[identity profile] thots-tochter.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Titel: Freundschaftsdienst
Team: Weiß (Titanic)
Challenge: Romantik/Intimität: "Wenn es sonst nichts ist..." – Für mich
Fandom: Sk Kölsch
Rating: PG-13
Genre: Preslash, Romance
Warnungen: Möglicherweise leicht OOC
Zusammenfassung: Klaus lernt eine ganz neue Seite an Jupp kennen...
Wörter: 3400
Anmerkungen: Diese Idee spukt mir schon seit Ewigkeiten im Kopf herum. Sie oszilliert fröhlich zwischen zwei komplett unterschiedlichen Szenarien und die Grundidee war eigentlich nur ein "Fake Realationship"-Spielchen mit dem Jupp weit weniger Probleme hat, als Klaus glaubt. Naja, ich habe gedacht, ich kann mal wieder die Sommerchallenge nutzen um auszuprobieren, welches Szenario besser funktioniert. Von daher, da kommt wahrscheinlich noch was...


Freundschaftsdienst

‚Verque(e)re Perspektiven – Bildende Kunst und Homosexualität durch die Jahrhunderte.‘

Klaus studierte den Flyer, den Andreas ihm gegeben hatte, eine ganze Weile. Er drehte es zwischen den Fingern hin und her, hielt es näher unter die Lampe, zog es dann wieder weiter weg. Irgendwas stimmte nicht mit dem Schriftzug. Je länger Klaus ihn anschaute, um so mehr verschwamm er vor seinen Augen. Wie diese Kinderbildchen, die ein anderes Bild zeigten, je nachdem, wie man sie gegen das Licht hielt. Es könnte ein Druckfehler sein, aber vermutlich war es doch Absicht. Sollte vermutlich das Thema unterstreichen. Immerhin war es di erste große Schau zum Thema Homosexualität und Kunst in Deutschland. In der Kunsthalle in Düsseldorf. Die Vorabkritiken waren durchaus positiv und Klaus hatte eigentlich geplant, sich die Schau nächstes Wochenende anzusehen – bis zum heutigen Mittagessen. Bis er Andreas getroffen hatte. Mit seinem neuen Freund. Dem Mann, mit dem er Klaus betrogen hatte, für den er Klaus von heute auf morgen verlassen hatte.

Natürlich hatte Andreas sich sofort zu ihm gesetzt und zu erzählen begonnen. Von seinem neuen Leben, von seinem Buch, von David, von der Ausstellung. Als hätten sie noch Freunde, als hätten sie sich im Guten getrennt, als wäre Klaus damals nicht fast zusammengebrochen unter allem, was passiert war. Klaus hätte ihn am liebsten stehen gelassen, wäre einfach abgehauen. Aber dann war sein Essen gekommen, er hatte riesigen Hunger gehabt und auch keine Lust mehr vor Andreas wegzulaufen. Er war seinetwegen schon aus Wiesbaden abgehauen. Also hatte er die Zähne zusammengebissen und war geblieben. Deswegen wusste er jetzt, dass David der Herausgeber des Ausstellungskatalogs war. Und deswegen hatte er jetzt zwei Karten für die Eröffnungsgala heute Abend in der Tasche. Nur weil er knapp erwähnt hatte, dass er die Ausstellung auch ganz gerne sehen wollte. David hatte ihn spontan eingeladen.

