Was ich schon immer mal sagen wollte
Feb. 17th, 2008 10:02 pmFandom: Original
Challenge: 1
Thema: Wir befinden uns auf einer Beerdigung.
Wörter: 688
Das Wetter hat entschieden, dass heute ein wirklich schöner Tag sein soll. Es ist Ende Juni und die Sonne knallt auf unsere Köpfe, fünfunddreißig Grad im Schatten. Freibadwetter. Die Blumen strahlen nur so um die Wette und das Laub der Kastanien ist grün, noch nicht vollends von Miniermotten zerfressen. Nur das Gras ist gelb vor Neid auf die Menschen, die einfach so in den nächsten See hüpfen, während der arme Boden schon seit Wochen kein Wasser mehr gesehen hat. Die Natur befindet sich in einem fragilen Gleichgewicht zwischen überbordender Lebendigkeit und vernichtender Trockenheit, das nur durch den heldenhaften Einsatz der Kleingärtner mit ihren unermüdlichen Gartenschläuchen und Rasensprengern aufrechterhalten wird.
Der verführerische Duft einer nachmittäglichen Grillparty zieht von der Kleingartenkolonie zu uns Trauergästen hinüber. Meine Mutter legt einen Strauß dahingeschiedener Regenbogenbuntblumen nieder. Die Trauergesellschaft heult sich die Seele aus dem Leib und die armen Farben des Regenbogens werden mit brauner Erde zugeschüttet, bis auch ich beinahe anfange zu weinen, um das kurze Leben der Blumen, das mir sehr zu Herzen geht.
Meine Mutter fragt, ob ich denn gar nicht traurig sei. Ich verstehe die seltsame Frage nicht. Den Onkel Erwin hab ich vielleicht fünfmal gesehen. Das letzte Mal vor drei Jahren. Ich kenne ihn nicht. Aber das ist doch eine tragische Geschichte, sagt Mutter, da muss man doch traurig sein. Das Wort Selbstmord liegt wie selbstverständlich in ihrer Stimmlage und in den seltsamen Gesichtsausdrücken der Menschen verborgen. Schon komisch, wenn sich einer umbringt, der so viele gute Freunde hatte, wie diese Trauerfeier vermuten lässt. Gute Freunde wie mich zum Beispiel.
Ich lasse mich nicht beirren und sage Mutter, dass ich ganz glücklich bin, jetzt und hier. Das Wetter ist perfekt, so sollte Sommer eigentlich sein, so extrem und heiß und unendlich und nicht so abgemildert nass und wischiwaschi. Die Blumen sind so schön, auch die auf den anderen Gräbern. Haben bestimmt ein Vermögen gekostet. Ob ich jemals so viele Blumen geschenkt bekommen werde, während ich lebe? Ich bin froh darüber Oma Hilde mal wieder zu sehen. Wir besuchen sie ja sonst nur zu Ostern und ich denke, Mama mag sie auch nicht sonderlich, aber ich mag Oma Helge, denn sie ist eine sehr witzige Frau. Gleich wird es Leichenschmaus geben und so ein Buffet im Restaurant ist meistens sehr lecker, so was leistet man sich doch nicht alle Tage. Ich habe alle Gründe dieser Welt jetzt, hier und heute glücklich zu sein.
Gerade, vorhin, während der Trauerfeier hat der Pfarrer noch erzählt, dass Onkel Erwin jetzt im Himmel ist. Und über den Gesichtern der Menschen stand wieder Selbstmord geschrieben, dass man es aus zehn Metern Entfernung lesen konnte. Alle, aber auch wirklich alle haben gesagt: Da, wo er jetzt ist, geht’s im besser. Der hat seine Ruhe gefunden, der schläft. Der hat noch ein schönes Leben nach dem Tod vor sich.
Das einzige, was der noch vor sich hat, ist Verwesung. Aber mir glaubt da keiner. Auch wenn sie sonst nicht religiös sind, die denken alle, sie werden irgendwie wiedergeboren oder schaun als Engel oder Sterne auf uns herab, wenn sie mal tot sind, oder sonst irgendeinen Schmarrn. Ich seh den ganz elementaren Sinn am Glauben an das Leben nach dem Tod nicht.
Mutter sagt, dass ihr der arme Erwin Leid tut, weil der sein Leben so einfach hingeworfen hat. Eine traurige mitreißende Geschichte.
Traurig bin ich nicht, immer noch nicht, ich bin ja glücklich. Aber ich bin wütend. Wütend auf diesen verdammten Erwin, den ich gar nicht kenne. Ich könnte ihn anschreien. Ins Grab hinunter brüllen. Was war so schlecht an diesem Scheißperfekten Sommer? Warum bist du Feigling einfach so abgehauen? Ist doch alles schön hier, oder nicht? Jedenfalls schöner als im ewigen Nichts, das kannst du mir glauben. Und da fällt mir auf, dass ich all das gar nicht wirklich in das Grab hineinbrüllen will. Eigentlich will ich es in die Welt hinausschreien, laut und voller Inbrunst. So laut, dass man richtig merkt, wie froh ich bin, dass ich noch wütend sein kann und schreien kann und um die toten Blumen trauern kann, wenn ich das denn will:
Wissen Sie was? Es gibt ein Leben vor dem Tod!
Challenge: 1
Thema: Wir befinden uns auf einer Beerdigung.
