Titel: Hestia
Challenge: Orte - Tankstelle (Päckchen #11)
Fandom: Original | Fortsetzung von Panaceia
Sprache: Deutsch
Wörter: 1.600
Team: Team Ouroboros mit Team Melpomene, Metaphermorphose & Pluto
Kommentar: Hier, habt noch mehr Charaktere :D
Wenn Tiffany in ihrer Zeit auf der Hestia als Mädchen für alles eines gelernt hatte, dann dieses: Frag nicht um Erlaubnis, bitte lieber um Verzeihung.
Hestia
Wenn Tiffany in ihrer Zeit auf der Hestia als Mädchen für alles eines gelernt hatte, dann dieses: Frag nicht um Erlaubnis, bitte lieber um Verzeihung. Das Lieblingswort des alten Kapitäns war nämlich Nein.
Captain, kann ich das Oberdeck nicht auch morgen putzen?
Nein.
Captain, sollten wir nicht besser die teuren Dichtungen für Tank B kaufen?
Nein.
Captain, darf ich mir die grünen Quellen von Atalanti ansehen, bevor wir ablegen?
Dreimal nein.
So hatte sie nur mit den Zähnen geknirscht, bis Pandora sie nach der letzten Frage zur Seite genommen hatte, um zu sagen: „Geh trotzdem. Ich deck dich.“
„Und wenn der Captain mich erwischt?“, hatte sie entsetzt gefragt.
Pandora hatte nur mit den Schultern gezuckt. „Bitte um Verzeihung.“
So hatte sich Tiffany ein wichtiges Geheimnis offenbart: Der Kapitän war niemandem lange böse, und er hatte, soweit die Crew zurückdenken konnte, noch nie jemanden gefeuert.
„Eigentlich ist es ihm doch egal, was wir machen“, hatte Mara, die Navigatorin und inoffizielle Vizekapitänin, eines Abends gesagt, während sie mit ihrer Zigarre die Kajüte vollqualmte. „So lange die Kiste läuft und der Gewinn stimmt, interessieren ihn die Details nicht. Also mach, was du für richtig hältst, aber stell dich nicht dumm dabei an. Dann kommen wir alle gut miteinander zurecht.“
So stellte sich die Arbeit auf dem alten Tanker als ein richtiger Glücksgriff heraus. Sie kamen weit herum, und immer, wenn sie in einem interessanten Hafen anlegten, schob Tiffany vorher Extraschichten mit Besen und Wischmopp, damit sie sich danach ungestraft die Sehenswürdigkeiten ansehen konnte. Und als i-Tüpfelchen brachte sie dem Kapitän hin und wieder ein interessantes Buch mit, das er seiner Sammlung hinzufügen konnte.
„Tschuldigung, ich war nur kurz auf dem Markt“, sagte sie mit strahlendem Lächeln, wenn sie ihm mal wieder einen Fund übergab, und der Kapitän grummelte nur und verzog sich dann mit dem Buch tief in seinen Kapitänssessel, während Mara den Kahn aus dem Hafen lenkte.
Aber diesmal ging es um mehr als eine alte Burgruine oder die Türme von Gizah. Diesmal ging es um Leben und Tod.
Tiffany schoss so schwungvoll um die Ecken, dass sie sich jedes Mal mit den Händen an den metallenen Wänden abfangen musste, bevor sie weiterlaufen konnte. Der Beutel an ihrem Gürtel gab ein durchgängiges lautes Scheppern von sich. Am Maschinenraum angekommen, hängte sie sich mit ihrem ganzen Gewicht von 50 Kilo in das Rad und schwang dann die Tür auf.
Pandora und Mara standen an einem Tisch in der Mitte des Raumes über die Baupläne gebeugt, als sie hereinstolperte. „Wir -“ japste sie und musste erstmal nach Luft ringen, während sie sich am Türrahmen festhielt.
„Langsam, Kleine, komm erstmal zu Atem, bevor du umkippst“, sagte Mara.