‚Natürlich mit deinem Partner, … wenn du einen hast.‘

Dämlich wie er war hatte Klaus natürlich genickt. Hatte vor Andreas nicht zugeben wollen, dass er immer noch alleine war, dass keine Beziehung nach ihm funktioniert hatte, weil er nur darauf wartete, wieder betrogen zu werden. Und natürlich auch immer wieder betrogen worden war. Self fulfilling prophecy. Deswegen saß er jetzt hier, starrte den dummen Flyer an und wusste nicht, was er tun sollte. Oder wollte. In jeder anderen Situation hätte Klaus ohne zu zögern zugesagt. Er wollte die Schau unbedingt sehen und so eine Eröffnungsgala war ein interessantes Ereignis. Aber der bei dem Gedanken, den ganzen Abend Andreas und seinen Freund sehen zu müssen, deren offensichtliches Glück präsentiert zu bekommen, drehte sich ihm der Magen um. Das war wie ein Messer in eine schlecht verheilte Wunde. Vor allem konnte er nach seiner dämlichen Lüge auch nicht allein gehen. Seufzend schloss Klaus die Augen und massierte seine Nasenwurzel. Womit hatte er so viel schlechtes Karma verdient?

„Was’n das?“

Der Flyer wurde ihm aus der Hand gerissen. Jupp! Klaus widerstand dem Impuls, die Augen zu öffnen. Er legte den Kopf in den Nacken und wappnete sich innerlich für die ebenso dämlichen wie verletzenden Bemerkungen zu Kunst im Allgemeinen, Homosexualität im Besonderen und der Kombination von beidem in ganz speziellen Einzelfall, die Jupp jetzt ohne Zweifel loslassen würde. Er wusste, dass Jupp es nur als Scherz meinte, dass es nur ein Ausdruck seiner Unsicherheit war, aber das machte es nicht besser. Wissen und fühlen waren zwei unterschiedliche Dinge. Doch es blieb still.

Jupp bewegte sich neben ihm. Das Linoleum quietschte unter seinen Schuhen, dann knarrte der Schreibtisch protestierend laut und ein Stapel Papiere wurde gegen Klaus’ Unterarm gepresst. Vermutlich hatte Jupp sich auf die Schreibtischkante gehockt, wie es eben seine Art war. Papier raschelte, dann nichts mehr. Klaus schielte unter halbgeöffneten Lidern hervor. Jupp hatte den Kopf ein wenig schief gelegt und starrte auf den Flyer, drehte ihn hin und her, studierte ihn konzentriert. Sein Gesichtsausdruck war schwer zu deuten, aber ablehnend wirkte er nicht.

„Kunst!“ Mehr Feststellung als Frage.

„Mhmm.“ Klaus bemühte sich, nicht genervt zu klingen, seine Irritation über Andreas und David nicht an Jupp auszulassen.

„Wollst’ da hin?“

Jupps Tonfall ließ Klaus aufhorchen. Es klang ein wenig nach Interesse, dass der Sprecher unter einer Maske von Skepsis und Neutralität zu verbergen suchte. Aber das war Jupp. Jupp interessierte sich nicht für Kunst, mied das Thema Homosexualität normalerweise wie der Teufel das Weihwasser und die Kombination von Homosexualität und Kunst, was so ziemlich das letzte, was ihn interessierte.


„Hatte ich überlegt, ja.“

Klaus bemühte sich ebenfalls um einen neutralen Tonfall. Er wollte Jupp nicht belügen, er schämte sich seiner Interessen nicht, aber er wollte auch keine unnötige Konfrontation.

„Aber…?“

Klaus schaute auf. Das war unerwartet. Seit wann fielen Jupp solche Feinheiten auf?

„Was?“ Der defensive Unterton war jetzt unüberhörbar. Jupp schien ehrlich verletzt. „Ab und zu kriege ich auch mal was mit.“

„Entschuldige, so war das nicht gemeint“, beschwichtigte Klaus. „Ich hatte eigentlich geplant, nächsten Sonntag hinzugehen, aber…“

Klaus zögerte. Wollte er wirklich von seinem Treffen mit Andreas erzählen? Davon, wer Andreas für ihn war, was damals passiert war, wie ihre Beziehung in die Brüche gegangen war? Nicht wirklich, aber Jupp belügen ging auch nicht. Wollte er nicht. Aber wenn er von seinem Ex und dessen Betrug erzählte, vielleicht verstand Jupp sein zögern dann schon und fragte nicht weiter nach. Wie immer, wenn es um seine Beziehungen ging. Klaus gab sich einen Ruck.

