Rorschachtests
Nov. 3rd, 2019 09:05 pmFandom: Youtuber (Berliner Cluster)
Challenge: "Was ist das? Ein Rorschachtest?!" (vom 18.10.)
Personen/Pairing: LeFloid/Frodo (established relationship, yay!)
Wörter: ~2100
Anmerkung: Das ist eine Fortsetzung zu meiner Adventskalendergeschichte von letztem Jahr (https://120-minuten.livejournal.com/1366215.html). Flo und Frodo sind immer noch zwei gescheiterte, wohnungslose Existenzen, die das mit der Kriminalität auch noch immer nicht ganz verstanden haben.
Der November macht auf Macho und pustet gleich zu Anfang Dezembertemperaturen übers Land.
Vorbei sind die Nächte, die so mild waren, dass man ein Autofenster noch leicht geöffnet lassen konnte. (Und mit leicht sind höchstens drei Zentimeter gemeint. Nachdem uns im Sommer morgens um fünf ein Eichhörnchen zwischen die Sitze geklettert ist, haben wir daraus gelernt.)
Vorbei ist die Zeit, in der man so tun kann, als hätte man diesen Lebensstil hier aus Überzeugung gewählt, weil es cool ist, frank und frei durch die Gegend zu fahren und nirgendwohin zu gehören.
Obdachlosigkeit fickt dich und wenn der Winter naht, wird aus ficken fisten, und zwar nicht auf die schöne Art.
Ich wache die ersten paar Novembernächte von meinem eigenen Zähneklappern auf. Nicht nur ich, muss ich schnell feststellen, weil Frodo zeitgleich an mich heranrückt und seine Decke über die meine wirft. Der Junge ist eine menschliche Heizung, was mich in dem Moment daran erinnert, dass ich ihn niemals vergraulen darf.
Im Sommer haben wir bis auf die Unterhosen nackt hier gelegen, so viel Abstand wie möglich gehalten und die Morgen damit begonnen, zum nächstbesten, menschenleeren See zu fahren und eine Runde schwimmen zu gehen. Ich vermisse verfickt nochmal den Sommer.
Einige Tage später folgen mildere Temperaturen, die jedoch Regen mit sich bringen. Zwei Tage Dauerniesel, der Feuchtigkeit bis in die hinterste Ritze des Skoda kriechen lässt, reichen, um mir die schlimmstmögliche Laune zu bescheren.
„Zieh doch nich' die ganze Zeit so eine Fresse“, sagt Frodo am dritten Tag, nachdem wir uns auf dem Parkplatz die Zähne geputzt haben und er den Skoda Richtung nächste Bäckerei steuert.
„Dann guck halt nich' hin“, erwidere ich und nein, ich gebe mir keine Mühe, freundlich zu sein.
„Ick hab nur die eene.“
„Ach Flo. Okay, ich weiß, was wir nach dem Frühstück...anstellen könnten.“
„Sex?“, grummele ich.
„Damit wir hinterher noch klammer und feuchter sind als ohnehin schon?!“
Er rollt mit den Augen;
„Ja okay, vergiss et, jetz' hab ich ooch keene Lust mehr. Dann fahren wir halt in 'ne Schwimmhalle. Wir können 'n paar Runden drehen, sie haben heiße Duschen – oh, und ich will unbedingt auf die Rutsche!“
Heiße Dusche. Zwei Worte, die mich sofort aufheitern. Ich hab keine Ahnung, wann zuletzt nicht irgendein Körperteil von mir kalt war. Katzenwäschen mit Wasser aus Flaschen sind halt kein Vergleich. Außerdem hätte ich schon Bock auf Sex, aber nicht ungeduscht. Ich frage mich sowieso, warum Frodo es zulässt, dass ich mich nachts um ihn wickle.
Ah richtig...seine dauerverstopfte Nase.
Wir passen eindeutig zusammen.
„Okay“, sage ich.
„Nur äh...folgendes Problem: Wir haben dit Kleingeld für den Eintritt nich'.“
~
Im Nieselregen in einer Nebenstraße einer Wohnsiedlung zu parken hat einen gewissen Vorteil. Bei dem Wetter geht niemand vor die Tür. Die Leute schicken ihre Hunde nur kurz zum Pinkeln raus ohne selbst einen Fuß nach draußen zu setzen. Die Köter haben ja selber nicht mal Bock, nass zu werden.
