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Titel: Gut getroffen
Challenge: 'die Hände von jemandem aufwärmen' vom 14.12.2018
Fandom: Tatort München (@[livejournal.com profile] rei17 oder @[livejournal.com profile] nyx_chan, könnte ich ein Tag bekommen?)
Charaktere: Kalli Hammermann, Ivo Batic, Franz Leitmayr
Rating: P12
Genre: Outsider-POV, Slash, ER,
Warnungen: None
Zusammenfassung: Eigentlich hat Kalli es mit seinen Chefs doch ganz gut getroffen. Auch wenn er manches nicht unbedingt hätte wissen wollen...
Wörter: 2660
Anmerkungen: Also, diese Geschichte ist so eine kleine Promptkollaboration zwischen oben genannter Challenge und einem Prompt von meiner diesjährigen Bingokarte, der da lautete "Essen/Trinken teilen". Irgendwo zwischendrin hat das Bunny eine komplett falsche Abzweigung erwischt und beide Prompts wurden irgendwie nur noch sehr oberflächlich gestreift, aber ich kann mit Fug und Recht behaupten: Wenn mir diese dumme Hände-Wärmen-Challenge nicht schon seit letztem Dezember um Kopf herumgegangen wäre, dann wäre es niemals zu diesem Text gekommen. Von daher: Die Challenge war schuld. Ansonsten hoffe ich, es gefällt ein wenig. Ich mag diese Outsider-POVs ab und an ganz gerne mal.



Eigentlich hatte Kalli es schon ganz gut getroffen, also, so mit seinen Chefs. Das fand er jedenfalls selbst. Und das hatte er auch seinen ehemaligen Kollegen von der Polizeischule erzählt, als sie sich gestern Abend in kleiner Runde auf ein Bier getroffen hatten, anlässlich des fünften Jahrestages ihres Abschlusses. Neugierig waren die gewesen, wie es denn so wäre, mit diesen beiden Urgesteinen der Münchner Kripo. Man hätte ja schon so viel gehört. Gute Polizisten sollten sie sein, überwältigende Aufklärungsquote, aber menschlich ganz schwierig. Zehn Assistenten hätten sie verschlissen in kaum sechs Jahren, einen gar in den Tod getrieben. Auf Skandale hatten sie gehofft, saftige Geschichten, Interna, mit denen sie sich dann selbst ein bisschen aufspielen konnten, die Gerüchteküche weiter befeuern. Das hatte er in ihren Gesichtern gesehen. Dieses erwartungsvolle Leuchten in den Augen, dieser ganz spezielle Unterton, als sie ihre Fragen stellten, immer wieder.

„Und, wie isses so?“

Und dann die Enttäuschung, als er ihre Geschichten nicht hatte bestätigen können. Wie das Leuchten verblasste, die Mundwinkel nach unten fielen. Erst hatte sie es gar nicht glauben wollen, hatten gleich mehrfach nachgefragt. Ihnen könnte er doch die Wahrheit sagen, hatten sie gönnerhaft gesagt. Aber seine Antwort war die gleiche geblieben, auch nach dem zehnten Mal.

„Gut. Gut isses. Ein bissel speziell, aber gut. Sympathisch sind’s.“

Geglaubt hatten sie es bis zum Schluss nicht, aber irgendwann hatten sie zumindest nicht mehr nachgefragt. Und er hatte es dann auch auf sich beruhen lassen. Gegen diese Gerüchte anreden, das war wie Besoffene befragen: Kostete unendlich Zeit und Nerven und am Ende kam nichts Brauchbares dabei heraus. Da hatte er keine Chance, auch nicht, erst recht nicht mit der Wahrheit.

Aber es war nun einmal die Wahrheit. Es war gut. Spannend, abwechslungsreich, manchmal schön, oft hart, dann wieder absurd komisch. Er hatte viel gelernt in den letzten fünf Jahren, sogar seine erste Festnahme hatte er schon auf der Kappe. Obwohl er nur der Assistent war – und Batic hatte ihm auch gratuliert. Natürlich war es nicht immer ganz einfach, speziell eben. Die zwei waren ein eingeschworenes Team und wenn sie so frotzelten und kabbelten, oder nur mit Blicken und halben Sätzen binnen Minuten komplizierte Fälle entwirrten, da konnte man sich schon manchmal ein bisschen außen vor fühlen. Da musste man dann ein dickes Fell haben. Sie arbeiteten halt schon länger zusammen, als er auf der Welt war, da kannte man sich in und auswendig, da gewöhnte man sich auch eine Sprache an, die sonst keiner verstand, das war normal. Und sie bemühten sich ja auch, ihn nicht auszuschließen. Leitmayr hatte sogar bei seinem Umzug geholfen – und seine Mutter hatte ihn natürlich sofort angebaggert. Seine Mutter! Seinen Chef! Das war so peinlich gewesen. Zum Glück war dann der Fall dazwischen gekommen und Leitmayr hatte nichts mehr dazu gesagt. War viel zu beschäftigt gewesen mit den Morden – und mit Batic. Da hatten sie auch wieder sowas gehabt, was er nicht ganz kapiert hatte. Aber sie waren ja auch mehr als doppelt so alt wie er – und es war wohl irgendwie auch privat gewesen. Das ging ihn sowieso nichts an.