„Ich hab’ heute Mittag meinen Ex getroffen. Sein neuer Freund hat an der Ausstellung mitgearbeitet. Sie haben mich zur Eröffnung heute Abend eingeladen.“

„Ja, und? Gehst du hin?“, fragte Jupp. „Ist doch eigentlich genau dein Ding.“

„Er und sein Freund werden auch da sein!“, präzisierte Klaus. Hoffentlich verstand Jupp das Problem jetzt, ohne dass er weiter ausholen musste, seine dumme Notlüge beichten musste.

„Ja und? Nimm halt jemanden mit.“

So wie Jupp es sagt, klang es wie das selbstverständlichste auf der Welt. Er sah kein Problem darin und theoretisch war da ja auch keins. Aber praktisch eben doch, praktisch waren das Andreas und David und eine dumme Notlüge.

„Sehr hilfreich, Jupp, wirklich“, bemerkte Klaus ironisch. „Wen denn bitte?“

„Woher soll ich denn das wissen? Hast du keinen Kerl?“

„Nein, habe ich nicht!“

Die Antwort kam heftiger als beabsichtigt. Er war einfach zu dünnhäutig im Moment. Das Treffen mit Andreas und David war ihm doch näher gegangen als er zugeben wollte.

„Hey, ist ja schon gut!“ Jupp hob beschwichtigend die Hände. „Ich wollte dir nicht zu nahetreten. Du erzählst ja nie was.“

Klaus rieb sich die Augen und schüttelte dann leicht mit dem Kopf. Jetzt hatte er Jupp schon so weit, dass er sich ohne großes Aufheben bei ihm entschuldigte. Für etwas das nicht mal Jupps Schuld war. Er sollte Feierabend machen – oder Verhöre führen.

„Entschuldige!“, erwiderte er bemüht ruhig. „Vergessen wir das ganze einfach. Ein anderes Mal vielleicht. Wenn die Voraussetzungen besser sind.“

Er nahm Jupp den Flyer aus der Hand und versenkte ihn im Papierkorb. Dann schnappte er sich die nächstbeste Akte und begann darin zu lesen. Zumindest tat er so, in der Hoffnung, dass Jupp den subtilen Hinweis verstehen und ihr Gespräch als beendet betrachten würde. Tat Jupp natürlich nicht. Stattdessen drehte er sich nur ein wenig weiter zu Klaus hin, legt den Kopf schief und musterte Klaus eingehend. Klaus starrte stur in die Akte, aber innerlich machte er sich schon auf eine lange Fragerunde zum Andreas, David und ihrer Beziehung gefasst.

„Ich … ähem, ich könnte dich begleiten.“

Jupps Stimme war ungewöhnlich leise, fast zögerlich. Klaus ließ die Akte zurück auf den Schreibtisch fallen und starrte Jupp an. Er hatte sich verhört. Ganz sicher hatte er sich verhört. Jupp hatte ihm nicht gerade ernsthaft angeboten, ihn zu einem Galaempfang zu begleiten. Zur Eröffnung einer Kunstausstellung, deren zentrales Thema Homosexualität war. In Düsseldorf. Er hätte auch behaupten können, dass er seit heute Fortuna-Düsseldorf-Fan war. Es hätte kaum unglaubwürdiger sein können.

„Ähem… was?“ Gott, wie eloquent.

„Ich …“ Jupp zögerte. „Ach, vergiss es! Tut mir leid. War eine blöde Idee zu denken, dass du ausgerechnet mit mir…“

Jupp schüttelte den Kopf, drehte sich weg und erhob sich von der Schreibtischkante. Er wirkte fast ein bisschen enttäuscht. Aber das konnte nicht sein. Oder doch? Klaus griff nach Jupps Arm, erwischte ihn gerade eben noch am Handgelenk, zog ihn zurück.