In der Herbstdämmerung sehen wir dabei zu, wie ringsherum die ersten Lichter in den Häusern angehen, wie Fenster in Küchen angekippt werden, wie einzelne Autos in Garagen fahren und Typen in Lederschuhen, Anzügen und Jack Wolfskin-Jacken ausspucken.
Das Epitom des deutschen Mittelstandes.
„Manchmal hätt' ick schon Bock darauf, auch so einer zu sein“, murmelt Frodo während er nach draußen späht. Bei Regen ist das nur begrenzt möglich. Wir lassen ja den Scheibenwischer nicht an, um die Tarnung eines parkenden, unbemannten Autos nicht auffliegen zu lassen. Aber das Geld an den Leuten ist trotzdem nicht zu übersehen.
„'N Typ in 'ner Jack Wolfskin-Jacke?“ Ich grunzlache.
„Was' los, hast du Fieber?“
„Du findest das hier doch selber auch Kacke, Flo“, gibt er zurück.
„Ich meine, wir sind Ende zwanzig, weiß und sogar studiert. Wäre super einfach, wieder in die Gesellschaft reinzukommen. Wir sind nich' mal echte Obdachlose.“
„Wat soll denn bitte 'n echter Obdachloser sein?!“
„Wir haben 'n Auto, du Hirnie.“
„Na und? Dafür haben wir keen Geld. Ick meine, wir kundschaften gerade aus, in welches protzige Haus wir einbrechen, damit wir duschen gehen können! Wie soll Gesellschaft dann bitte gehen?! Für jede Wohnung brauchst du Kaution und musst 'n SchuFa-Test machen und bla. Da ham' wa doch schon verloren! Und mal ehrlich, willst du wirklich so enden? Am besten noch mit'm BMW in der Einfahrt, 'nem fucking weißen Gartenzaun, 'ner Frau und zwee Kindern. Am besten noch Zwillinge.“
Ich schnaube verächtlich. Als ob ich sowas jemals tun würde.
„Sorry, Flo, aber du hast seit vorgestern schlechte Laune, weil dir dauernd kalt is'!“, brummt Frodo.
„Und überhaupt, wer redet denn bitte von Zwillingen und weißen Gartenzäunen? 'Ne Wohnung mit fließend warm Wasser, 'ner Heizung und 'nem Kühlschrank würde mir doch schon reichen. Wir könnten das tun. Wir müssten nur um Geld fragen bei –“
„Vergiss es!“, schneide ich ihm das Wort ab.
„Eher prostituiere ich mich, ehe ich jemals wieder mit denen rede.“
„Meinst du nich', du übertreibst da 'n bisschen?“
„Wir haben uns vielleicht nich' ganz schlau angestellt, Frodo. Aber eins kann ich dir sagen, wenn ich meine Mutter und deinen Alten nochmal sehen muss, jibt's Tote.“
Frodo guckt mich an und schließt den Mund wieder. Was auch immer er sagen wollte, er lässt es bleiben. Ja okay, wir haben uns vielleicht wirklich wie Idioten benommen. Diese fusionierte Firma, unsere Eltern, das hätte alles wirklich richtig geil laufen können. Manchmal fahren wir daran vorbei, betrachten das schnittige Schild mit „Krüger & Mundt“ und wir wissen, dass wir nicht mehr dazu gehören. Obwohl es unsere Namen sind.
Ich blinzele und spüre, wie Frodo sich vom Fahrersitz zu mir herüberbeugt und mir einen Kuss auf die Schläfe und in mein fettiges Haar drückt. Romantik vom Feinsten und doch rührt es mich wie so oft ein bisschen, dass er mich ungewaschenen Bastard mit der schlechten Laune trotzdem erträgt.
„Lass uns das dritte Haus von links da hinten nehmen“, wispert er.
„Das is' immer noch dunkel.“
~
Das übliche Prozedere. Das Auto umparken, unauffällig aussteigen, die dunkelste Ecke zwischen zwei Straßenlaternen suchen um über den Zaun zu hüpfen nachdem man ihn nach einem „Hier wache ich“-Hundeschild überprüft hat. Der Kies knirscht unter unseren Schuhen, nur Geräusch und ohne Licht. Die Garage ist offen und es steht ein Auto darin. Doch daneben ist ein zweiter freier Stellplatz. Keine Traumvorraussetzung, aber es ist einen Versuch wert.
