[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
3/5
Fandom: Original (die Autobahngeschichte)
Personen: Tabea, Daniel
Tabeas POV
Challenges: #5 Rückweg-Umweg-Heimweg feat. Hetero

Kommentar: sentimentaler Teenyscheiß un tausend Wörtern- es tut mir Leid. >.<


Das Meer war schön.
Ich hatte den Anblick der im Meeresspiegel verbrennenden Sonnenuntergänge schon beinahe wieder vergessen. Den salzigen Wind, die Luft, die die Kraft hat, alle inneren Verwundungen scheinbar ganz langsam wieder zu heilen oder wenigstens zu salben. Die Möwen, die sich in diesen starken Wind legten, sich ihm auslieferten und ihm zugleich vertrauten. Ich hatte beinahe die Muscheln vergessen, ihren kratzigen Kalk, der sich wie eine Extraschicht auf die Fingernägel legt; Seetang und an Land gespülte Quallen.

Das alles war so schön und beinahe tröstlich.

Ich stand in ein Handtuch eingehüllt an der Stelle der Absperrung zu den Dünen und lauschte dem Donnern der Wellen, sah die Sonne ins Meer bluten und Denise und Daniel zwischen den hohen, golden beschienen Wellen.
Sie hatten großen Spaß, kreischten sich gegenseitig an, tauchten einander unter, die nassen Haare an Wangen und Schläfen geklatscht.

Ich wusste nicht mehr wohin.
Hier hatte ich nicht gefunden was ich gesucht hatte. Das ganze, verfluchte Heim war ich nach Jona abgelaufen, hatte beinahe in jedes Zimmer reingeschaut, was nur möglich gewesen war, weil die Betreuer langsam und träge und die Kinder von der offensichtlich willkommenen Abwechslung so begeistert, dass sie mich durchgeschmuggelt hatten.
Ich hatte weinende und verzerrte Gesichter gesehen, doch auch lachende. Nur nicht das meines Bruders.

Da war sie mir klar geworden, all die Sinnlosigkeit meiner Aktion. Meine Odyssee durch das gesamte Land, dass ich bis hierher nur zu hassen gelernt hatte. Ich war einem Schatten nachgejagt, der sich nunmehr als Fata Morgana herausstellte.
Und nun... wie sollte ich nun zurück können ohne womöglich im Gefängnis zu landen?
Das Ganze hier hatte nichts Romantisches oder Witziges an sich, auch wenn Denise das wahrscheinlich anders sah. Sie war ja auch freiwillig mit mir mitgekommen.
Jedoch konnte ich mir von ihr keine Hilfe erhoffen. Sie war so flatterhaft, dass sie im Falle einer Gerichtsverhandlung womöglich gegen mich aussagen würde.
Und es stimmte ja auch.
Ich hatte ein Wohnmobil und Geld gestohlen, einen Menschen entführt und war in ein Kinderheim eingedrungen, in dem ich nichts zu suchen gehabt hatte. Wenn man mich jetzt nicht bekam, dann vielleicht morgen oder übermorgen oder vielleicht auch erst in zwei Wochen.
Ich hatte mich in eine Sackgasse manövriert und nun gab es keinen Ausweg mehr.

Daniel verließ das Wasser. In der Abendsonne glitzerten auf seinem Körper tausend Tropfen, nasser Sand hing in seinen Haaren, an seinen Beinen, auf seiner Brust. Als er nahe genug war, sah ich, dass er von der Kälte blaue Lippen hatte.

„Na, was stehst du da so rum?“
Er legte den Kopf schief und fischte sein Handtuch unter seinen Klamotten hervor.
„Erzähl mal. Wohin geht´s als nächstes?“
Ich hüllte mich mehr in das wärmende Handtuch. Der Abend war warm und ungewöhnlich gemütlich für Ostseeverhältnisse und doch spürte ich eine innere Kälte, die immer bleibt, wenn man sich nach dem Baden nicht gleich warm anzieht.
„Alpen? Harz? Nordsee?“
Er lachte und sein Spott trieb mir die Schamesröte ins Gesicht.
Wannimmer er die Gelegenheit dazu bekam, verhöhnte er mich.
Er hatte sich irgendwann mit seiner Situation abgefunden und begonnen, das Ganze hier als einen gemütlichen, kostenlosen Urlaub anzusehen. Natürlich war er sich bewusst, dass alles auf mich zurückfallen würde. Nachdem die Wunde an seiner Schläfe wieder einigermaßen abgeheilt war, hatte er angefangen, den Macho raushängen zu lassen.
Er hatte mich irgendwann in der Hand- und das wusste er.