Wörter: 688
Das Wetter hat entschieden, dass heute ein wirklich schöner Tag sein soll. Es ist Ende Juni und die Sonne knallt auf unsere Köpfe, fünfunddreißig Grad im Schatten. Freibadwetter. Die Blumen strahlen nur so um die Wette und das Laub der Kastanien ist grün, noch nicht vollends von Miniermotten zerfressen. Nur das Gras ist gelb vor Neid auf die Menschen, die einfach so in den nächsten See hüpfen, während der arme Boden schon seit Wochen kein Wasser mehr gesehen hat. Die Natur befindet sich in einem fragilen Gleichgewicht zwischen überbordender Lebendigkeit und vernichtender Trockenheit, das nur durch den heldenhaften Einsatz der Kleingärtner mit ihren unermüdlichen Gartenschläuchen und Rasensprengern aufrechterhalten wird.
Der verführerische Duft einer nachmittäglichen Grillparty zieht von der Kleingartenkolonie zu uns Trauergästen hinüber. Meine Mutter legt einen Strauß dahingeschiedener Regenbogenbuntblumen nieder. Die Trauergesellschaft heult sich die Seele aus dem Leib und die armen Farben des Regenbogens werden mit brauner Erde zugeschüttet, bis auch ich beinahe anfange zu weinen, um das kurze Leben der Blumen, das mir sehr zu Herzen geht.
Meine Mutter fragt, ob ich denn gar nicht traurig sei. Ich verstehe die seltsame Frage nicht. Den Onkel Erwin hab ich vielleicht fünfmal gesehen. Das letzte Mal vor drei Jahren. Ich kenne ihn nicht. Aber das ist doch eine tragische Geschichte, sagt Mutter, da muss man doch traurig sein. Das Wort Selbstmord liegt wie selbstverständlich in ihrer Stimmlage und in den seltsamen Gesichtsausdrücken der Menschen verborgen. Schon komisch, wenn sich einer umbringt, der so viele gute Freunde hatte, wie diese Trauerfeier vermuten lässt. Gute Freunde wie mich zum Beispiel.
Ich lasse mich nicht beirren und sage Mutter, dass ich ganz glücklich bin, jetzt und hier. Das Wetter ist perfekt, so sollte Sommer eigentlich sein, so extrem und heiß und unendlich und nicht so abgemildert nass und wischiwaschi. Die Blumen sind so schön, auch die auf den anderen Gräbern. Haben bestimmt ein Vermögen gekostet. Ob ich jemals so viele Blumen geschenkt bekommen werde, während ich lebe? Ich bin froh darüber Oma Hilde mal wieder zu sehen. Wir besuchen sie ja sonst nur zu Ostern und ich denke, Mama mag sie auch nicht sonderlich, aber ich mag Oma Helge, denn sie ist eine sehr witzige Frau. Gleich wird es Leichenschmaus geben und so ein Buffet im Restaurant ist meistens sehr lecker, so was leistet man sich doch nicht alle Tage. Ich habe alle Gründe dieser Welt jetzt, hier und heute glücklich zu sein.
Gerade, vorhin, während der Trauerfeier hat der Pfarrer noch erzählt, dass Onkel Erwin jetzt im Himmel ist. Und über den Gesichtern der Menschen stand wieder Selbstmord geschrieben, dass man es aus zehn Metern Entfernung lesen konnte. Alle, aber auch wirklich alle haben gesagt: Da, wo er jetzt ist, geht’s im besser. Der hat seine Ruhe gefunden, der schläft. Der hat noch ein schönes Leben nach dem Tod vor sich.
Das einzige, was der noch vor sich hat, ist Verwesung. Aber mir glaubt da keiner. Auch wenn sie sonst nicht religiös sind, die denken alle, sie werden irgendwie wiedergeboren oder schaun als Engel oder Sterne auf uns herab, wenn sie mal tot sind, oder sonst irgendeinen Schmarrn. Ich seh den ganz elementaren Sinn am Glauben an das Leben nach dem Tod nicht.
Mutter sagt, dass ihr der arme Erwin Leid tut, weil der sein Leben so einfach hingeworfen hat. Eine traurige mitreißende Geschichte.
Traurig bin ich nicht, immer noch nicht, ich bin ja glücklich. Aber ich bin wütend. Wütend auf diesen verdammten Erwin, den ich gar nicht kenne. Ich könnte ihn anschreien. Ins Grab hinunter brüllen. Was war so schlecht an diesem Scheißperfekten Sommer? Warum bist du Feigling einfach so abgehauen? Ist doch alles schön hier, oder nicht? Jedenfalls schöner als im ewigen Nichts, das kannst du mir glauben. Und da fällt mir auf, dass ich all das gar nicht wirklich in das Grab hineinbrüllen will. Eigentlich will ich es in die Welt hinausschreien, laut und voller Inbrunst. So laut, dass man richtig merkt, wie froh ich bin, dass ich noch wütend sein kann und schreien kann und um die toten Blumen trauern kann, wenn ich das denn will:
Wissen Sie was? Es gibt ein Leben vor dem Tod!
no subject
Date: 2008-02-17 09:30 pm (UTC)Es ist makaber, aber ich musste bei dem Sazt so lachen ^_~
Eine sehr schöne Geschichte, sehr lebensfroh. Und unangepasst!
Außerdem mag ich deinen Stil total!
no subject
Date: 2008-02-17 09:37 pm (UTC)Danke für den Kommentar ^______^ Es ist schlimm mit mir. Ich sage immer, dass ich "ernsthafte" Kritik will, aber in Wahrheit will ich Quietschekommis, wie alle andern auch... ;)
no subject
Date: 2008-02-17 10:42 pm (UTC)Gefällt mir eine Geschichte selber richtig gut, kann ich auch ein wenig Kritik vertragen und das ganze positiv aufnehmen. Bin ich eh nicht so zufrieden, fänd ich hier und da einen netten Quietschkommentar ganz gut XD
Mir ist übrigens auch beim nochmaligen Durchlesen keine "ernsthafte" Kritik aufgefallen. Die Geschichte ist einfach schön und die Botschaft hör ich gerade gern ^_^