Frodo platziert sich an der Haustür und lässt seine flinken Hände™ ihren Job machen.
Ich stehe mit den Rücken zu ihm, streife meine Handschuhe über und stehe Schmiere.
Merkwürdig.
Über der Garage und zum Hof hin gibt es mehrere Scheinwerfer. Richtig fette Teile, die eigentlich und garantiert an Bewegungssensoren gekoppelt sein sollten. Hat man vergessen, das einzuschalten?
Irgendetwas streicht plötzlich an meinem Bein und ich zucke, tue einen Sprung in die Luft.
„Fuck!“, fluche ich leise.
Die Katze ist reinweiß, sonst würde ich sie in der Dunkelheit nicht sehen. Sie sitzt vor mir mit verständnislosem Blick und maunzt.
Frodo neben mir gluckst.
„Sehr witzig“, zische ich.
„Hast du die etwa gesehen?“
„Jap. Die hing schon die ganze Zeit neben der Garage rum.“
Wehe, wenn der jetzt wieder so einen Veganer-essen-mehr-Karotten-und-sehen-besser-Spruch anbringt. Dann kann er sich warm anziehen.
Statt ihm antwortet allerdings das Türschloss. Klickend öffnet es sich. Frodo klinkt es auf und guckt mich mit einem triumphierenden Grinsen an. Für jedes scheiß Schloss will der Applaus, pff.
Die Katze bewegt sich als erstes.
Sie schlüpft mit einer Selbstverständlichkeit ins Haus, als würden wir zu ihr gehören. Frodo sieht ihr nach, steckt den Kopf ins Haus und lauscht. Vielleicht ist doch jemand zu Hause und begrüßt das Tier gleich lautstark. Ich lege mein Ohr mit an den Türspalt.
Nichts. Drinnen herrscht Stille.
Wir schlüpfen hinter der Katze her. Als ob sie gewartet hat, steht sie im Flur, maunzt wieder und drückt sich gegen mein Bein.
„Du kennst mich überhaupt nich'“, flüstere ich.
„Ich raube jetzt dein Herrchen und Frauchen aus!“
Die Katze miaut.
„Der isses egal, wer ihr die Dose aufmacht“, murmelt Frodo belustigt.
Er greift nach seiner Taschenlampe und schaltet sie ein, leuchtet den Gang aus.
Vor uns tun sich drei Türen auf: Badezimmer, Wohnzimmer, Küche. Links geht eine Treppe nach oben ab. So weit, so ordinär.
Ich zeige nach links.
Die Arbeitszimmer befinden sich in solchen Häusern meistens im Keller oder im Obergeschoss. Ersteres scheint es hier nicht zu geben, zumindest sehe ich keine Treppe, die nach unten führt. Die Katze maunzt wieder.
„Alter, wie soll man sich da konzentrieren?!“
„Woll'n wa ihr nich' kurz was geben?“, sagt Frodo.
„Dann gibt sie Ruhe.“
„Du willst jetzt nich' ernsthaft die Katze in 'nem Haus, in das wir gerade einsteigen, füttern?!“
Ich habe das Gefühl, meine Fassungslosigkeit kommt nicht ganz so zum Ausdruck, wie ich es gerne hätte, denn Frodo nickt kurz und setzt sich schon in Bewegung Richtung Küche.
„Alter!“, ruf-wispere ich.
„Wer hat denn letztes Jahr der einen Frau 'ne Nachricht geschrieben, dass sie betrogen wird“, sagt Frodo und ich stampfe genervt hinter ihm her.
„Mit Lippenstift an den Badspiegel! Und jetzt willste mir hieraus 'nen Strick drehen?“
Die Katze geht nun dazu über, um seine Beine zu streichen und weiterzumaunzen.
Sie kommt zurück zu mir und drückt ihren Kopf an meinen Knöchel. Verdammtes süßes Mistvieh.
Frodo hat die Taschenlampe wieder ausgeschaltet. Das Küchenfenster geht zur Straße hinaus. Im Schein der Laterne draußen öffnet er Schränke und schließt sie wieder, zieht Besteckschubladen heraus und linst hinein. Silberbesteck? Wahrscheinlich nicht. Die Leute haben denselben IKEA-Scheiß wie alle anderen, das sehe sogar ich im Dunkeln. Endlich findet er, wonach er sucht, fischt eine Gabel hervor, öffnet das Päckchen mit den Fleisch und bückt sich in Richtung einer Wand. Offensichtlich steh da ein Napf.
