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Challenge: Nachholfbedarf (vom 08.03.2019)
Fandom: "Edelsteintrilogie" von Kerstin Gier (bräuchte noch einen tag)
Charaktere: Gwendolyn Shepherd, Charlotte Montrose


„Ich hatte nie ein richtiges Leben! Ich musste immer alles für die Sache opfern. Ich musste immer funktionieren. Und was hab ich davon? Jetzt steh ich hier wie Aschenputtels dumme Schwester!“
Charlotte Montrose - Smaragdgrün



„Weißt du, was ich auch noch nie gemacht habe?“

Die meisten Menschen lallen wenn sie betrunken sind. Aber nicht Charlotte. Charlottes Stimme wird dann nur ganz weich und durchlässig, und ihre Konsonanten fließen alle ineinander über. Sie kiekst an unpassenden Stellen.

„Nein“, erwidere ich geduldig. „Was denn?“

Damenhaft wirft sie einen Schwung ihrer langen, rotblonden Haare aus der Stirn. Sie sieht beinah unwirklich aus im silberweißen Mondlicht. „Einem Jungen in die Eier getreten!“

„Okay.“

„Ich hätte so viele Gelegenheiten dazu gehabt, weißt du? Ich kann Krav Maga. Ich kann so gut Krav Maga! Mein Krav Maga ist so viel besser als das von Gideon. Fucking Gideon.“

„Fucking Gideon“, stimme ich zu.

„So viele Kerle haben sich wie widerliche Schweine benommen in meiner Gegenwart“, fährt sie fort, so als ob ich gar nichts gesagt hätte. „All die Jahre! Ich hätte so viele Gelegenheiten gehabt. Aber nein. Nein! Das geziemt sich nicht für eine Dame, Charlotte! Denk an die Sache, Charlotte! Du darfst keine Aufmerksamkeit auf dich lenken, Charlotte!“ Sie imitiert die Stimme von Tante Glenda und ich muss sagen, dass sie das ziemlich gut hinkriegt. Mir war bisher nicht klar, dass ich nicht die Einzige bin, die diesen ganz bestimmten Tonfall so oft zu hören bekommt. „In die Eier“, fährt Charlotte fort. „Richtig fest in die Eier! Weißt du was ich auch noch nie gemacht habe?“

„Nope.“

„Mir die Nase piercen lassen.“

Wow, hier kommen ja ganz neue Seiten an Charlotte zum Vorschein.

„Das ging ja nie – wegen der bescheuerten Vergangenheit! Was sollen sie im achtzehnten Jahrhundert von dir denken, Charlotte – oh fick dich ins Knie, Falk!“

Es war nicht wirklich mein Plan den Samstagabend so zu verbringen.
Nicht mal, als ich gemerkt habe, dass wir zufällig auf der gleichen Party gelandet sind, konnte ich voraussehen, dass es so enden würde.
Am Rand der Themse hockend, mitten in London, meine sternhagelvolle Cousine neben mir, die immer noch nüchtern genug ist, um unaufhörlich Schimpftiraden aneinander zu reihen. Ich trage die Reste eines Meerjungfrauenkostüms, dessen silbrige Schuppen sich zur Hälfte um uns herum verteilt haben. Sie hat ihre Elfenohren verloren und der grüne Tüll umhüllt sie wie eine Wolke. Ihre Wangen glühen.
Sie ist immer noch widerlich hübsch.
Nichts, einfach gar nichts, kann Charlotte entstellen.

Wenn sie nicht ganz so betrunken wäre, würde ich mir ja ein Taxi nehmen und einfach nach Hause fahren. Aber ich habe doch irgendwie Angst, dass sie in den Fluss fällt und ertrinkt, und das würde mir Tante Glenda nie verzeihen.

Außerdem – aber das würde ich nie im Leben laut aussprechen – fühle ich mich vielleicht ein klitzekleines bisschen schuldbewusst.

So wie eben auf der Party habe ich sie noch nie erlebt.
Mir war bis eben nicht klar, wie sehr sie es immer wollte. Und wie bitter es für sie gewesen sein muss, dass ausgerechnet ich es ihr weggenommen habe. Ihre Aufgabe. Die Mission. Die Extrawurst der Familie zu sein.

