Titel: Phobos
Challenge: Angst – Kein Empfang (Päckchen #9)
Fandom: Original (Scifi)
Sprache: Deutsch (!!!)
Wörter: 2600 (???)
Team: Team Ouroboros mit Team Pluto & Team Melpomene
Kommentar: Oh Gott, worauf hab ich mich da eingelassen.
Wenn Captain Reyna zwei Worte hätte wählen müssen, die sie nie wieder hören wollte, dann war das „Hey Chef.“ Nicht, weil die Anrede höchst inoffiziell und geradezu unverschämt war, sondern weil das, was darauffolgte, nie angenehme Dinge waren.
Phobos
An Bord der Aletheia
Wenn Captain Reyna zwei Worte hätte wählen müssen, die sie nie wieder hören wollte, dann war das „Hey Chef.“ Nicht, weil die Anrede höchst inoffiziell und geradezu unverschämt war, sondern weil das, was darauffolgte, nie angenehme Dinge waren. Nie „Hey Chef, ich hab Ihnen schonmal ‘nen Kaffee gemacht“ oder „Hey Chef, die neuen Antriebsdüsen laufen ausgezeichnet.“ Stattdessen immer nur, „Hey Chef, die Karthager haben bei der Reparatur geschlampt“ oder „Hey Chef, unser Navigationssystem ist down, ist wohl das neue Software Update“ und ihr absoluter Favorit „Hey Chef, die fahren gerade ihre Waffensysteme hoch“.
Deswegen drehte sie sich diesmal nicht mal in ihrem Sessel um. „Nein.“
Aber wenn sich ihr Navigator Javier davon so leicht abwimmeln ließe, hätte er wohl einen anderen Job. „Chef, das sollten Sie sich wirklich mal ansehen.“
„Ich will es nicht wissen. Wir sind auf dem direkten Weg nach Hause, und wenn wir uns noch weitere Verzögerungen leisten, wird Admiral Jakarta mich persönlich häuten.“
„Aber Chef.“
Sie hätte vielleicht standhaft bleiben können, wenn ihre Kommunikatorin Ellie nicht plötzlich gesagt hätte: „Was ist das denn?“
Neugier war wirklich keine gute Eigenschaft in ihrem Beruf. Das konnte das eigene Leben erheblich verkürzen.
Mit einem übertriebenen Seufzen erhob sie sich aus ihrem Sessel, um über Javier’s Schultern auf den Radarbildschirm zu gucken. „Was sollte ich da sehen?“
„Das da“, Javier zeigte auf einen riesigen grün fluoreszierenden Kreis auf der rechten Seite des Bildschirms, „ist Phobos.“
„Wow“, sagte Will, seines Zeichens Ingenieur, als er durch die Tür trat, „ein Stern. Genau der Stern, den wir schon seit gestern Morgen auf dem Radar haben. Ich fall gleich aus den Socken.“
Javier rollte so sehr mit den Augen, dass es wehgetan haben musste. „Und das da“, er zeigte auf einen winzigen grünen Punkt in den Ausläufern des Sterns, „ist ein Schiff.“
Für einen Moment schwiegen sich alle an.
„Das macht überhaupt keinen Sinn“, sagte Ellie dann. „Bist du sicher, dass es kein Asteroid ist?“
„Das Ding besteht aus einer Stahlhülle und ist stromlinienförmig. Wie viele solcher Asteroiden hast du bis jetzt gesehen?“
Weiteres Schweigen. Will beugte sich von hinten so weit über den Bildschirm, dass Reyna den Zwiebelgeruch seines Mittagessens riechen konnte. Keine schöne Erfahrung.
„Sind die denn bescheuert?“, sagte er dann.
Reyna richtete sich wieder auf und verabschiedete sich gedanklich von der Hoffnung, einmal in ihrem Leben mal irgendwo pünktlich anzukommen. Sie wandte sich an Ellie. „Können wir sie anrufen?“
„Dazu müssten wir näher ran. Die Strahlung von Phobos reduziert die Funkdistanz auf circa“, sie machte eine kurze Rechnung im Kopf, „1,25 Meilen.“
„Circa?“, murmelte Will.
Sie nickte. „Javi, bring uns näher ran, aber halt uns so weit aus dem Gravitationsfeld wie möglich.“
Sie hatte schon zwei Schritte in Richtung ihres Sessels gemacht, als Javier sie unterbrach. „Äh, da ist noch was, Chef.“
Sie zählte innerlich bis 3, bevor sie fragte. „Was?“
„Wenn wir näher ranwollen, müssen wir über die Grenze. Das ist schon Internationaler Luftraum.“ Er zeigte auf die dünn gestrichelte grüne Linie.
Sie hielt inne. „Das könnte einen Internationalen Zwischenfall auslösen.“
„Wir könnten hierbleiben und die Grenze sichern“, schlug Will vor.
„Aber vielleicht brauchen sie Hilfe“, protestierte Ellie.
„Es könnte eine Falle sein.“
Sie hob eine Hand und brachte die beiden zum Schweigen. Javier hatte sich in seinem Stuhl umgedreht und sah sie abwartend an. „Wir können hier nicht ewig unsere Kreise ziehen. Und bis eine Grenzschutzpatrouille hier wäre, um uns zu vertreten, könnte es Tage dauern. Das hier ist ja nun nicht gerade die Limes-Linie.“
Sie nahm einen tiefen Atemzug. „Ellie, gib eine Meldung an die Zentrale mit unserer genauen Position. Sag ihnen, wir überschreiten die Grenze, um Funkkontakt herzustellen.“
Ellie begann, mit ihrem Zeigefinger rhythmisch auf den Kommunikator zu tippen, während vor den Frontfenstern die Sternenkonstellationen vorbeizogen, als sie ihren Kurs änderten.
