[identity profile] tristraine.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Fandom: Original
Challenge: # 1 Was ich schon immer mal sagen wollte…
Words: 1093
Ausrede für die Verspätung: Ich musste tatsächlich jemanden im Krankenhaus besuchen, aber es hat weder geregnet, noch bin ich Bus gefahren.
Anmerkung: Strange,
                     Aus irgendeinem Grund ist der ganze Text fett und das lässt sich nicht ausschalten    ;_;, wörtliche Rede kursiv

Die Luft im Bus ist stickig und warm, während der Wind den Regen kraftvoll gegen die Scheiben schlägt. Meistens fahre ich gerne Bus. Ich beobachte die anderen Menschen. Ich stelle mir vor, wie ihr Leben wohl aussieht. Wenn ich mit meinem Leben wirklich unzufrieden bin, möchte ich zu ihnen gehen und sagen „Lass uns tauschen Nicht für immer, nur 1-2 Tage. Wenn ich dein Leben in den Griff bekommen kann, dann bestimmt auch meins.“

Kalte Luft zieht in den Bus, als sich die großen Türen gegenüber meinem Sitz öffnen. Viele Menschen strömen hastig hinaus, bevor sich immer mehr hineindrängeln. Der Bus ist um diese Uhrzeit immer überfüllt.

Neben mich setzt sich eine junge Frau. Ich versuche sie unauffällig anzuschauen. Sie hat rote, kringelige, vom Regen durchnässte Haare und kleine Sommersprossen. Ich wusste gar nicht, dass man die auch auf den Händen haben kann. Schwarze Stiefel, ein leuchtend roter Rock und ein buntgestreifter Pulli. Die Sachen wirken strange. Aber gut. Der karierte Schal um ihren Hals sieht genauso aus wie meiner. Allerdings hat sie in bunten Farben kleine lachende Totenköpfe hinzugefügt.

Hi, ich bin Mia!“ Sie streckt mir ihre Hand entgegen. Ich bin ein wenig irritiert und fühle mich gleichzeitig beim anschauen ertappt. „Nele“ Ich drücke ihre Hand kurz und will gleich wieder loslassen, aber sie hält mich noch einen momentlang fest.

„Wo hin fährst Du?“ Was geht´s Dich an möchte ich antworten. Ich mein, dass ist ein verdammter Bus in einer verdammten Kleinstadt, wohin könnt ich hier schon wollen.  Ich weiß gar nicht, wann ich angefangen habe mich über so kleine Dinge so zu ärgern. Oder wann ich so misstrauisch geworden bin. Vielleicht will sie einfach nur reden, anstatt wie die meisten anderen hier missmutig vor sich hinzustarren. Sie lächelt immer noch. Wenn ich nicht langsam was sage, denkt sie wahrscheinlich ich bin blöd.

„Zur Steinstraße.“

„Ach“ Sie schaut einen momentlang nachdenklich auf ihren Rock. „Wohnst Du da oder so…oder willst Du zum Krankenhaus.“ Typisch Kleinstadt. Steinstraße bedeutet Krankenhaus, Bäckerstraße Realschule, Goetheallee Uni.

„Krankenhaus. Mein Opa liegt da.“ Warum auch immer ich das gerade jetzt Dir erzähle. Wahrscheinlich weil ich sonst mit keinem darüber spreche.

„Besuchst Du ihn häufig“ Ihre Augen leuchten interessiert.

„3-4mal die Woche“

„Warum?“ Was für eine dumme Frage. Warum besuche ich wohl meinen Großvater im Krankenhaus? Weil es mein Großvater ist? Weil er krank ist? Weil wir eine Familie sind?

„Weil er sich darüber freut!“ und sich nicht mehr lange freuen kann.

„Was hat er jemals für Dich getan“ Sie fragt das, als wäre es die alltäglichste Frage der Welt. Die Art von Frage, die man gerne mit wildfremden Menschen im Bus erörtert. Ich glaube, der Typ vor uns hat aufgehört Zeitung zu lesen und hört uns zu. Die Frau mit den schwarzen Haaren starrt uns schon die ganze Zeit an. Das ist nicht der passende Ort für so eine Diskussion. Ich merke wie ich rot werde. Aber ich mag dieses fremde Mädchen, das mir eigentlich egal sein kann. Ich will sie nicht anlügen.

„Nichts“

„Ach so“ Sie klingt ein wenig enttäuscht.

„Aber er gehört zur Familie. Er freut sich wirklich, wenn er mich sieht!“ Ich nicke zur Bestätigung und sie streicht kurz über meine Schulter.

