7. Türchen

Dec. 7th, 2018 10:50 am
[identity profile] thots-tochter.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Titel: Zwei Männer und (k)ein Baum
Challenge: # 01 "Das geht aber auch einfacher.", # 02 Hustenbonbons, # 03 ein Erlebnis, das zusammenschweißt
Fandom: SK Kölsch
Rating: P12
Genre: Preslash, Humor, Crack, Angst, Fluff (irgendwie von allem ein bisschen)
Warnungen: None
Zusammenfassung: Jupp möchte einen Weihnachtsbaum besorgen. Aber warum sollte er das einfach tun, wenn es auch umständlich geht?
Wörter: Viel zu viele (Ich glaube auch, ich habe etwas überzogen, aber ich konnte es ja nicht mittem im Satz enden lassen...)
Anmerkungen: Ey, sagt mal, Leute, wer hat sich diese Challenges einfallen lassen? Echt mal. Im ersten Moment dachte ich ja 'Oh Gott, das wird nie was', dann kam Jupp und sagte "Weihnachtsbaum holen" und das Unheil nahm seinen Lauf. Es ist völlig roh, teilweise im Halbschlaf geschrieben und ungefähr die Hälfte der Szenen habe ich am Ende ausgelassen, weil es einfach nicht gepasst hätte, aber ich hoffe, es amüsiert trotzdem ein bisschen.



„So, hab’ ich jetzt alles? Mal sehen, … Handschuhe, Axt, Seile, Sack, Decken … Schlitten is’ im Auto … ja, sieht gut aus…“

Klaus blickte von seiner Akte auf und schaute zu Jupp hinüber, der einen Berg Sachen auf einem ohnehin schon völlig chaotischen Schreibtisch zusammenwarf, unter anderem Seile, Arbeitshandschuhe, einen Stapel Rotkreuzdecken und den großen Jutesack von der Jennys letztjähriger Wichtelaktion. In der Hand hielt er die große Feuerwehraxt, die er eben aus dem Feuerschutzschrank im Flur entwendet hatte. Schon heute früh, als Jupp ihn abgeholt hatte, hatte er sich etwas gewundert, warum Flos alter Schlitten im Kofferraum lag. Ja, es hatte in den letzten Tagen überraschend viel geschneit, aber hier in der Stadt waren die Straßen alle gut geräumt. Da hier allerdings wurde jetzt langsam doch absurd.

„Jupp? Was soll das werden?“ Er legte den Kopf schief, zog die Augenbraue an und schenke Jupp einen hoffentlich pointiert fragenden Blick.
„Ich hole einen Weihnachtsbaum!“, erklärte Jupp als wäre es das selbst verständlichste auf der Welt.
„Einen Weihnachtsbaum?“, echote Klaus ungläubig.
„Ja, einen Weihnachtsbaum!“

Jupp stemmte die Hand mit der Axt in die Hüfte und schaute ihn etwas merkwürdig an. In einem Horrorfilm wäre das der Moment gewesen, wo jeder gewusst hätte, wie die Szene enden würde. Zum Glück war er nicht in einem Horrorfilm, was allerdings auch hieß, dass er keine Ahnung hatte, was Jupp mit dieser martialischen Axt vorhatte. Wobei die Möglichkeit, dass er damit noch irgendwen – oder vermutlich eher irgendwas – massakrieren wollte, noch nicht völlig ausgeschlossen war.

„Und dafür brauchst du eine Feuerwehraxt?“

Sicherheitshalber wollte er sofort klären, was Jupp mit diesem martialischen Ding vorhatte. Damit er wusste, wann er in Deckung gehen musste. Jupp hob die Hand mit der Axt und drehte sich vor seinem Gesicht ein paar Mal hin und her. Er wiegte den Kopf ein wenig, ganz so, als fiele ihm jetzt erst auf, was er da in der Hand halten würde.

