Knäckebrot und Senf
Mar. 31st, 2019 10:17 pmFandom: Youtuber (Berliner Cluster, RPF)
Personen: Fewjar (Jakob, Felix, Andre), Frodo(apparat)
Challenge: "Man kann nicht immer alles haben was man sich wünscht." (vom 14.12.2018)
Wörter: ~1.800
Anmerkung: Bisschen pre-slashy FroJar-Belanglosigkeit. Ich habe sie vermisst, drüben auf FFde schreibe ich gerade nur ein anderes Pairing. Vielleicht setze ich das auch noch fort, wer weiß.
„Ich möchte Kekse!“, sagt Andre.
Er steht vor Felix' Bücherregal und sieht aus, als würde er etwas Hochtrabendes sagen. Als wäre da eine Kamera vor ihm aufgebaut. Ein Satz hineingesagt in die nichtige Völle des Raumes.
Was ich möchte, ist eine Zigarette. Ich sehe nicht ein, weshalb Felix mich auf den Balkon schickt, wenn wir vor zehn Minuten hier ganz andere Dinge zum Rauchen haben rumgehen lassen. Der beißende, krautige Geruch liegt noch immer im Zimmer. Ich hänge in einem Sitzsack, den Andre letzte Woche aus Langeweile auf einem Flohmarkt gekauft hat und der an einigen Nähten schon aufgeht.
„Sitzsäcke sind doch geil“, hat Andre gesagt, als Felix sich beschwerte.
„Die entschleunigen. Wenn du einmal drinsitzt, kommste nich' mehr raus.“
„Das is' keine Entschleunigung“, hat Felix entgegnet;
„Das ist Self-Bondage ohne Seile.“
Er hat dennoch zugelassen, dass ich nun in dem Ding sitze.
Ich hänge nun also hier, gefangen und wartend darauf, dass mich die Entschleunigung einholt. Ich warte auf die Stille in meinem Kopf, die Platz machen soll für Melodien und Worte und Farben.
Stattdessen wate ich knietief in selbst zusammengebrauter Nostalgie.
Es ist keine fünf Jahre her, dass ich selbst in dieser WG gelebt habe. Die bekifften Abende, an denen wir den Flur und die Küche mit Albernheiten und Zukunftsträumen vollgekotzt haben, die fehlen mir tatsächlich ein bisschen.
Die Tür geht auf und Frodo kommt rein. Er wirkt wie ein Nostalgieverstärker, denn dass er hier gewohnt hat, dass er mit uns zusammengesessen hat, fühlt sich noch viel weiter weg an.
„Boah“, beschwert er sich und wedelt demonstrativ mit einer Hand;
„Mach doch mal einer 'n Fenster auf, dit hält ja keener aus!“
„Wer rauchen kann, der kann auch riechen“, sage ich, als er sich neben mich setzt.
Für eine Sekunde frage ich mich, ob er klüger oder dümmer ist als ich, denn er hat sich einen stinknormalen Stuhl gesucht.
„Das ergibt ja mal gar keenen Sinn“, gibt er zurück.
„Hier, ick hab dir wat mitgebracht.“
Er drückt mir ein kaltes, volles Glas in die Hand.
Ich schaue es an;
„Das is' Senf.“
„Japp.“ Seine Mundwinkel werden breit und weich und biegen sich nach oben.
„Was hat dich zu der Annahme bewogen, dass ich jetzt Senf will?“
„Ich will Kekse!“, wiederholt Andre.
„Hier, bitteschön!“
Felix ist hinter Frodo ins Zimmer gekommen. Eher geschwebt, muss man sagen. Wenn Felix high ist, fängt er immer an wie etwas zu laufen, das man nur als betrunkene Elfe verstehen kann.
Auch er hat etwas mitgebracht und das drückt er dem empörten Andre nun in die Hand.
Und wie ich guckt der auf den Kram und wird dadurch nur noch empörter.
„Das is' Knäckebrot“, sagt er betont.