Der Computer piepste, holte ihn aus seinen Kontemplationen zurück. Der Abgleich ihrer Fingerabdrücke vom letzten Tatort mit den Datenbanken war durchgelaufen. Kalli warf einen Blick auf den Bildschirm. Kein Treffer. Natürlich nicht. Es wäre ja auch zu einfach gewesen, wenn sich die einzigen nicht zuzuordnenden Fingerabdrücke am Tatort in ihrer Datenbank gefunden hätten. Schade, er hätte ihnen gerne ein Ergebnis präsentiert, wenn sie von der Leichenschau zurückkamen – und sich selbst die ganze Arbeit erspart. Jetzt musste er doch das ganze Material der Überwachungskamera durchgehen und mit den Zeugenaussagen abgleichen, in der Hoffnung, einen Kandidaten für ihre Fingerabdrücke zu finden. Das würde viel Arbeit werden. Aber nicht ohne Kaffee und eine Semmel. Das war auch so eine Sache, die er von Batic gelernt hatte. Anfangs hatte er alles immer ganz schnell gemacht, immer sofort und keine Zeit für einen Kaffee oder gar eine Semmel. Irgendwann hatte der Batic ihm eine riesige Tasse Kaffee auf den Tisch gestellt und der Leitmayr hatte eine Leberkässemmel daneben gelegt und ihn dabei ganz scharf angeschaut.

„Jetzt tu dir amoal die Ruhe an, Kalli!“, hatte er gesagt. „Ein bisserl ‚südländische Bequemlichkeit‘ hat noch keinem g’schadet.“

So wie er das betont hatte, und vor allem wie der Batic gelacht hatte, war das wieder so ein Witz zwischen den beiden gewesen. Er hatte es nicht verstanden, aber trotzdem vorsichtig mitgelacht – und den Kaffee natürlich gerne getrunken. Seitdem ging de Arbeit viel entspannter und machte auch mehr Spaß.

Seufzend stand er aus seinem Stuhl aus und griff nach seiner Tasse. Was war denn heute los mit ihm. Sonst machte er sich doch nicht so viele Gedanken um diese Sachen. Na, wahrscheinlich war die letzte Maß gestern Abend doch schlecht gewesen. Er hatte schon noch so ein leichtes Brummen hinter der Stirn und wenn er getrunken hatte, war er danach immer ein bisschen melancholisch. Erst recht bei so einem Wetter.

Er warf einen Blick aus dem Fenster. Es war inzwischen fast Mittag und noch immer war es nicht richtig hell geworden. Grau und trüb hing der Himmel über der Stadt. Die Sonne war als heller Fleck nur ganz eben zu erahnen, trotzdem stach der frische gefallene Schnee von letzter Nacht in den Augen. Das machte das Brummen in seinem Schädel auch nicht besser. Immerhin schienen die Chefs da unten ihren Spaß zu haben. Die kamen gerade von der Gerichtsmedizin herüber. Im Gleichschritt marschierten sie über den gerade geräumten Weg zwischen den Gebäuden, wie weiten Schritten, die Jacken offen. Die Kälte und das trübe Wetter schienen ihnen nichts anhaben zu können. Batic erzählte gerade offensichtlich irgendetwas – jedenfalls bewegte er den Mund und gestikulierte auslandend mit den Armen. Leitmayr lief mit ungefähr einen Meter Sicherheitsabstand neben ihm her und folgte den Armbewegungen mit dem Kopf – oder vielleicht auch nur der Brezen, die Batic in der Hand hielt. Batic nahm einen Bissen davon und fegte mit dem Rest wieder knapp vor Leitmayrs Gesicht vorbei. Und Leitmayr biss blitzschnell zu. Er erwischte den Rest der Brezen und offensichtlich auch Batic’ Finger, denn der riss seine Hand zurück und blieb abrupt stehen. Leitmayr feixte mit vollem Mund – bis Batic sich bückte, eine Riesenladung Schnee aufklaubte und sie Leitmayr in den Kragen stopfte. Was der natürlich nicht auf sich sitzen ließ und im Nu war eine wilde Schneeballschlacht im Gange.