Will lief unterdessen nervös in der Kabine auf und ab. Sie hasste das, deshalb setzte sie sich wieder und wandte ihm bewusst den Rücken zu. „Wenn es ein Militärschiff ist, versuchen sie vielleicht, die Nähe des Sterns als Tarnung zu nutzen.“
„Nicht mal die Andoraner wären so blöd“, wandte Javier ein, während er Koordinaten eintippte. Seine Fähigkeit, gleichzeitig zu arbeiten und zu reden, trieb sie manchmal in den Wahnsinn. „Ein bisschen zu viel Strahlung und die ganze technische Ausrüstung ist für die Tonne. Und wofür das Ganze? Hier ist doch nichts. Wüstenplaneten haben die Andoraner doch selber wie Sand am Meer.“ Er grinste ein bisschen über seinen Witz.
Sie sah, wie Will tief Luft holte, um etwas zu erwidern, und wählte diesen Augenblick, um ihn zu unterbrechen. „Sind die Frontschilde bereit? Ich will sie noch nicht oben haben, damit wir keinen falschen Eindruck erwecken, aber wenn wir sie brauchen, muss es schnell gehen.“
„Es ist alles bereit“, sagte er. Sie warf ihm einen besonders ernsten Blick zu und er seufzte. „Ich check nochmal.“
Als er durch die automatischen Türen verschwand, gönnte sich Reyna einen Moment, um mit Ellie einen Blick zu tauschen, wie es nur Leidensgenossinnen konnten.
„Immer noch nichts?“
Ellie schüttelte nur den Kopf.
„Javi, sind wir nah genug dran?“
Sein beleidigtes Gesicht sagte mehr als tausend Worte.
Sie lehnte sich frustriert in ihrem Sessel zurück. „Kann das immer noch die Interferenz sein?“
Ellie setzte die Kopfhörer ab. „Eigentlich nicht. Das Signal könnte gestört werden, aber irgendwas sollten wir hören.“ Sie stellte den Empfänger für einen Moment auf laut, sodass alle das sanfte Rauschen hören konnten. „Aber da ist nichts.“
„Die führen doch was im Schilde“, sagte Will von hinten.
Sie warf ihm einen Blick über die Schulter zu. „Fahr die Schilde hoch. Javi, bring uns auf Sichtweite.“
„Geht klar, Boss.“ Seine Finger huschten über die Bedienungselemente der Triebwerke.
Die Fenster verdunkelten sich automatisch an den richtigen Stellen, damit das gleißende Licht sie nicht blendete, als Phobos langsam die Sicht ausfüllte. Im Vordergrund wurde ein grauer Punkt immer größer. Er war immer noch zu klein, um mit bloßem Auge viel zu erkennen, aber das Teleskop zeigte bereits eine Großansicht auf einem Bildschirm. Javier wischte es auf die Fensterfront herüber, sodass alle es sehen konnten.
„Das ist kein Militärschiff“, sagte sie langsam.
„Das ist eine Schrottmühle, meinen Sie“, warf Javier ein.
Die Triebwerke waren wieder verstummt, aber das Bild wurde trotzdem immer noch größer. „Javier, warum driften wir?“, fragte sie scharf.
„Ups, das ist Phobos. Leite Gegenschub ein.“ Ein Fronttriebwerk fuhr summend hoch und das Bild stabilisierte sich.
„Das sieht ja aus wie vor dem letzten Krieg“, sagte Ellie.
Will stützte sich auf ihrer Lehne ab, als er sich vorbeugte. „Ist es auch. Das ist eine Beluga Z, ein alter Balarischer Frachter“, sagte er. „Zuletzt in den 40er Jahren produziert. Schwer zu steuern, keine Lichtgeschwindigkeit, und, wenn man den Gerüchten glauben darf, hauptsächlich zusammengehalten durch Panzertape. Ich hab schon ewig keinen mehr gesehen.“
„Danke, Wikipedia“, sagte Javier trocken. „Und was macht der dann hier? Für einen Frachter ist der doch heutzutage viel zu lahm.“
Aber ihr kam gerade ein schlechter Gedanke. „Wie viele Leute passen da rein?“ fragte sie langsam.
Will sah sie nachdenklich an. „Wenn man alles Unnötige rausreißt – 5.000?“
„Sie glauben, das ist ein Flüchtlingsschiff? Aus Andora?“ Javier beugte sich so weit vor, dass er beinahe aus dem Stuhl fiel.
Will schüttelte den Kopf. „Dann wären sie weit ab vom Kurs. Sie müssten weiter nach Osten, um die Grenze nach Laesh zu überqueren. Die wissen doch, dass wir sie niemals aufnehmen würden. – Es sei denn, es ist eine Falle.“
Javier machte eine wegwerfende Handbewegung. „Um was zu tun, eine Tankstelle auf Neu-Gobi in die Luft zu sprengen? Wow, das würde uns um… einen Monat zurückwerfen. Wenn der Baudienst trödelt.“
„Sie könnten uns in die Luft sprengen.“
„Ich glaube, du überschätzt da ein klein wenig unsere nationale Wichtigkeit.“
Sie hob ihren Kugelschreiber, den sie wie einen Dolch umfasst hielt. Will machte tatsächlich einen Schritt zurück. Sie holte gerade tief Luft, als Ellie sagte: „Es gab einen Teilchensturm.“
Alle sahen auf.