„Was soll ich denn damit?“
„Wir haben nun mal keine Kekse!“, erwidert Felix und lässt sich auf seinen Schreibtischstuhl sinken. Gleich wird er sich umdrehen und weiter am Track arbeiten. Weil er selbst jetzt noch ein Arbeitstier ist, das sich seine Projekte vom Studio mit nach Hause nimmt.
Felix ist damit so ziemlich mein Gegenteil gerade.
Deswegen bin ich hier. Weil bei mir seit Wochen nichts geht. Gar nichts.
Ich habe gehofft, dass mich eine alte Umgebung, die mich an unsere Ideengewitter und Experimentierfreudigkeit von 2013 erinnert, von meiner lähmenden Kreativimpotenz erretten würde.
Doch jetzt sitze ich hier mit einem Senfglas in der Hand und das Gras wirkt immer noch nicht.
„Man kann nich' immer alles haben, was man sich wünscht“, sagt Felix und Frodo nickt.
Als hätten sich die beiden in der Küche zu dadaistischer Performancekunst verschworen.
„Das is' doch scheiße hier!“, ruft Andre.
Er kloppt auf das Knäckebrot ein, so dass die Hälfte davon auf den Boden fällt, besinnt sich aber eines Besseren und beißt dann in die Reste, die er noch in der Hand hält.
„Wenn das Leben dir Knäckebrot gibt, mach Krümel draus“, sagt Frodo feixend. Er lehnt sich im Stuhl zurück. Seine Augen sind inzwischen gerötet, als hätte er stundenlang geweint. Ich erinnere mich an den Kontrast zwischen dem Rot und dem Blau seiner Iriden, über welchen wir damals immer gelacht haben. Warum eigentlich? So merkwürdig sieht das auch wieder nicht aus.
Es deprimiert mich. Der gewollte Wahnsinn, die schlechten Witze, mein unterschwelliges Gefühl von früher war alles besser.
Ich betaste das Senfglas und muss mich an Dinge erinnern, die ich damals absolut fürchterlich fand. Streit mit Frodo, weil wir ihm zu laut waren. Die Momente, in denen die Polizei vor unserer Tür stand, Stichwort Lärmbelästigung. All die Projekte, die ich damals unbedingt realisieren wollte und aber nicht konnte, weil mir Kontakte, Mittel und Equipment fehlten.
„Ich muss eine rauchen“, sage ich und all die Würdelosigkeit, mit welcher ich mich sekundenlang aus diesem beschissenen Sitzsack hochkämpfe, ist die Versinnbildlichung meiner inneren Konflikte.
Ich lasse die anderen hinter mir, wandere über den Flur, steige über alle die verstreut liegenden Schuhpaare. In der Küche stelle ich das Senfglas in den Kühlschrank zurück (gehört der da überhaupt hin?), dann öffne ich das Fenster weit und stecke mir eine Kippe an. Einige Seite stehe ich nur da und inhaliere, stoße den Rauch in die Welt, in der von unten her das Rauschen des Straßenverkehrs an- und abschwillt. Der Himmel ist städtisch, dunkel, sternenlos.
„Schmollst du etwa?“, höre ich hinter mir. Ich habe ihn nicht kommen hören, aber erschreckt hat er mich auch nicht. Er guckt in den Kühlschrank und für einen Augenblick glaube ich fast, dass er dieses dumme Senfglas einfach wieder rausholt und es mir zurück in die Hand drückt; am besten noch mit so einer Meme-Bemerkung wie “It's dangerous to go alone. Take this.“
„Ich schmolle nich', ich rauche“, sage ich und suche auf dem Tisch neben mir nach dem Aschenbecher. Irgendwo unter einem Haufen Zeitungen und irgendwelchen Kleinteilen, die Felix anscheinend gerade wieder zusammenzulöten scheint, finde ich ihn dann auch.
„Darf ich drüben ja nich'. Suchst du was?“
Frodo zuckt mit den Schultern, während er gelangweilt Küchenschranktüren öffnet und wieder schließt.