„Katzen sind Dramaqueens“, sage ich zu meiner Verteidigung.
„Das weißt du, du hattest selbst eine!“
„Ach komm schon, Flo. Wir sind die achtsamen Banditen. Das is' unser Markenzeichen.“
„Jaja, los, komm jetz!“
Ich trete wieder auf den Gang zurück, während er hinter mir das Tier krault.
Theoretisch hat Frodo selbst immer noch eine Katze. Sie...wohnt nur nicht bei ihm, sondern bei seinem kleinen Bruder. Ein Scheidungskind, wenn man so will.
Ich seufze tonlos – und stocke.
Die Tür zum Wohnzimmer nebenan ist offen und auf dem Boden direkt dahinter liegt etwas, das ich eben nicht gesehen habe. Etwas Rechteckiges und Weißes mit....schwarzen Flecken?
„Frodo“, wispere ich.
„Taschenlampe!“
Er tritt hinter mich und knippst sie an. Ihr Lichtkegel fällt auf das sonderbare Ding.
Es ist...ein Blatt Papier. Darauf verschmiert sind Flecken.
„Was'n das?“, entfährt es mir.
„Ein Rorschachtest?!“
„Warum sollte sowas hier rumliegen...?“
Frodo geht in die Hocke und hebt das Blatt auf. Ich kann's nicht sehen, aber ich hoffe echt, dass er seine Handschuhe noch an- und nicht zum Katzenfüttern ausgezogen hat.
Er leuchtet weiter ins Wohnzimmer hinein und erstarrt.
Das ist nicht nur ein Rorschachtest. Unzählige Blätter liegen im Wohnzimmer verstreut herum. Manche sehen aus, als wären sie nur besprenkelt, andere so, als hätte jemand seine Hand in Farbe getunkt und dann auf das Papier gedrückt.
Unter meiner Jacke stellen sich die Härchen zu einer dicken, schaudernden Gänsehaut auf.
Dort vorne, kurz vor der Tür, die zu einer Veranda zu führen scheint, liegt ein großer, langer Klumpen.
„Oh Gott“, entfährt es mir. Frodo folgt meinem Blick und leuchtet schließlich hinterher.
Ich fasse an seinen Unterarm.
„Fuck“, wispert er.
„....Fuck!“
Es war keine Farbe. Es sind auch keine Rorschachtests.
Wir stehen inmitten von blutbeflecktem Papier und vor uns liegt ein verdammter Mensch.
Ich lasse Frodo los und stürze vorwärts, versuche, die beschmierten Papiere zu umgehen, was lächerlich aussehen muss. Es ist ein Mann in T-Shirt und Jogginghose. Er hat gelockte, dunkle Haare und liegt mit dem Gesicht zur Seite. Seine Augen sind geschlossen.
Er ist ganz still.
Mein Herz rast so sehr, als wolle es das Blut auch durch seinen Körper pumpen.
Mit zwei Fingern taste ich an den Hals des Fremden, justiere, warte, taste noch einmal.
„Und?“, fragt Frodo angstvoll.
„Lebt er noch?“
„Weiß ich nich'“, presse ich heraus,
„Mein Puls rast so, ich weiß nich', ob das seiner oder meiner is...!“
Dann kracht und klirrt es über unseren Köpfen.
Irgendetwas ist umgefallen oder irgendwo runtergeschmissen worden.
Der Atem stockt uns beiden – ich kann es hören. Frodo hat seinen Kopf eingezogen und guckt mit geweiteten Augen nach oben.
„Fuck“, wispert er.
„Wer auch immer das war, der is' noch hier.“
Er schaltet schnell die Taschenlampe aus.
„Das is' doch nich' wahr!“, raune ich.
„So viele fucking Häuser hier und ausgerechnet in das hier is' schon jemand eingebrochen?!“
„Wir müssen abhauen, Flo!“
Frodo greift nach meiner Hand.
Als ob er mich hier rausschleifen müsste, von wegen! Ich habe so gar keine Probleme, meine Beine selber in die Hand zu nehmen. Keine Sekunde länger bleibe ich mit einer Leiche in einem Raum.
Dann sind da plötzlich Schritte oben auf der Treppe.
