[identity profile] tristraine.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Fandom : Original
Challange : 2# Regenschirm
Anmerkungen: Erst heut morgen nach dem Frühstück geschrieben, in der Zeit zwischen 10-12 ^_~  Eigentlich wollte ich was romantisches Schreiben (gemeinsam im Regen zu spät kommen *_~), aber manchmal geht das einfach nicht. Also hier was absolut unromantisches XD


Seit 7 Tage fällt fast ununterbrochen Regen vom Himmel.
Die ersten Tage finde ich es immer ganz toll. Ich suche begeistert aus meiner Sammlung den passenden Schirm zu meiner Kleidung, ich spiegele mich in Pfützen und strecke zwischendurch einige Male meine Hand unter dem Schirm hervor, um Tropfen auf meiner Hand zerschellen zu spüren. Ich kann Konvektionsregen und Frontregen unterscheiden und die Fallgeschwindigkeit von Regen mit einer Formel  berechnen. Am Anfang wirkt Regen so befreiend.

Aber diesmal hört er einfach nicht auf. Mehr als eine Woche Niederschlag ist zu viel.
Es kommt mir wie ein ständiger Angriff von oben vor. Dauernd fällt etwas auf einem herab. Nächtelang schlägt der Regen gegen mein Fenster, als wolle er hinein.
Wir sind im Krieg. Der Regen oder ich. Ich werde selber niedergeschlagen, so zusagen niedergeschlagen durch Niederschlag. Nicht nur die Tropfen ändern ihre Form, auch in ändere mich.

Montag
Es regnet seit letzter Woche. Ich versuche mir die Welt ohne Regen vorzustellen. Kann mich nicht mehr daran erinnern. Ich nehme sicherheitshalber den grünen und den gelben Regenschirm mit. Bestimmt hat die Klimaerwärmung Schuld an den gefühlten Billiarden Regentropfen pro Sekunde. Nach der Arbeit stelle ich mich mit einem Schild „Stoppt den Regen“ vor das Rathaus. Kaum jemand kommt vorbei. Eine Windböe zerstört meinen gelben Schirm, der grüne hält sich wacker.
Ich stehe da laut Rathausuhr 4 Stunden und 37 Minuten lang und sehe in der Zeit zwei Betrunkene, eine ältere Dame mit ihrem Hund und ein Rudel Jugendliche, die sich über mich lustig machen. Weder der Bürgermeister, noch jemand von der Presse erscheint. Ich hätte mich so gern in „RTL explosiv“ gesehen. Enttäuscht gehe ich nach Hause.

Dienstag
Ich bin viel zu nett für diese Welt. Immer viel zu nett. Aber heute hat das ein Ende.
Ist die Welt denn nett zu mir?
Wenn die Welt nett zu mir wäre, würde es ja nicht regnen.
Und der Regen ist definitv nicht nett zu mir.
Ich nehme den schwarzen Schirm mit dem giftgrünen Spinnennetz darauf. Ich ziehe meine alte schwarze Lederjacke an. Ich spare weder am schwarzen Nagellack noch an Schminke. Später schmeiße ich mit Erde um mich, weine und schreie. Meine Tante Claudia versucht mich zu beruhigen. Ich sage ihr, was für ein herzloses Miststück sie ist und das doch jeder von ihrer Affäire mit Onkel Hans wusste. Daraufhin sind alle sehr betroffen und schweigen. Ich bin immer noch wütend.
Ich darf später nicht mit  zum Leichenschmaus. Will ich auch gar nicht.
Abends kommen mir Zweifel, ob Hans Beerdigung der richtige Ort war, um dieses Geheimnis zu offenbaren.

Mittwoch
Ich mag Regen eigentlich.
Ich werde ihn positiv betrachten. Regen ist schön.
Ohne Regen kein Regenbogen. Mit Regen gerade auch kein Regenbogen, aber es wäre theoretisch möglich. Daher nehme ich den regenbogenfarbenen Schirm. Alles wird gut. Alles ist schön.
In der Straßenbahn riecht es muffig nach nassem Hund und nassem Menschen. Als die Straßenbahn schlagartig bremst, rutsche ich auf dem nassen Boden aus und schlage geschickt mit meinem Kopf gegen die Haltestange. Mein Gesicht tut weh und mein linkes Auge schwillt an. Die übliche Durchsage. Verzögerungen im Ablauf. Wissen noch nicht, wann die Bahn weiterfährt. Gerüchte über „Personenschaden“ gehen um. Und ich kann´s verstehen. Wer will bei Regen schon leben…?
Ich sitze weinend in der S-Bahn, die anderen Fahrgäste schauen mich seltsam von der Seite an. Morgen denke ich, ja morgen!