„Wie war es bevor er krank geworden ist?“ Ich frage mich, wie sie ständig auf diese ganzen Fragen kommt. Kann sie nicht wie jeder normale Mensch Talkshows schauen. Ist das ihr Hobby? Fährt sie den ganzen Tag Bus und lässt Menschen ihr Leben erzählen? Und warum ist es so schwierig ihr einfach zu sagen, dass es sie nichts angeht oder sie anzulügen?

„Wir haben uns nicht so häufig gesehen. Wir waren uns eher ziemlich fremd. Ich fand ihn nicht so sympathisch.“

„Verstehe“ Ihre Stimme ist leise und nachdenklich. „Und weil er jetzt krank ist, magst Du ihn?“

„Hmm“ Ich kaue auf meiner Unterlippe, als würde ich dadurch der Lösung näher kommen.

„Was hättest Du ihm vor seiner Krankheit gesagt, wenn er gefragt hätte, was Du über ihn denkst?“

„Tja..also wahrscheinlich…Du warst nie für uns da. Du warst kein guter Vater. Du warst kein guter Ehemann. Was Du Margarethe angetan hast ist unverzeihlich. Wie Du Brigitte behandelt hast ebenfalls. Ich hab Dich nie wirklich kennen gelernt. Und das was ich kenne, mag ich nicht. Ich hab Dich bis zu meinem 13ten Lebensjahr vielleicht 6mal gesehen. Du interessierst Dich nur für Dich selbst. Und dafür was andere über Dich denken. Leute, die Du kaum kennst. Menschen vom Sport, von der Arbeit, Nachbarn, aber Du interessierst Dich nen Scheißdreck für deine Familie. Vielleicht können wir ein Abkommen treffen und so tun als würden wir uns nicht kennen. Du bist nicht mein Opa, ich bin nicht dein Enkelkind. Alles an Schmerz und Schuld ist vergessen“ Ich stockte. Irgendwie war es gut, dass mal zu erzählen. Aber einer wildfremden Frau im Bus? Sie spielte an ihrem Schal, schien mit der Antwort aber zu frieden zu sein.

„Und was würdest Du ihm jetzt sagen?“ Sie lächelte mich direkt an.

„Also…ähm…wir sind eine Familie. Momentan hast Du Schmerzen. Es ist gut, wenn jemand bei Dir ist. Ich liebe Dich auf irgendeine verkorkste Weise bestimmt auch irgendwie. Jetzt bist Du schwach. Auch wenn Du Dich nicht um uns gekümmert hast, als wir es waren, kümmer ich mich jetzt um Dich. Es macht mich gleichzeitig fröhlich und traurig, dass Du dein schönstes Lächeln aufsetzt und mit voller Liebe sagst „Nele, Du bist gekommen“ Weil ich Dich erst daran erinnern muss, dass ich doch gestern oder den Tag davor auch schon da war und Du jedes Mal, wenn ich Dir das erzähle ein wenig glücklicher wirkst. Ich liebe Dich, weil ich Dich glücklich machen kann und weil niemand allein sterben sollte.“

„Acha!“ Sie klingt als hätte ich ihr gerade die beste Mathenachhilfe ihres Lebens gegeben.

„Das ist also Liebe! Schade Nele, aber ich muss gleich raus.“ Die Fremde umarmt mich herzlich, flüstert mir ein „gut gemacht“ ins Ohr und küsste mich sanft auf die Wange. Eigentlich mag ich es nicht, wenn mich Fremde berühren, aber bei ihr ist es anders. Sie steht auf und wartet darauf, dass die Türen sich öffnen. Ich habe das Gefühl ihr unbedingt etwas schenken zu wollen. „Warte…“ Mir fällt auf, dass ich bereits jetzt ihren Namen vergessen habe.

„Da“ Etwas ungeschickt will ich ihr meinen Schirm in die Hand drücken. Es schüttet immer noch. Aber sie hält nur abwehrend beide Hände in die Luft, bevor sie aus dem Bus hüft. Mit ihrem letzten Blick zurück versichert sie: „Meine Wolken sind aus Zuckerwatten.“

Dann läuft sie lachend über den kleinen Weg davon und verschwindet zwischen riesigen Betonbauten.

 

Date: 2008-02-17 07:19 pm (UTC)
From: [identity profile] wieldy22.livejournal.com
Das ist schön *_* Schön strange. Und schön nachdenklich :)

Date: 2008-02-17 07:32 pm (UTC)
From: [identity profile] bridget-k.livejournal.com
Was mir besonders an der Story gefällt: Sie hat keine definitive Auflösung. Dem Leser bleibt selbst überlassen, sich auszudenken, wer diese fremde Frau wohl sein mag.

Und ich mag den Spruch: "Meine Wolken sind aus Zuckerwatte". Hast du den irgendwo mal gelesen, oder hast du ihn dir selbst ausgedacht?

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