„Ja, du hast ja Recht,“ – Klaus atmete auf. Jupp war doch nicht völlig verrückt geworden – „sie ist ein bisschen unpraktisch. Aber es war die einzigem, die da war.“
„Einzige die da war?“ – Okay, vielleicht befand er sich doch in einem Horrorfilm. Sollte er sich vielleicht ganz langsam Richtung Tür bewegen, um seine Überlebenschancen zu erhöhen? – „Wofür brauchst du überhaupt eine Axt um einen Weihnachtsbaum zu holen?“
„Wie soll ich den Baum denn sonst umhauen?“

Klaus hatte den Mund schon zu einer Erwiderung geöffnet, doch die Worte blieben ihm im Halse stecken. Für einen Augenblick starrte er Jupp nur mit offenem Mund an. Er musste sich verhört haben, ganz bestimmt, oder er war verrückt geworden. Für einen Moment hatte er doch ernsthaft geglaubt, Jupp hätte gesagt, er wollte …

„Den Baum umhauen?“
„Ja, natürlich. Wie soll ich denn sonst an einem Weihnachtsbaum kommen?“

Jupp legte die Axt zur Seite – immerhin eine positive Entwicklung – nahm sich den Jutesack und begann in aller Ruhe das Sammelsurium auf seinem Schreibtisch darin verschwinden zu lassen. Klaus klappte den Mund wieder zu. Korrektur: Nicht er war verrückt geworden, Jupp war verrückt geworden. Vollkommen verrückt, noch verrückter als karnevalsverrückt. Er wollte wirklich allen Ernstes mit einer Axt in den Wald marschieren und einen Tannenbaum fällen – als Weihnachtsbaum fürs Büro. Auf so eine Idee konnte wirklich nur Jupp kommen. Wo es doch jetzt im Dezember an jeder Ecke Weihnachtsbäume zu kaufen gab.

„Meinst du nicht, das geht auch einfacher?“, fragte er. „Du könntest zum Beispiel einfach zum Baumarkt um die Ecke fahren und einen kaufen. Die haben einen großen Weihnachtsbaumverkauf auf dem Parkplatz.“

„Hast du mal gesehen, was für mickrige Dinger das sind? Und was die kosten?“ Er zog den Sack zu und warf ihn über die Schulter, dann nahm er die Axt wieder auf. „Nee, ich besorge einen richtigen Weihnachtsbaum fürs Büro. Nicht so ein Mini-Ding wie Achim letztes Jahr.“

„Das möchte ich sehen“, murmelte Klaus nur, als Jupp in Richtung Bürotür marschierte.
„Dann komm!“

Jupp blieb stehen und schaute ihn abwartend an. Eigentlich hatte Klaus das mehr rhetorisch gemeint, aber jetzt plötzlich schien es ihm doch eine ganz gute Idee, Jupp nicht allein gehen zu lassen. Bei seinem Talent aus kleinen Dingen riesige Katastrophen zu machen, sollte er vielleicht wirklich nicht allein in den Wald gehen. Am Ende begrub er sich noch selbst unter dem Baum oder verlief sich im völlig verschneiten Wald. Es war ja auch schon früher Nachmittag, nicht mehr lange und es würde anfangen zu dämmern. Abgesehen davon wollte er schon ganz gerne sehen, wie Jupp sich dabei anstellte, einen Baum zu fällen. Er stand von seinem Schreibtisch auf, schnappte sich Schal und Mantel und folgte Jupp aus dem Büro. Sie waren schon fast am Fahrstuhl, als Jennys Stimme hinter ihnen erklang.

„Jupp, warte! Dein Tee!“

Sie kam hinter ihnen her gerannt und hielt Jupp eine silberne Thermosflasche hin. Jupp nahm sie mit einem wissenden Grinsen entgegen und stopfte sie noch mit in dem Sack. Irgendwie beschlich Klaus gerade der Verdacht, dass da nicht nur ein simples Heißgetränk drin war.

„Na, bisschen spät, was?“, bemerkt Gino, der gerade in der Bürotür erschienen war. „Bring bloß einen schönen großen Baum mit!“
„Bring überhaupt einen Baum mit!“, ließ Achim vernehmen. „Nicht so eine jämmerliche Ansammlung von Tannenzweigen wie beim letzten Mal.“
„Ja, ja, ja!“, knurrte Jupp. „Das wird der prächtigste Baum, den wir je gehabt haben. Ihr werdet schon sehen.“

Klaus schaute zwischen seinen Kollegen hin und her. Das war doch nicht zu fassen. Die wussten alle drei genau was Jupp vorhatte und niemand hatte ihm auch nur ein Sterbenswörtchen gesagt? Viel schlimmer, sie unterstützten diesen wahnwitzigen Plan auch noch? War er denn hier der einzige, der noch normal tickte?