Tiffany nahm ein paar tiefe Atemzüge, bevor sie es erneut probierte: „Wir haben da ein klitzekleines Problem.“
Pandora und Mara tauschten einen Blick. „Hast du die Teile bekommen?“, sagte Mara.
Als Antwort kippte Tiffany ihren Beutel auf den Boden aus, dass es nur so schepperte. Pandora begann sofort, den Inhalt durchzusehen. Dabei hielt sie gelegentlich ein Teil ins Licht und murmelte vor sich hin. „Das ist alles, was ich brauche“, sagte sie schließlich. „Gut gemacht.“
Tiffany wurde bei dem Lob fast zwei Zentimeter größer. Aber Mara ließ nicht so schnell locker. „Was ist dann unser Problem?“, fragte sie hartnäckig.
„Die Schlange vor dem Büro der Hafenverwaltung geht fast bis zu Dock C“, berichtete Tiffany. „Es könnte den ganzen Tag dauern, eine frühere Starterlaubnis zu kriegen.“
Mara dachte kurz nach. „Das lass mal meine Sorge sein, Kleine“, sagte sie dann. „Bleib du hier und hilf mit.“ Sie warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. „Ich hab da noch eine Verabredung.“
Tiffany fand, dass Pandora nicht aussah, als würde sie den größten Teil ihrer Zeit im Maschinenraum verbringen. Sie war immer elegant gekleidet, so wie Tiffany sich eine Dame vorstellte, und irgendwie machte sie sich nie schmutzig. Wenn Tiffany ihr half, sah sie hingegen in kürzester Zeit aus, als hätte sie sich durch eine Pfütze Motoröl gerollt, und in ihrem widerspenstigen Haar blieben immer wieder Schrauben und andere Kleinteile hängen. Wenn Tiffany Pandora wäre, hätte sie sich wohl gar nicht erst reingelassen. Aber die Frau schien außerdem noch eine endlose Geduld zu haben, dass Tiffany ganz neidisch wurde.
„Was genau machen wir jetzt?“, fragte sie, während sie sich mit der Nase über die Pläne beugte, aber aus den Zeichnungen von Kurbelwellen und Zylindern wurde sie nicht recht schlau.
„Wir passen die Antriebssteuerung an, sodass die Hilfsmotoren zusammen mit den regulären Motoren betrieben werden können. Die Hestia erlaubt das eigentlich nicht, aber der Kontrollmechanismus kann umgangen werden.“ Sie zeigte auf eine Stelle des Plans und legte sich dann die Teile zurecht. „Die Hayaner machen das ständig. Die fahren kaum ein Schiff, dass nicht so umgebaut wurde. Ich wollte das schon immer mal selbst machen.“
Tiffany zog die Nase kraus. „Ich dachte, die Hayaner sind die, denen hin und wieder ein Schiff in die Luft fliegt.“
Pandora zuckte mit den Schultern. „Ein Zeichen von mangelndem Können“, sagte sie.
Während Pandora in die Maschine kroch, durfte Tiffany ihr Werkzeug anreichen. Da die Hestia zurzeit vor Anker lag, war es ungewöhnlich still im Maschinenraum abgesehen von den Geräuschen des Schraubens und einem gelegentlichen Hämmern, wenn ein Teil, das schon 20 Jahre an dieser Stelle saß, sich weigerte sich zu bewegen.
„Wo ist Mara denn hin?“, fragte Tiffany zwischendurch neugierig.
„Sie trifft einen alten Freund“, sagte Pandora, kurz darauf gefolgt von einem entschiedenen „Beweg dich“ in Richtung einer äußerst widerspenstigen Schraube.
„Mara hat wohl überall alte Freunde“, sagte Tiffany nachdenklich.
„Dafür bist du noch zu jung“, sagte Pandora nur. „Reich mir mal den T25.“
Tiffany reichte ihn ihr und runzelte die Stirn, während sie darüber nachdachte. Klar, man konnte nur alte Freunde haben, wenn man selber alt war, oder? Aber irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sie etwas Wichtiges verpasst hatte.
