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Fandom: Youtuber (Berliner Cluster)
Challenge: Berg- und Talfahrt (vom 22.11.)
Personen/Pairing: LeFloid/Frodo (established relationship, yay!)
Wörter: ~2800
Anmerkung: Fortsetzung zu Rorschachtests von November. Das ist leider kein Adventskalendereintrag, aber das kommende Kapitel soll einer werden. Je nachdem, wie schnell ich mit dem Schreiben bin. Irgendwie war das hier ja schon letztes Jahr eine Weihnachtsfic.Schönen dritten Advent!

Ich drücke Frodo gegen die Wand hinter der Wohnzimmertür. Immerhin ist er klein, kompakt und dunkel angezogen. Er verschmilzt quasi mit der Dunkelheit. Ich lehne mich neben ihn und wenn ich sowas wie ein religiöser Mensch wäre, würde ich jetzt beten.

Die Schritte sind leicht und behutsam. Der Mensch dazu muss also entsprechend agil sein. Na herzlichen Glückwunsch. Ich lausche darauf, wie er unten im Flur ankommt und verharrt, ich warte darauf, dass er einfach zur Eingangstür nach draußen verschwindet. Mein Herz kloppt sich presslufthammermäßig durch meine Brust. Geh doch endlich, flehe ich im Gedanken. Verpiss dich einfach. Alles, was wir wollten, war im Schwimmbad auf die Wasserrutsche zu klettern.

Dann maunzt die Katze plötzlich. Nicht irgendwo, nicht auf dem Flur, nein. Das Mistvieh steht direkt vor Frodos Füßen und miaut ihn lautstark an, weil sie ihn offenbar als neues Herrchen adoptiert hat. Und weil es ein weißes und damit in der Dunkelheit geradezu leuchtendes Mistvieh ist, macht sie sich damit auch nochmal so deutlich bemerkbar.

Auf dem Flur verharrt der Körper des Menschen. Er schnauft leise. Die Katze maunzt erneut, drückt ihren Kopf gegen Frodos Hosenbein und Frodo sieht kurz so aus, als würde er gleich weinen vor Verzweiflung.

Das ist der Augenblick, in dem der Typ im Flur sich langsam wieder in Bewegung setzt.

Ich sehe ihn im Augenwinkel und drücke mich noch mehr gegen die Wand; eine schwarze, ziemlich große und drahtig anmutende Erscheinung. Er scheint die Katze zu fokussieren, die sich ihm zugewandt hat. Sie miaut ihn an und ich hoffe innerlich noch immer, dass der Kerl einfach kehrtmacht und abhaut.
Meine Gedanken gehen unter in den lauten Geräuschen, als er ausholt und das Tier mit dem Fuß quer durch den Raum tritt.

Gequält jammernd rutscht sie über die Dielen und Papiere. Ausgerechnet ihr leblos daliegendes Herrchen bremst sie. Sie rappelt sich auf und tapst mit halb erhobenen Pfoten um ihn herum. Sie ist direkt in der Blutlache, die ihn umgibt, gelandet.

Irgendetwas stöhnt.
Erst habe ich den Fußboden im Verdacht oder rate, dass es von draußen von der Straße her kommt.

Aber sowohl ich als auch der Fremde kommen offenbar zeitgleich zu dem Schluss, dass es der vermeintlich Tote ist. Pfeifend atmet der ein und wieder aus.

„Was für 'ne Scheiße“, murrt der Fremde. Er tut lange Schritte in den Raum hinein und wendet uns seinen Rücken zu.

In meinem Kopf sollten sich Pläne schmieden. Was sollen wir jetzt tun? Abhauen? Nein, er wird uns natürlich hören. Hier stehenbleiben? Aber dann wird er uns sehen, wenn er das Wohnzimmer wieder verlässt.

Im spärlichen Laternenlicht der Straße blitzt geradezu dramatisch etwas in der Hand des Mannes auf. Na klar, er will beenden, was er hier angefangen hat. Und während ich noch mit meinen Gedanken durchargumentiere, ob man eingreifen, abhauen oder sich weiter verstecken sollte, fühle ich bereits, wie Frodo sich neben mir von der Wand abstößt.

Fuck, fuck, fuck.