„Oh Herr, wirf Hirn vom Himmel. Und viel. Es trifft in jedem Fall den Richtigen“, murmelte er halblaut.

Jupp bekam gar nichts mit. Er hatte sich schon wieder in Bewegung gesetzt und war im Fahrstuhl verschwunden. Gino und Jenny grinsten nur. Klaus schüttelte den Kopf und eilte hinter Jupp her.


* * *


Die Fahrt verlief weitgehend schweigend. Anfangs war bei Klaus kurzzeitig die Hoffnung aufgeflammt, dass Jupp ihn und Kollegen vielleicht nur auf den Arm genommen hatte, als er in Richtung des Baumarkts abgebogen war. Doch die hatte sich schnell zerschlagen. Jupp hatte den hell erleuchteten Baumarkt mit seinem Weihnachtsbaumverkauf links liegen lassen und den Wagen stur aus der Stadt herausgesteuert. Inzwischen hatten sie Köln weit hinter sich gelassen und sie fuhren immer noch weiter. Die Landschaft um sie herum wurde immer bergiger und einsamer. Nur noch ganz vereinzelt schimmerten die Fenster einsamer Häuser und Höfe durch die heraufziehende Dämmerung. Dafür wurden die Baumgruppen und Wäldchen immer zahlreicher um sie herum und es wurde immer dunkler. Das letzte Tageslicht war kaum noch mehr als ein rosafarbener Streifen am Horizont und der Mond war längst aufgegangen. Irgendwann, als Klaus schon gar nicht mehr daran glaubte, dass diese Fahrt noch einmal ein Ende nehmen würde, bog Jupp dann tatsächlich auf einen kleinen Wanderparkplatz ein.

„Wir sind da!“, verkündete er.

Klaus schaute sich um. Sie standen auf einem tief verschneiten Parkplatz am Rande eines großen, lichten Buchenwaldes. Die dicke Schneedecke war bis auf die Spuren ihres Wagens völlig unversehrt und auch wenn sie an einigen Stellen sehr wellig war, deutete das doch darauf hin, dass sie seit mindestens drei Tagen das einzige Fahrzeug waren, das diesen Parkplatz befahren hatte. Draußen waren es längst stockdunkel geworden und der Himmel zog sich langsam aber sicher mit schweren, dunklen Wolken zu. Wenn er sich recht erinnerte, war für heute Abend noch mehr Schnee angekündigt, wenn nicht gar ein Schneesturm. So oder so, ganz sicher kein Wetter, bei dem er sich irgendwo draußen im Wald herumtreiben wollte.

„Ja, Jupp, ist gut jetzt. Du kannst dein Schauspiel beenden. Wir können umkehren und einfach einen Baum kaufen. Ich verspreche auch, dass ich den anderen nichts sagen werde.“

Jupp hatte sich allerdings bereuts abgeschnallt und war gerade dabei, die Autotür zu öffnen. Er hielt inne und warf Klaus über die Schulter hinweg einen abschätzenden Blick zu.

„Das war kein Schauspiel. Ich gehe jetzt einen Baum holen. Du kannst ja hierbleiben, wenn es dir zu kalt ist.“

Damit stieg er aus dem Wagen, holte den Sack und die Axt aus dem Kofferraum und stapfte in Richtung auf dem Waldweg davon. Klaus blieb einen Moment sitzen und fluchte stumm vor sich hin. Dieser verdammte sture Hund. Konnte er nicht einmal etwas wie normale Menschen machen? Musste er immer irgendwie beweisen, was für ein toller Hecht er doch war? Verdammte Macho-Heten! Er war wirklich versucht, im Wagen sitzen zu bleiben und einfach zu warten, bis Jupp den Irrsinn seines Tuns selbst einsah und nass und durchgefroren zurückkam. Allerdings wusste er nur zu gut um Jupps Starrsinn. Die Blöße, ohne Baum zurückzukehren würde er sich jetzt ganz sicher nicht geben. Eher würde er im Wald erfrieren. Das wiederum war etwas Klaus garantiert nicht wollte. Er seufzte tief. Es half ja doch nichts, er konnte Jupp nicht allein gehen lassen. Also schlang er sich seinen Schal noch etwas enger um den Hals, knöpfte den Mantel bis oben hin zu und stieg aus dem Wagen.