Kalli schaute ihnen einen Augenblick zu, dann besann er sich auf seinen Kaffee. Mit einem leichten Kopfschütteln wandte er sich vom Fenster ab und ging hinaus auf den Flur zur Kaffeemaschine. Wenn man Batic und Leitmayr da unten jetzt so sah, dann mochte man kaum glauben, dass sie beide die sechzig schon überschritten hatten. Wann hatte er selbst das letzte Mal eine Schneeballschlacht gemacht? Es musste schon länger her sein, spontan konnte er sich jedenfalls nicht erinnern. Und auf dem Gelände des Polizeipräsidiums wäre er sowieso im Leben nicht auf so eine Idee gekommen. Aber die beiden konnten sich das erlauben, so lange, wie sie schon dabei waren. Ob er das auch schaffen würde?

„Wenn’st weiterhin so viel Kaffee trinkst, b’stimmt net“, hätte seine Mutter jetzt gesagt. „Da verreck’st vorher an einem Magengeschwür.“

Die wohlmeinende Zurechtweisung seiner Mutter im Hinterkopf goss er sich die Tasse trotzdem bis zum Rand voll und nahm auch direkt einen Schluck davon, dann schlenderte er zurück zu seinem Arbeitsplatz. Das Nachbarbüro war immer noch leer – offensichtlich hatte die Schneeballschlacht noch keinen Sieger gefunden. Er ließ sich auf seinen Schreibtischstuhl fallen und zog sich die Kiste mit den Aufzeichnungen der Überwachungskameras heran. Ein Sammelsurium von ungefähr einhundert DVDs, die ihnen irgendein lustloser Techniker gestern noch gebrannt hatte – natürlich unbeschriftet und ungeordnet. Jetzt konnte er also den Rest seines Tages – und wahrscheinlich auch noch die halbe Nacht damit verbringen, Ordnung in dieses Chaos zu bringen. Alles anschauen, datieren, beschriften, in der richtigen Reihenfolge einsortieren und nebenbei auch noch überprüfen, ob der verlangte Zeitraum auch wirklich vollständig vorhanden war. Heute blieb ihm auch wirklich nichts erspart. Er seufzte tief, gönnte sich noch einen großen Schluck von seinem Kaffee und schob die erste DVD ins Laufwerk.

Sie war noch nicht ganz durchgelaufen, als im Nebenbüro die Tür aufging. Es schepperte und rumpelte ein wenig, die Bügel am Kleiderständer klapperten, dann wurde die Tür in seinem Rücken geöffnet und Batic steckte den Kopf herein.
„Hast schon was, Kalli?“ Seine Stimme klang etwas atemlos und seine Wangen waren deutlich gerötet.

„Ja, … also, nein.“ Kalli wandte sich wieder dem Bildschirm zu, um nicht zu viel zu verpassen. „Moment, i komm’ glei’ rüber.“

Im Spiegelbild auf dem Monitor sah er, wie Batic nickte und wieder in Nachbarbüro verschwand. Keine zwei Minuten später – er hatte die DVD gerade aus dem Laufwerk geholt – ging drüben abermals die Tür auf und schepperte geräuschvoll gegen den Schrank. Leitmayr hatte anscheinend noch einen Umweg über die Kaffeemaschine gemacht.

„Was randalierst’n da?“ Batic, dezent sarkastisch.
„Ja, ich hab’ halt die Händ‘ voll. Hätt’st ja helfen können.“ Leitmayr, nicht weniger ironisch.

Damit schien alles geklärt. Nur noch das Quietschen leiser Schritt auf dem Linoleumboden drang durch die angelehnte Türe, ein Schreibtischstuhl knarrte und gefolgt von einer Tasse die geräuschvoll auf einem Tisch abgestellt wurde. Danach blieb es ruhig drüben. Die Lamellen am Fenster zwischen den Büros waren heruntergelassen, aber den Blick, den sie sich jetzt über ihre Schreibtische hinweg zuwarfen, kannte Kalli aber auch ohne ihn zu sehen. Dieses halbe Lächeln im Mundwinkel vom Batic, die etwas vorgeschobene Lippe vom Leitmayr, da fragte er sich manchmal schon, was das zu bedeuten hatte. Ob seine Mutter doch recht gehabt hatte?