Auf Pothohar 2 war es erst später Vormittag, aber in der alten Hafenkneipe waren die Fenster so schmutzverkrustet, dass nur das gelegentliche Öffnen der Tür die Anwesenden an die Tageszeit erinnerte. Der Konsum von alkoholhaltigen Getränken, mit viel Wohlwollen als Bier bezeichnet, wurde dadurch nicht beeinflusst, und auch Holokarten waren schon auf zahlreichen Tischen zu sehen. Das Spielen um Geld in nichtzugelassenen Wirtschaften war natürlich im ganzen Oranischen Gebiet verboten, weswegen die Scheine meist unter dem Tisch den Besitzer wechselten.
„Du hast verloren. Schon wieder“, sagte Mara ruhig und sammelte die Karten wieder ein.
Ihr Gegenüber seufzte und nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas. „Warum tu ich mir das nur jedes Mal wieder an.“
Sie zuckte mit den Schultern. „Frag nicht mich.“
„Noch eine Runde. Diesmal krieg ich dich.“
Sie warf einen Blick auf die Uhr an der Wand, hinter dessen schmierigen Glas man nur mühsam die Zeiger erkennen konnte. „Nichts da. Jetzt schuldest du mir was.“
Er stöhnte. „Mara, du weißt doch, dass ich grad kein Geld habe.“
„Ich weiß.“ Sein Hundeblick erweichte ihre Miene nicht im Geringsten.
„Ich könnte natürlich… auf andere Weise bezahlen“, sagte er und hob suggestiv eine Augenbraue.
An einem anderen Tag hätte sie das Angebot angenommen. Schließlich sah er ganz gut aus, auf eine nicht gerade vertrauenserweckende Weise, die einen dazu bewegte, den eigenen Geldbeutel zu verstecken, bevor man sich auszog. Aber diesmal schüttelte sie den Kopf. „Heute nicht. Ich muss gleich los.“
Er runzelte die Stirn. „Ich dachte, du hast gesagt, ihr bleibt bis übermorgen.“
„Kleine Planänderung.“ Sie beugte sich über den Tisch und sah ihn fest an. „Ich brauche dein Schiff.“
Er schnappte nach Luft. „So haben wir aber nicht gewettet. Außerdem ist die Autolycus mindestens drei Mal so viel wert!“
Sie verdrehte die Augen. „Ich will deine Schrottkarre nicht haben. Ich will, dass du etwas für mich tust.“
Er leerte sein Glas in einem Zug. „Wieso habe ich das Gefühl, dass mir das ganz und gar nicht gefallen wird?“
„Oh, es wird dir überhaupt nicht gefallen.“ Sie winkte einen verschlafenen Kellner herbei und bestellte noch zwei Bier.
Als Pandora wieder aus der Maschine hervorkroch, musste sie nur ihre zerzausten Haare wieder ordnen, bevor sie wieder aussah wie ihr elegantes Selbst. Tiffany vermutete stark, dass irgendwie Magie dahintersteckte.
„Fertig“, sagte sie und begann die Pläne wieder zusammenzurollen.
„Testen wir jetzt?“, fragte Tiffany begierig.
„Nein“, sagte sie. „Wenn ich die Maschinen anwerfe, hört man das im ganzen Schiff. Erst reden wir mit dem Captain.“
Eine weitere Kunst der Überzeugung hatte Tiffany ebenfalls auf der Hestia gelernt. „Wenn du etwas wirklich willst, Kleine, dann musst du auf jedes Gegenargument bereits eine Antwort haben, bevor du überhaupt anfängst“, hatte Mara eines Abends gesagt. Jetzt durfte sie die Meister bei der Arbeit bewundern.
Die Hestia sei gar nicht schnell genug, um rechtzeitig vor Ort zu sein, wandte der Kapitän als Erstes ein.
Tiffany hibbelte aufgeregt auf ihrem Stuhl herum, denn sie ahnte schon, was jetzt kam.