„Jupp, so war das doch nicht gemeint“, versuchte er seine Reaktion zu rechtfertigen. „Ich war nur überrascht. Du bist bisher nicht unbedingt als großer Kunstliebhaben in Erscheinung getreten. Eher das Gegenteil.“

„Du bist ja auch kein Fußballfan“, erwiderte Jupp. „Trotzdem gehst du regelmäßig mit mir ins Stadion. Und zu Flos Spielen kommst du auch immer.“

Klaus musterte Jupp überrascht. Bisher hatte er immer angenommen, dass Jupp sich keine großen Gedanken darüber machte, dass es ihm nicht einmal mehr bewusst war, wie wenig Klaus sich eigentlich aus Fußball machte. Offensichtlich war das ein Irrtum. Jupp senkte den Blick, zupfte mit der Hand am Saum seines T-Shirts herum. Ein Hauch von Röte kroch auf seine Wangen, als er weitersprach.

„Du willst gerne zu diesem Empfang, aber du willst da nicht allein hin. Weil’s ein beschissenes Gefühl ist, seinen Ex mit nehmen neuen Kerl zu sehen. Und doppelte beschissen, wenn man dann auch noch alleine ist. Ich dachte halt, ich … es macht dir eine … eine … ach, vergiss es! War’ ne Scheißidee. Tut mir leid, okay?“

Wie gut, dass Jupp so damit beschäftigt war sein T-Shirt zu malträtieren. Sonst hätte er vermutlich mitbekommen, wie Klaus alle Gesichtszüge entgleisten. Jupp hatte nicht nur genau auf den Punkt erkannt, was Kaus’ Problem mit dem Empfang war – auch wenn Klaus es etwas eleganter ausgedrückt hätte – nein, er hatte auch eine Lösung angeboten. Eine Lösung, noch dazu, die so weit ab von allem lag, was Jupp normalerweise unter angenehmer Freizeitgestaltung verstand, dass es nur eine Erklärung dafür gab: Jupp war bereit, das für ihn zu tun.

Klaus schluckte trocken. Ein warmes, flatteriges Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er immer noch Jupps Hand hielt. Und Jupp machte keinerlei Anstalten, sie ihm zu entziehen. ‚Das ist mehr als Freundschaft, auch wenn ihr beide es nicht sehen wollt‘, klang Rolfs Stimme in Klaus’ Hinterkopf. Die Versuchung, einfach so sitzen zu bleiben, abzuwarten, was Jupp tun würde, war groß – und unfair. Auch Jupp hatte ab und an mal seine aufmerksamen fünf Minuten. Das änderte nichts und es auszunutzen war schlicht nicht okay. Er ließ Jupp Hand los und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Jupp nickt leicht und erhob sich zum zweiten Mal von der Schreibtischkante. Er war schon drei Schritte weg, als Klaus endlich seine Stimme wiedergefunden hatte.

„Nein, Jupp. Nein, das war keine Scheißidee.“ Seine Stimme zitterte. Hoffentlich registrierte Jupp das nicht. „Ich würde mich wirklich freuen, wenn du mich begleitest. Ich war nur überrascht, wie du plötzlich darauf kommst.“

„Du würdest freiwillig auch nicht ins Stadion gehen. Das tust du nur wegen mir. Da ist es doch nur fair, dass ich mich mal revanchiere, wenn dir etwas wichtig ist.“

Jupp zuckte mit den Schultern und drehte den Saum seines T-Shirts mit beiden Händen ein. So rot wie er jetzt wurde, hatte Klaus das Gefühl, als wäre das noch nicht die ganze Motivation gewesen, aber er bohrte nicht weiter nach. Jupp hatte manchmal so seine Schwierigkeiten, seine Gefühle in Worte zu fassen und er wollte ihn auch nicht in die Ecke drängen. Außerdem sollte er Jupp wohl noch auf ein zwei Dinge hinweisen. Wenn Jupp schon so ein Angebot machte, sollte er wenigstens alle Fakten haben und wissen, worauf er sich einließ.