Ich stolpere ihm hinterher, weil die Kombination aus Dunkelheit, Frodo und einem unbekannten Typen mit einem Messer mein Blut gefrieren lässt.

Wir haben den Moment der Überraschung auf unserer Seite, doch er ist wahnsinnig kurz. Frodo stürzt sich wie ein Lebensmüder auf den Knilch, erwischt ihn volle Breitseite und wirft ihn mit sich zu Boden. Ich hoffe neben dem Grunzen und Ächzen der beiden auf das Geräusch von Metall auf dem Boden, damit ich nach dem Messer greifen und es beiseite zerren kann, doch diese Geräusch kommt nicht. Der Wichser hält sich einfach daran fest.
Zwischen uns schießt die Katze durch das Wohnzimmer, prallt an der Tür ab und springt zurück in die Küche.

Im spärlichen Licht ringt Frodo mit dem Fremden, versucht nach dessen Kragen zu fassen und sich zugleich aus dem Griff der freien Hand von dem Typen zu winden. Ich hänge halb über ihnen. In der Finsternis erkenne ich kaum, wer von ihnen wer ist. Ein kurzes Zögern reicht, damit ich den Moment abpasse: Eine rechte Hand reckt sich über das Parkett und in ihr glänzt die Klinge auf. Geistesgegenwärtig trete ich nach dieser Hand, verlagere das Gewicht meines Stiefels darauf. Etwas knackt und knirscht darunter und die fremde Stimme schreit kehlig auf. Zugleich gibt Frodo ein dumpfes, atemloses Geräusch von sich. Er zuckt und fällt wie ein Stein auf die Seite, weil der Kerl offenbar mit dem Knie nach ihm ausgeholt hat.

Das ist die Schrecksekunde, die ausreicht – dieser kurze Augenblick, in dem meine Aufmerksamkeit sich auf meinen Freunde verlagert, weil der nun einmal gerade so klingt, als würde er ersticken. Nur im Augenwinkel sehe ich, wie eine linke Hand das Messer von unter meinem Stiefel hervorfischt und dann durchzieht mich ein brennender Schmerz seitlich der Wade.
Ich brülle und mein Körper gehorcht nur meinem Reflex, den Fuß, nein, das ganze Bein wegzureißen.

Der Typ springt mit ungeahnter Leichtigkeit auf die Beine. Das ist vielleicht nicht ganz so verwunderlich, wenn man bedenkt, wie athletisch er vorher schon wirkte und dass ich nur seine Hand kaputtgemacht habe. Ich balle schwankend die Fäuste und bereite mich auf das Schlimmste vor. Für einen kurzen Moment sehen wir uns durch die Finsternis in die Augen.

Dann bewegt sich der Mann zuckend und sprintet mit einem unglaublichen Affenzahn davon. Ich komme gar nicht wirklich hinterher, weil mein angestochenes Bein mich nicht richtig tragen will. Bis zur Treppe im Flur schaffe ich es, da ist der Kerl schon drei Ecken weiter, hechtet über den Kiesweg nach vorne zur Straße. Mit beiden von uns wollte er sich wohl nicht anlegen.

Ich stoppe und ringe nach Luft, drehe schwerfällig wieder um. Meine Hose wird nass und warm, weil ich am Bein anscheinend dezent auslaufe.
Im Wohnzimmer richtet Frodo sich mit gefährlich anmutender Schnappatmung auf.

„Bist du in Ordnung?“, frage ich und greife nach ihm, helfe ihm aufstehen. Er nickt schniefend;
„Was is' mit dir?“
„Bin nur leicht angestochen. Lange nich' so schlimm, wie er hier.“
Mein Blick fällt auf den Ermordeten.

Das ist ein Bild wie aus einem Horrorfilm. Wie der Körper hier auf dem Boden inmitten von Dokumenten liegt und alles ist verfickt nochmal blutverschmiert. Doch er stöhnt noch immer zum Steinerweichen und das reißt mich aus der Trance. Ich fasse vorsichtig nach dem Mann und drehe ihn auf die Seite. Auch er ist warm und nass, nur, dass das Blut bei ihm irgendwie unterhalb des Brustkorbes rinnt.