Eisiger Wind empfing ihn. Er zog den Schal bis über die Nasenspitze hoch, vergrub die Hände in den Manteltaschen und stapfte hier hinter Jupp her. Der hatte inzwischen einen ziemlichen Vorsprung, aber zum Glück waren seine Spuren im tiefen Schnee gut zu sehen. Klaus blieb direkt in seiner Spur. So musste er sich nicht durch die dicken Schneewehen kämpfen und kam schneller voran. Trotzdem rieselten ihm schon nach kurzer Zeit die ersten Schneekrümelchen in die Schuhe, durchnässten seine Socken. Seine Winterschuhe mochten gut aussehen, aber sie waren halt einfach nicht dafür gedacht, durch vierzig Zentimeter Schnee zu stampfen. Und Jupps Vorsprung wurde einfach nicht kleiner.

„Jupp, verdammt, jetzt warte doch mal!“, rief er ihm hinterher. „Jupp!“

Jupp blieb er stehen, drehte sich zu ihm herum und gab ihm die Chance aufzuschließen.

„Na, ist es dir doch zu langweilig geworden?“, fragte er grinsend.
„Nein, ist es nicht, aber ich kann dich wohl kaum allein gehen lassen. Wer weiß, was du wieder anstellst“, erwiderte Klaus genervt.
„Ach komm, du hast einfach Angst im Dunkeln.“ Jupps Grinsen wurde noch breiter und er knuffte Klaus leicht ein die Seite. „Gib’s doch einfach zu!“
„Nein, ich habe keine Angst im Dunkeln!“ Klaus verdrehte die Augen. „Aber das ist einfach Wahnsinn! Es ist schon dunkel, arschkalt und es zieht ein Schneesturm auf. Lass uns umkehren, verdammt!“
„Ach Quatsch! Das ist ganz einfach, wirst schon sehen. Das hat mein Vater schon mit mir gemacht, als ich noch ein kleiner Junge war.“

Jupp drehte sich wieder um und marschierte weiter. Klaus mühte sich, mit ihm Schritt zu halten. Hier zwischen den Bäumen lag der Schnee nicht mehr ganz so hoch, trotzdem war das Vorankommen mühsam.

„Hast du wenigstens eine Taschenlampe dabei?“
„Wozu? Der Mond scheint doch!“

Just in diesem Moment schob sich eine große dunkle Wolke vor den Mond. Die eben noch weiß leuchtende Schneedecke war mit einem Mal nur noch ein schmutzig graues Laken, das alles bedeckte, alle Konturen raubte und die nackten Bäume nur noch vage schwarze Schemen vor einem dunkelvioletten Winterhimmel. Klaus zog seinen Mantel fester um sich. Das konnte gar nicht gut enden.


* * *


Klaus hatte keine Ahnung, wie lange sie jetzt schon sinnlos durch den Wald stapften. Eine Stunde, vielleicht auch zwei oder drei. Gefühlt war es eine Ewigkeit, tatsächlich wahrscheinlich viel, viel weniger, aber er hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Eisige Böen pfiffen zwischen den Bäumen hindurch, fegten Schnee und Eis von den nackten Zweigen, schlugen ihnen wie eisige Peitschen ins Gesicht. Er zog die Schultern noch ein wenig höher, stemmte sich gegen den Wind und die Kälte, kämpfte sich mühevoll vorwärts. Seine Hose war bis zu den Knien durchnässt, seine Schuhe trieften und seine Zehen spürte er schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Er hauchte sich zum wiederholten Male in die Hände, schob sie unter die Achseln, in dem verzweifelten Versuch, seine ertaubten Finger wiederzubeleben. Er hatte keinen Sinn. Die Kälte kroch ihm in alle Glieder. Ein Zittern rann durch seinen Körper und es gelang ihm nur mit größter Mühe, seine Zähne daran zu hindern, unkontrolliert aufeinander zu schlagen. Hätte er sich heute Morgen mal den dicken Wintermantel angezogen und nicht nur dieser dünne Übergangteil, dann müsste er jetzt vielleicht nicht so frieren. Aber wer konnte denn auch ahnen, dass er heute noch zu einer Weihnachtbaumexpedition in die Eifel aufbrechen würde.