„Ich sollte nach Hause fahren.“, sagte ich geistesabwesend und betrachtete Denise in der Ferne, die vergnügt durch die Wellen paddelte.
Daniel lachte mich an.
„Davon redest du doch schon die ganze Zeit.“
Er schniefte in sein Handtuch und wickelte sich hüftabwärts darin ein, zerrte sich die nasse Badehose von den Beinen und hing sie über den Draht, der den Strand von den Dünen absperrte.
„Bin ja mal gespannt, wann du´s auch wirklich machst. Oder ob du es noch länger immer schlimmer machen wirst.“

Er stand neben mir und hackte mit Worten auf mich ein. Was blieb mir schon groß zu sagen?
Ich hasste Daniel und er wusste es und sorgte hin und wieder dafür, dass ich ihn noch mehr hasste.

„Letztendlich ist doch der Weg das Ziel, nichwahr?“
Er strich seine Haare nach hinten und sah so und ohne seine komische Brille ganz anders aus.
„Ob nun Heimweg oder Umweg oder Rückweg. Ist doch alles dasselbe. Man kommt über Umwege nach Hause oder direkt durch den Rückweg. Man kann aber auch auf dem Rückweg auf Umwege gelangen...“

Er hatte angefangen, mehr mit sich selbst zu sprechen als mit mir und sich irgendwo in seinen eigenen Gedanken verfangen und verstrickt.
Vielleicht lag es am Meer und am Sonnenuntergang, dass er so komisch war und ich ihn plötzlich viel zu ernst nahm. Denn ich fing an zu weinen.

Das war das erste Mal, dass ich überhaupt vor einem Fremden heulte.
Mein ganzes Leben hatte ich mich strickt beherrscht. Wer vor anderen flennte, wurde am Ende ausgelacht.
Ich machte mir vor, dass Daniels Augen so schlecht sein würden, dass er meine Tränen nicht sehen könnte. Was reichlich blöde war.

Er schaute mich irritiert an, mich, die ihn die ganze Zeit nur angefeindet und zurückgestoßen hatte.
Ich konnte ihm das gar nicht verdenken.

Aber er hatte doch Recht. Ich war auf irgendeinem Umweg, einem Umweg um vor etwas zu flüchten, dem ich auf lange Zeit gar nicht ausweichen konnte.

Ich würde Jona nie finden. Und ich hatte mich zwischen all dem Trubel selbst verloren.

Die Sonne war ganz versunken und ließ die Schatten zurück.
Daniel war näher gekommen und betrachtete mich stumm, fasste nach einer Spitze meines Handtuchs und wischte die Tränen von meinen Wangen. Es roch nach Salz und See und Sandkörnchen kratzten behaglich über meine Haut.
„Sieh mal einer an.“, murmelte er gegen den zerrenden Wind.

„Du bist ja doch menschlich.“

Dann lagen seine blauen, kalten Lippen auf meinen.

Möwen zerkreischten meine Ohren, das Handtuch rutschte über meine Schultern.
Das Meer war in mir und toste verwirrt.

Hatte er die ganze Zeit darauf gewartet, dass ich schwach und er zu mir freundlich werden könnte?

Ich verstand es nicht, schloss die Augen aber dennoch.

Date: 2008-02-02 04:33 pm (UTC)
ext_7867: (Lugh & Taranis)
From: [identity profile] lenija.livejournal.com
Gefällt mir. Ich kann mir Szenerie und Charaktere gut vorstellen.
Ist außerdem zu reflektiert, um als Teenyscheiß durchzugehen, und eher nachdenklich als sentimental, tut mir leid, Dich enttäuschen zu müssen. ;)

Date: 2008-02-03 05:38 pm (UTC)
ext_7867: (Default)
From: [identity profile] lenija.livejournal.com
Dann ist ja gut. *g*

Hatte ich schon erwähnt, daß ich den letzten Satz ganz toll finde?

Date: 2008-02-03 04:34 pm (UTC)
From: [identity profile] sensflag.livejournal.com
Ich schließe mich an xD
Das ist kein Teenyscheiß ;D

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