Sie hielt das Blatt mit der automatisierten Meldung hoch. „Das kam Donnerstag rein, eine Warnung vor einem Teilchensturm im Ares-Delta. Es war nicht relevant für uns, wir lagen ja noch im Dock, aber…“
„…mit der alten Rostlaube mussten sie ihn großflächig umfahren.“ Javier nickte. „Das macht Sinn.“
„Wenn die Steuertechnik so alt ist wie das Schiff selbst, hat Phobos sie vielleicht gestört.“ Sie hörte aus Will’s Stimme ein bisschen Widerwillen gegen diese einfache Antwort heraus.
Javier zoomte auf die Antenne an der Oberseite des Schiffes. „Das erklärt auch die Funkstille, das ganze Relay ist Toast. Richtig gut durchgebraten, fehlt nur noch die Rauchfahne, für die Dramatik.“
Sie widerstand dem Drang, ein bisschen gegen seinen Stuhl zu treten, damit er sich zusammennahm.
„Aber warum steuert man so ein Schiff überhaupt so nah an einem Stern vorbei?“, fragte Will hartnäckig. „Das ist doch gegen jeden Verstand.“
„Sie wollten die Grenze nicht überschreiten. Wenn sie das tun, darf jede Militärpatrouille“, sie sah den Rest von ihnen mit hochgezogenen Augenbrauen an, „sie abschießen.“
„Da wäre doch noch genug Raum gewesen.“ Javier gestikulierte auf seinen Bildschirm.
„Vielleicht sind ihre Karten ungenau.“ Sie runzelte die Stirn, als die Antenne auf dem Bildausschnitt langsam kleiner wurde. „Javier, jetzt hast du es übertrieben.“
Er warf einen Blick auf die Daten auf seinem Monitor. „Nein, wir halten unsere Position wie eine Eins.“ Seine Augen wurden groß. „Es sei denn…“ Er hackte auf die Tastatur ein. „Oh mierda.“
„Was?“, fragte sie scharf.
„Wir driften nicht. Sie driften.“
Sie sprang aus ihrem Sessel auf. „Laufen ihre Triebwerke nicht?“
„Ich bin davon ausgegangen, von dieser Seite kann man das ja nicht sehen!“
Will’s Nase berührte fast die Scheibe, als könnte er allein mit bloßem Auge erkennen, was im Inneren des Schiffsrumpfes vor sich ging. „Die Strahlung muss nicht nur ihr Steuersystem beeinträchtigt haben, sondern auch die Antriebe selbst.“
Javier tippte emsig auf den Bildschirm ein. „Für einen Systemscan müsste ich bei diesem Umgebungsrauschen viel näher ran.“
„Wie nah?“, fragte sie.
„Hundert Meter?“
Will ächzte. „Es könnte immer noch eine Falle sein.“
„Ach jetzt hör doch schon auf, wer ist denn so suizidal? Außerdem könnten sie nichts Größeres als ein MG vor uns verbergen, und wir sind viel schneller als sie.“
Reyna machte eine ungeduldige Handbewegung.
Elegant schob sich die Aletheia an das große Schiff heran, um dann daran vorbei zu gleiten. Jetzt waren sie so nah heran, dass sie kein Teleskop mehr brauchten, um auf der zerschrammten und mit Rost befleckten Außenhülle den weißen Namensschriftzug Elpis II zu erkennen.
„Die griechische Göttin der Hoffnung“, murmelte Ellie. „Was wohl aus der ersten Elpis geworden ist?“
Noch bevor sie erneut in eine statische Position gefunden hatten, konnten sie die Triebwerke der Backbordseite erkennen, die kalt und tot in Richtung des lodernden Sterns zeigten.
„Alles aus“, sagte Javier und rieb sich über das Gesicht, als könnte er es nicht glauben. „Der Systemscan meldet keine Aktivität mehr im Maschinenraum. Nur die Lebenserhaltungssysteme sind noch online.“ Er schluckte. „Der Computer meldet 5.239 Menschen an Bord.“
Aus der Nähe war jetzt die Bewegung zu erkennen, die auf dem Radar verborgen gewesen war: Langsam drehte sich das massige Schiff im leeren Raum um seine eigene Achse und driftete auf den lodernden Stern zu. Ein Sturz in Zeitlupe.
Reyna biss sich auf die Lippe, bis sie Blut schmeckte. „Wie lange haben sie noch?“
Will war bereits emsig am Rechnen. „Noch bewegen sie sich langsam, aber ihr Fall wird sich exponentiell beschleunigen, je näher sie dem Stern kommen. Wenn man von einem Gewicht von 300.000 Standardtonnen ausgeht - vielleicht noch mehr als eine Stunde, aber keine zwei. Wenn ihre restlichen Systeme so lange durchhalten.“
„Können wir sie abschleppen?“
Er schüttelte den Kopf. „Ausgeschlossen. Wir haben nicht die Schubkraft, um ein so großes Schiff aus einem Gravitationsfeld zu ziehen, dafür ist die Aletheia nicht gebaut. Es wäre Selbstmord, das zu versuchen.“
Jetzt war sie es, die nervös in der Kabine auf und ab ging. „Wie lange können wir uns hier halten?“
„Viel länger. Aber wir müssen die Schilde oben lassen, sonst könnte unsere Technik auch Schaden nehmen, und das zieht ganz schön Saft. Irgendwann geht es uns der Sprit aus.“
„Dann müssen wir jemanden anrufen.“
Sie sah Ellie an, aber die machte ein verzweifeltes Gesicht. „Hier ist niemand, der in einer Stunde hier sein könnte.“
„Niemand?“
Der scharfe Tonfall tat ihr soweit Leid, Ellie sah aus, als könnte sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. „Eine Commerson ist gerade auf dem Weg nach Sonora, aber die ist noch viel kleiner als wir.“
„Funk die an, die sollen die Nachricht weiterleiten, und in Reichweite bleiben, um als Relay zu agieren.“
„Das wird ihnen nicht gefallen, die hatten es ziemlich eilig.“
„Sag Ihnen, wenn Sie sich davonmachen, stell ich sie hinterher wegen unterlassener Hilfeleistung vor Gericht.“
Ellie nickte entschlossen und wandte sich dem Funkgerät zu.