„Wir müssen 'nen Krankenwagen rufen“, sage ich.
Frodo atmet pfeifend auf;
„Was? Bist du irre? Wir sind in dem sein fucking Haus eingebrochen!“
„Und deswegen willst du ihn verbluten lassen?“, keife ich zurück.
„Wir sind Einbrecher, aber doch keene Mörder!“
„Sind wir ja ooch nich', das war der andere!“
Die Angst zerrt seine Stimme in ungeahnte Höhen. Ich schüttele den Kopf;
„Komm her! Na los!“
Er schiebt sich neben mich und ich spüre, wie alles an ihm bebt;
„Such irgendwas, was du auf die Wunde drückst! Ich ruf die 112 an.“

„Was denn?“

„Wat weeß ich denn! Nimm 'ne Decke von der Couch da drüben oder sowas!“

Ich stelle mich zurück auf die Beine. Inzwischen tut meine Wunde gar nicht mehr weh. Entweder das Ganze war wirklich nicht so schlimm oder aber ich bin komplett im Adrenalinrausch. Ich scanne den Raum nach irgendwelchen leuchtenden Geräten ab, finde ein schnurloses, weißes Telefon in seiner Ladestation. Als ich danach greife, bemerke ich, dass meine Handschuhe so blutverschmiert sind, dass mir das Teil aus den Fingern rutscht. Ich angele fluchend danach, wähle den Notruf und versuche, meine hektische Atmung unter Kontrolle zu bekommen.


~


Dass Frodo die verdammte Katze im Arm mit sich herumschleppt, kriege ich erst viel zu spät mit.
Noch immer nieselt es und ich wage es erst, den Blick vom Haus zu nehmen, als ich sehe, dass die Sanitäter über den Kiesweg stürzen.
Wir sind getürmt, als wir die Sirene in der Ferne hörten und haben die Türen weit offen gelassen.
Hinter einer sehr dicken Thuja an der nächsten Straßenecke linsen wir herüber. Neben mir miaut es kläglich.

„Kannst du das arme Vieh nich' endlich laufenlassen?“, wispere ich.

„Spinnst du?“, gibt er zurück.
„Vielleicht stirbt ihr Herrchen und was passiert dann mit ihr?“

„Ich bin sicher, irgendein Tierheim wird sich rührend um sie kümmern! Du hättest sie dalassen sollen, wie sollen die Behörden sie jetzt finden?“

„Welche Behörden? Da sind doch nur Notärzte!“

Ich stöhne;
„Egal jetz'! Lass uns abhauen, ich hab keenen Bock, dass uns hier irgendeiner sieht.“

Je weiter ich mich von dem Gruselhaus entferne, desto heftig überkommt mich die Erschöpfung. Der Adrenalinkick ist vorbei und alles, was übrig bleibt, ist pure Enttäuschung (Ich wollte heiß duschen, verfickt nochmal) und ein dumpfer Schmerz bei jedem Schritt.

Als wir am Auto ankommen, fummele ich die Schlüssel aus meiner Jackentasche.
„Gib sie mir schon“, grummele ich.
„Du musst fahren.“

Wir tauschen Katze gegen Schlüssel. Frodo klemmt sich hinters Steuer. Er schaltet die Scheinwerfer an, dreht die Heizung auf und sieht zu, dass wir Land gewinnen. Erst im Licht der Laternen und der Cockpitlämpchen des Skoda stelle ich fest, dass die Katze und ich ein bisschen einen auf Partnerlook machen: Ihre Pfoten sind blutrot.
Gewissermaßen gucken sie und ich vielleicht gerade auch ähnlich verwirrt.

~

Ich habe das dumme Tier auch immer noch auf meinem Schoß liegen, als Frodo auf einem einsamen Aldiparkplatz hält und unter dem Schein einer Laterne aussteigt. Sie zuckt zwar, als er den Kofferraum öffnet und in einem der Seitenfächer herumraschelt, aber mehr als das Zuwenden der Ohren in Richtung der Geräuschquelle ist nicht drin.

„Zeig mir mal dein Bein“, höre ich Frodo sagen.
Ich habe keinen Bock auf den Part.