Jetzt schon, erklärte Pandora. Durch die Hilfsmaschinen könne die Hestia bis zu 10 zusätzliche Knoten pro Stunde machen und somit zum benötigten Zeitpunkt vor Ort sein. Sie hätte das mit Mara genau durchgerechnet.
Und wenn schon, wandte der Kapitän mit einem triumphierenden Glitzern ein, die Hestia sei zu groß, um sich dem Ort des Geschehens weit genug nähern zu können.
In diesem Moment trat Mara ein. Der Auftritt war so gut abgestimmt, dass Tiffany sich fast sicher war, dass sie vor der Tür auf den richtigen Augenblick gewartet hatte. Sie kenne da jemanden, erklärte sie. Er würde den Treibstoff mit einer Vaquita zur Aletheia bringen.
Und was sei mit dem Verdienstausfall, fragte der Kapitän. Die Tanks seien erst zur Hälfte voll, ganz zu schweigen von dem Umweg, dem Risiko für das Schiff, …
Die Oranische Armee hätte sich bereits bereiterklärt, jedwede Kosten zu ersetzen, sagte der Funker etwas kleinlaut von hinten.
Der Kapitän wurde rot im Gesicht. „Unsere Auslaufgenehmigung gilt erst für übermorgen“, schnaufte er und sah Mara abwartend an.
„Ich weiß“, sagte die nur.
„Und, habt ihr dafür auch schon eine Lösung?“
„Dieses Schiff ist mit hoch entzündlichem Treibstoff beladen und wiegt über 100.000 Standardtonnen. Wer soll uns denn aufhalten?“
Challenge: Orte - Tankstelle (Päckchen #11)
Fandom: Original | Fortsetzung von Panaceia
Sprache: Deutsch
Wörter: 1.600
Team: Team Ouroboros mit Team Melpomene, Metaphermorphose & Pluto
Kommentar: Hier, habt noch mehr Charaktere :D
Wenn Tiffany in ihrer Zeit auf der Hestia als Mädchen für alles eines gelernt hatte, dann dieses: Frag nicht um Erlaubnis, bitte lieber um Verzeihung.
Hestia
Wenn Tiffany in ihrer Zeit auf der Hestia als Mädchen für alles eines gelernt hatte, dann dieses: Frag nicht um Erlaubnis, bitte lieber um Verzeihung. Das Lieblingswort des alten Kapitäns war nämlich Nein.
Captain, kann ich das Oberdeck nicht auch morgen putzen?
Nein.
Captain, sollten wir nicht besser die teuren Dichtungen für Tank B kaufen?
Nein.
Captain, darf ich mir die grünen Quellen von Atalanti ansehen, bevor wir ablegen?
Dreimal nein.
So hatte sie nur mit den Zähnen geknirscht, bis Pandora sie nach der letzten Frage zur Seite genommen hatte, um zu sagen: „Geh trotzdem. Ich deck dich.“
„Und wenn der Captain mich erwischt?“, hatte sie entsetzt gefragt.
Pandora hatte nur mit den Schultern gezuckt. „Bitte um Verzeihung.“
So hatte sich Tiffany ein wichtiges Geheimnis offenbart: Der Kapitän war niemandem lange böse, und er hatte, soweit die Crew zurückdenken konnte, noch nie jemanden gefeuert.
„Eigentlich ist es ihm doch egal, was wir machen“, hatte Mara, die Navigatorin und inoffizielle Vizekapitänin, eines Abends gesagt, während sie mit ihrer Zigarre die Kajüte vollqualmte. „So lange die Kiste läuft und der Gewinn stimmt, interessieren ihn die Details nicht. Also mach, was du für richtig hältst, aber stell dich nicht dumm dabei an. Dann kommen wir alle gut miteinander zurecht.“
So stellte sich die Arbeit auf dem alten Tanker als ein richtiger Glücksgriff heraus. Sie kamen weit herum, und immer, wenn sie in einem interessanten Hafen anlegten, schob Tiffany vorher Extraschichten mit Besen und Wischmopp, damit sie sich danach ungestraft die Sehenswürdigkeiten ansehen konnte. Und als i-Tüpfelchen brachte sie dem Kapitän hin und wieder ein interessantes Buch mit, das er seiner Sammlung hinzufügen konnte.