Reyna ließ sich bemüht langsam wieder in ihrem Sessel nieder. Vor dem Fenster driftete die Elpis 2 hilflos im Raum. „Wir brauchen mehr Zeit“, murmelte sie.
„Ooh nein“, hörte sie Will hinter sich sagen.
Sie ignorierte ihn. „Javier, bring uns näher ran. Wenn es ein alter Frachter ist, dann hat er am Bug mit Sicherheit etwas, in das wir Schlepptrosse einhängen können.“
Will trat neben sie und sah sie an, als hätten alle den Verstand verloren. „Wir können sie nicht halten! Sie wird uns mit reinziehen!“
Sie bemühte sich, seinem Blick standzuhalten. „Aber wir können ihren Fall verlangsamen, bis jemand kommt.“
„Wer soll hier denn kommen?“ Er gestikulierte wild in Richtung Karte. „Hier ist doch nichts! Wir sind doch selbst nur hier, weil uns mitten in der Pampa der Kompressor um die Ohren geflogen ist!“
Langsam verlor sie die Beherrschung. „Da sind 5.000 Menschen an Bord! Zivilisten! Kinder!“
Er packte die Lehnen ihres Stuhls. „Das ist Selbstmord.“
Sie schloss die Augen und atmete einmal tief durch. „Das muss keine permanente Entscheidung sein. Wenn wir sehen, dass es aussichtslos ist, können wir die Taue immer noch kappen.“
„Wenn wir das nicht sehr genau berechnen, haben wir vorher den Point Of No Return erreicht. Dann kommen wir ohne fremde Hilfe selbst nicht mehr raus. Wollen wir das riskieren?“
Sie sah ihn fest an und sagte: „Das ist keine Demokratie hier. Ich trage die Verantwortung, ich treffe die Entscheidungen.“
Will trat zurück, als hätte man ihn geschlagen.
„Ich bin dafür!“, sagte Javier schnell.
„Ich auch“, sagte Ellie.
Will sah sich um. „Ihr seid ja alle wahnsinnig.“
Betretenes Schweigen erfüllte die Kabine, bis Javier plötzlich sagte: „Es ist unsere Schuld.“
Alle wandten sich ihm zu. „Wie meinst du das?“, fragte Will.
„Wir konnten sie nicht eher sehen, weil im Strahlungsfeld von Phobos lagen, aber sie konnten uns meilenweit kommen sehen. Ein Schiff der Oranischen Flotte, bewaffnet bis an die Zähne.“ Er rieb sich mit der Hand über sein Gesicht. „Sie wollten sich vor uns verstecken.“
„Wir sind noch nur eine kleine Patrouille!“
„Wir haben genug Feuerkraft, um zehn von den Dingern vom Himmel zu pusten! Sie hatten Angst.“
Will sah aus, als hätte man ihm einen Eimer eiskaltes Wasser ins Gesicht gekippt. Schlagartig ernüchtert lehnte er sich gegen die Konsole. „Also ist es entschieden?“
Sie nickte nur.
Er seufzte tief. „Ich geh runter und bring es Melanie bei.“
Sie hörte, wie sich hinter ihr zischend die Türen öffneten, und rief über die Schulter: „Sag ihr, sie darf den Motor übertakten.“
Er hielt in der Tür inne. „Echt?“
„Ja.“
„Sie haben gesagt, das dürfen wir nie wieder tun.“
Sie drehte sich mitsamt ihres Sessels zu ihm um. „Ich hab’s mir anders überlegt. Wir brauchen alles, was wir kriegen können.“
Als er den Maschinenraum betrat, tüftelte Melanie gerade mit einem Schraubenschlüssel an den Einstellungen der Einspritzdüsen herum. Über das Motorengeräusch hörte sie ihn nicht kommen, und als er sie antippte, hieb sie ihm fast das Werkzeug an den Kopf. Nur jahrelange Übung bewahrte ihn vor einer Gehirnerschütterung.
Sanft zog er ihr den Schraubenschlüssel aus der Hand. „Das muss echt mal aufhören.“
„Tschuldigung“ sagte sie, aber sie grinste dabei breit. Strähnen ihrer schwarzen Haare lösten sich aus dem Zopf und ihr Gesicht war gestreift mit Motoröl, als wolle sie auf den Kriegspfad gehen. „Was ist denn los da oben?“
Er schüttelte nur den Kopf. „Du wirst es nicht glauben.“
Challenge: Angst – Kein Empfang (Päckchen #9)
Fandom: Original (Scifi)
Sprache: Deutsch (!!!)
Wörter: 2600 (???)
Team: Team Ouroboros mit Team Pluto & Team Melpomene
Kommentar: Oh Gott, worauf hab ich mich da eingelassen.
Wenn Captain Reyna zwei Worte hätte wählen müssen, die sie nie wieder hören wollte, dann war das „Hey Chef.“ Nicht, weil die Anrede höchst inoffiziell und geradezu unverschämt war, sondern weil das, was darauffolgte, nie angenehme Dinge waren.