„Wollt' nur mal gucken wie's jetzt hier überall so aussieht. Felix stapelt anscheinend immer noch Tassen zu Türmen zusammen, kiek ma'.“
Ich lache leise schnaubend ohne zu gucken.
„Was suchst du denn?“, sagt er plötzlich und schließt die Schranktür, an der er eben noch zugange war. Hinter ihm erstrahlen plötzlich zarte Farben. Wie eine Korona umschmeicheln sie ihn. Blau, lila, rosa, wie ein zaghafter Instagram-Filter, wie ein understatement. Das Gras wirkt endlich.
„Was meinst du?“
„Du bist doch nich' von ungefähr hier. Und das hier“, er zeigt an sich hoch und runter,
„Wann ladet ihr mich mal ein? Erst das Konzert, jetzt das hier? Frodo, komm chillen“, er ahmt jemandes Stimme nach. Wahrscheinlich sogar meine. Lachhaft, so klinge ich überhaupt nicht.
„Da is' doch 'n Hintergedanke.“
„Der Hintergedanke is', dass wir Freunde sind?“, erwidere ich, ziehe an meiner Zigarette und betrachte entzückt seine Korona. Ich frage mich, ob sich das noch zu einem Regenbogen auswachsen wird oder ob es das schon war. Mein Atem wird tiefer, angenehmer. Ich fühle wohlig mein Gehirn nach.
„Ach Jako“, erwidert Frodo.
Er nimmt mir die Kippe aus der Hand und zieht selbst dran. Ungewohnt beiläufig und elegant, überhaupt komisch für einen Typen, der nicht raucht.
„Das sagst du nur, weil du high bist.“
Er gibt mir die Zigarette wieder und tritt neben mich ans Fenster.
„Ich mein's aber ernst“, sage ich.
„Wir haben uns vielleicht in mega verschiedene Richtungen entwickelt, aber das heißt ja nich', dass wir uns nich' ab und zu wiedertreffen und uns verstehen können. Ich meine... klappt doch noch, oder?“
Er guckt aus dem Fenster wie ich eben und bleibt mit dem Blick am Himmel kleben. Wer weiß, was er da für Farben sieht.
„Joah“, murmelt er ungewohnt wortkarg.
„Klappt noch.“
Das ist der Moment, in dem ich begreife, dass mein Plan nicht aufgegangen ist. Wenn selbst Frodo ein größerer Nostalgiker ist als ich, sollte ich mich auf diese Eigenschaft nicht verlassen. Was habe ich mir überhaupt gedacht? Dass wenn ich die Bande zusammentrommele ich sofort wieder in einer kreativen Zone bin? Möchte ich wieder beim Einkaufen bedeutungsschwanger in eine Legria sprechen und mich im Januar nachts im Wald für ein Video eingraben lassen?
Was habe ich mir nur gedacht?
„Ich hab dich verarscht“, sagt Frodo in meine Gedanken hinein.
„Ich weiß, was du vorhattest. Felix hat mir gesteckt, dass du 'ne Blockade hast und zu komischen Methoden greifst.“
Dabei hatte ich es Felix selbst gar nicht gesagt. Vielleicht kennt der Junge mich inzwischen zu gut.
„Ick fühl mich übrigens auch fast gar nich' benutzt.“
Er wendet seinen Blick ab von dem himmlischen Schauspiel, das sich ihm anscheinend bietet und hebt eine Augenbraue.
„So schlimm?“, entgegne ich.
„Was denkst du, weswegen ich dir Senf gegeben habe?!“
Senf als Strafe. Es gibt durchaus schlimmere Dinge. Dennoch fühle ich zwischen meinen watteweichen Marihuanagefühlen die Schuld pochen.
„Tut mir leid.“ Ich lache, aber ich meine es ernst.
Ich mag diesen Typen, in den Frodo hineingewachsen ist, wie er immer noch da drin ist, wie er sich zu einer Version gewandelt hat, die sich mehr nach ihm anfühlt. Ein bisschen wie ich es von mir erhoffe, dass ich es getan habe. Ein bisschen mehr Jakob.