Zu einer völlig erfolglosen Weihnachtsbaumexpedition wohl gemerkt, denn was sie bisher gefunden hatten, waren Buchen in so ziemlich allen Größen und Altersstufen, mit ein paar vereinzelten Eichen und Eschen dazwischen. Aber nichts, was auch nur entfernt Ähnlichkeit mit einem Weihnachtsbaum gehabt hätte. Was auch nicht weiter verwunderlich war, schließlich befanden sie sich in einem Buchenwald und Buchen waren ihrem Wesen nach nun einmal Laubbäume, wohingegen Weihnachtsbäume grundsätzlich Nadelbäume waren. Er hatte Jupp mehrfach darauf hingewiesen und der hatte stets nur erwidert, dass um die nächste Biegung ein Tannenwäldchen wäre und um die nächste Biegung und um die nächste… Natürlich war kein Tannenwäldchen gekommen, auch keine Baumgruppe, nicht mal eine simple einzelne Tanne. Nur nackte Buchen so weit das Auge reichte. Jupp war mit jeder Wegbiegung hinter der keine Tannen auftauchten stiller und stiller geworden. Seit mindestens vier Biegungen stampfte er nur noch stumm vorweg. Klaus war sich nicht sicher, ob er weiter ging, weil er sich sein Scheitern nicht eingestehen wollte, oder nur noch, weil sie sich längst völlig verlaufen hatten und er einfach nicht wusste, was er stattdessen machen sollte. Er fragte auch lieber nicht nach. Es war sowieso auch egal. Er selbst hatte keine Ahnung mehr wo sie eigentlich waren und der Wind hatte ihre Spuren kaum fünf Meter hinter ihnen schon wieder zugeweht. Wenn sie nicht stehen bleiben und jämmerlich erfrieren wollten, mussten sie weitergehen. Und da war weiter genauso gut wie zurück. Irgendwann musste dieser Wald doch mal ein Ende haben, irgendwann mussten sie doch wieder auf die Spuren der Zivilisation stoßen. Eine Landstraße, ein einsamer Hof, ein Dorf, irgendwas. Sie waren doch hier mitten in Deutschland, nicht irgendwo in der kanadischen Wildnis.

In der verzweifelten Hoffnung, sich irgendwie von der scheidenden Kälte abzulenken, erinnerte er sich zurück an seinen Weihnachtsausflug mit Aaron, damals, als er in Washington gewesen war, doch es wollte ihm nicht gelingen. Allein der Gedanke an das warme Kaminfeuer in der kuscheligen Blockhütte sorgte dafür, dass ihm seine schmerzenden Füße und Finger nur noch bewusster wurden. Seine Zähne schlugen hart aufeinander, obwohl er sie so fest zusammenbiss, dass er fast einen Krampf in den Wangen bekam. Jupp und seine beschissenen Ideen! Warum ließ er sich immer und immer wieder darauf ein? Er wusste doch, dass das nie gut ging.

Vor ihm geriet Jupp ins Stolpern. Eine Wurzel oder ein Stein vielleicht, die unter der Schneedecke nicht zu erkennen gewesen waren. Er verlor das Gleichgewicht taumelte zur Seite und fing sich im letzten Moment an einem jungen Baum ab. Der Baum erzitterte unter Jupps Gewicht und überschüttete ihn mit einer Lawine aus Schnee und Eis.

„So eine verdammte Scheiße!“, fluchte er. „Warum passiert mir sowas eigentlich immer, wenn ich mit dir zusammen bin?“

„Ich? Wenn du dich mal einmal wie ein normaler Mensch benommen hättest, dann würden wir hier jetzt nicht durch den Wald irren. Aber nein, du musstest ja mal wieder beweisen, was für ein toller Hecht du bist!“

Sie standen sich gegenüber, die Schultern zurückgezogen, die Hände zu Fäusten geballt und starrten einander an. Für einen Augenblick schien es so, als würde Jupp sich jeden Moment auf ihn stürzen, doch das verschwand die Spannung aus seinen Schultern. Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und begann, den Schnee von seiner Jacke zu klopfen.