„Des hätt’st mir aber scho‘ sag’n könne, des der auf Männer steht, dein Chef“, hatte sie nach Morgen nach der Einweihungsfeier gesagt.

Er hätte fast den Kaffee quer über den Frühstückstisch geprustet. Weil die beiden den ganzen Abend aus einer Flasche getrunken hätte, hatte sie gemeint. Ihm war das gar nicht aufgefallen, das taten sie ja irgendwie ständig. Batic klaute Leitmayr den Kaffee, Leitmayr revanchierte sich, indem er alle Semmeln verputzte. Er hatte natürlich sofort alles dementiert. Kollegen und Freund seit über fünfundzwanzig Jahren, hatte er ihr gesagt, da macht man sowas schon mal. Aber sie hatte es nicht recht glauben wollen. Und wenn man die beiden so sah, dann konnte man ja schon annehmen, dass … also, so … Nein! Falsches Thema!

Er schüttelte sich kurz, um die Bilder aus dem Kopf zu vertreiben, und konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit, immerhin hatte er Batic gerade ein Update über den Stand der Ermittlungen versprochen. Er schickte die bisherigen Ergebnisse des Fingerabdruckabgleichs zum Drucker. Während der lief beschriftete er noch eben die DVD, die er gerade angesehen hatte mit Aufzeichnungsdatum und Zeitraum, damit die letzte halbe Stunde nicht umsonst gewesen war. Dann griff er die Blätter aus dem Drucker und ging zur Zwischentür hinüber.

„Da, schau’ mal her. Ich glaub’ ich hab’ was.“ Batic.
Ein Stuhl wurde zurückgeschoben, wieder knarrte das Linoleum.
„Hm, ja, könnt’ was sein.“ Leitmayr, nachdenklich, ein bisschen undeutlich. Wahrscheinlich rieb es sich dabei das Kinn, wie er es ganz gerne mal tat, wenn er grübelte.
„Heh! Des war mein Kaffee, des weißt’ scho’, oder?“ Wieder Batic. Gespielt empört aber nicht wirklich überzeugend.
„Meiner steht so weit weg. Und ich hab’ kalte Händ’.“
„Hätt’st halt keine Schneebälle g’schmissen. Und zum Händ’ wärmen musst mir den net wegtrinken.“
„Ich wärm halt von innen. Du hast mir doch den Schnee in den Kragen gekippt.“
„Du hast mich gebissen! Und jetzt her damit.“

Es gab einen kleinen Tumult, dann wurde eine Tasse heftig auf einen Tisch geknallt. Kalli grinste in sich hinein. Kindsköpfe. Im nächsten Moment drang ein Ausruf der Überraschung durch die Tür, gefolgt von einem Schwall Kroatisch. Kalli hatte keine Ahnung, was Batic da gesagt hatte, aber nett war es bei dem Ton ganz sicher nicht gewesen. Dann rumste es heftig. So heftig, dass die Zwischenwand erzitterte. Was war das jetzt wieder? Wutausbruch? Streit? Batic hatte ja schon ein bisschen ein Temperament und Leitmayr konnte da auch ganz gut gegen halten. Wenn sie sich in der Wolle hatte, ging man besser in Deckung, sonst war man der erste Kollateralschaden. Trotzdem griff Kalli jetzt nach der Türklinke, zog die Tür auf und steckte den Kopf hindurch. Nur um gleich darauf bitter zu bereuen, dass er nicht auf seinen eigenen Rat gehört hatte, denn das war ein Anblick, den er eigentlich niemals hatte sehen wollen.

Leitmayr lehnte an rücklings am Aktenschrank hinter Batic’ Schreibtisch, Batic stand direkt vor ihm, hatte ihn beim Kragen gepackt. Daher dann auch der Rumms eben. Nach Streit sah es trotzdem nicht aus. Mehr nach…

„Was?“, fragte Leitmayr jetzt. „Ich hab’ kalte Händ’. Wenn du mir den Kaffee wegnimmst, muss ich sie eben anders wärmen.“
„So, kalt ist dir, ja?“

Batic’ Stimme hatte einen etwas merkwürdigen Unterton angenommen. Ein bisschen lauernd, aber nicht gefährlich, mehr so wie im Schlafzimmer. Kalli schluckt und dachte an die Worte seiner Mutter. Batic’ Hände lösten sich jetzt von Leitmayrs Kragen, glitten seine Brust hinab, unter den Armen hindurch nach hinten zu dessen Hintern.

