[identity profile] thots-tochter.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Titel: Antworten
Team: Weiß (Titanic)
Challenge: Hurt/Comfort: JOKER (Inspiration: Schlaflos von [livejournal.com profile] cricri_72) – Fürs Team
Fandom: Tatort Münster
Rating: PG-13
Genre: Preslash, Angst, h/c
Warnungen: None
Zusammenfassung: Thiel findet ein paar Antworten...
Wörter: ~900
Anmerkungen: Für [livejournal.com profile] cricri_72, aus gegebenem Anlass. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und alles, alles Gute für das neue Lebensjahr.
Ich hoffe, dieser kleine Schipsel gefällt dir ein wenig. Ich hatte die Idee zuemlich sofort als ich "Schlaflos" gelesen hatte, aber Thiel und ich haben dieses Mal sehr miteinander gerungen.



Antworten

Es ist dunkel und still im Hausflur. Draußen rauscht der Regen und nur die einzelne Straßenlaterne wirft ein fahles Licht herein. Thiel steht vor Boernes Wohnungstür, nur in Boxershorts und T-Shirt, die Hand schon zum Klingeln erhoben. Der Steinboden ist eisig kalt unter seinen nackten Füßen. Er fröstelt leicht und kommt sich plötzlich unglaublich dumm vor. Es ist halb fünf in der Frühe. Keine Zeit, zu der man mal eben bei seinen Nachbarn klingelt – außer im Notfall vielleicht. Normale Menschen schlafen um diese Zeit. Aber Boerne ist alles andere als normal und schlafen tut er auch nicht. Wobei das eine und das andere in diesem Fall wenig miteinander zutun haben. Eigentlich gar nichts. Boerne ist auch dann nicht normal, wenn er die Nächte schläft. Tut er aber im Moment nicht. Deswegen steht Thiel jetzt hier. Weil er Boerne schreien gehört hat. Laut, schrill, panisch. Diese Nacht. Letzte Nacht. Davor die Nacht. Und davor auch. Jede Nacht in letzter Zeit. Er hat schon aufgehört zu zählen, die wievielte Nacht das jetzt war. Es kommt ihm unendlich lange schon vor, aber es können nicht mehr als zwei, vielleicht auch drei Wochen sein. Nach Gustavs Abreise hat es angefangen.

Das Schlimmste ist, dass er ganz genau weiß, was Boerne da schreit, was ihn so panisch aus dem Schlaf hochfahren lässt. Weil er Boerne einmal überrascht hat, letzte Woche im Büro. Da ist er an seinem Schreibtisch eingeschlafen. Die Arme auf dem Tisch übereinander gelegt, den Kopf darauf gebettet, die Brille vollkommen schief im Gesicht. Unruhig ist er gewesen, die Augen sind hinter den geschlossenen Lidern wild hin und her gehuscht und er hat ganz hektisch vor sich hingemurmelt. Ein Albtraum, das war unübersehbar. Er hat ihm die Hand auf die Schulter gelegt, ihn ganz leicht geschüttelt. Und Boerne ist aus seinem Stuhl gesprungen, hat wild mit dem Armen gerudert und geschrien.

„Thiel!“

Die Stimme so voller Panik und so einen Ausdruck abgrundtiefer Verzweiflung in den Augen, dass Thiel erst mal sprachlos gewesen ist. Boerne hat sich schnell wieder gefangen und als Thiel dann endlich die Sprache wiedergefunden hat, ist Boerne mitten gewesen drin in seinem Monolog über die Todesumstände seiner letzten Leichen und die Chance war vorbei. Aber da ist es ihm zum ersten Mal wirklich bewusst aufgefallen, wie schlecht Boerne eigentlich aussieht. Die dunklen Ringe unter den Augen, leichenblass und wie er zittert, wie fahrig seine Bewegungen sind. Erst vor ein paar Tagen hat er ein ganzes Tablett mit Instrumenten vom Tisch gefegt.