Im besten Fall ist das doch sowieso nur ein hässlicher, etwas tieferer Kratzer, der längst erledigt ist. Im schlimmsten Fall ist es so etwas wie der rostige Nagel, in den Frodo diesen Sommer gefasst hat. Als Typ ohne Wohnung und ohne Krankenversicherung macht es richtig Spaß, zum ärztlichen Notdienst zu gehen und das behandeln zu lassen. Wir konnten den Leuten ja auch schlecht erzählen, dass er sich die Verletzung beim Einsteigen in eine fremde Dachluke geholt hat. Seine Erklärung „Ich wollte einfach mal die Leiden Christi nachvollziehen“ kam auch nicht so doll an. Vielleicht muss er noch an seiner Jesusimitation üben, denn der Nagel in seiner Hand hat offenbar nicht gereicht.

„Dem Bein geht’s gut“, brumme ich also.

„Dann kann ich ja mal 'n Blick drauf werfen und es bewundern“, entgegnet er unbeeindruckt.

„Ich hab aber 'ne Menge heißere Körperteile“, sage ich. Er steht jetzt vor mir und hält unseren Erste-Hilfe-Kasten in den Händen.

„Wie wär's mit 'nem Ellenbogen? Oder dem Kinn, davon hab ich sogar mehr als eins.“

„Flo.“

Er packt den Tonfall aus, der keinen Widerspruch duldet und den es sonst eigentlich nur in anderen Situationen gibt. Kurz überlege ich, ob ich es trotzdem versuchen sollte, mich quer zu stellen und lasse es dann sein. Ich schwinge die Beine aus dem Auto und stelle sie auf dem Asphalt ab, während ich mich mit dem Oberkörper gegen den Sitz lehne. Auf meinem Schoß blinzelt die Katze.

Mein Freund krempelt das Hosenbein hoch und geht in die Hocke. Im Helldunkelwechsel aus Licht und Schatten dampft sein Atem.

Für einen Augenblick komme ich mir direkt lächerlich vor, wie eine Mischung aus Imperator und abgefuckten Mafiaboss, zu dessen Füßen man hockt und womöglich noch einen Ring küssen muss oder sowas.
Frodo öffnet den Kasten, fummelt die Taschenlampe aus seinem Anorak und begutachtet seufzend die Wunde.

„Und?“, frage ich dumpf.
„Kommt das an deinen Jesus-Stunt ran?“

„Nichts kann meinem Jesus-Stunt das Wasser reichen“, entgegnet er amüsiert.
„Aber schön is' was anderes.“

„Hast du mein Bein gerade hässlich genannt?“

Er antwortet nicht, sondern fummelt etwas im Verbandskasten herum und beginnt dann, an der Wunde zu wischen. Das brennt und ziept bis hoch zum Knie und männlich wie ich bin, ziehe ich also in bester Peter Griffin-Manier theatralisch Luft durch meine Zähne.
„Da is' jede Menge Blut“, murmelt Frodo.

Wir verfallen in Schweigen. Er putzt und säubert und desinfiziert und ich halte aus und gebe mein Bestes, nicht zu sehr zu zappeln, weil die Katze sehr interessiert dabei zusieht, was mein Freund da eigentlich werkelt.

Auf der Landstraße ertönt kurz eine Sirene, die uns alle zusammenzucken und darauf horchen lässt, ob sie sich in unsere Richtung bewegt. Doch dann kommt die Stille zurück, das Verkehrsrauschen der Landstraße und das Schnurren der Katze. Sie setzt sich auf und beginnt, ihre blutigen Vorderpfoten sauberzulecken.

„Ich mach dir da 'ne Kompresse drum“, murmelt Frodo schließlich irgendwann.
„Es blutet immer noch 'n bisschen, wenn's nich' aufhört, muss es jemand nähen.“

Ich brumme unwillig. Auf Notaufnahme habe ich so absolut keinen Bock. Ich bin müde, hungrig, mir ist kalt und ich kann den Anblick des Ermordeten nicht vergessen. Außerdem weiß ich nicht, was ich irgendwelchen Ärzten erzählen sollte. Was nach Stichwunde aussieht, zieht mehr Fragen nach sich als ein lustiger Witz über Kreuzigungen.

Frodo drückt den Verband an.
„Fester“, sage ich.
„Da geht noch was.“

„Noch fester und ick kappe dir die Blutzufuhr.“

Er steht auf, sammelt die blutigen Bandagen und Tücher ein und geht sie neben dem Eingang zum Aldi wegschmeißen. Er ist ein schmaler Schatten im Scheinwerferlicht und kurz sieht er aus, als würde er schlingern.