To be continued (höchstwahrscheinlich)...
Challenge: "Was ist das? Ein Rorschachtest?!" (vom 18.10.)
Personen/Pairing: LeFloid/Frodo (established relationship, yay!)
Wörter: ~2100
Anmerkung: Das ist eine Fortsetzung zu meiner Adventskalendergeschichte von letztem Jahr (https://120-minuten.livejournal.com/1366215.html). Flo und Frodo sind immer noch zwei gescheiterte, wohnungslose Existenzen, die das mit der Kriminalität auch noch immer nicht ganz verstanden haben.
Der November macht auf Macho und pustet gleich zu Anfang Dezembertemperaturen übers Land.
Vorbei sind die Nächte, die so mild waren, dass man ein Autofenster noch leicht geöffnet lassen konnte. (Und mit leicht sind höchstens drei Zentimeter gemeint. Nachdem uns im Sommer morgens um fünf ein Eichhörnchen zwischen die Sitze geklettert ist, haben wir daraus gelernt.)
Vorbei ist die Zeit, in der man so tun kann, als hätte man diesen Lebensstil hier aus Überzeugung gewählt, weil es cool ist, frank und frei durch die Gegend zu fahren und nirgendwohin zu gehören.
Obdachlosigkeit fickt dich und wenn der Winter naht, wird aus ficken fisten, und zwar nicht auf die schöne Art.
Ich wache die ersten paar Novembernächte von meinem eigenen Zähneklappern auf. Nicht nur ich, muss ich schnell feststellen, weil Frodo zeitgleich an mich heranrückt und seine Decke über die meine wirft. Der Junge ist eine menschliche Heizung, was mich in dem Moment daran erinnert, dass ich ihn niemals vergraulen darf.
Im Sommer haben wir bis auf die Unterhosen nackt hier gelegen, so viel Abstand wie möglich gehalten und die Morgen damit begonnen, zum nächstbesten, menschenleeren See zu fahren und eine Runde schwimmen zu gehen. Ich vermisse verfickt nochmal den Sommer.
Einige Tage später folgen mildere Temperaturen, die jedoch Regen mit sich bringen. Zwei Tage Dauerniesel, der Feuchtigkeit bis in die hinterste Ritze des Skoda kriechen lässt, reichen, um mir die schlimmstmögliche Laune zu bescheren.
„Zieh doch nich' die ganze Zeit so eine Fresse“, sagt Frodo am dritten Tag, nachdem wir uns auf dem Parkplatz die Zähne geputzt haben und er den Skoda Richtung nächste Bäckerei steuert.
„Dann guck halt nich' hin“, erwidere ich und nein, ich gebe mir keine Mühe, freundlich zu sein.
„Ick hab nur die eene.“
„Ach Flo. Okay, ich weiß, was wir nach dem Frühstück...anstellen könnten.“
„Sex?“, grummele ich.
„Damit wir hinterher noch klammer und feuchter sind als ohnehin schon?!“
Er rollt mit den Augen;
„Ja okay, vergiss et, jetz' hab ich ooch keene Lust mehr. Dann fahren wir halt in 'ne Schwimmhalle. Wir können 'n paar Runden drehen, sie haben heiße Duschen – oh, und ich will unbedingt auf die Rutsche!“
Heiße Dusche. Zwei Worte, die mich sofort aufheitern. Ich hab keine Ahnung, wann zuletzt nicht irgendein Körperteil von mir kalt war. Katzenwäschen mit Wasser aus Flaschen sind halt kein Vergleich. Außerdem hätte ich schon Bock auf Sex, aber nicht ungeduscht. Ich frage mich sowieso, warum Frodo es zulässt, dass ich mich nachts um ihn wickle.
Ah richtig...seine dauerverstopfte Nase.
Wir passen eindeutig zusammen.
„Okay“, sage ich.
„Nur äh...folgendes Problem: Wir haben dit Kleingeld für den Eintritt nich'.“
~
Im Nieselregen in einer Nebenstraße einer Wohnsiedlung zu parken hat einen gewissen Vorteil. Bei dem Wetter geht niemand vor die Tür. Die Leute schicken ihre Hunde nur kurz zum Pinkeln raus ohne selbst einen Fuß nach draußen zu setzen. Die Köter haben ja selber nicht mal Bock, nass zu werden.