Ihm war ja vorher schon mal aufgefallen, dass Boerne seit Gustavs Abreise irgendwie gereizter ist als sonst – und viel empfindlicher. Seine Spitzen waren neuerdings richtig böse und er war viel schneller eingeschnappt als früher. Anfangs hatte er das ja darauf geschoben, dass Gustav sein Haus jetzt doch wohltätigen Zwecken vermacht hatte und Boerne trotz dieser albernen Charade leer ausgegangen ist. Er hat auch ein paar dumme Witzchen dazu gemacht, die Boerne gar nicht gut aufgenommen hat. Da hat er noch gedacht, es ging Boerne nur um das Geld und ist fast ein bisschen enttäuscht gewesen. Jetzt weiß er es besser. Deswegen steht er jetzt hier im kalten, dunklen Hausflur, friert sich den Arsch ab und starrt auf Boernes Tür.

Es ist auch nicht das erste Mal, dass er es erwogen hat, einfach zu Boerne zu gehen, ihm zu versichern, dass alles gut ist. Aber bisher hat er sich immer noch vor seiner Wohnungstür bremsen können. Es ist eben nicht so einfach. Er kennt Boerne seit fünfzehn Jahren und auch wenn sie es niemals zugeben würden, sind sie einander wahrscheinlich die nächsten Menschen. Aber sie haben nicht diese Art von Beziehung. Sie arbeiten zusammen, sie diskutieren, kabbeln, streiten, aber sie reden nicht über solche Sachen und sie heulen sich auch nicht an der Schulter des anderen aus. Schweigend nebeneinander sitzen, dass ist das höchste Maß an Intimität, das sie sich manchmal erlauben. Deswegen tut Boerne auch so als wäre alles in Ordnung und deswegen spielt Thiel dieses Spiel mit. Weil er sich sonst ein paar sehr ernsthafte Fragen stellen müsste, von denen er nicht weiß, ob er die Antwort überhaupt wissen will.

Aber vielleicht ist die Tatsache, dass er mitten in der Nacht halbnackt und mit eiskalten Füßen vor Boernes Tür steht und dabei ist, alle ungeschriebenen Regeln über Bord zu werfen auch schon die Antwort auf alle diese Fragen. Er muss es nur Boerne noch mitteilen.

Er drückt auf die Klingel und wartet. In der Wohnung bleibt es lange still und er glaubt schon, das Boerne doch wieder eingeschlafen ist, als er dann endlich das leise Geräusch schlurfender Schritte auf dem Parkett vernimmt. Dann endlich geht die Tür auf und Boerne steht vor ihm. Und er sieht so unboernehaft aus, dass es schmerzt. Barfuß, der blaue Seidenpyjama zerknautscht und schief geknöpft, die Haare völlig wirr. Er ist so blass, dass er sich problemlos zwischen den Leichen in seinem Kühlhaus verstecken könnte. Die grünen Augen wirken ohne die Brille riesig und glasig und da sind unzweifelhaft feuchte Spuren auf seinen Wangen.

„Thiel.“

In diesem einen Wort liegt mehr Gefühl, mehr Hoffnung und Verzweiflung als Thiel es jemals von Boerne gehört hat. Seine Brust zieht sich zusammen und er tut das Undenkbare. Er tritt einen Schritt auf Boerne zu, schling die Arme um ihn, zieht ihn an sich.

„Es ist gut, Boerne. Ich bin ja da und ich gehe auch nicht weg.“

Boerne sinkt gegen ihn, schlingt die Arme um seine Taille, vergräbt den Kopf in seiner Schulter. Thiel schließt die Augen, lehnt den Kopf gegen Boernes Schlüsselbein, hält ihn einfach fest. Es ist vielleicht nicht die Antwort auf alle Fragen, aber auf die wichtigsten.

Date: 2019-08-03 09:27 pm (UTC)
From: [identity profile] cricri-72.livejournal.com
Oh, das ist eine wunderbare Fortsetzung! ♥

Danke!!!

Es war dringend nötig, daß die zwei miteinander reden. Oder erst mal auch nicht reden, das ist auch gut für den Anfang ...

Date: 2022-12-27 11:34 pm (UTC)
From: [identity profile] blackbird-y.livejournal.com
Oh Gott 😭😢 Wie ich wünschte, wir hätten etwas mehr davon gesehen, wie die beiden mit dem Erlebnis umgegangen sind aber da war nichts..

Deshalb Danke für diese wunderbare, wenn auch sehr traurige, Geschichte ❤️

Nev

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