Ich wollte das blöde Zeitreisegen niemals haben. Ich wills auch immer noch nicht. Wegen mir hätte es Charlotte gerne bekommen können, ich würde liebend gerne darauf verzichten.

Aber Fakt ist, jetzt dreht sich alles um mich und nicht mehr um sie. Und all die Opfer, die sie gebracht hat, das Training, was sie hinter sich hat, die Zeit, die sie investiert hat und die Dinge, auf die sie verzichtet hat… das war alles vergeudete Lebenszeit.
Verschwendet.
Für nichts und wieder nichts.
Sie hat ihre gesamte Kindheit einer Sache geopfert, die sie eiskalt und wie eine heiße Kartoffel hat fallen lassen (ich merke grade, an der Metapher muss ich noch feilen) seit klar ist, dass sie nicht bringt, was von ihr erwartet wird.
Das ist irgendwie beschissen.
Okay, das ist sogar ziemlich beschissen, und wenn es irgendjemand anderes wäre als Charlotte hätte mir das auch schon viel früher sehr leidgetan.

Aber Charlotte ist eben … Charlotte.
Und es ist nicht ganz einfach Mitgefühl für jemanden aufzubringen, der sich seit frühester Kindheit für was Besseres hält und sich bei jeder Gelegenheit aufspielt.

„Weißt du, was ich auch noch nie gemacht habe?“ wiederholt sie.

„Ich habe keine Ahnung, aber ich nehme an, du wirst es mir gleich verraten.“

„Ein Mädchen geküsst.“

Diesmal verschlucke ich mich so abrupt an meiner eigenen Spucke, dass ich einen Hustenfall bekomme. Äh was?

„Ah ach ja…?“ stottere ich.

Sie nickte heftig. Ihre Haare fliegen wie ein Heiligenschein um ihr Gesicht. „Immer nur Jungen.“ Sie klingt traurig. „Langweilige, dämliche Jungen. Und Gideon. Fucking Gideon.“

„Fucking Gideon“, stammele ich, immer noch ziemlich überfordert von dieser neuen Information. „Wolltest du das denn?“ platzt es aus mir heraus. „Ich meine … ein Mädchen küssen?“

„Ja.“

Die Antwort kommt so verträumt und spontan und kein bisschen zögernd, dass ich keine Sekunde zweifle, dass sie grade die Wahrheit sagt. Wow.
Wow.
Wer hätte das gedacht.
Charlotte vertraut mir etwas Persönliches an. Ausgerechnet mir!

„Aber das …. Das könntest du doch immer noch tun, oder?“ Meine Wangen glühen. Ich werde bestimmt später darüber nachdenken, wieso das so ist. Aber nicht jetzt. „Da sind so viele Mädchen in der Schule, die dich anbeten. Also ich meine … da ist doch sicher eine dabei, die …“

Sie schüttelt wütend den Kopf. „Bring keine Schande über die Familie, Charlotte. Denk an die Sache Charlotte!“

„Ach weißt du, ich denke, wenn es irgendjemanden gibt, der die Rolle des schwarzen Schafs für immer gepachtet hat, dann bin ich das. Also mach dir keine Gedanken.“

Sie gluckst. „Du bist kein schwarzes Schaf.“ Sie seufzt verträumt. „Du bist eine Meerjungfrau.“

„Danke.“

„Ich wünschte, ich wäre eine Meerjungfrau. Dann könnte ich einfach abtauchen… davonschwimmen. Ganz weit weg.“

„Ja… Hör mal, wieso klingst du eigentlich nie so vernünftig, wenn du nüchtern bist? Du hättest mir das alles vor Jahren schon sagen können!“

„Hätte ich nicht.“ Sie wedelt mit ihrer Hand.

