[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Fandom: Youtuber (Berliner Cluster)
Challenge: Gegengift (vom 28.02)
Personen: LeFloid, Frodo
Wörter: ~1500
Anmerkung: Fortsetzung zu dieser Fic von der Oster-Aktion.

Die Adresse führte zu einer massiv heruntergekommenen Doppelhaushälfte im Berliner Umland.
Auf der anderen Seite bei den Nachbarn waren die Fenster mit wettergegerbten Spanplatten vernagelt. Ein Briefkasten mit dem fast weggewaschenen Schriftzug „Zeitungen“ hing schief am Zaun.

An den brüchigen roten Ziegeln des Hauses rankelte beeindruckend Efeu empor. Wie ein dunkelgrüner Mantel umschlossen die Pflanzen die Wände. Im Vorgarten standen hohe Blumen, deren Namen Max nicht kannte.
Obwohl die Sonne schien, fühlte es sich so an, als würde ein Schatten über dem Haus und seinem Grundstück liegen. Ein merkwürdiges Gefühl legte sich über ihn, als er seinen BMW verriegelte und den Schlüssel wegsteckte, um Meerschweinchen-Flo besser in die Arme nehmen zu können.

„Alter“, murmelte er stimmlos. „Wetten, am Ende stimmt die Adresse gar nicht?“

Das Eingangstor mit dem dunklen, morschen Zaun quietschte filmreif, als er hindurchtrat und auf das Klingelschild linste. Zumindest stand derselbe Name darauf wie auf dem Absender des verwunschenen Paketes, das Flo erhalten hatte.

Seine Beine streiften Farne und Unkraut, als er zur Eingangstür de Hauses lief. Fast schien es ihm, als würden die Pflanzen nach ihm greifen.

Neben der dunklen, schweren Eingangstür prangte ein hölzernes Schild mit einem Spruch darauf.
“When you visit a witch
Bring an offering“
, las Max laut vor.

Ein verächtliches Schnauben entwich ihm – und doch jagte ihm das alles hier eine feine Gänsehaut über den Rücken. Flo, der sich gegen seine Brust stützte, reckte das braunschwarze Köpfchen und schnupperte stumm.

Max drückte den Klingelknopf. Beinahe erwartete er, dass dieser nicht funktionieren würde – und wenn doch, dass im Inneren des Hauses ein altmodischer Gong ertönen würde. Was er stattdessen hörte, war das schiefe Schrillen einer Klingel aus einem DDR-Plattenbau.

Dann geschah erst einmal gar nichts. Die Straße war so ruhig und verlassen, dass die Geräusche aus dem Gärtchen hinter dem Haus bis hierher drangen. Zwitschernde Vögel. Ein pochender Specht.
Max reckte sich um einen Blick auf die grüne Wildnis zu werfen, die sich neben dem Häuschen aufwarf. Eine heruntergekommene Garage offenbarte halb einen dunkelblauen, uralten Fiat.

„Vielleicht is' keener da“, wisperte er.
Er wollte einen Fluch oder etwas ähnliches hinterherschieben, als es neben dem steinernen Eingangsbereich des Hauses im Farn raschelte. Erschrocken zuckte er zusammen und gemeinsam mit Flo wandte er den Kopf herum.

Aus dem Unkrautdickicht starrte ihn ein buntes Kaninchen an.

Max starrte zurück.

Es raschelte wieder. Ein Waschbär hob den Kopf heraus, stellte sich auf die Hinterbeine und reckte sich neugierig.

„Was zum Fick“, entfuhr es Max. Er drückte seinen verwandelten Freund nervös enger gegen die Brust und fuhr mit einem leisen Aufschrei herum, als es hinter ihm am Tor wieder quietschte.
Jetzt saß ein winziges, rotes Eichhörnchen darauf.