„Danke, das …“ – Klaus stockte einen Moment, suchte nach den passenden Worten – „… bedeutet mir sehr viel. Allerdings sollte ich dich vorher vielleicht noch auf zwei Dinge hinweisen.“

„Hm, lass hören“, brummte Jupp.

„Erstens, die Schau ist in Düsseldorf…“

Klaus ließ den Satz unvollendet in der Luft hängen, weil er eigentlich schon erwartete, dass Jupp ihm empört über den Mund fahren würde, bevor er den zweiten Teil des Satzes überhaupt denken konnte. Doch Jupp überraschte ihn ein weiteres Mal. Er zögerte einen Moment, dann nickte er ganz langsam und bedächtig.

„Okay…“, murmelte er gedehnt. „Ich denk, für dich könnte ich das auf mich nehmen.“

Klaus fiel fast die Kinnlade auf den Tisch. Sein Partner, Kriminalhauptkommissar Jupp Schatz, Kölsches Urgestein und leidenschaftlicher Verächter allen, was auch nur entfernt nach Düsseldorf aussah, der normalerweise, die Existenz dieser Stadt nicht einmal auf der Landkarte anerkannte, geschweige denn freiwillig auch nur einen Fuß in ihre Grenzen setzte, wie er heute früh noch lautstark kundgetan hatte – deswegen war Klaus ja überhaupt nur allein gefahren und Andreas begegnet –, hatte sich soeben bereit erklärt, genau das zu tun. Für ihn. Das kam einer Liebeserklärung gleich. Das kribbelige Gefühl in seinem Bauch breitete sich aus, seine Hände wurden feucht und seine Kehle ganz trocken. Er räusperte sich mehrfach, um seine Stimme wiederzufinden. Kein Ton kam über seine Lippen. Er wusste nicht einmal mehr, was er eigentlich hatte sagen wollen.

„Und zweitens?“, fragte Jupp nach ein paar Sekunden Stille.

„Hm, … was?“

„Was ist zweiten?“ Jupp kam wieder näher, lehnte sich an den Aktenschrank neben Klaus’ Schreibtisch.

„Wie zweitens?“ Klaus hatte den Faden komplett verloren.

„Na, du hast doch gesagt ‚zwei Dinge‘. Ersten die Dusseldoofen. Was ist dann zweitens?

Jupp verschränkte die Arme vor der Brust. Sein Ton klang, als rede er mit einem störrischen Kleinkind. Klaus konnte es ihm nicht verübeln. Von seinen geistigen Kapazitäten fühlte Klaus sich wie ein Vierjähriger. Und der hätte wahrscheinlich immer noch schneller verstanden, was Jupp von ihm wollte und auch die entsprechenden Antworten gehabt.

„Ach so, ja, zweitens …“ Er zögerte kurz. „Man wird dich ziemlich wahrscheinlich für meinen Partner halten. Privat meine ich jetzt. Also, im Sinne von Liebhaber.“

Spätestens jetzt würde Jupp ihm mehr oder weniger diplomatisch – nach Jupps üblichen Temperament eher noch weit jenseits von diplomatisch – mitteilen, dass er es sich spontan anders überlegt hatte. Nicht dass Klaus wirklich etwas anderes erwartet hätte, aber wie hieß es so schön? ‚Der Gedanke zählt.‘ Zum wiederholten Male an diesem Tag erwies Jupp sich allerdings als vollkommen unberechenbar.

„Das ist doch Sinn und Zweck der Sache, oder nicht?“, fragte Jupp betont ruhig. „Sonst könntest du ja auch allein gehen.“

Klaus starrte Jupp einfach nur an. Wie gut, dass er schon saß, sonst hätte er sich jetzt mit Sicherheit auf dem Hosenboden wiedergefunden vor Überraschung. Hatte er während seines Ausflugs nach Düsseldorf irgendetwas gravierendes verpasst? War er auf dem Heimweg irgendwo falsch abgebogen und in einer Parallelwelt gelandet? War die Welt untergegangen und er hatte es einfach nicht bemerkt? Seit wann war Jupp bei diesem Thema so gelassen? Er wollte einen Scherz machen, die Situation ins Lächerliche ziehen, um Zeit zu gewinnen, wieder Herr seiner Gefühle zu werden. Aber da war so ein seltsamer Ausdruck auf Jupps Gesicht, ungewohnt offen und ernsthaft und er wusste einfach, dass das ein Tiefschlag wäre, den Jupp ihm niemals verzeihen würde. Er nickte langsam und klaubte mühevoll ein paar Worte zusammen.