Phobos
An Bord der Aletheia
Wenn Captain Reyna zwei Worte hätte wählen müssen, die sie nie wieder hören wollte, dann war das „Hey Chef.“ Nicht, weil die Anrede höchst inoffiziell und geradezu unverschämt war, sondern weil das, was darauffolgte, nie angenehme Dinge waren. Nie „Hey Chef, ich hab Ihnen schonmal ‘nen Kaffee gemacht“ oder „Hey Chef, die neuen Antriebsdüsen laufen ausgezeichnet.“ Stattdessen immer nur, „Hey Chef, die Karthager haben bei der Reparatur geschlampt“ oder „Hey Chef, unser Navigationssystem ist down, ist wohl das neue Software Update“ und ihr absoluter Favorit „Hey Chef, die fahren gerade ihre Waffensysteme hoch“.
Deswegen drehte sie sich diesmal nicht mal in ihrem Sessel um. „Nein.“
Aber wenn sich ihr Navigator Javier davon so leicht abwimmeln ließe, hätte er wohl einen anderen Job. „Chef, das sollten Sie sich wirklich mal ansehen.“
„Ich will es nicht wissen. Wir sind auf dem direkten Weg nach Hause, und wenn wir uns noch weitere Verzögerungen leisten, wird Admiral Jakarta mich persönlich häuten.“
„Aber Chef.“
Sie hätte vielleicht standhaft bleiben können, wenn ihre Kommunikatorin Ellie nicht plötzlich gesagt hätte: „Was ist das denn?“
Neugier war wirklich keine gute Eigenschaft in ihrem Beruf. Das konnte das eigene Leben erheblich verkürzen.
Mit einem übertriebenen Seufzen erhob sie sich aus ihrem Sessel, um über Javier’s Schultern auf den Radarbildschirm zu gucken. „Was sollte ich da sehen?“
„Das da“, Javier zeigte auf einen riesigen grün fluoreszierenden Kreis auf der rechten Seite des Bildschirms, „ist Phobos.“
„Wow“, sagte Will, seines Zeichens Ingenieur, als er durch die Tür trat, „ein Stern. Genau der Stern, den wir schon seit gestern Morgen auf dem Radar haben. Ich fall gleich aus den Socken.“
Javier rollte so sehr mit den Augen, dass es wehgetan haben musste. „Und das da“, er zeigte auf einen winzigen grünen Punkt in den Ausläufern des Sterns, „ist ein Schiff.“
Für einen Moment schwiegen sich alle an.
„Das macht überhaupt keinen Sinn“, sagte Ellie dann. „Bist du sicher, dass es kein Asteroid ist?“
„Das Ding besteht aus einer Stahlhülle und ist stromlinienförmig. Wie viele solcher Asteroiden hast du bis jetzt gesehen?“
Weiteres Schweigen. Will beugte sich von hinten so weit über den Bildschirm, dass Reyna den Zwiebelgeruch seines Mittagessens riechen konnte. Keine schöne Erfahrung.
„Sind die denn bescheuert?“, sagte er dann.
Reyna richtete sich wieder auf und verabschiedete sich gedanklich von der Hoffnung, einmal in ihrem Leben mal irgendwo pünktlich anzukommen. Sie wandte sich an Ellie. „Können wir sie anrufen?“
„Dazu müssten wir näher ran. Die Strahlung von Phobos reduziert die Funkdistanz auf circa“, sie machte eine kurze Rechnung im Kopf, „1,25 Meilen.“
„Circa?“, murmelte Will.
Sie nickte. „Javi, bring uns näher ran, aber halt uns so weit aus dem Gravitationsfeld wie möglich.“
Sie hatte schon zwei Schritte in Richtung ihres Sessels gemacht, als Javier sie unterbrach. „Äh, da ist noch was, Chef.“
Sie zählte innerlich bis 3, bevor sie fragte. „Was?“
„Wenn wir näher ranwollen, müssen wir über die Grenze. Das ist schon Internationaler Luftraum.“ Er zeigte auf die dünn gestrichelte grüne Linie.
Sie hielt inne. „Das könnte einen Internationalen Zwischenfall auslösen.“
„Wir könnten hierbleiben und die Grenze sichern“, schlug Will vor.
„Aber vielleicht brauchen sie Hilfe“, protestierte Ellie.
„Es könnte eine Falle sein.“
Sie hob eine Hand und brachte die beiden zum Schweigen. Javier hatte sich in seinem Stuhl umgedreht und sah sie abwartend an. „Wir können hier nicht ewig unsere Kreise ziehen. Und bis eine Grenzschutzpatrouille hier wäre, um uns zu vertreten, könnte es Tage dauern. Das hier ist ja nun nicht gerade die Limes-Linie.“
Sie nahm einen tiefen Atemzug. „Ellie, gib eine Meldung an die Zentrale mit unserer genauen Position. Sag ihnen, wir überschreiten die Grenze, um Funkkontakt herzustellen.“
Ellie begann, mit ihrem Zeigefinger rhythmisch auf den Kommunikator zu tippen, während vor den Frontfenstern die Sternenkonstellationen vorbeizogen, als sie ihren Kurs änderten.
Will lief unterdessen nervös in der Kabine auf und ab. Sie hasste das, deshalb setzte sie sich wieder und wandte ihm bewusst den Rücken zu. „Wenn es ein Militärschiff ist, versuchen sie vielleicht, die Nähe des Sterns als Tarnung zu nutzen.“
„Nicht mal die Andoraner wären so blöd“, wandte Javier ein, während er Koordinaten eintippte. Seine Fähigkeit, gleichzeitig zu arbeiten und zu reden, trieb sie manchmal in den Wahnsinn. „Ein bisschen zu viel Strahlung und die ganze technische Ausrüstung ist für die Tonne. Und wofür das Ganze? Hier ist doch nichts. Wüstenplaneten haben die Andoraner doch selber wie Sand am Meer.“ Er grinste ein bisschen über seinen Witz.
