[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Fandom: Youtuber (Berliner Cluster)
Challenge: Flaschendrehen (vom 22.5.2020)
Personen: LeFloid, Frodo
Wörter: ~1300
Anmerkung: Ich habe neulich mal wieder den Fehler begangen und mir eine Leseprobe von Helene Hegemann heruntergeladen. Ich liebe Stile und Szenarien voller Abfuck und Ranzigkeit, aber leider bekommt man dazu meistens herzlose Figuren und Misogynie. Und dann hatte ich Lust, etwas kleines Abgefucktes zu schreiben, aber eben mit Figuren, die (noch) keine Arschlöcher sind. Kann als Prequel-Scribble zu Weil du einer von den Guten bist gelesen werden.
[Edit. Triggerwarnung: Es wird sich viel übergeben. Vielleicht besser nicht lesen, wenn man damit nicht kann]



Als er zu sich kommt, ist das bunt bedruckte Küchenpapier das erste, was er sieht.
In seinen Ohren dröhnt dumpf der Bass aus dem Wohnzimmer, das Blut puckert im Takt seines Herzschlags in seinen Trommelfellen. Auf dem Küchenpaper sind kleine, niedlich stilisierte Regenbögen, Wattewolken und rosa Sternchen.

Die Kotzereste aus seinem Mund ziehen fahlgelbe Fäden. Er senkt den Kopf, als er das bemerkt und ein weiterer Ruck geht durch ihn. Das Würgen packt ihn tief aus dem Inneren. Durch den verschwommenen Tunnelblick blinzelt er ins Waschbecken und versucht anhand der Farben und Strukturen festzustellen, was er vorhin eigentlich gegessen hat. Seine Finger tasten nach dem Wasserhahn.

Irgendwer hämmert ihm dreckig lachend gegen den Rücken, so dass er halb vorneüber fällt. Er steht in der Küche, nicht im Bad, richtig. Er greift nach dem Küchenpapier und fühlt sich schuldig, dass er seine Körperflüssigkeiten in niedliche Regenbögen schmieren muss.

Der Alkohol fühlt sich in seinen Gliedern nur noch wie pures Gift an. Er verlagert sein Körpergewicht von einem Bein aufs andere. Sein Shirt klebt verschwitzt an ihm. Er hat getanzt. Das weiß er noch. Dann hat ihn irgendwer geschubst. Er erinnert sich an Wut und Geschrei.

Und jetzt: Küchenpapier mit Kindergartenmotiven.

Er wischt sich den Mund ab und blinzelt in das Papier. Ein Mädchen springt an ihm vorbei, lacht – aber nur bis sie sein Gesicht sieht, dann wendet sie sich ab und verschwindet.

Er muss hier raus.

Im Wohnzimmer hockt eine Horde Menschen am Couchtisch und spielt Flaschendrehen mit einem halbvollen Pfeffi. Statt sich zu küssen, spucken sie sich gegenseitig in den Mund.

Daneben hat irgendwer einen Laptop mit dem riesenhaften Smart-TV des Gastgebers verbunden und tippt irgendetwas in die Suchleiste von Pornhub.

Er könnte hierbleiben und einfach in der Mitte des Zimmers stehenbleiben um zuzusehen. Doch kaum dass er durch die Alkoholnebelwand beginnt, die Action zu verfolgen, wird alles in ihm noch viel schwerer.

Wie ein Zombie torkelt er auf die Terrasse und vorbei an anderen Partygästen, die ich unterhalten, zwischendurch feixend auflachen, rauchen und ihn nicht beachten.

Er kann sich inzwischen nicht einmal mehr an den Namen des Gastgebers erinnern. Irgendso'n Typ von der Uni, der so tut, als wäre alle Welt sein Freund, der damit angeben muss, dass seine Familie sich riesenhafte Smart-TVs leisten kann. Und dafür in der Pampa noch weit hinter fucking Königs Wusterhausen lebt.

Je weiter er sich von der Musik und den Fremden entfernt, desto müder wird er. Seine Arme sind bleischwer, seine Zunge gelähmt. Er geht schwankend auf die Knie, auf den Bauch, faltet die Arme unter seinem Kopf und schließt die Augen.

Vom Haus her dröhnt obszönes Frauenstöhnen und Männergrunzen rüber. Leute lachen und man hört an den stakkatohaften „Ho-ho-ho“s, wie angewidert sie sind.
Flackernd, stotternd, flimmert sein Bewusstsein abwechselnd an und wieder aus.

Er hört nicht, dass jemand zu ihm herüberkommt.
Erst, als er irgendwo in der Peripherie eine Präsenz spürt, schwimmt er zurück an die Oberfläche.

Hoffentlich die Nachbarskatze wäre. Oder ein Fuchs.

Er lässt die Augen zu, denn das hilft.

„Ey“, sagt eine männliche Stimme leise. „Alles okay?“

„Wona' sieht's'n aus?“, schafft er zu sagen. Seine Zunge ist ein nutzloser Lappen, seine Stimme überschlägt sich betrunken.

„Deswegen frag ick ja.“

Er dreht sich auf die Seite. Der Nachttau hat das Gras, auf dem er liegt, feucht benetzt, so, dass es über dem Kragen seines Shirts ekelhaft kitzelt.