„Nein… ja … schon, irgendwie. Ich … du …“ Herrgott, er klang wie ein verliebter Teenager. „Ich meine“ – er schluckte – „es macht dir nichts aus?“

Woher nahm Jupp diese Fähigkeit, ihn auch nach so langer Zeit noch komplett sprachlos zu machen? Eigentlich hatte er gedacht, seinen Partner inzwischen in und auswendig zu kennen, auch in seiner ganzen Unberechenbarkeit, die auf ihre Art auch wieder sehr berechenbar war. Jetzt gerade fühlte er sich wie damals, als sie sich gerade kennengelernt hatten, als er verzweifelt versucht hatte, aus diesem impulsiven, widersprüchlichen, ebenso schroffen wie herzlichen Menschen schlau zu werden.

„Naja, bleibt ja bei den Dusseldoofen, oder nicht?“

„Was in Düsseldorf passiert, bleibt in Düsseldorf.“

Klaus versuchte, seiner Stimme einen leichtherzigen Klang zu geben, aber so ganz konnte er den Stich in der Brust doch nicht verhehlen. In Köln hätte Jupp das niemals getan, das war absolut klar. Düsseldorf war eben doch ein Nicht-Ort, ein Raum, an dem die üblichen Regeln nicht galten, an dem alles erlaubt war, weil es diesen Raum nicht verließ. Was er sich insgeheim schon so lange von Jupp wünschte, würde er außerhalb niemals bekommen.

„Okay.“ Jupp klang nicht einmal halb so erleichtert, wie Klaus erwartet hatte. „Gibt dann nur noch ein Problem.“

„Und das wäre?“

„Was soll ich anziehen? Ich kann da wohl kaum so“ – er deutet an sich herunter – „auftauchen. Erstens lassen sie mich da nicht rein und zweitens glaubt dann auch keiner, dass ich dein Freund bin.“

„Wenn es sonst nichts ist… In der Kunstszene sieht man das nicht so eng. Künstler und Kritiker sind bekannt dafür, dass sie schon mal sehr exzentrisch sind.“

„Aber du nicht“, erwiderte Jupp überraschend heftig. „Dir wäre es lieber, wenn ich heute Abend anständig aussehe. Auch wegen deinem Ex!“

Woher hatte Jupp das jetzt geahnt? Und seit wann machte er sich überhaupt Gedanken um seine Kleidung und wie er damit auf andere wirkte? Das interessierte ihn doch sonst nie. Sein Outfit war oft genug so ein Stilbruch, dass es schon fast nach Absicht aussah. Klaus konnte und wollte gar nicht leugnen, dass es ihm am liebsten wäre, wenn Jupp dem Anlass entsprechend – und natürlich auch wegen Andreas – im Anzug käme, aber weder fühlte Jupp sich in einem Anzug sonderlich wohl, noch besaß er überhaupt einen, der angemessen wäre. Außerdem wollte Klaus nach allem, was Jupp auf sich zu nehmen bereit war, nicht noch mehr von ihm verlangen. Vielleicht konnte er ihn zumindest dazu überreden kein FC-Köln-T-Shirt zu tragen. Bei Jupps Abneigung gegen alles, was mit Düsseldorf zusammenhin war das durchaus vorstellbar. Er war so damit beschäftigt, zu überlegen, wie er das Thema vorsichtig anschnitt, ohne Jupp vor den Kopf zu stoßen, dass er erst mit Verspätung registrierte, dass Jupp noch weitergesprochen hatte.

