erste Hauptmaschine hoch.“
In dem Moment flitzte Tiffany aus der Tür. Sie jagte die Gänge in halsbrecherischer Geschwindigkeit entlang, bis sie die großen Fenster zum Maschinenraum erreicht hatte. Vorne lag die Steuerungsmechanik, an der sie erst vor wenigen Stunden gearbeitet hatten, aber sie lief weiter, bis sie die erste Maschine sehen konnte.
Whump machte ein Kolben, als er das erste Mal herunterfuhr. Das Geräusch schien durch sie durchzugehen und das ganze Schiff zu erschüttern. Sie drückte sich die Nase an der Scheibe platt, um auch ja nichts zu verpassen. Diesen Anblick würde sie nie leid werden.
Der Maschinenraum der Hestia war so groß wie eine Kathedrale, die Kolben der Maschine so lang wie Türme. 14 Zylinder in Reih und Glied hatte jede der mächtigen Maschinen, so viel wie kaum ein anderes Schiff. Alles war vor ihrer Abreise sorgfältig durchgecheckt und frisch geölt worden.
Whump, kam der nächste Kolben herunter. Erst langsam, dann immer schneller bewegten sie sich auf und nieder.
Whump.
Whump.
Whump
Whump. Whump. Whump. Whump. Whump. Whump, Whump, Whump, Whump, WhumpWhumpWhumpWhump, bis die Geräusche miteinander zu einem lauten Grollen verschmolzen.
Der Boden unter ihren Füßen bebte und die Scheibe summte unter ihren Händen. Sie lehnte sich zurück, weil sonst ihre Zähne anfingen zu klappern.
Dann überlagerte ein anderes Geräusch das Grollen, als die zweite Maschine langsam hochfuhr. Sie rannte weiter den Gang herunter, sah wie die enormen Kolben Fahrt aufnahmen, und hielt nicht an, bis sie die Hilfsmaschinen ganz hinten erreicht hatte. Deren kleinere Kolben stampften so schnell auf und nieder, dass sie sie kaum noch erkennen konnte. „Es funktioniert“, sagte sie. Sie konnte über den Lärm kaum ihre eigene Stimme hören. „Es funktioniert!“
Sie konnte spüren, wie die Hestia unter dem Schub anzog. Es würde noch lange dauern, bis sie ihre Höchstgeschwindigkeit erreicht hatte. Ihre neue Höchstgeschwindigkeit.

Date: 2020-08-06 01:06 pm (UTC)
der_jemand: (green)
From: [personal profile] der_jemand
Oh, ich hab ja noch gar nicht kommentiert! ...Vermutlich, weil ich meine Liebe nicht in Worte fassen konnte, denn oh, das ist so viel Schifffahrtsromantik und die Kolben konnte ich praktisch hören und sehen und ooooooh, es ist einfach so schön. Raumhafengewusel! *__*

Date: 2020-08-06 09:59 pm (UTC)
aleamakota: (Cat)
From: [personal profile] aleamakota
Ich bin leider schrecklich matschig und kommunikationsfaul von der Hitze, aber ich will Bescheid geben, dass ich noch da bin und mit jedem neuen Teil wieder selig vor mich hinglitzere. *__*

Date: 2021-05-02 03:24 pm (UTC)
From: [identity profile] cricri-72.livejournal.com
Ich mag Tiffany.

(Und seit Terry Pratchets Tiffany habe ich eine Schwäche für den Namen ...)

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