„Mir geht’s fantastisch“, lallt er. „Kannst dich jetz' verpissen.“

„Sollt' ick vielleicht auch machen“, kommt es zurück. „Aber meinste, im Garten pennen is' wirklich so 'ne geile Idee?“

„Was geht’s denn dich an?“
Er haut blind nach dem Fremden und trifft ihn natürlich nicht. Alle seine Sinne spielen verrückt.
„Wat willst du überhaupt von mir?!“


„Naja, nach der Aktion vorhin, bei der du Basti fast 'n Zahn ausgeschlagen hättest, muss ja eener aufpassen.“


Erinnerungen dämmern vernebelt hinter seinen Augen. Er zwingt sie auf und sieht einen Typen, den er noch nie getroffen hat. Schwarzes Shirt, schmaler als er selbst, abgeranzte schwarz-weiße Vans, Tattoo-Sleeve an einem Arm.

„Wer ooch immer Basti is', aber dann hatter's wohl verdient. Woher willst'n dit überhaupt wissen?“

„Weil ich der Typ bin, der dich von ihm weggezerrt hat.“
Der Fremde deutet an seine Unterlippe. Im Dämmerlicht zwischen Nacht und Terrassenbeleuchtung kann man rein gar nichts sehen. „Da hat's vorhin geblutet, weil du meintest, mir dafür eine reinhauen zu müssen. Zum Glück bist du komplett Hacke.“

„Ick kann det jederzeit nochmal versuchen“, lallt er. „Vor allem, wenn du mir weiter so uff'n Kranz gehst!“

Der Typ beäugt ihn aufmerksam. Aus dem Haus dröhnt nun wieder Musik. Der Porno muss alle zu Tode gelangweilt haben.

„Ich bin übrigens Frodo“, sagt der Typ, weil er einfach nicht die Fresse halten kann.

„Und ich bin Voldemort.“


Ohne jegliche Vorwarnung krampft sich sein Magen zusammen. Das Würgen rollt von unten herauf und er schafft es noch gerade so, sich auf alle Viere zu schieben um zu verhindern, dass er sich auf die eigenen Arme kotzt. Obwohl in ihm eigentlich gar nichts mehr ist, drückt sein Körper Schleim und Flüssigkeit aus ihm, als würde er sich selbst auspressen wollen. Dabei ist es sinnlos: Das Gift wabert durch sein Blut, es mäandert in seinen Venen, hat ihn voll und ganz durchdrungen.
Er ist hier auf dieser Party voll mit Leuten, die nichts außer Hohn und Spott kennen; einem ganzen Unijahrgang von Arschlöchern, die später Manager und Consultant werden wollen, die über fucking Wertanlagen und Aufmerksamkeitsökonomie reden, und er ist einer von ihnen.

Als er aus dem Schleier wieder auftaucht, sitzt Frodo dicht bei ihm und wischt ihm mit irgendwas über den Mund. Wahrscheinlich ein Taschentuch. Oder Küchenpapier mit niedlichen Regenbögen. Er hat ihn von seiner eigenen Kotzelache etwas weggezogen.

„Scheiße“, hört er sich sagen. „Ich bin wirklich Voldemort.“

„Mach dir nix draus“, sagt Frodo. Seine Hand ist jetzt an seiner Schulter und streichelt ihn beruhigend. Ganz so, als hätte das einen Wert. „Wenn man blau is', is' die Existenzkrise immer gratis.“

Er möchte aufstehen und weggehen, sich einfach von der Nacht verschlucken lassen, doch seine Glieder sind noch immer merkwürdig gelähmt. Atmen ist schon anstrengend genug.
„Warum hab ich Basti eigentlich eine reingehauen?“

„Oh? Filmriss?“

„Mann, sag doch einfach jetz'e!“

Frodo schmunzelt; „Weil er der Meinung war, dass man Hartz 4 abschaffen sollte. Das war die leidenschaftlichste Verteidigung von Rudimenten unseres Sozialstaates, die ich je erlebt habe.“

Ein zur Seite Neigen, ein Blick in sein Gesicht zeigen, dass er das nicht sarkastisch meint.

„Dafür verzeih' ick dir ooch den überaus unkoordinierten Kinnhaken.“

Ein Niedersinken zurück auf den Rasen. Das Gras wird nun langsam kalt. Unter dem klammen Shirt beginn er zu frieren.
„Is' ja auch egal“, nuschelt er. „Es is' alles egal.“

„Isses nich'. Okay? Nichts is' egal, Flo.“

Und dann ist da irgendwo die Feststellung, dass die Hand an der Schulter wärmer ist als das Gras und die Erde unter ihm. Er blinzelt verwirrt.

„Du hast dich mir vorhin vorgestellt. Gleich nach dem Kinnhaken“, erklärt der Frodo.

„Oh“, grunzt Florian und sinkt zurück auf den Boden. „Sorry, aber ich muss jetz' schlafen.“

„Hier?“

„Ick geh nich' zurück in dieset Irrenhaus.“

„Hm. Valider Punkt. Aber hier draußen is' ooch scheiße. Ich ruf uns 'n Taxi, okay? Ick hab ooch die Schnauze voll. Meinst du, du kriegst deine Adresse noch zusammen?“


„Ich bin besoffen, nicht bescheuert.“


„Okay!“

Florian schließt wieder die Augen und lauscht auf das Rascheln von Jeansstoff, auf das Tuten in einem Handy, auf Frodos helle Stimme. Er driftet weg und der ewige Schwindel, die unendliche Schwere zerren ihn tiefer nach unten.

Vielleicht bildet er sich diesen komischen Typen nur ein. Vielleicht wird er sich an ihn nicht mehr erinnern, so halb an einer Alkoholvergiftung vorbeigeschrammt.


Das letzte, was er denkt, als er das Bewusstsein weggibt, ist, dass er hoffentlich nicht mit einem mit Edding auf die Stirn gemalten Schwanz wieder aufwachen wird.

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