„Tschuldigung, ich war nur kurz auf dem Markt“, sagte sie mit strahlendem Lächeln, wenn sie ihm mal wieder einen Fund übergab, und der Kapitän grummelte nur und verzog sich dann mit dem Buch tief in seinen Kapitänssessel, während Mara den Kahn aus dem Hafen lenkte.
Aber diesmal ging es um mehr als eine alte Burgruine oder die Türme von Gizah. Diesmal ging es um Leben und Tod.
Tiffany schoss so schwungvoll um die Ecken, dass sie sich jedes Mal mit den Händen an den metallenen Wänden abfangen musste, bevor sie weiterlaufen konnte. Der Beutel an ihrem Gürtel gab ein durchgängiges lautes Scheppern von sich. Am Maschinenraum angekommen, hängte sie sich mit ihrem ganzen Gewicht von 50 Kilo in das Rad und schwang dann die Tür auf.
Pandora und Mara standen an einem Tisch in der Mitte des Raumes über die Baupläne gebeugt, als sie hereinstolperte. „Wir -“ japste sie und musste erstmal nach Luft ringen, während sie sich am Türrahmen festhielt.
„Langsam, Kleine, komm erstmal zu Atem, bevor du umkippst“, sagte Mara.
Tiffany nahm ein paar tiefe Atemzüge, bevor sie es erneut probierte: „Wir haben da ein klitzekleines Problem.“
Pandora und Mara tauschten einen Blick. „Hast du die Teile bekommen?“, sagte Mara.
Als Antwort kippte Tiffany ihren Beutel auf den Boden aus, dass es nur so schepperte. Pandora begann sofort, den Inhalt durchzusehen. Dabei hielt sie gelegentlich ein Teil ins Licht und murmelte vor sich hin. „Das ist alles, was ich brauche“, sagte sie schließlich. „Gut gemacht.“
Tiffany wurde bei dem Lob fast zwei Zentimeter größer. Aber Mara ließ nicht so schnell locker. „Was ist dann unser Problem?“, fragte sie hartnäckig.
„Die Schlange vor dem Büro der Hafenverwaltung geht fast bis zu Dock C“, berichtete Tiffany. „Es könnte den ganzen Tag dauern, eine frühere Starterlaubnis zu kriegen.“
Mara dachte kurz nach. „Das lass mal meine Sorge sein, Kleine“, sagte sie dann. „Bleib du hier und hilf mit.“ Sie warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. „Ich hab da noch eine Verabredung.“
Tiffany fand, dass Pandora nicht aussah, als würde sie den größten Teil ihrer Zeit im Maschinenraum verbringen. Sie war immer elegant gekleidet, so wie Tiffany sich eine Dame vorstellte, und irgendwie machte sie sich nie schmutzig. Wenn Tiffany ihr half, sah sie hingegen in kürzester Zeit aus, als hätte sie sich durch eine Pfütze Motoröl gerollt, und in ihrem widerspenstigen Haar blieben immer wieder Schrauben und andere Kleinteile hängen. Wenn Tiffany Pandora wäre, hätte sie sich wohl gar nicht erst reingelassen. Aber die Frau schien außerdem noch eine endlose Geduld zu haben, dass Tiffany ganz neidisch wurde.
„Was genau machen wir jetzt?“, fragte sie, während sie sich mit der Nase über die Pläne beugte, aber aus den Zeichnungen von Kurbelwellen und Zylindern wurde sie nicht recht schlau.