„Bin ich jetzt in 'nem scheiß Disneyfilm gelandet oder was?“
Max sah herab zu Flo, wollte ihn etwas fragen, was sein Freund ihm ohnehin nicht hätte beantworten können, doch dann waren auf der anderen Seite der Tür Schritte zu vernehmen und im nächsten Augenblick stand eine Frau vor ihm.

Er schätzte sie auf ein ähnliches Alter wie sich selbst. Was ihn ablenkte, waren die türkis gefärbten Haare, die ausgebeulte Jogginghose und ein enormes, schreiend pinkes T-Shirt mit der Aufschrift Love wins.

Die Frau passte so wenig zu dem Haus und dem Garten, dass Max sie zunächst nur wortlos anstarren konnte.

Sie blinzelte. Dann zog sie selbstgefällig einen Mundwinkel hoch.
„Das ging ja schnell“, sagte sie.

Max spürte, wie ihm der Mund aufging.
„Äh“, machte er. „Wie jetz'?“

Sie beugte sich grinsend vor, hob die Hand und strich Flo mit dem Finger über die winzige, fellige Stirn;
„Ist er das? Aww. Guck mal an, als Schweinchen bist du gleich so viel niedlicher.“

Sie machte Anstalten, ihm über das Köpfchen zu streicheln, als Max sich aus seiner Starre löste und schützend eine Hand über Flo hielt.

„Okay“, sagte er pointiert. „Was zur Hölle?!“

Die Frau verschränkte die Arme und lehnte sich gegen den Türrahmen. Max kam nicht umhin zu bemerken, dass sie diesen fast komplett ausfüllte. Zu ihren Füßen erschien eine schwarze Katze. Mit grünen Augen sah sie zu ihm auf.

„Ich hatte damit gerechnet, dass ihr herkommt“, sagte die Frau. „Aber dass es so schnell gehen würde, dachte ich dann doch nicht.“

Max senkte Augenbrauen.
„Das hier“, sagte er und zeigte auf das Meerschweinchen auf seinem Arm, „Das ist dein Werk!“

Sie folgte seinem Blick und sah sehr amüsiert aus.
„Ich würde sagen, ein Meisterwerk“, entgegnete sie. „Ich hab selten ein so hübsches Meerschwein gesehen.“

Max wusste nicht, was er erwartet hatte. Nichts und alles vermutlich. Es gab nicht viele Szenarien, die man im Kopf durchgehen konnte, während man mit einem zum Meerschweinchen geschrumpften besten Freund durch Berlin heizte.

„Okay, jetzt aber ehrlich mal“, setzte er an. „Ich meine: Wie?“

Die Frau schob sich eine Strähne hinter die Ohren.
„Durch die Schatulle im Paket, obviously.“

„Ja, schon klar, aber wie?“
„Betriebsgeheimnis. Eine Hexe verrät keine Einzelheiten über ihr Handwerk.“

Max starrte sie erneut an. In seinem Hinterkopf wisperte eine Stimme, dass er gerade vermutlich nicht besonders intelligent wirkte. Doch dann wiederum musste er sich selbst daran erinnern, dass es darum zur Hölle gar nicht ging.

„Is' mir eigentlich auch egal“, schnappte er und hielt der Frau Flo mit beiden Händen hin.
„Du machst das hier jetzt gefälligst rückgängig.“

Die Hexe guckte ihn sehr lange an, ehe sie zu einem gekünstelten Lachen ansetzte;
„Hahaha. Nein.“

„Nein?!“

„Nein. Habt ihr den Brief nicht gelesen?“

Er konnte es nicht leugnen: Sein linkes Augenlid begann langsam zu zucken.