„Leck mich doch am Arsch!“, knurrte er nur. „Hättest ja nicht mitkommen müssen.“

Klaus sagte nichts dazu. Jupp hatte ja recht. Es hatte ihn niemand gezwungen mitzukommen. Das war nur wieder sein dämliches Pflichtgefühl gewesen – und die Tatsache, dass er Jupp einfach nicht allein lassen konnte, wenn der sich in potenziell gefährliche Situationen begab. Nicht dass er ihm helfen konnte, wie er gerade eindrucksvoll bewies, aber immerhin war er bei ihm. Er hob den Sack und die Axt wieder auf und reichte sie Jupp. Der nickte nur stumm und schulterte beides wieder.

„Immerhin schneit es nicht. Das hätte mir jetzt gerade noch gefehlt.“

Zum zweiten Mal an diesem Tag bewies der Wettergott, dass er offenbar einen direkten Draht zu ihnen hatte – und einen Sinn für Ironie. Eine einzelne dicke Schneeflocke sank langsam zwischen ihnen hinab und lege sich auf Jupps so eben freigeklopfte Jacke. Dann noch eine und noch eine und noch eine.

„Ich hasse es!“


* * *


Die einzelnen Flocken verwandelten sich binnen kürzester Zeit in ein wahres Schneetreiben und schon bald konnten sie die Hand kaum mehr vor Augen sehen, geschweige denn den Weg. Ihre Spuren waren zugeweht, kaum dass sie die Füße wieder vom Boden hoben und der Schnee kroch in jede Ritze, jetzt Falte. Rieselt ihm aus dem Haar in den Nacken, sammelte sich in seinen Ohren, hing an seinen Wimpern, aber Klaus spürte die Kälte gar nicht mehr. Sein ganzer Körper war einfach nur noch taub. Sie mussten einen Unterschlupf finden. Dringend! Schutz vor dem Wind und der Kälte, raus aus dem Schnee, sonst…

„Da!“

Jupp war plötzlich stehen geblieben und deutete mit ausgestrecktem Arm schräg nach rechts. Klaus blieb ebenfalls stehen. Er folgte Jupps Geste mit den Augen. Es war nicht leicht zu erkennen, aber der dunkle Schemen, der sich da aus dem dichten Schneetreiben schälte, hatte starke Ähnlichkeit mit einer Hütte. Vielleicht nur eine offene Wanderhütte oder eine alte Scheune, mit etwas Glück aber auch ein bewohntes Haus, in jedem Fall genau der Schutz, den sie dringend brauchten.

„Komm!“

Jupp packte ihn bei der Schulter und zog ihn mit sich. Unter normalen Umständen hätte er jetzt zur Vorsicht gemahnt. Wer wusste schließlich, wer oder was sich da verborgen halten könnte, aber in diesem Moment war ihm das vollkommen egal. Er wollte nur noch raus aus der Kälte und dem Wind. Und wenn er mit dem Leben dafür bezahlen musste, dann war das eben so. Wenn sie nicht bald Schutz fanden, dann waren diese Überlegungen sowieso müßig.

Sie stapften vorwärts, so schnell sie konnten und wenn der Schnee nicht längst kniehoch gelegen hätte, wären sie wahrscheinlich auch gerannt. Mit jedem Schritt wurde der dunkle Schemen deutlicher bis sie schließlich vor einer kleinen Blockhütte standen. Es war nicht das bewohnte Haus, dass Klaus sich ersehnt hatte, aber es war eine richtige Hütte, mit festen Wänden und einer Tür. Einer Tür allerdings, die mit einem eisernen Riegel und einem Vorhängeschloss gesichert war. Jupp rüttelte kurz daran, aber sowohl Schloss als auch Riegel sahen ziemlich neu aus und gaben nicht nach. Jupp ließ sich davon nicht abschrecken.

„Für irgendwas muss ich das verdammte Teil ja mitgeschleppt haben“, knurrte er grimmig.