„Schon okay.“ Er winkt grinsend ab, aber er hält inne, als ich kurz nach seiner Schulter fasse.
Die Tattoos auf seinem linken Arme wabern rauchig über seine Haut.
„Wenn man dir irgendwie helfen kann, also kreativmäßig, sag Bescheid. Vielleicht fällt mir wat ein, auch wenn ich dir musikalisch inzwischen haushoch unterlegen bin.“
„Bist du nich'“, sage ich.
„Stell dein Licht nich' unter'n Scheffel, das passt nich' zu dir.“
Er zuckt mit den Schultern.
„Wenn du's niemandem erzählst, weeß das auch keener.“
Ich drücke die Kippe im Aschenbecher aus und dann tue ich das einzig Richtige, was man in diesem verdammten, sentimentalen Moment tun sollte: Ich umarme ihn und er umarmt zurück.
Ich tauche ein in dieses Licht aus Blau und Rosa und Lila und Gott – standen diese Farben nicht für irgendwas?
Aus Felix' Zimmer dröhnt Tumult.
„Felix“, schreit Andre.
„Hol den Staubsauger, ich bin auf Knäckebrot getreten!“
„Mist“, murmelt mir Frodo ins Ohr.
„Jetzt hab ich Bock auf Kekse. Lass uns Kekse kaufen gehen.“
Personen: Fewjar (Jakob, Felix, Andre), Frodo(apparat)
Challenge: "Man kann nicht immer alles haben was man sich wünscht." (vom 14.12.2018)
Wörter: ~1.800
Anmerkung: Bisschen pre-slashy FroJar-Belanglosigkeit. Ich habe sie vermisst, drüben auf FFde schreibe ich gerade nur ein anderes Pairing. Vielleicht setze ich das auch noch fort, wer weiß.
„Ich möchte Kekse!“, sagt Andre.
Er steht vor Felix' Bücherregal und sieht aus, als würde er etwas Hochtrabendes sagen. Als wäre da eine Kamera vor ihm aufgebaut. Ein Satz hineingesagt in die nichtige Völle des Raumes.
Was ich möchte, ist eine Zigarette. Ich sehe nicht ein, weshalb Felix mich auf den Balkon schickt, wenn wir vor zehn Minuten hier ganz andere Dinge zum Rauchen haben rumgehen lassen. Der beißende, krautige Geruch liegt noch immer im Zimmer. Ich hänge in einem Sitzsack, den Andre letzte Woche aus Langeweile auf einem Flohmarkt gekauft hat und der an einigen Nähten schon aufgeht.
„Sitzsäcke sind doch geil“, hat Andre gesagt, als Felix sich beschwerte.
„Die entschleunigen. Wenn du einmal drinsitzt, kommste nich' mehr raus.“
„Das is' keine Entschleunigung“, hat Felix entgegnet;
„Das ist Self-Bondage ohne Seile.“
Er hat dennoch zugelassen, dass ich nun in dem Ding sitze.
Ich hänge nun also hier, gefangen und wartend darauf, dass mich die Entschleunigung einholt. Ich warte auf die Stille in meinem Kopf, die Platz machen soll für Melodien und Worte und Farben.
Stattdessen wate ich knietief in selbst zusammengebrauter Nostalgie.
Es ist keine fünf Jahre her, dass ich selbst in dieser WG gelebt habe. Die bekifften Abende, an denen wir den Flur und die Küche mit Albernheiten und Zukunftsträumen vollgekotzt haben, die fehlen mir tatsächlich ein bisschen.
Die Tür geht auf und Frodo kommt rein. Er wirkt wie ein Nostalgieverstärker, denn dass er hier gewohnt hat, dass er mit uns zusammengesessen hat, fühlt sich noch viel weiter weg an.
„Boah“, beschwert er sich und wedelt demonstrativ mit einer Hand;
„Mach doch mal einer 'n Fenster auf, dit hält ja keener aus!“
„Wer rauchen kann, der kann auch riechen“, sage ich, als er sich neben mich setzt.