„Was interessiert mich dein Brief! Du machst aus ihm jetzt gefälligst wieder einen Menschen!“

„Oder?“

„Oder du kannst demnächst mit der Polizei sprechen!“

Jetzt brach sie tatsächlich in schallendes Lachen aus. Sie musste sich am Rahmen ihrer Eingangstür festhalten.
„Na klar doch Frodo – ich darf doch Frodo zu dir sagen, oder? – Ruf die Polizei. Ich bin echt gespannt auf deren Interpretation deiner Geschichte.“

Das war offenbar der Moment, in dem Flo beschloss, nicht mehr tatenlos in Max' Händen zu hängen, sondern den Hals zu strecken und lang gezogenes, klagendes Quieken von sich zu geben, so dass seine Öhrchen mitzuckten.

Die Frau schaute ihm gelassen dabei zu, bis er anscheinend etwas nach Atem schöpfen musste und es vorzog, mit den Beinchen zu strampeln.

„Reg dich ab, großer Mann.“ Bei der puren Menge an Süffisanz, die in ihrer Stimme mitschwang, konnte man sich nur ausrechnen, wie sehr sie den Augenblick genoss.

„Ohne eine gelernte Lektion auch keine Verwandlung zurück, du kennst doch tropes wie dieses hier.“

Max drückte den schimpfenden Flo wieder an sich.

„Mal völlig abgesehen davon, dass das hier alles der pure Wahnsinn is'“, sagte er langsam,
„Davon abgesehen, dass das hier gar nicht möglich sein sollte – was soll der Blödsinn?“

Die Hexe wuschelte sich missmutig durch die bunten Haare;
„Hab ich deinem Kollegen doch geschrieben. Sagt mal, habt ihr den Brief denn wirklich gar nicht gelesen?“

„Sorry, meine Erinnerung is'n bisschen dadurch getrübt, dass gerade andere Dinge wichtiger sind!“

Sein Gegenüber betrachtete ihn unbeirrt.
„Typen wie ihr“, sagte sie mit säuerlichem Amüsement in der Stimme, „Ihr denkt, ihr seid der Mittelpunkt allen Seins, die Krone der Schöpfung. Ihr geht durch die Welt und verkündet eurer Urteil über alles und jeden und weil ihr nichts zu befürchten habt, macht ihr damit immer weiter. Es war mal an der Zeit, euch eine Lektion zu erteilen. Ich meine“, sie legte sich demonstrativ eine Hand auf ihre Brust. „Vielleicht denkt ihr bei der ganzen Sache auch mal ein bisschen an mich? Ihr habt keine Ahnung, was für 'ne kolossale Energie es kostet, aus einem Schrank wie ihm ein so putziges Tierchen zu machen!“

Wenn Max innerlich noch Hoffnungen gehegt hatte, dass er hier etwas wie eine Erklärung und vielleicht ein Gegengift für Flos Fluch erhalten würde, so schwanden diese nun jäh dahin.
Die Trulla war offensichtlich komplett verrückt.

Sein Blick schweifte zu den Tieren, die ihn umringten und er versuchte, irgendetwas in den dunklen Augen darin zu lesen. Waren das wirklich ein echtes Kaninchen und Eichhörnchen, ein echter Waschbär? Was war mit der Katze? Oder steckten darin irgendwelche anderen Leute, an denen diese Frau Anstoß genommen hatte?

„Ja, aber“, setzte er an und mochte nicht, wie ratlos er mit einem Mal klang, „Was...soll ich denn jetzt machen?“

Die Hexe schaute ihn unverwandt an. Die Art, wie ihre dunklen Augen ihn fixierten, wie sie ungerührt stillstand in ihrem merkwürdigen Reich, ließ keine Missverständnisse zu.

„Also, wenn ich du wäre“, sagte sie, „Würde ich jetzt Einstreu und 'ne Nagertränke kaufen. Und wenn ihr mich das nächste Mal besuchen kommt, vergesst nicht, mir 'ne Opfergabe mitzubringen.“

Sie zeigte auf das beschriftete Holzschild an der Hauswand und lächelte hinreißend.

„Kleiner Hint: Ich mag Kekse! Und jetzt viel Spaß bei eurem character development. Toodles!“


Damit schloss sie die Tür.

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