„Wir passen die Antriebssteuerung an, sodass die Hilfsmotoren zusammen mit den regulären Motoren betrieben werden können. Die Hestia erlaubt das eigentlich nicht, aber der Kontrollmechanismus kann umgangen werden.“ Sie zeigte auf eine Stelle des Plans und legte sich dann die Teile zurecht. „Die Hayaner machen das ständig. Die fahren kaum ein Schiff, dass nicht so umgebaut wurde. Ich wollte das schon immer mal selbst machen.“
Tiffany zog die Nase kraus. „Ich dachte, die Hayaner sind die, denen hin und wieder ein Schiff in die Luft fliegt.“
Pandora zuckte mit den Schultern. „Ein Zeichen von mangelndem Können“, sagte sie.
Während Pandora in die Maschine kroch, durfte Tiffany ihr Werkzeug anreichen. Da die Hestia zurzeit vor Anker lag, war es ungewöhnlich still im Maschinenraum abgesehen von den Geräuschen des Schraubens und einem gelegentlichen Hämmern, wenn ein Teil, das schon 20 Jahre an dieser Stelle saß, sich weigerte sich zu bewegen.
„Wo ist Mara denn hin?“, fragte Tiffany zwischendurch neugierig.
„Sie trifft einen alten Freund“, sagte Pandora, kurz darauf gefolgt von einem entschiedenen „Beweg dich“ in Richtung einer äußerst widerspenstigen Schraube.
„Mara hat wohl überall alte Freunde“, sagte Tiffany nachdenklich.
„Dafür bist du noch zu jung“, sagte Pandora nur. „Reich mir mal den T25.“
Tiffany reichte ihn ihr und runzelte die Stirn, während sie darüber nachdachte. Klar, man konnte nur alte Freunde haben, wenn man selber alt war, oder? Aber irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sie etwas Wichtiges verpasst hatte.
Auf Pothohar 2 war es erst später Vormittag, aber in der alten Hafenkneipe waren die Fenster so schmutzverkrustet, dass nur das gelegentliche Öffnen der Tür die Anwesenden an die Tageszeit erinnerte. Der Konsum von alkoholhaltigen Getränken, mit viel Wohlwollen als Bier bezeichnet, wurde dadurch nicht beeinflusst, und auch Holokarten waren schon auf zahlreichen Tischen zu sehen. Das Spielen um Geld in nichtzugelassenen Wirtschaften war natürlich im ganzen Oranischen Gebiet verboten, weswegen die Scheine meist unter dem Tisch den Besitzer wechselten.
„Du hast verloren. Schon wieder“, sagte Mara ruhig und sammelte die Karten wieder ein.
Ihr Gegenüber seufzte und nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas. „Warum tu ich mir das nur jedes Mal wieder an.“
Sie zuckte mit den Schultern. „Frag nicht mich.“
„Noch eine Runde. Diesmal krieg ich dich.“
Sie warf einen Blick auf die Uhr an der Wand, hinter dessen schmierigen Glas man nur mühsam die Zeiger erkennen konnte. „Nichts da. Jetzt schuldest du mir was.“
Er stöhnte. „Mara, du weißt doch, dass ich grad kein Geld habe.“
„Ich weiß.“ Sein Hundeblick erweichte ihre Miene nicht im Geringsten.
„Ich könnte natürlich… auf andere Weise bezahlen“, sagte er und hob suggestiv eine Augenbraue.
An einem anderen Tag hätte sie das Angebot angenommen. Schließlich sah er ganz gut aus, auf eine nicht gerade vertrauenserweckende Weise, die einen dazu bewegte, den eigenen Geldbeutel zu verstecken, bevor man sich auszog. Aber diesmal schüttelte sie den Kopf. „Heute nicht. Ich muss gleich los.“
Er runzelte die Stirn. „Ich dachte, du hast gesagt, ihr bleibt bis übermorgen.“
„Kleine Planänderung.“ Sie beugte sich über den Tisch und sah ihn fest an. „Ich brauche dein Schiff.“
Er schnappte nach Luft. „So haben wir aber nicht gewettet. Außerdem ist die Autolycus mindestens drei Mal so viel wert!“
Sie verdrehte die Augen. „Ich will deine Schrottkarre nicht haben. Ich will, dass du etwas für mich tust.“
Er leerte sein Glas in einem Zug. „Wieso habe ich das Gefühl, dass mir das ganz und gar nicht gefallen wird?“
„Oh, es wird dir überhaupt nicht gefallen.“ Sie winkte einen verschlafenen Kellner herbei und bestellte noch zwei Bier.