Er ließ den Sack von der Schulter gleiten und drückte ihn Klaus in die Hand. Dann trat er einen Schritt zurück, drückte das spitze Ende der Feuerwehraxt hinter den Riegel und hebelte mit aller Kraft. Selbst über das Pfeifen des Windes war das Ächzen des Holzes deutlich zu hören. Es dauerte einen kurzen Moment, dann krachte und splitterte es und die Tür sprang auf.

„Bitte sehr! Nach Ihnen!“

Jupp bedeutete ihm mit großer Geste als erster einzutreten. Klaus hatte keine Ahnung, ob das jetzt Freundlichkeit oder Vorsicht war, aber es war ihm auch völlig gleichgültig. Er eilte durch die Tür, hinein in die Hütte. Drinnen war es noch finsterer als draußen. Er konnte kaum die Hand vor Augen sehen, geschweige denn wie es in der Hütte aussah. Automatisch streckte er die Hand aus und tastete neben der Tür nach einem Lichtschalter. Zu seiner Überraschung fand er tatsächlich einen dieser uralten Drehlichtschalter. Seine Hoffnung, dass es hier wirklich funktionierendes Licht geben könnte, waren eher gering, trotzdem drehte er daran. Er hatte wollte nicht im Dunkeln hocken müssen, nur weil er den dummen Schalter nicht wenigstens getestet hatte. Und wirklich, ganz hinten in der Ecke flammte eine schwaches, gelbliches Licht auf. Es war nicht besonders stark, aber es reichte, um sich wenigstens grundlegend zurechtzufinden. Während Jupp hinter ihm die Tür zuzog und mit der Axt verbarrikadierte, schaute Klaus sich in ihrer Zuflucht ein bisschen genauer um.

Die Hütte war nicht sonderlich groß, kaum größer als ihr Büro, und schien eine Kreuzung aus Werkzeugschuppen und Aufenthaltsraum bei schlechtem Wetter für Waldarbeiter zu sein. Die eine Seite war komplett vollgestellt mit allerhand Werkzeugen, Lagerregalen und Kisten, aber in der hinteren Ecke stand ein uraltes Sofa, ein mindestens ebenso alter Couchtisch und eine wilde Ansammlung von noch weitaus älteren Stühlen. Sämtlich Möbelstücke hatten eindeutig schon bessere Tage gesehen und fristeten hier vermutlich ihr Gnadendasein, aber in diesem Augenblick kamen sie ihm trotzdem himmlisch vor. Mit schnellen Schritten durchquerte er den Raum und ließ sich auf dem Sofa nieder. Es roch ein bisschen muffig, aber es war trocken und vor allem konnte er sitzen und seine schmerzenden Beine entlasten. Wenn ihm nicht so eisig kalt gewesen wäre, er hätte einfach umkippen und schlafen können, so erschöpft war er.

„Ausziehen!“
„Huh? Was?“

Irritiert schaute Klaus zu Jupp auf, der vor ihm stand und den Sack auf dem Couchtisch ausleerte. Das hatte er jetzt gerade fasch verstanden, oder? Jupp hatte doch nicht ernsthaft gerade …

„Ausziehen!“

Doch, hatte er. Und er ging auch direkt mit gutem Beispiel voran. Für einen Moment schaute Klaus nur sprachlos zu, wie Jupp sich tatsächlich nach und nach entkleidetet. Er zog seine Jacke aus, schüttelte des restlichen Schnee ab und hängt sie über einen Stuhl. Es folgten die Schuhe, dann die Socken und schließlich seine Jeans. Allein vom zusehen fing Klaus schon wieder an zu zittern. Hier drinnen waren sie zwar aus dem beißenden Wind raus, aber die Temperaturen lagen trotzdem um den Gefrierpunkt. Definitiv keine Temperaturen, um nur in Unterwäsche herumzulaufen.

„Ja, komm, hopp, hopp. Raus aus den nassen Sachen, oder willst du dir Erfrierungen holen?“

Widerwillig erhob Klaus sich von der Couch und schälte sich aus seinem Mantel. Seine Knie protestierten schmerzhaft. Ihnen wäre es lieber gewesen, wenn er sitzen geblieben wäre – und ihm auch. Aber Jupp kannte kein Erbarmen. Während Klaus sich seine Schuhe und die Hose auszog, beobachtete er skeptisch, wie Jupp die Decken auf der Couch ausbreitete. Was sollte das jetzt werden?

