Viertens

Jul. 30th, 2020 11:22 pm
[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Metaphermorphose
Challenge: Orte: Tankstelle (Päckchen 8)
Fandom: Youtuber/Musiker (Berliner Cluster/Fewjar)
Wörter: ~800
Pairing/Personen: Frodo & Jakob
Anmerkung: Als ich die Tankstelle in der Orte-Tabelle sah, konnte ich nicht anders als an das Lateniteaha-Video zu denken. Außerdem fehlt mir Frojar. Die Ficlet erklärt zwar Nullkommanichts und ist nur wieder atmosphärischer Scheiß, aber mir war danach.


Die Autotür wird genau in dem Augenblick aufgerissen, in dem Jakob das brennende Streichholz fallenlassen will.

„Alter, hast du sie noch alle?!“, schreit ihn jemand an und es ist, als würde er aus einem bleischweren, unüberwindbaren Alptraum aufwachen.

Er blinzelt. Er muss eine kurze Bestandsaufnahme all dieser Dinge um ihn herum machen.
Erstens: Der beißende Benzingestank, welcher ihn einnebelt. Zweitens: Andres weiße Jacke mit dem Einschussloch an seinem nackten Oberkörper. Drittens: Die Schmerzen am ganzen Leib. Viertens: Felix und Andre auf der Rückbank, regungslos und ohne Puls.

Viertens.

Viertens.

Es war doch kein Traum.


Der fremde Typ fasst nach dem Streichholz und umschließt es, bevor es doch hinabfallen und den Toyota in Brand stecken kann.

Er hat große, helle Augen und trägt ein T-Shirt in Weiß und Rot, auf dessen Revers „Tankpool 24“ steht.
Jakob sieht ihm dabei zu, wie der Mann mit der bloßen Hand das Streichholz erstickt, obwohl das wehtun muss und er muss daran denken, dass der Kerl wahrscheinlich am liebsten nur unbehelligt eine möglichst ruhige Nachtschicht schieben wollte, dass er vielleicht eher mit einem Raubüberfall gerechnet haben wird als mit einem Typen mit zerbeultem Gesicht, der zuerst sein Auto kaputtschlägt, es mit Benzin übergießt und es dann versucht anzuzünden.

Der Tankwart verharrt in seiner Bewegung und für einen kurzen Moment liegt seine Hand auf Jakobs, weil er ja nach dem verdammten Streichholz gegriffen hat, warm und rauh und wie ein Faden in die Realität.
Er sieht sich in Zeitlupe im Auto um und scheint all das zu registrieren, was nicht sein darf. Die Essensreste und die durcheinandergeschmissenen Kassetten auf dem Armaturenbrett. Den Benzingestank. Jakobs blutendes Gesicht. Felix und Andre auf der Rückbank, regungslos und ohne Puls.

Viertens.

Und doch bremst ihn der Fremde in dem, was Jakob tun möchte.
Oder eben nicht tun möchte: Sterben.

Wie konnte das alles nur so heillos schiefgehen?
Vielleicht ist das wie bei einem Autounfall – Hinterher erscheinen die Ereignisse wie in Zeitlupe und man denkt, man hätte das Unheil doch irgendwie abwenden können. Wenn Jakob die nassgeheulten Augen schließen würde; er könnte die Pistole, die Andres weiße Jacke durchlöchert hat, sicher in ganz langsam vor sich schweben sehen.

Der Tankwart lässt ihn merkwürdig behutsam los und Jakob bereut es, weil die Berührung ihm kurz die Illusion gegeben hat, in diese einfache Welt aus „Tankpool24“-Shirt und Nachtschicht zu gehören.
Der Typ schluckt sichtbar und weicht fast unmerklich zurück. An seinem Shirt klemmt ein kleines, zinnfarbenes Schildchen, das im Widerschein der Laternen spiegelt. Krüger steht darauf gedruckt.

Wie ein Krüger sieht der Mensch gar nicht aus, denkt Jakob abwesend, während er den Blick auf den Fremden richtet. Mit seinen großen, blauen Augen wirkt er vielmehr wie jemand, der zur falschen Zeit am falschen Ort ist und der gleich eine folgenschwere Entscheidung treffen und mit ihr leben muss. Jakob begreift, dass er dem Fremden damit eine Bürde auflastet und er weiß nicht recht, weshalb er an Frodo Beutlin denken muss.

„Alles is' schiefgegangen“, hört er sich murmeln. Die Lippen zu bewegen ist anstrengend. Jakob fühlt sich in sich zusammenstürzen, wie das nun mal ist, wenn das Adrenalin abfällt. Im Rückspiegel kann er sehen, dass Felix noch immer die weiße Mütze und die Sonnenbrille mit den runden Gläsern trägt, die Jakob ihm irgendwann mal geschenkt hat.

Felix: Regungslos und ohne Puls.

Jakob sieht auf und blickt Frodo an.
„Du kannst die Bullen rufen“, sagt er nun lauter. „Entweder das oder du zündest die Scheißkarre an.“

Der Typ mustert ihn vorsichtig. Er hat noch immer diese Habachtstellung inne, als müsste er Jakob gleich niederboxen, um sich zu verteidigen. Dabei ist zum Boxen gar nicht mehr so viel übrig.

„Dit meinst du nich' ernst, oder?“, fragt er und Jakob schüttelt müde den Kopf.

Eine Sekunde gleitet zwischen ihnen hindurch, ohne eine Entscheidung, ohne einen Laut.
Im Hintergrund leuchtet der winzige Tankstellenshop, in dem Frodo eben noch gesessen und vermutlich entweder schlechte Handyspiele gedaddelt oder Pornos geguckt hat.

Dann lehnt der Mann sich zurück, umrundet den Toyota und öffnet die Beifahrertür, um sich neben Jakob zu setzen. Mitten hinein in die verdammte Benzinlache.

„Willst du's mir erzähl'n?“, sagt er und lehnt sich zurück, als wäre dieser Moment stinknormal. „Ick hab dit Gefühl, dit is'ne mordsmäßig gute Story.“

Jakob hält inne. Er wendet den Kopf und schaut den Fremden an. Er könnte ihm für diesen unsensibelsten Witz aller Zeiten einen Zahn ausschlagen.

Auf der anderen Seite sind die Minuten, in denen er hier ruhig sitzen kann, gezählt.
Denn es gibt einige Gewissheiten, die ihm über kurz oder lang das Genick brechen werden.
Erstens: Er sitzt in Benzin. Zweitens: Irgendwer wird ihn und Frodo hier irgendwann entdecken. Drittens: Felix und Andre liegen auf der Rückbank, regungslos und ohne Puls. Viertens: Er ist an allem Schuld.

Viertens.

Also lehnt er sich zurück und beginnt, seine Geschichte zu erzählen, solange er noch Zeit hat.

Profile

120_minuten: (Default)
Die Uhr läuft ... jetzt!

Most Popular Tags

January 2026

M T W T F S S
   1 234
567891011
12131415 161718
19202122232425
262728293031 

Style Credit

Powered by Dreamwidth Studios