Für eine Sekunde frage ich mich, ob er klüger oder dümmer ist als ich, denn er hat sich einen stinknormalen Stuhl gesucht.
„Das ergibt ja mal gar keenen Sinn“, gibt er zurück.
„Hier, ick hab dir wat mitgebracht.“
Er drückt mir ein kaltes, volles Glas in die Hand.
Ich schaue es an;
„Das is' Senf.“
„Japp.“ Seine Mundwinkel werden breit und weich und biegen sich nach oben.
„Was hat dich zu der Annahme bewogen, dass ich jetzt Senf will?“
„Ich will Kekse!“, wiederholt Andre.
„Hier, bitteschön!“
Felix ist hinter Frodo ins Zimmer gekommen. Eher geschwebt, muss man sagen. Wenn Felix high ist, fängt er immer an wie etwas zu laufen, das man nur als betrunkene Elfe verstehen kann.
Auch er hat etwas mitgebracht und das drückt er dem empörten Andre nun in die Hand.
Und wie ich guckt der auf den Kram und wird dadurch nur noch empörter.
„Das is' Knäckebrot“, sagt er betont.
„Was soll ich denn damit?“
„Wir haben nun mal keine Kekse!“, erwidert Felix und lässt sich auf seinen Schreibtischstuhl sinken. Gleich wird er sich umdrehen und weiter am Track arbeiten. Weil er selbst jetzt noch ein Arbeitstier ist, das sich seine Projekte vom Studio mit nach Hause nimmt.
Felix ist damit so ziemlich mein Gegenteil gerade.
Deswegen bin ich hier. Weil bei mir seit Wochen nichts geht. Gar nichts.
Ich habe gehofft, dass mich eine alte Umgebung, die mich an unsere Ideengewitter und Experimentierfreudigkeit von 2013 erinnert, von meiner lähmenden Kreativimpotenz erretten würde.
Doch jetzt sitze ich hier mit einem Senfglas in der Hand und das Gras wirkt immer noch nicht.
„Man kann nich' immer alles haben, was man sich wünscht“, sagt Felix und Frodo nickt.
Als hätten sich die beiden in der Küche zu dadaistischer Performancekunst verschworen.
„Das is' doch scheiße hier!“, ruft Andre.
Er kloppt auf das Knäckebrot ein, so dass die Hälfte davon auf den Boden fällt, besinnt sich aber eines Besseren und beißt dann in die Reste, die er noch in der Hand hält.
„Wenn das Leben dir Knäckebrot gibt, mach Krümel draus“, sagt Frodo feixend. Er lehnt sich im Stuhl zurück. Seine Augen sind inzwischen gerötet, als hätte er stundenlang geweint. Ich erinnere mich an den Kontrast zwischen dem Rot und dem Blau seiner Iriden, über welchen wir damals immer gelacht haben. Warum eigentlich? So merkwürdig sieht das auch wieder nicht aus.
Es deprimiert mich. Der gewollte Wahnsinn, die schlechten Witze, mein unterschwelliges Gefühl von früher war alles besser.
Ich betaste das Senfglas und muss mich an Dinge erinnern, die ich damals absolut fürchterlich fand. Streit mit Frodo, weil wir ihm zu laut waren. Die Momente, in denen die Polizei vor unserer Tür stand, Stichwort Lärmbelästigung. All die Projekte, die ich damals unbedingt realisieren wollte und aber nicht konnte, weil mir Kontakte, Mittel und Equipment fehlten.
„Ich muss eine rauchen“, sage ich und all die Würdelosigkeit, mit welcher ich mich sekundenlang aus diesem beschissenen Sitzsack hochkämpfe, ist die Versinnbildlichung meiner inneren Konflikte.
Ich lasse die anderen hinter mir, wandere über den Flur, steige über alle die verstreut liegenden Schuhpaare. In der Küche stelle ich das Senfglas in den Kühlschrank zurück (gehört der da überhaupt hin?), dann öffne ich das Fenster weit und stecke mir eine Kippe an. Einige Seite stehe ich nur da und inhaliere, stoße den Rauch in die Welt, in der von unten her das Rauschen des Straßenverkehrs an- und abschwillt. Der Himmel ist städtisch, dunkel, sternenlos.