Sie sah, wie Will tief Luft holte, um etwas zu erwidern, und wählte diesen Augenblick, um ihn zu unterbrechen. „Sind die Frontschilde bereit? Ich will sie noch nicht oben haben, damit wir keinen falschen Eindruck erwecken, aber wenn wir sie brauchen, muss es schnell gehen.“
„Es ist alles bereit“, sagte er. Sie warf ihm einen besonders ernsten Blick zu und er seufzte. „Ich check nochmal.“
Als er durch die automatischen Türen verschwand, gönnte sich Reyna einen Moment, um mit Ellie einen Blick zu tauschen, wie es nur Leidensgenossinnen konnten.
„Immer noch nichts?“
Ellie schüttelte nur den Kopf.
„Javi, sind wir nah genug dran?“
Sein beleidigtes Gesicht sagte mehr als tausend Worte.
Sie lehnte sich frustriert in ihrem Sessel zurück. „Kann das immer noch die Interferenz sein?“
Ellie setzte die Kopfhörer ab. „Eigentlich nicht. Das Signal könnte gestört werden, aber irgendwas sollten wir hören.“ Sie stellte den Empfänger für einen Moment auf laut, sodass alle das sanfte Rauschen hören konnten. „Aber da ist nichts.“
„Die führen doch was im Schilde“, sagte Will von hinten.
Sie warf ihm einen Blick über die Schulter zu. „Fahr die Schilde hoch. Javi, bring uns auf Sichtweite.“
„Geht klar, Boss.“ Seine Finger huschten über die Bedienungselemente der Triebwerke.
Die Fenster verdunkelten sich automatisch an den richtigen Stellen, damit das gleißende Licht sie nicht blendete, als Phobos langsam die Sicht ausfüllte. Im Vordergrund wurde ein grauer Punkt immer größer. Er war immer noch zu klein, um mit bloßem Auge viel zu erkennen, aber das Teleskop zeigte bereits eine Großansicht auf einem Bildschirm. Javier wischte es auf die Fensterfront herüber, sodass alle es sehen konnten.
„Das ist kein Militärschiff“, sagte sie langsam.
„Das ist eine Schrottmühle, meinen Sie“, warf Javier ein.
Die Triebwerke waren wieder verstummt, aber das Bild wurde trotzdem immer noch größer. „Javier, warum driften wir?“, fragte sie scharf.
„Ups, das ist Phobos. Leite Gegenschub ein.“ Ein Fronttriebwerk fuhr summend hoch und das Bild stabilisierte sich.
„Das sieht ja aus wie vor dem letzten Krieg“, sagte Ellie.
Will stützte sich auf ihrer Lehne ab, als er sich vorbeugte. „Ist es auch. Das ist eine Beluga Z, ein alter Balarischer Frachter“, sagte er. „Zuletzt in den 40er Jahren produziert. Schwer zu steuern, keine Lichtgeschwindigkeit, und, wenn man den Gerüchten glauben darf, hauptsächlich zusammengehalten durch Panzertape. Ich hab schon ewig keinen mehr gesehen.“
„Danke, Wikipedia“, sagte Javier trocken. „Und was macht der dann hier? Für einen Frachter ist der doch heutzutage viel zu lahm.“
Aber ihr kam gerade ein schlechter Gedanke. „Wie viele Leute passen da rein?“ fragte sie langsam.
Will sah sie nachdenklich an. „Wenn man alles Unnötige rausreißt – 5.000?“
„Sie glauben, das ist ein Flüchtlingsschiff? Aus Andora?“ Javier beugte sich so weit vor, dass er beinahe aus dem Stuhl fiel.
Will schüttelte den Kopf. „Dann wären sie weit ab vom Kurs. Sie müssten weiter nach Osten, um die Grenze nach Laesh zu überqueren. Die wissen doch, dass wir sie niemals aufnehmen würden. – Es sei denn, es ist eine Falle.“
Javier machte eine wegwerfende Handbewegung. „Um was zu tun, eine Tankstelle auf Neu-Gobi in die Luft zu sprengen? Wow, das würde uns um… einen Monat zurückwerfen. Wenn der Baudienst trödelt.“
„Sie könnten uns in die Luft sprengen.“
„Ich glaube, du überschätzt da ein klein wenig unsere nationale Wichtigkeit.“
Sie hob ihren Kugelschreiber, den sie wie einen Dolch umfasst hielt. Will machte tatsächlich einen Schritt zurück. Sie holte gerade tief Luft, als Ellie sagte: „Es gab einen Teilchensturm.“
Alle sahen auf.
Sie hielt das Blatt mit der automatisierten Meldung hoch. „Das kam Donnerstag rein, eine Warnung vor einem Teilchensturm im Ares-Delta. Es war nicht relevant für uns, wir lagen ja noch im Dock, aber…“
„…mit der alten Rostlaube mussten sie ihn großflächig umfahren.“ Javier nickte. „Das macht Sinn.“
„Wenn die Steuertechnik so alt ist wie das Schiff selbst, hat Phobos sie vielleicht gestört.“ Sie hörte aus Will’s Stimme ein bisschen Widerwillen gegen diese einfache Antwort heraus.
Javier zoomte auf die Antenne an der Oberseite des Schiffes. „Das erklärt auch die Funkstille, das ganze Relay ist Toast. Richtig gut durchgebraten, fehlt nur noch die Rauchfahne, für die Dramatik.“
Sie widerstand dem Drang, ein bisschen gegen seinen Stuhl zu treten, damit er sich zusammennahm.