In der Herbstdämmerung sehen wir dabei zu, wie ringsherum die ersten Lichter in den Häusern angehen, wie Fenster in Küchen angekippt werden, wie einzelne Autos in Garagen fahren und Typen in Lederschuhen, Anzügen und Jack Wolfskin-Jacken ausspucken.
Das Epitom des deutschen Mittelstandes.
„Manchmal hätt' ick schon Bock darauf, auch so einer zu sein“, murmelt Frodo während er nach draußen späht. Bei Regen ist das nur begrenzt möglich. Wir lassen ja den Scheibenwischer nicht an, um die Tarnung eines parkenden, unbemannten Autos nicht auffliegen zu lassen. Aber das Geld an den Leuten ist trotzdem nicht zu übersehen.
„'N Typ in 'ner Jack Wolfskin-Jacke?“ Ich grunzlache.
„Was' los, hast du Fieber?“
„Du findest das hier doch selber auch Kacke, Flo“, gibt er zurück.
„Ich meine, wir sind Ende zwanzig, weiß und sogar studiert. Wäre super einfach, wieder in die Gesellschaft reinzukommen. Wir sind nich' mal echte Obdachlose.“
„Wat soll denn bitte 'n echter Obdachloser sein?!“
„Wir haben 'n Auto, du Hirnie.“
„Na und? Dafür haben wir keen Geld. Ick meine, wir kundschaften gerade aus, in welches protzige Haus wir einbrechen, damit wir duschen gehen können! Wie soll Gesellschaft dann bitte gehen?! Für jede Wohnung brauchst du Kaution und musst 'n SchuFa-Test machen und bla. Da ham' wa doch schon verloren! Und mal ehrlich, willst du wirklich so enden? Am besten noch mit'm BMW in der Einfahrt, 'nem fucking weißen Gartenzaun, 'ner Frau und zwee Kindern. Am besten noch Zwillinge.“
Ich schnaube verächtlich. Als ob ich sowas jemals tun würde.
„Sorry, Flo, aber du hast seit vorgestern schlechte Laune, weil dir dauernd kalt is'!“, brummt Frodo.
„Und überhaupt, wer redet denn bitte von Zwillingen und weißen Gartenzäunen? 'Ne Wohnung mit fließend warm Wasser, 'ner Heizung und 'nem Kühlschrank würde mir doch schon reichen. Wir könnten das tun. Wir müssten nur um Geld fragen bei –“
„Vergiss es!“, schneide ich ihm das Wort ab.
„Eher prostituiere ich mich, ehe ich jemals wieder mit denen rede.“
„Meinst du nich', du übertreibst da 'n bisschen?“
„Wir haben uns vielleicht nich' ganz schlau angestellt, Frodo. Aber eins kann ich dir sagen, wenn ich meine Mutter und deinen Alten nochmal sehen muss, jibt's Tote.“
Frodo guckt mich an und schließt den Mund wieder. Was auch immer er sagen wollte, er lässt es bleiben. Ja okay, wir haben uns vielleicht wirklich wie Idioten benommen. Diese fusionierte Firma, unsere Eltern, das hätte alles wirklich richtig geil laufen können. Manchmal fahren wir daran vorbei, betrachten das schnittige Schild mit „Krüger & Mundt“ und wir wissen, dass wir nicht mehr dazu gehören. Obwohl es unsere Namen sind.
Ich blinzele und spüre, wie Frodo sich vom Fahrersitz zu mir herüberbeugt und mir einen Kuss auf die Schläfe und in mein fettiges Haar drückt. Romantik vom Feinsten und doch rührt es mich wie so oft ein bisschen, dass er mich ungewaschenen Bastard mit der schlechten Laune trotzdem erträgt.
„Lass uns das dritte Haus von links da hinten nehmen“, wispert er.
„Das is' immer noch dunkel.“
~
Das übliche Prozedere. Das Auto umparken, unauffällig aussteigen, die dunkelste Ecke zwischen zwei Straßenlaternen suchen um über den Zaun zu hüpfen nachdem man ihn nach einem „Hier wache ich“-Hundeschild überprüft hat. Der Kies knirscht unter unseren Schuhen, nur Geräusch und ohne Licht. Die Garage ist offen und es steht ein Auto darin. Doch daneben ist ein zweiter freier Stellplatz. Keine Traumvorraussetzung, aber es ist einen Versuch wert.
