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[personal profile] servena posting in [community profile] 120_minuten
Titel: 5.239
Challenge: Krimi/Thriller/Horror - poetisch (Päckchen #12)
Fandom: Original | Fortsetzung von Phobos
Sprache: Deutsch
Wörter: 860
Team: Team Ouroboros mit Team Melpomene, Metaphermorphose & Pluto
Kommentar: Ha, ihr habt gedacht, ich mach mit Plot weiter? Nope!

Javier hatte zu wenig zu tun.

5.239

Javier hatte zu wenig zu tun.
Es gab keinen Kurs zu plotten, nur eine Richtung: Weg von dem riesigen Stern, der sie verschlingen wollte. Alle Systeme liefen dafür auf voller Kraft. Gelegentlich korrigierte er die Ausrichtung ein wenig, wenn das Schiff abdriftete, damit auch ja kein Tropfen Sprit umsonst verbrannt wurde.
Mit einem Auge behielt er die Systemdiagnostik des Schiffes im Blick. Er war selten mit Will einer Meinung, aber mit einem hatte er definitiv recht: Die Aletheia war nicht gebaut für das, was sie hier taten. Sie war ein kleines, wendiges Erkundungsschiff, das mit wenig Personal unabhängig von einer großen Flotte weite Strecken zurücklegen konnte. Was sie gerade taten, war das Äquivalent davon, mit einem Porsche einen Lastwagen abschleppen zu wollen.
Javier fand, dass sie sich für diese Verhältnisse ziemlich gut schlug. Die Struktur des Schiffes schien der Belastung standzuhalten, und der Motor schnurrte wie eine Katze. Nach einer Phase des Ausbalancierens, die ihn wahrscheinlich Jahre seines Lebens gekostet hatte, lag sie jetzt so ruhig im Raum, als würden sie sich gar nicht bewegen. Aber das täuschte natürlich.
Jede Minute ließ er automatisch einen neuen Scan der Elpis 2 durchführen, aber auch hier veränderten sich die Ergebnisse kaum. Die Systeme liefen auf absoluter Sparflamme, wahrscheinlich war drüben nicht einmal mehr das Licht an. Aber es wurde weiterhin Sauerstoff erzeugt und Kohlendioxid gefiltert. Die Temperatur machte ihm etwas Sorgen, sie kroch langsam nach oben, bis jetzt aber nur hinter dem Komma. Wahrscheinlich hielt irgendwo die Isolierung nicht mehr stand. Normalerweise war im Weltraum eher das Erfrieren ein Problem, aber Phobos strahlte eine derartige Hitze aus, dass die Außenhüllen begannen, sich zu erhitzen. Da sie schon genug Probleme hatten, machte er die anderen nicht darauf aufmerksam.
Die Zahl in der oberen rechten Ecke blieb unverändert: 5.239 schlagende Herzen in der Dunkelheit.
Er hatte viel zu viel Zeit, um sich vorzustellen, wie das war.
Irgendjemand hatte mal gesagt, ein Tod sei eine Tragödie, tausende aber lediglich eine Statistik. Er konnte sich nicht erinnern, wer das gewesen war. Vielleicht war das Wills Problem, dass er nur die graue, pockennarbige Hülle sah und nicht, was sich dahinter abspielte.
Javier hatte dieses Problem nicht. Er konnte sich vorstellen, wie sie sie zusammengedrängt unter Deck saßen, 5.000 Menschen in einer überdimensionierten Sardinenbüchse, ohne Fenster und ohne Licht. Nichts anderes zu tun als warten und beten.
Javier hasste warten.
Reyna war nach hinten gegangen, angeblich um die Arbeiten an der Maschine zu kontrollieren. Aber er wusste, dass sie warten noch mehr hasste als er. Sie trug die Verantwortung für das Schiff und für die Crew. Er konnte sich nicht vorstellen, an ihrer Stelle zu sein.
Die Frontfenster zeigten nur den schwarzen Raum, gesprenkelt mit dem Licht weit entfernter Sterne. Mit bloßem Auge konnte man es nicht sehen, aber Javier wusste, dass die Sterne langsam immer kleiner wurden, während die Aletheia trotz all ihrer Mühen in die Tiefe gezogen wurde.
Das Bild der Heckkamera wurde vollkommen von Phobos ausgefüllt, einem riesigen gelben Ball aus brennendem Gas. Phobos, die griechische Personifizierung der Angst, Sohn von Ares und, aus ihm völlig unerfindlichen Gründen, Aphrodite, der Göttin der Liebe. (Was tat man nicht alles, um sich zu beschäftigen.) Irgendwann, wenn diese Sache längst vorbei wäre, würde das bestimmt einen guten Filmtitel abgeben. Die Frage war nur, ob es ein ganz normaler Actionfilm oder doch eher eine griechische Tragödie sein würde.
Teilweise verdeckt wurde der lodernde Stern durch den grauen Schatten der Elpis 2, die mit ihrem abgerundeten Bug auf sie zeigte wie ein überdimensionierter Torpedo mit Flossen. Von ihr liefen straff gespannte Stahlkabel auf die Aletheia zu. Ihre Verankerung hatte einiges an Fingerspitzengefühl erfordert. Leider ließ Will niemand anderen ihren kleinen Raumroboter steuern, aber er hatte trotzdem genug zu tun gehabt.
Er trommelte nachdenklich mit seinen Fingern auf die Konsole. Um sich abzulenken, hatte er schon eine Weile darüber nachgegrübelt, ob man mit dem anderen Schiff irgendwie in Kontakt treten könnte. Morse-Code gefiel ihm bis jetzt am besten, aber der Raum zwischen ihnen würde den Schall nicht weiter tragen. Wenn er Will den Roboter aus den Rippen leiern könnte, könnte man vielleicht direkt auf die Hülle der Elpis 2 klopfen…
„Javier?“
Er fuhr zusammen. Er hatte sich schon so sehr an das stetige Klicken im Hintergrund gewöhnt, dass er beinahe vergessen hatte, dass Ellie auch noch da war. „Hm?“
„Wie viel Neu-Portugiesisch kannst du?“
Er drehte sich mitsamt seines Stuhls zu ihr um. Sie hielt den Kopfhörer an ein Ohr, um auch ja nichts zu verpassen, während sie ihn erwartungsvoll ansah. Sie sah müde aus, dachte er. So viel wie sie funkte, bekam sie bestimmt bald einen Krampf in den Fingern. Aber immerhin hatte sie jemanden zum Reden.
Sie runzelte die Stirn und ihm fiel ihre Frage wieder ein. „Ein bisschen.“
„Kannst du fluchen?“
„Sicher.“ Wo war denn sonst der Spaß beim Lernen einer neuen Sprache?
„Dann sag doch mal diesem Idioten von der Figueira da Foz, dass er verdammt nochmal endlich die Klappe halten soll, wenn er nichts Hilfreiches beizutragen hat.“
Er blinzelte. Er konnte sich nicht erinnern, Ellie schon einmal fluchen gehört zu haben.
Schwungvoll stand er aus seinem Stuhl auf. „Aber mit Vergnügen“, sagte er, und das meinte er auch so.

Date: 2020-07-19 05:11 pm (UTC)
der_jemand: (Default)
From: [personal profile] der_jemand
Ich kann nur unterstützen, dass mein Liebling auch dein Liebling geworden ist. :)


Das ist sehr schön, und ja, sehr poetisch. Oder ein generischer Actionfilm, aber erstmal poetisch. <3
Und das Ende ist ja mal das Beste. =D

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