„Aber warum steuert man so ein Schiff überhaupt so nah an einem Stern vorbei?“, fragte Will hartnäckig. „Das ist doch gegen jeden Verstand.“
„Sie wollten die Grenze nicht überschreiten. Wenn sie das tun, darf jede Militärpatrouille“, sie sah den Rest von ihnen mit hochgezogenen Augenbrauen an, „sie abschießen.“
„Da wäre doch noch genug Raum gewesen.“ Javier gestikulierte auf seinen Bildschirm.
„Vielleicht sind ihre Karten ungenau.“ Sie runzelte die Stirn, als die Antenne auf dem Bildausschnitt langsam kleiner wurde. „Javier, jetzt hast du es übertrieben.“
Er warf einen Blick auf die Daten auf seinem Monitor. „Nein, wir halten unsere Position wie eine Eins.“ Seine Augen wurden groß. „Es sei denn…“ Er hackte auf die Tastatur ein. „Oh mierda.“
„Was?“, fragte sie scharf.
„Wir driften nicht. Sie driften.“
Sie sprang aus ihrem Sessel auf. „Laufen ihre Triebwerke nicht?“
„Ich bin davon ausgegangen, von dieser Seite kann man das ja nicht sehen!“
Will’s Nase berührte fast die Scheibe, als könnte er allein mit bloßem Auge erkennen, was im Inneren des Schiffsrumpfes vor sich ging. „Die Strahlung muss nicht nur ihr Steuersystem beeinträchtigt haben, sondern auch die Antriebe selbst.“
Javier tippte emsig auf den Bildschirm ein. „Für einen Systemscan müsste ich bei diesem Umgebungsrauschen viel näher ran.“
„Wie nah?“, fragte sie.
„Hundert Meter?“
Will ächzte. „Es könnte immer noch eine Falle sein.“
„Ach jetzt hör doch schon auf, wer ist denn so suizidal? Außerdem könnten sie nichts Größeres als ein MG vor uns verbergen, und wir sind viel schneller als sie.“
Reyna machte eine ungeduldige Handbewegung.
Elegant schob sich die Aletheia an das große Schiff heran, um dann daran vorbei zu gleiten. Jetzt waren sie so nah heran, dass sie kein Teleskop mehr brauchten, um auf der zerschrammten und mit Rost befleckten Außenhülle den weißen Namensschriftzug Elpis II zu erkennen.
„Die griechische Göttin der Hoffnung“, murmelte Ellie. „Was wohl aus der ersten Elpis geworden ist?“
Noch bevor sie erneut in eine statische Position gefunden hatten, konnten sie die Triebwerke der Backbordseite erkennen, die kalt und tot in Richtung des lodernden Sterns zeigten.
„Alles aus“, sagte Javier und rieb sich über das Gesicht, als könnte er es nicht glauben. „Der Systemscan meldet keine Aktivität mehr im Maschinenraum. Nur die Lebenserhaltungssysteme sind noch online.“ Er schluckte. „Der Computer meldet 5.239 Menschen an Bord.“
Aus der Nähe war jetzt die Bewegung zu erkennen, die auf dem Radar verborgen gewesen war: Langsam drehte sich das massige Schiff im leeren Raum um seine eigene Achse und driftete auf den lodernden Stern zu. Ein Sturz in Zeitlupe.
Reyna biss sich auf die Lippe, bis sie Blut schmeckte. „Wie lange haben sie noch?“
Will war bereits emsig am Rechnen. „Noch bewegen sie sich langsam, aber ihr Fall wird sich exponentiell beschleunigen, je näher sie dem Stern kommen. Wenn man von einem Gewicht von 300.000 Standardtonnen ausgeht - vielleicht noch mehr als eine Stunde, aber keine zwei. Wenn ihre restlichen Systeme so lange durchhalten.“
„Können wir sie abschleppen?“
Er schüttelte den Kopf. „Ausgeschlossen. Wir haben nicht die Schubkraft, um ein so großes Schiff aus einem Gravitationsfeld zu ziehen, dafür ist die Aletheia nicht gebaut. Es wäre Selbstmord, das zu versuchen.“
Jetzt war sie es, die nervös in der Kabine auf und ab ging. „Wie lange können wir uns hier halten?“
„Viel länger. Aber wir müssen die Schilde oben lassen, sonst könnte unsere Technik auch Schaden nehmen, und das zieht ganz schön Saft. Irgendwann geht es uns der Sprit aus.“
„Dann müssen wir jemanden anrufen.“
Sie sah Ellie an, aber die machte ein verzweifeltes Gesicht. „Hier ist niemand, der in einer Stunde hier sein könnte.“
„Niemand?“
Der scharfe Tonfall tat ihr soweit Leid, Ellie sah aus, als könnte sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. „Eine Commerson ist gerade auf dem Weg nach Sonora, aber die ist noch viel kleiner als wir.“
„Funk die an, die sollen die Nachricht weiterleiten, und in Reichweite bleiben, um als Relay zu agieren.“
„Das wird ihnen nicht gefallen, die hatten es ziemlich eilig.“
„Sag Ihnen, wenn Sie sich davonmachen, stell ich sie hinterher wegen unterlassener Hilfeleistung vor Gericht.“
Ellie nickte entschlossen und wandte sich dem Funkgerät zu.
Reyna ließ sich bemüht langsam wieder in ihrem Sessel nieder. Vor dem Fenster driftete die Elpis 2 hilflos im Raum. „Wir brauchen mehr Zeit“, murmelte sie.
„Ooh nein“, hörte sie Will hinter sich sagen.