„Dann muss ich dir wohl ein bisschen einheizen.“

Batic packte fest zu, hob Leitmayr mit einem Ruck auf den halbhohen Schrank. Er beugte sich vor und ihre Gesichter waren nur noch Zentimeter voneinander entfernt. Ein kleiner Teil seines aktuell völlig überforderten Hirns hoffte noch verzweifelt, dass das, was er da gerade sah nicht das war, wonach es aussah, dass sie ihn nur verarschten, versteckte Kamera oder so, aber der weit größere Teil ahnte schon, dass die Hoffnung vergebens war. Leitmayr immerhin hob jetzt die Hand, legte einen Finger an Batic Lippen.

„Net hier, Ivo. Mir sin’ im Büro.“
„Darfst halt net so laut stöhnen wie sonst.“

Batic öffnete den Mund, nahm Leitmayrs Finger zwischen die Lippen. Leitmayr schloss die Augen, ließ den Kopf in den Nacken fallen, stöhnte leise. Kalli schluckte trocken. Seinen Wangen glühten plötzlich und das Blut in seinen Ohne rauschte eindeutig viel zu laut. Zeit für den taktischen Rückzug. Schnell. Ganz, ganz schnell.

Er zog den Kopf zurück, griff die Klinken ein wenig fester und drückte die Tür so leise wie eben möglich zu. Kaum hörbar schnappte sie ins Schloss. Kalli atmete tief durch, versuchte sein hämmerndes Herz zu beruhigen. Gott sei Dank hatten die beiden nichts mitbekommen. Neben ihm schepperten die Verdunklungslamellen gegen das Fenster. Er sprang vor Schreck fast einen halben Meter hoch. Die Umrisse eines Rückens und eines Kopfes zeichneten sich deutliche am Fenster ab. Oh Gott, er konnte doch nicht … er wollte … er musste doch bestimmt noch … da, die DVDs. Die ließen sich im Videolabor ganz sicher besser analysieren als hier an seinem alten Rechner. Und bis er die alle durch hatte, sollten die beiden da drüben auch … Nein! Falscher Gedanke! Blindlings packte Kalli den Kasten mit den DVDs, warf die eine, die noch auf seinem Schreibtisch lag mit hinein und stürmte eiligst aus dem Büro.

Erst als er den Fahrstuhl erreicht, verlangsamte er seine Schritte. Sein Herz hämmerte immer noch wie wild und über das Rauschen in seinen Ohren klang wieder die Stimmer seiner Mutter.

„Die ham den ganzn Abend aus einer Flasche trunken. Des tust net ‚unter Freunden‘.“

Sie hatte recht gehabt. Sie hatte das gesehen. Wieso war ihr das aufgefallen und ihm nicht? Er war doch der Polizist. Ein leises ‚Ping‘ erklang und vor ihm öffneten sich die Fahrstuhltüren. Zum Glück war er leer. Er trat ein und drückte den Knopf für die sechste Etage. Die Türen schlossen sich und der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung. Er starrte in den riesigen Spiegel vor sich. Wie er aussah. Seine Ohren, seine Wange, sein ganzes Gesicht leuchtete wie eine überreife Tomate. Wie ein kleiner Schulbub, der gerade seinen ersten Playboy angeschaut hat. Das änderte alles. Was sollte er jetzt machen? Er konnte doch nicht so tun, als wäre nichts passiert.

Er hielt inne. Was war denn eigentlich passiert? War überhaupt wirklich etwas passiert? Er wusste jetzt etwas, was er vorher nicht gewusst hatte. Hatte ein paar Bilder im Kopf, die er vielleicht lieber nicht gehabt hätte. Aber sonst… sonst war doch alles wie vorher.

Ein bisschen speziell, aber gut.

Date: 2019-05-07 08:33 am (UTC)
servena: (Default)
From: [personal profile] servena
Viel mehr als ein paar Münchner Tatorte hab ich nicht gesehen, aber das hier hat mir trotzdem sehr gefallen! Outsider POV ist immer was Schönes, und Kallis war echt sehr unterhaltsam. Ansonsten fand ich auch das Bayrisch überraschend ansprechend, und wie sie sich um ihn kümmern!

„Jetzt tu dir amoal die Ruhe an, Kalli! Ein bisserl ‚südländische Bequemlichkeit‘ hat noch keinem g’schadet.“ <3

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