„Doch! Dann hätten wir uns nämlich hundert Mal besser verstanden.“

„Du hasst mich.“

„Na ja, Hass ist nicht das richtige Wort… eher sowas wie … intensive Abneigung?“ Zu meinem Entsetzen beginnt es plötzlich in ihren riesigen, blauen Augen verdächtig zu glitzern. „Abneigung ist übertrieben“, sage ich hastig. „Mehr so … Geringschätzung? N-nicht die richtige Wellenlänge?“

„Du kannst es ruhig sagen.“ Sie wischt sich über die Augen. „Alle hassen mich. Keiner kann mich leiden. Ich kann mich nicht mal selbst leiden.“

Oh Gott.
Weint sie jetzt etwa gleich?
Das kann doch nicht sein! Ich bin die Heulsuse von uns beiden! Charlotte weint nicht. Charlotte setzt ihr rätselhaftes Mona Lisa Lächeln auf, wirft die Haare zurück und trampelt über ihre Widersache hinweg wie die Königin von Saba.
Zumindest ist es das, was sie all die letzten Jahre getan hat.
Aber scheinbar ist jetzt wirklich alles aus dem Gleichgewicht geraten. Unten ist oben, oben ist unten, heute war gestern und in der Zukunft werde ich in der Vergangenheit sein. Charlotte weint.

Vollkommen überfordert von dieser neuen Situation, lege ich probeweise eine Hand auf ihren Rücken.
„Also … weißt du … das ist nicht … Wenn du mir früher gesagt hättest, wie gerne du einigen Jungen in die Eier treten willst und dass du gerne ein Mädchen küssen willst … also, das hätte ich verstanden. Beides. Ich hätte dich 100% unterstützt.“

„Hättest du nicht.“

„Doch, hätte ich!“

Sie murmelt etwas, was so leise ist, dass ich es nicht verstehe.

„Wie war das?“

Sie hebt den Kopf. „Du hast zwei linke Füße und ein Gehirn wie eine Erbse.“

„Ich weiß. Das hast du schonmal …“

„Du kapierst überhaupt nie irgendwas. Ich weiß wirklich nicht wieso ich dich so gerne küssen möchte.“

Ich erstarre abrupt.
Äh… was?

Ich fühl mich zunehmend als sei ich im falschen Film gelandet. Oder heute Morgen aufgewacht und hätte vergessen mir die Untertitel runterzuladen. Ich verstehe nämlich langsam kein Wort mehr.

„Was?“

Sie seufzt. „Du hast es schon verstanden.“

„Du… du bist verwirrt. Betrunken! Und verwirrt. Du… du meinst das nicht so …“ Ich weiß nicht wen ich versuche mehr zu überzeugen – sie oder mich. „Morgen wirst du aufwachen und das alles vergessen haben. Und ich auch.“ Niemals. Nie im Leben.

„Nein, werde ich nicht.“

„Zwei linke Füße und ein Gehirn wie eine Erbse, hast du das schon vergessen?“

„Ich werde nach New York fliegen.“

„Was?“ So langsam kann ich dem Gespräch nicht mehr folgen.

„Sobald das Schuljahr vorbei ist“, verdeutlicht sie. „Ich werde nach New York fliegen. Und dort studieren. Vorher werde ich mir die Nase piercen lassen. Und den Bauchnabel! Und ich werde mindestens einem Jungen in die Eier treten.“

„Klar.“

„Nein, wirklich.“ Sie nickt heftig. „Ich mache das alles. ALLES. Alles, was ich bisher nicht durfte und die können mich alle mal!“

Langsam macht sie mir Angst. Ich greife beruhigend nach ihrer Hand. „Okay, okay! Ich glaub es dir ja. Du kannst das alles machen, Charlotte. Alles, was du willst. Du bist jetzt frei.“

„Nein, bin ich nicht…“

„Doch, das bist du.“

Ihr Kehlkopf hüpft als sie heftig schluckt und ihre Finger schließen sich um meine. „Lass mich dich küssen“, sagte sie leise. „Nur einmal.“

Ich starre sie an.

„Ein einziges Mal. Es fühlt sich sonst alles an wie ein Traum … wie etwas, was ich doch niemals tun werde. Wie etwas, von dem ich mein Leben lang nur reden werde. Aber wenn ich … wenn ich wenigstens eine einzige Sache davon tue. Jetzt gleich. Dann kann ich wirklich… Bitte. Lass mich dich küssen.“

„Charlotte …“

„Bitte. Gwenny. Bitte.“

Gwenny.