Donnerstag
Ich beschließe den Regen zu ignorieren. Wenn ich den Regen ignoriere, ist er nicht da. Ich ziehe einen kurzen Rock, meine hellblaue Bluse und meine schicken Pumps an. Keine Jacke. Kein Schirm. Wer ist schon Regen.
Ich beschließe mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Bereits an der ersten großen Kreuzung haben sich Maskara, Kajal und Schminke großzügig über meine Wangen verteilt. Gegenüber von Karstadt lege ich mich beinah aufs Maul, weil meine Schuhe nur noch aus Wasser zu bestehen scheinen. Völlig haltlos. Ein Kommentar der Obdachlosen am Bahnhof verrät mir, dass nicht nur weiße Oberteile bei Kontakt mit Wasser durchsichtig werden. Mir egal. Es gibt keinen Regen. Die Sonne scheint.
Mir ist auch nicht kalt.
Auf der Arbeit angekommen werde ich inklusive Ermahnung von meinem Chef wieder weg geschickt. So lässt er mich nicht auf die Kunden los. Fragt immerhin netterweise nach, ob ich Fieber habe. Ich sage, ich habe Regen und fahre wieder nach Hause.

Freitag
Ich bin krank.
Ich werde sterben.
Ich skizziere meinen Grabstein.
„Regen ist tödlich“ oder „Regen tötet“.
Kann mich nicht entscheiden.

Samstag
Ich wandere aus.
Ich schreibe die Kündigung für meine Wohnung.
Ich setze meine Regenschirmsammlung bei Ebay rein.
Ich überlege, wem meiner Freunde ich das Fahrrad und wem die Kücheneinrichtung schenke.
Ich muss weg. Möglichst bald. Ich google „Niedrige Regenwahrscheinlichkeit“ und stelle fest, dass ich nach Armenien ziehen werde. Klingt doch ganz nett. Ich fange an zu packen. Das Fieber wird gegen Abend wieder stärker und ich schlafe in meinem Kleiderschrank.

Sonntag
Beim Aufwachen merke ich bereits, dass mein Rücken nicht daran gewöhnt ist, halb im Schrank und halb auf dem Fußboden zu schlafen. Mein linkes Bein liegt merkwürdig verdreht im Koffer. Mir tut so ziemlich alles weh.
Meine Nase ist ganz rot, meine Augen geschwollen und das eine blau, meine Haltung krumm, meine Haare seit Tagen nicht  mehr gewaschen.Ich schleppe mich ins Bad und denke an Armenien.

Mein Blick fällt aus dem Fenster.

Die Sonne scheint.

 

Date: 2008-03-22 01:21 pm (UTC)
From: [identity profile] nana989.livejournal.com
Hey, das Ganze gefällt mir sehr. =3
Ich mag den Aufbau und die von Tag zu Tag andere Einstellung zum Regen. Sehr lustig. Und die Regenschirme natürlich. *lol*

Wirklich gut gelungen.

^______^

Date: 2008-03-22 04:36 pm (UTC)
From: [identity profile] tsutsumi.livejournal.com

Die arme Frau tut mir echt Leid. ;_; Ich meine, bei langen Regentagen versuche ich das Wetter zu ignorieren, was auch ganz gut gelingt. Aber sie. Hach. Oo
Sehr, sehr genial geschrieben, wirklich! *---* Ich liebe solche kurzen, intensiven Sachen. =) Die Wortwahl, die Atmosphäre, ach, das passt alles =) Und gerade jetzt, wo es draußen regnet.

~Tsu

P.S. Dein Icon ist total stark *__*

Date: 2008-03-23 12:53 pm (UTC)
From: [identity profile] tsutsumi.livejournal.com

Dazu schreibt man ja. *g*

Ja, ich liebe die Frau! *--*

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