Als Pandora wieder aus der Maschine hervorkroch, musste sie nur ihre zerzausten Haare wieder ordnen, bevor sie wieder aussah wie ihr elegantes Selbst. Tiffany vermutete stark, dass irgendwie Magie dahintersteckte.
„Fertig“, sagte sie und begann die Pläne wieder zusammenzurollen.
„Testen wir jetzt?“, fragte Tiffany begierig.
„Nein“, sagte sie. „Wenn ich die Maschinen anwerfe, hört man das im ganzen Schiff. Erst reden wir mit dem Captain.“
Eine weitere Kunst der Überzeugung hatte Tiffany ebenfalls auf der Hestia gelernt. „Wenn du etwas wirklich willst, Kleine, dann musst du auf jedes Gegenargument bereits eine Antwort haben, bevor du überhaupt anfängst“, hatte Mara eines Abends gesagt. Jetzt durfte sie die Meister bei der Arbeit bewundern.
Die Hestia sei gar nicht schnell genug, um rechtzeitig vor Ort zu sein, wandte der Kapitän als Erstes ein.
Tiffany hibbelte aufgeregt auf ihrem Stuhl herum, denn sie ahnte schon, was jetzt kam.
Jetzt schon, erklärte Pandora. Durch die Hilfsmaschinen könne die Hestia bis zu 10 zusätzliche Knoten pro Stunde machen und somit zum benötigten Zeitpunkt vor Ort sein. Sie hätte das mit Mara genau durchgerechnet.
Und wenn schon, wandte der Kapitän mit einem triumphierenden Glitzern ein, die Hestia sei zu groß, um sich dem Ort des Geschehens weit genug nähern zu können.
In diesem Moment trat Mara ein. Der Auftritt war so gut abgestimmt, dass Tiffany sich fast sicher war, dass sie vor der Tür auf den richtigen Augenblick gewartet hatte. Sie kenne da jemanden, erklärte sie. Er würde den Treibstoff mit einer Vaquita zur Aletheia bringen.
Und was sei mit dem Verdienstausfall, fragte der Kapitän. Die Tanks seien erst zur Hälfte voll, ganz zu schweigen von dem Umweg, dem Risiko für das Schiff, …
Die Oranische Armee hätte sich bereits bereiterklärt, jedwede Kosten zu ersetzen, sagte der Funker etwas kleinlaut von hinten.
Der Kapitän wurde rot im Gesicht. „Unsere Auslaufgenehmigung gilt erst für übermorgen“, schnaufte er und sah Mara abwartend an.
„Ich weiß“, sagte die nur.
„Und, habt ihr dafür auch schon eine Lösung?“
„Dieses Schiff ist mit hoch entzündlichem Treibstoff beladen und wiegt über 100.000 Standardtonnen. Wer soll uns denn aufhalten?“
no subject
Date: 2020-07-27 10:01 pm (UTC)Es sind die wahnsinnigen Ingenieure. Und die Überredungskunst. Tiffany ist putzig.
Oh verflucht, das ist so, so großartig!! Sag mir, dass das ein Buch wird, dass ich mir ins Regal stellen kann. <3
(Seriously. Deinen ,Schreibstil mag ich kmmer, aber das passt so gut zur Geschichte und mit jedem Stück will ich mehr wissen über diese Leute, dieses Universum, ihre Physik und ihre Glückspiele. *__*)
no subject
Date: 2020-09-26 06:44 pm (UTC)(Du darfst es dir gerne hinterher ausdrucken und binden lassen? In fact, please do? :D)
Oh, ich will auch mehr wissen. ;) Das gibt Spinoff-Potential für die nächsten paar Sommerchallenges...