„Schmollst du etwa?“, höre ich hinter mir. Ich habe ihn nicht kommen hören, aber erschreckt hat er mich auch nicht. Er guckt in den Kühlschrank und für einen Augenblick glaube ich fast, dass er dieses dumme Senfglas einfach wieder rausholt und es mir zurück in die Hand drückt; am besten noch mit so einer Meme-Bemerkung wie “It's dangerous to go alone. Take this.“
„Ich schmolle nich', ich rauche“, sage ich und suche auf dem Tisch neben mir nach dem Aschenbecher. Irgendwo unter einem Haufen Zeitungen und irgendwelchen Kleinteilen, die Felix anscheinend gerade wieder zusammenzulöten scheint, finde ich ihn dann auch.
„Darf ich drüben ja nich'. Suchst du was?“
Frodo zuckt mit den Schultern, während er gelangweilt Küchenschranktüren öffnet und wieder schließt.
„Wollt' nur mal gucken wie's jetzt hier überall so aussieht. Felix stapelt anscheinend immer noch Tassen zu Türmen zusammen, kiek ma'.“
Ich lache leise schnaubend ohne zu gucken.
„Was suchst du denn?“, sagt er plötzlich und schließt die Schranktür, an der er eben noch zugange war. Hinter ihm erstrahlen plötzlich zarte Farben. Wie eine Korona umschmeicheln sie ihn. Blau, lila, rosa, wie ein zaghafter Instagram-Filter, wie ein understatement. Das Gras wirkt endlich.
„Was meinst du?“
„Du bist doch nich' von ungefähr hier. Und das hier“, er zeigt an sich hoch und runter,
„Wann ladet ihr mich mal ein? Erst das Konzert, jetzt das hier? Frodo, komm chillen“, er ahmt jemandes Stimme nach. Wahrscheinlich sogar meine. Lachhaft, so klinge ich überhaupt nicht.
„Da is' doch 'n Hintergedanke.“
„Der Hintergedanke is', dass wir Freunde sind?“, erwidere ich, ziehe an meiner Zigarette und betrachte entzückt seine Korona. Ich frage mich, ob sich das noch zu einem Regenbogen auswachsen wird oder ob es das schon war. Mein Atem wird tiefer, angenehmer. Ich fühle wohlig mein Gehirn nach.
„Ach Jako“, erwidert Frodo.
Er nimmt mir die Kippe aus der Hand und zieht selbst dran. Ungewohnt beiläufig und elegant, überhaupt komisch für einen Typen, der nicht raucht.
„Das sagst du nur, weil du high bist.“
Er gibt mir die Zigarette wieder und tritt neben mich ans Fenster.
„Ich mein's aber ernst“, sage ich.
„Wir haben uns vielleicht in mega verschiedene Richtungen entwickelt, aber das heißt ja nich', dass wir uns nich' ab und zu wiedertreffen und uns verstehen können. Ich meine... klappt doch noch, oder?“
Er guckt aus dem Fenster wie ich eben und bleibt mit dem Blick am Himmel kleben. Wer weiß, was er da für Farben sieht.
„Joah“, murmelt er ungewohnt wortkarg.
„Klappt noch.“
Das ist der Moment, in dem ich begreife, dass mein Plan nicht aufgegangen ist. Wenn selbst Frodo ein größerer Nostalgiker ist als ich, sollte ich mich auf diese Eigenschaft nicht verlassen. Was habe ich mir überhaupt gedacht? Dass wenn ich die Bande zusammentrommele ich sofort wieder in einer kreativen Zone bin? Möchte ich wieder beim Einkaufen bedeutungsschwanger in eine Legria sprechen und mich im Januar nachts im Wald für ein Video eingraben lassen?
Was habe ich mir nur gedacht?
„Ich hab dich verarscht“, sagt Frodo in meine Gedanken hinein.