Als er zurückkommt, bleibt er vor der offenen Autotür stehen, krault die Katze hinter den Ohren und streicht mir über die Schläfe.

„Hast du das ernst gemeint vorhin?“, will ich wissen.
„Also das mit der Arbeit und der Jack Wolfskin-Jacke und dem generell nicht mehr Rumstreuern?“

Er richtet sich wieder auf, steckt die Hände in die Jackentaschen und zuckt mit den Schultern;
„Ja... schon irgendwie.“ Er zieht die Nase hoch und guckt sich um wie ein Tier, das prüft, ob die Umgebung sicher ist.
„Ich meine, das hier is' auch ganz lustig. Ich mag das, so isses nich'. Aber so Sachen wie heute... die sind halt nich' so pralle. Manchmal hab ich schon Bock drauf, wie'n normaler Typ einfach abends zu dir nach Hause zu kommen. Ohne dass das Zuhause Räder hat und unbeheizt is'. Vor allem..“

Er macht eine Pause.

„Vor allem, weil wir das leichter haben könnten als sämtliche andere.“

„Ja, für einen beschissenen Preis“, murre ich.

„Ich weiß. Ich will mich nich' wieder streiten, Flo, wirklich nich'. Aber weißte, das hätte vorhin echt anders ausgehen können.“

Das weiß ich sehr wohl. Der Knilch hätte mir das Messer in die Brust rammen können. Oder noch schlimmer: In Frodos Brust. Bisher haben wir immer damit gerechnet, dass uns eine Alarmanlage, irgendwelche Security-Menschen oder die Polizei hopsnehmen könnte, selbst wenn wir super vorsichtig waren. An Lebensgefahr haben wir aber nicht gedacht, vermutlich nicht eine Sekunde lang.

Ich stelle mir vor, wie ich durch die Türen der Firma gehe. Ein blutiger, ranziger Kerl mit Stoppeln und dreckigen Klamotten im mit Natursteinimitat ausgekleideten Eingangsbereich. Wie meine Mutter vor mir steht, die Arme verschränkt und sagt:
„Ich wusste doch, irgendwann kommst du hier wieder an, Florian.“

Ich möchte spontan gegen irgendwas schlagen. Dann sehe ich an Frodo hoch, der noch immer vor mir steht und sich langsam wieder ins Auto zu mir hereinbeugt.
„Du weißt schon, dass du nich' die ganze Zeit mit mir rumhängen musst“, sage ich.
„Du kannst hingehen zu deinem Vater, du kannst dir 'ne Wohnung besorgen. Du musst das hier nich' aus Loyalität zu mir machen.“

„Ich weiß“, sagt er und gibt mir einen Kuss.
„Aber meinst du, ich könnte dich alleine hier draußen rumgurken lassen? Dich Frostbeule?“


Er lacht, zumindest so sehr, dass sich kleine Fältchen um seine Augen bilden.
Und doch habe ich so ein dumpfes, merkwürdiges Gefühl dabei, als hätten wir uns auch eine Kompresse um die Brust gelegt, um etwas vor dem Ausbluten zu bewahren.
Dieses Ding mit Schlafen unter dem Sternenhimmel und der vermeintlichen Freiheit war eine wilde Berg- und Talfahrt. Anscheinend geht es nun langsam nur noch bergab.

Das wird schon, sage ich mir schnell.
Wir haben ein Mal Pech gehabt und sind mit einem blauen Auge davongekommen.
Dann gehen wir eben ein anderes Mal schwimmen. Weihnachten kommt und mit dem Fest Leute, die in den Urlaub fahren und ihre Häuser, die vollgestopft sind mit Geld und Blingbling, allein lassen. Es wird weitergehen. Wir kriegen das hin.

Ich hämmere mir diesen Gedanken auch noch ein, als wir uns in dieser Nacht hinlegen – Frodo hinter mir, die weiße Katze mit ihren inzwischen rosa Pfoten vor mir. Ich balsamiere ihn mir ein, während draußen der Regen aufhört und der Raureif kommt, während die Katze sich gegen mich schmiegt, gähnt und mir ihren Whiskas-Mundgeruch entgegenhaucht.

Aber ein Teil von mir glaubt diesem Gedanken nicht mehr.


Fortsetzung folgt

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