Sie ignorierte ihn. „Javier, bring uns näher ran. Wenn es ein alter Frachter ist, dann hat er am Bug mit Sicherheit etwas, in das wir Schlepptrosse einhängen können.“
Will trat neben sie und sah sie an, als hätten alle den Verstand verloren. „Wir können sie nicht halten! Sie wird uns mit reinziehen!“
Sie bemühte sich, seinem Blick standzuhalten. „Aber wir können ihren Fall verlangsamen, bis jemand kommt.“
„Wer soll hier denn kommen?“ Er gestikulierte wild in Richtung Karte. „Hier ist doch nichts! Wir sind doch selbst nur hier, weil uns mitten in der Pampa der Kompressor um die Ohren geflogen ist!“
Langsam verlor sie die Beherrschung. „Da sind 5.000 Menschen an Bord! Zivilisten! Kinder!“
Er packte die Lehnen ihres Stuhls. „Das ist Selbstmord.“
Sie schloss die Augen und atmete einmal tief durch. „Das muss keine permanente Entscheidung sein. Wenn wir sehen, dass es aussichtslos ist, können wir die Taue immer noch kappen.“
„Wenn wir das nicht sehr genau berechnen, haben wir vorher den Point Of No Return erreicht. Dann kommen wir ohne fremde Hilfe selbst nicht mehr raus. Wollen wir das riskieren?“
Sie sah ihn fest an und sagte: „Das ist keine Demokratie hier. Ich trage die Verantwortung, ich treffe die Entscheidungen.“
Will trat zurück, als hätte man ihn geschlagen.
„Ich bin dafür!“, sagte Javier schnell.
„Ich auch“, sagte Ellie.
Will sah sich um. „Ihr seid ja alle wahnsinnig.“
Betretenes Schweigen erfüllte die Kabine, bis Javier plötzlich sagte: „Es ist unsere Schuld.“
Alle wandten sich ihm zu. „Wie meinst du das?“, fragte Will.
„Wir konnten sie nicht eher sehen, weil im Strahlungsfeld von Phobos lagen, aber sie konnten uns meilenweit kommen sehen. Ein Schiff der Oranischen Flotte, bewaffnet bis an die Zähne.“ Er rieb sich mit der Hand über sein Gesicht. „Sie wollten sich vor uns verstecken.“
„Wir sind noch nur eine kleine Patrouille!“
„Wir haben genug Feuerkraft, um zehn von den Dingern vom Himmel zu pusten! Sie hatten Angst.“
Will sah aus, als hätte man ihm einen Eimer eiskaltes Wasser ins Gesicht gekippt. Schlagartig ernüchtert lehnte er sich gegen die Konsole. „Also ist es entschieden?“
Sie nickte nur.
Er seufzte tief. „Ich geh runter und bring es Melanie bei.“
Sie hörte, wie sich hinter ihr zischend die Türen öffneten, und rief über die Schulter: „Sag ihr, sie darf den Motor übertakten.“
Er hielt in der Tür inne. „Echt?“
„Ja.“
„Sie haben gesagt, das dürfen wir nie wieder tun.“
Sie drehte sich mitsamt ihres Sessels zu ihm um. „Ich hab’s mir anders überlegt. Wir brauchen alles, was wir kriegen können.“
Als er den Maschinenraum betrat, tüftelte Melanie gerade mit einem Schraubenschlüssel an den Einstellungen der Einspritzdüsen herum. Über das Motorengeräusch hörte sie ihn nicht kommen, und als er sie antippte, hieb sie ihm fast das Werkzeug an den Kopf. Nur jahrelange Übung bewahrte ihn vor einer Gehirnerschütterung.
Sanft zog er ihr den Schraubenschlüssel aus der Hand. „Das muss echt mal aufhören.“
„Tschuldigung“ sagte sie, aber sie grinste dabei breit. Strähnen ihrer schwarzen Haare lösten sich aus dem Zopf und ihr Gesicht war gestreift mit Motoröl, als wolle sie auf den Kriegspfad gehen. „Was ist denn los da oben?“
Er schüttelte nur den Kopf. „Du wirst es nicht glauben.“
no subject
Date: 2020-07-14 06:09 pm (UTC)Ich mag diese Crew. <3
Und die Implikationen der Politik dahinter und, oh, ich mag diese Crew.
Und ich mag (Military-)SciFi, weshalb mir nur die Frage bleibt: Mehr? =D
„Sag ihr, sie darf den Motor übertakten.“
Er hielt in der Tür inne. „Echt?“
„Ja.“
„Sie haben gesagt, das dürfen wir nie wieder tun.“
♥
no subject
Date: 2020-07-15 12:34 pm (UTC)Diese Crew labert übrigens zu viel, besonders Javier, die Labertasche. (Weshalb ich ihn jetzt auch schon ganz doll lieb habe, offensichtlicherweise.)
Und, äh, ich hab mir da mal aus diversen Fandoms ein paar Namen ausgeliehen. XD Und benenne Planeten nach Wüsten uns Schiffstypen nach Walen... und ganz viel griechische Götter mussten aus offensichtlichen Gründen auch vorkommen. Du siehst, ich hatte keine Hemmungen.
Dieses Universum wird übrigens von wahnsinnigen Engineers geradezu wimmeln, you have been warned.
no subject
Date: 2020-09-20 08:46 pm (UTC)Magst Du noch Päckchen 9 ergänzen und alle drei Teams nennen: Also Eures, Pluto und Melpomene? Alea fragt dann die Wörter für die Losung fürs Banner an :)
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Date: 2020-09-27 09:31 am (UTC)no subject
Date: 2021-05-02 03:13 pm (UTC)no subject
Date: 2021-12-22 05:52 pm (UTC)