Frodo platziert sich an der Haustür und lässt seine flinken Hände™ ihren Job machen.
Ich stehe mit den Rücken zu ihm, streife meine Handschuhe über und stehe Schmiere.
Merkwürdig.
Über der Garage und zum Hof hin gibt es mehrere Scheinwerfer. Richtig fette Teile, die eigentlich und garantiert an Bewegungssensoren gekoppelt sein sollten. Hat man vergessen, das einzuschalten?
Irgendetwas streicht plötzlich an meinem Bein und ich zucke, tue einen Sprung in die Luft.
„Fuck!“, fluche ich leise.
Die Katze ist reinweiß, sonst würde ich sie in der Dunkelheit nicht sehen. Sie sitzt vor mir mit verständnislosem Blick und maunzt.
Frodo neben mir gluckst.
„Sehr witzig“, zische ich.
„Hast du die etwa gesehen?“
„Jap. Die hing schon die ganze Zeit neben der Garage rum.“
Wehe, wenn der jetzt wieder so einen Veganer-essen-mehr-Karotten-und-sehen-besser-Spruch anbringt. Dann kann er sich warm anziehen.
Statt ihm antwortet allerdings das Türschloss. Klickend öffnet es sich. Frodo klinkt es auf und guckt mich mit einem triumphierenden Grinsen an. Für jedes scheiß Schloss will der Applaus, pff.
Die Katze bewegt sich als erstes.
Sie schlüpft mit einer Selbstverständlichkeit ins Haus, als würden wir zu ihr gehören. Frodo sieht ihr nach, steckt den Kopf ins Haus und lauscht. Vielleicht ist doch jemand zu Hause und begrüßt das Tier gleich lautstark. Ich lege mein Ohr mit an den Türspalt.
Nichts. Drinnen herrscht Stille.
Wir schlüpfen hinter der Katze her. Als ob sie gewartet hat, steht sie im Flur, maunzt wieder und drückt sich gegen mein Bein.
„Du kennst mich überhaupt nich'“, flüstere ich.
„Ich raube jetzt dein Herrchen und Frauchen aus!“
Die Katze miaut.
„Der isses egal, wer ihr die Dose aufmacht“, murmelt Frodo belustigt.
Er greift nach seiner Taschenlampe und schaltet sie ein, leuchtet den Gang aus.
Vor uns tun sich drei Türen auf: Badezimmer, Wohnzimmer, Küche. Links geht eine Treppe nach oben ab. So weit, so ordinär.
Ich zeige nach links.
Die Arbeitszimmer befinden sich in solchen Häusern meistens im Keller oder im Obergeschoss. Ersteres scheint es hier nicht zu geben, zumindest sehe ich keine Treppe, die nach unten führt. Die Katze maunzt wieder.
„Alter, wie soll man sich da konzentrieren?!“
„Woll'n wa ihr nich' kurz was geben?“, sagt Frodo.
„Dann gibt sie Ruhe.“
„Du willst jetzt nich' ernsthaft die Katze in 'nem Haus, in das wir gerade einsteigen, füttern?!“
Ich habe das Gefühl, meine Fassungslosigkeit kommt nicht ganz so zum Ausdruck, wie ich es gerne hätte, denn Frodo nickt kurz und setzt sich schon in Bewegung Richtung Küche.
„Alter!“, ruf-wispere ich.
„Wer hat denn letztes Jahr der einen Frau 'ne Nachricht geschrieben, dass sie betrogen wird“, sagt Frodo und ich stampfe genervt hinter ihm her.
„Mit Lippenstift an den Badspiegel! Und jetzt willste mir hieraus 'nen Strick drehen?“
Die Katze geht nun dazu über, um seine Beine zu streichen und weiterzumaunzen.
Sie kommt zurück zu mir und drückt ihren Kopf an meinen Knöchel. Verdammtes süßes Mistvieh.
Frodo hat die Taschenlampe wieder ausgeschaltet. Das Küchenfenster geht zur Straße hinaus. Im Schein der Laterne draußen öffnet er Schränke und schließt sie wieder, zieht Besteckschubladen heraus und linst hinein. Silberbesteck? Wahrscheinlich nicht. Die Leute haben denselben IKEA-Scheiß wie alle anderen, das sehe sogar ich im Dunkeln. Endlich findet er, wonach er sucht, fischt eine Gabel hervor, öffnet das Päckchen mit den Fleisch und bückt sich in Richtung einer Wand. Offensichtlich steh da ein Napf.