„Ich weiß, was du vorhattest. Felix hat mir gesteckt, dass du 'ne Blockade hast und zu komischen Methoden greifst.“
Dabei hatte ich es Felix selbst gar nicht gesagt. Vielleicht kennt der Junge mich inzwischen zu gut.
„Ick fühl mich übrigens auch fast gar nich' benutzt.“
Er wendet seinen Blick ab von dem himmlischen Schauspiel, das sich ihm anscheinend bietet und hebt eine Augenbraue.
„So schlimm?“, entgegne ich.
„Was denkst du, weswegen ich dir Senf gegeben habe?!“
Senf als Strafe. Es gibt durchaus schlimmere Dinge. Dennoch fühle ich zwischen meinen watteweichen Marihuanagefühlen die Schuld pochen.
„Tut mir leid.“ Ich lache, aber ich meine es ernst.
Ich mag diesen Typen, in den Frodo hineingewachsen ist, wie er immer noch da drin ist, wie er sich zu einer Version gewandelt hat, die sich mehr nach ihm anfühlt. Ein bisschen wie ich es von mir erhoffe, dass ich es getan habe. Ein bisschen mehr Jakob.
„Schon okay.“ Er winkt grinsend ab, aber er hält inne, als ich kurz nach seiner Schulter fasse.
Die Tattoos auf seinem linken Arme wabern rauchig über seine Haut.
„Wenn man dir irgendwie helfen kann, also kreativmäßig, sag Bescheid. Vielleicht fällt mir wat ein, auch wenn ich dir musikalisch inzwischen haushoch unterlegen bin.“
„Bist du nich'“, sage ich.
„Stell dein Licht nich' unter'n Scheffel, das passt nich' zu dir.“
Er zuckt mit den Schultern.
„Wenn du's niemandem erzählst, weeß das auch keener.“
Ich drücke die Kippe im Aschenbecher aus und dann tue ich das einzig Richtige, was man in diesem verdammten, sentimentalen Moment tun sollte: Ich umarme ihn und er umarmt zurück.
Ich tauche ein in dieses Licht aus Blau und Rosa und Lila und Gott – standen diese Farben nicht für irgendwas?
Aus Felix' Zimmer dröhnt Tumult.
„Felix“, schreit Andre.
„Hol den Staubsauger, ich bin auf Knäckebrot getreten!“
„Mist“, murmelt mir Frodo ins Ohr.
„Jetzt hab ich Bock auf Kekse. Lass uns Kekse kaufen gehen.“
no subject
Date: 2019-04-10 08:25 pm (UTC)Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, außer dass ich mich in deinen Schreibstil reinlegen will
und was von dem Gras abhaben will. Verdammt, das ist so schön geschrieben.Ich mag diesen Typen, in den Frodo hineingewachsen ist, wie er immer noch da drin ist, wie er sich zu einer Version gewandelt hat, die sich mehr nach ihm anfühlt.
Und überhaupt schön. Und so.
Und ich liebe die letzten zwei Sätze. <3
no subject
Date: 2019-04-13 10:36 pm (UTC)daaaankeschön <3 <3
Ja, ich wurde darauf hingewiesen, dass Gras meistens doch nicht so heftig wirkt, aber äh ja.
Und jetzt denke ich auch wieder an Kekse xD
<3
no subject
Date: 2019-04-25 11:20 am (UTC)Ach, es ist schön, mal wieder was auf Deutsch zu lesen und mir gefällt, was du mit dieser Sprache so alles anfängst! Jetzt fühl ich mich tatsächlich ein bisschen inspiriert, und Jakob ja vielleicht auch!
no subject
Date: 2019-04-26 06:52 pm (UTC)Vielleicht hätte ich dazu schreiben sollen, dass der letzte Satz >>„Hol den Staubsauger, ich bin auf Knäckebrot getreten!“ << tatsächlich so ausgesprochen wurde und alleine die Tatsache ist wundervoll. xD
Ich freu mich, dass du dich inspiriert fühlst <3 Nutze es!
no subject
Date: 2019-04-26 08:43 pm (UTC)