Sie hat mich nicht mehr Gwenny genannt seit wir in der Grundschule waren und das, mehr als alles andere, gibt den Ausschlag. Das und ihr verzweifelter Tonfall. Die Art wie sie mich grade ansieht. Als sei sie am Ertrinken und ich bin die Einzige, die sie noch retten kann.
Sie ist die Meerjungfrau, wird mir klar. Nicht ich. Sie ist die Meerjungfrau und ich bin der Prinz, der sie mit seinem Kuss erlösen kann, bevor sie sich für alle Zeiten in Meerschaum auflöst.

Ich kriege keinen einzigen Ton heraus. Stattdessen nicke ich.

Ihr entweicht ein zittriger Seufzer. Mit beiden Händen greift sie nach meinem Gesicht.
„Gwen“, flüstert sie.
Und dann küsst sie mich.
Ihre Finger sind fiebrig heiß und ihr Mund ist warm und süß.
Sie ist die Meerjungfrau und ich der Prinz. Ich vergrabe meine Finger in grünem Tüll. Halte ich sie fest oder mich selbst, ich weiß es nicht. Wir ertrinken beide.

Wie konnte ich jemals denken, dass Gideon der beste Küsser ist?
Es ist ganz offensichtlich von wem er es gelernt hat …

Als sie mich loslässt, weiche ich zurück.
Schwer atmend sinke ich an den Steinpfosten in meinem Rücken. Der Sternhimmel dreht sich über mir und die Themse unter mir.

„Du gehst nach New York“, flüstere ich.

„Ja.“ Sie klingt sanft, verträumt. Über ihr Gesicht hat sich ein friedlicher Ausdruck ausgebreitet.

„Das ist nie passiert.“

„Nein.“

Schade, sagt eine verräterische Stimme in meinem Inneren. Schade.

„Gut.“

„Ich bin frei“, flüstert sie mit einem Blick hinauf zum Mond. „Ich bin frei und die können mich alle mal.“

„Du bist frei.“

Ich bin der Prinz.
Ich habe sie erlöst. Frei geküsst.
Sie ist frei und sie wird weit fort gehen, und in diesem Moment fühlt es sich an, als würde ich sie nie wiedersehen.
Auf Wiedersehen, denke ich. Mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen. Auf Wiedersehen, meine zornige, selbstgerechte, grässlich perfekte Charlotte. Meine Meerjungfrau.


Date: 2019-05-19 07:24 am (UTC)
servena: (Default)
From: [personal profile] servena
Ich habe die Edelsteintrilogie nie gelesen, kenne aber ganz vage die Prämisse und viel mehr brauchte ich eigentlich auch nicht! Und dann hat mich das hier ganz unerwartet sehr gerührt und ich möchte Charlotte gerade einmal ganz fest drücken! Und sie in einen Flieger nach New York setzen, wo sie sich alles piercen lassen kann, was sie will, und so viele Mädchen küssen kann, wie sie will! Und dein Schreibstil gefällt mir auch sehr gut hier.
"Charlotte setzt ihr rätselhaftes Mona Lisa Lächeln auf, wirft die Haare zurück und trampelt über ihre Widersacher hinweg wie die Königin von Saba." <3

Date: 2019-05-24 08:44 am (UTC)
From: [identity profile] nessaniel.livejournal.com
Ohh, das ist wundervoll! Ich kenne die Bücher nicht, aber die vielen Hinweise auf ihre gemeinsame Vergangenheit waren super! Und schmerzhaft. Und super!

Der Humor ist so großartig, "Fucking Gideon" hat mich so zum Lachen gebracht und das wunderschöne Meerjungfrauen-Thema mit dem Tüll und dem Kuss war so toll umgesetzt! AHH, ich bin sehr traurig, dass Charlotte nach New York muss, aber sie findet dort bestimmt hundert Mädchen, die sie küssen wollen! ;_;

„Abneigung ist übertrieben“, sage ich hastig. „Mehr so … Geringschätzung? N-nicht die richtige Wellenlänge?“
Das ist auch so fantastisch, omg, ich kann mir Gwendolyn dabei so gut vorstellen!

Aber nicht Charlotte. Charlottes Stimme wird dann nur ganz weich und durchlässig, und ihre Konsonanten fließen alle ineinander über
UND DAS HIER IST GANZ WUNDERVOLL, AWWWW, WAS FÜR EINE WUNDERSCHÖNE BESCHREIBUNG!

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