„Katzen sind Dramaqueens“, sage ich zu meiner Verteidigung.
„Das weißt du, du hattest selbst eine!“
„Ach komm schon, Flo. Wir sind die achtsamen Banditen. Das is' unser Markenzeichen.“
„Jaja, los, komm jetz!“
Ich trete wieder auf den Gang zurück, während er hinter mir das Tier krault.
Theoretisch hat Frodo selbst immer noch eine Katze. Sie...wohnt nur nicht bei ihm, sondern bei seinem kleinen Bruder. Ein Scheidungskind, wenn man so will.
Ich seufze tonlos – und stocke.
Die Tür zum Wohnzimmer nebenan ist offen und auf dem Boden direkt dahinter liegt etwas, das ich eben nicht gesehen habe. Etwas Rechteckiges und Weißes mit....schwarzen Flecken?
„Frodo“, wispere ich.
„Taschenlampe!“
Er tritt hinter mich und knippst sie an. Ihr Lichtkegel fällt auf das sonderbare Ding.
Es ist...ein Blatt Papier. Darauf verschmiert sind Flecken.
„Was'n das?“, entfährt es mir.
„Ein Rorschachtest?!“
„Warum sollte sowas hier rumliegen...?“
Frodo geht in die Hocke und hebt das Blatt auf. Ich kann's nicht sehen, aber ich hoffe echt, dass er seine Handschuhe noch an- und nicht zum Katzenfüttern ausgezogen hat.
Er leuchtet weiter ins Wohnzimmer hinein und erstarrt.
Das ist nicht nur ein Rorschachtest. Unzählige Blätter liegen im Wohnzimmer verstreut herum. Manche sehen aus, als wären sie nur besprenkelt, andere so, als hätte jemand seine Hand in Farbe getunkt und dann auf das Papier gedrückt.
Unter meiner Jacke stellen sich die Härchen zu einer dicken, schaudernden Gänsehaut auf.
Dort vorne, kurz vor der Tür, die zu einer Veranda zu führen scheint, liegt ein großer, langer Klumpen.
„Oh Gott“, entfährt es mir. Frodo folgt meinem Blick und leuchtet schließlich hinterher.
Ich fasse an seinen Unterarm.
„Fuck“, wispert er.
„....Fuck!“
Es war keine Farbe. Es sind auch keine Rorschachtests.
Wir stehen inmitten von blutbeflecktem Papier und vor uns liegt ein verdammter Mensch.
Ich lasse Frodo los und stürze vorwärts, versuche, die beschmierten Papiere zu umgehen, was lächerlich aussehen muss. Es ist ein Mann in T-Shirt und Jogginghose. Er hat gelockte, dunkle Haare und liegt mit dem Gesicht zur Seite. Seine Augen sind geschlossen.
Er ist ganz still.
Mein Herz rast so sehr, als wolle es das Blut auch durch seinen Körper pumpen.
Mit zwei Fingern taste ich an den Hals des Fremden, justiere, warte, taste noch einmal.
„Und?“, fragt Frodo angstvoll.
„Lebt er noch?“
„Weiß ich nich'“, presse ich heraus,
„Mein Puls rast so, ich weiß nich', ob das seiner oder meiner is...!“
Dann kracht und klirrt es über unseren Köpfen.
Irgendetwas ist umgefallen oder irgendwo runtergeschmissen worden.
Der Atem stockt uns beiden – ich kann es hören. Frodo hat seinen Kopf eingezogen und guckt mit geweiteten Augen nach oben.
„Fuck“, wispert er.
„Wer auch immer das war, der is' noch hier.“
Er schaltet schnell die Taschenlampe aus.
„Das is' doch nich' wahr!“, raune ich.
„So viele fucking Häuser hier und ausgerechnet in das hier is' schon jemand eingebrochen?!“
„Wir müssen abhauen, Flo!“
Frodo greift nach meiner Hand.
Als ob er mich hier rausschleifen müsste, von wegen! Ich habe so gar keine Probleme, meine Beine selber in die Hand zu nehmen. Keine Sekunde länger bleibe ich mit einer Leiche in einem Raum.
Dann sind da plötzlich Schritte oben auf der Treppe.
To be continued (höchstwahrscheinlich)...