„… mir auch. Ich mein’, ich fühl’ mich bei sowas sowieso immer so … so fehl am Platz“, gestand er leise. „Wie’n Schauspieler. Ich gehör’ da einfach nicht hin. Ich bin nicht so schlau und gebildet, ich kann da nicht mitreden. Und ich denk immer, das sehen die auch alle sofort. Auch wegen der Klamotten. Und dann werde ich nervös und dann … dann mache ich meistens was Dummes und … ich … ähem, … ich will dir den Abend nicht verderben.“

Jupp hatte den Kopf gesenkt und zerrupfte schon wieder sehr konzentriert den Saum seine T-Shirts. Klaus konnte nicht einmal erahnen, wie schwer es Jupp gefallen sein musste, das in Worte zu fassen. Klaus hatte schon relativ früh geahnt, dass Jupps Abneigung gegen alles „Gebildete“ vor allem seiner Unsicherheit entsprang. Er wusste, dass er da nicht mithalten konnte und kein Mensch fühlte sich gerne unterlegen. Ein Macho wie Jupp schon gleich zweimal nicht. Dabei war Jupp keineswegs dumm, nur eben nicht klassisch gebildet. Wer dumm war, arbeitete sich nicht vom einfachen Streifenpolizisten zum Leiter einer Soko hoch.

Klaus erhob sich aus seinem Stuhl und lehnte sich neben Jupp an den Aktenschrank. Nicht so nah, dass sie sich berührten, aber doch nah genug, dass man es schon als intim bezeichnen könnte. Jupp regierte nicht, sondern fuhr damit fort, sein T-Shirt zu malträtieren. Wenn er so weiter machte, hatte es bald ein Loch. Bevor es so weit kommen konnte, verpasste Klaus ihm einen leichten Knuff gegen die Schulter.

„Ne gute Jeans und ein anständiges Hemd wirst du doch haben, oder?“ Jupp nickte. „Siehst du. Komm vorher bei mir vorbei. Und wenn es gar nichts ist, kannst du immer noch einen Anzug von mir bekommen. Wir sind gleichgroß und haben eine ähnliche Statur, das sollte passen.“

Genaugenommen war Klaus zwei Zentimeter größer als Jupp, wie er mal mit einem Blick in dessen Personalakte festgestellt hatte, und auch etwas breiter in den Schultern – was er Jupp jetzt lieber nicht sagte, sonst sah der sich noch in seiner Männlichkeit bedroht, wenn ein Schwuler ein breiteres Kreuz hatte, als er – aber trotzdem war er sich ziemlich sicher, dass er im Notfall einen passenden Anzug für Jupp im Schrank hatte. Jupp nickte ohne aufzuschauen. Sein Gesichtsausdruck war überraschen neutral und unlesbar. Vermutlich versuchte er gerade noch zu verstehen, worauf er sich da wieder eingelassen hatte. Klaus schüttelte seine Uhr unter der Manschette seines Hemds hervor. Sie zeigte vierzehn Uhr sechzehn. An einem Freitagnachmittag durchaus eine akzeptabel Zeit um Feierabend zu machen. Erst recht, wenn nichts zu tun war.

„Komm, lass uns Feierabend machen. Klär du mit Anna und deiner Mutter, wer heute Abend auf Flo aufpasst und dann treffen wir und um halb sechs bei mir, in Ordnung?“

„Okay“, murmelte Jupp. „Bis später.“

Er drückt kurz Klaus’ Schulter, schnappte sich seine Jacke vom Garderobenständer und war aus der Tür, bevor Klaus noch etwas erwidern konnte.

Date: 2019-07-08 08:29 am (UTC)
From: [identity profile] rei17.livejournal.com
Jupp ist sooo süß!
Er wächst mir grade so ans Herz - awwwww!
Sehr sehr gerne mehr aus diesem Universum!!! Jederzeit!!

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