Er setzte sich auf einen der wackeligen Stühle und kämpfte mit den Socken. Sie waren klatschnass und klebten an der Haut und die Tatsache, dass er weder in den Fingern noch in den Zehen noch irgendein Gefühl hatte, machte es auch nicht einfacher. Am Ende schaffte er es aber doch. Seine Zehen waren schon vollkommen blau gefroren. Probeweise setzte er den großen Zeh auf den blanken Steinboden. Es machte keinen Unterschied ob mit oder ohne Socken. Er spürte sowieso nichts. Also erhob er sich von dem Stuhl und trat hinüber zu Jupp.

„Ausgezogen“, bemerkte er. „Was jetzt?“
„Komm her.“

Jupp krabbelte zwischen die Decken auf das Sofa, hob sie einladend an und klopfte auf das Polster vor sich. Meinte er das jetzt ernst?

„Was soll das werden?“
„Ich bin durchgefroren, du bist durchgefroren und Körperwärme ist die einzige Wärmequelle, die wir haben. Also stell’ dich nicht so an.“

Jupps Argumente klangen sehr einleuchtend und Klaus wusste eigentlich auch, dass Jupp recht hatte, trotzdem zögerte er. Das klang so gar nicht nach dem Jupp, den er kannte.

„Bist du sicher?“
„Fällst du über mich her, oder was?“
„Quatsch!“
„Na also! Komm jetzt, mein Arm wird lahm.“

Klaus musste grinsen. Das klang schon wieder mehr nach Jupp. Schnell schlüpfte er zu ihm unter die Decken. Die waren zwar auch eisig kalt, aber immerhin trocken. Er streckte sich vorsichtig aus und versuchte, es sich auf der Sofakante so gemütlich zu machen, wie es eben ging, ohne Jupp zu berühren. Der schien allerdings andere Ideen zu haben. Da war plötzlich eine Hand an seiner Taille, glitt über seinen Bauch und zog mit einem kräftigen Ruck rückwärts gegen Jupps Brust. Klaus japste überrascht.

„Ich sagte ‚Körperwärme teilen‘“, murmelte Jupp in seinen Nacken. „Sonst wird ja keiner von uns wieder warm.“
„Was ist mit dem Tee?“, fragte Klaus. „Ich hätte auch Durst.“
„Vergiss es. Der besteht zu fünfzig Prozent aus Rum!“ Die Hand an Klaus Bauch verschwand kurzzeitig und er spürte, wie Jupp hinter ihm herumrumorte. „Hier!“

Jupp drückte ihm einen kleinen, harten Gegenstand in die Hand, der in Papier eingewickelt war. Dann schlang er den Arm wieder um seine Brust und kuschelte sich fest an seinen Rücken.

„Was ist das?“, fragte Klaus irritiert.
„Hustenbonbon“, brummte Jupp. „Was anderes hab’ ich nicht. Hilft gegen das Durstgefühl.“

Seine Stimme klang schon schwer und schläfrig. Klaus wog das Bonbon einen Moment in der Hand, dann wickelte er es aus und steckte es in den Mund. Besser als gar nichts, war es in jedem Fall. Er rutschte noch ein bisschen hin und her – was Jupp mit einem empörten Brummen quittierte – zog die Decke noch etwas höher und schloss die Augen. Die Erschöpfung gewann die Oberhand und selbst das heiße Kribbeln in seinen Beinen, als langsam wieder Leben in sie kam, konnte den Schlaf nicht mehr abwehren. Seine Gedanken wurden immer träger, seine Glieder immer schwerer. Im letzten Moment, bevor er in den Schlaf herüberglitt, meinte er noch ein paar Lippen zu spüren, die ganz sanft und zärtlich durch seinen Nacken strichen und in diesem Moment, mit dem heulenden Sturm vor der Tür, dem Geschmack von Eukalyptus auf der Zunge und diesen beruhigend warmen, lebendigen Körper in seinem Rücken, schien ihm dieses Abenteuer plötzlich gar nicht mehr so wahnsinnig.

Date: 2018-12-07 09:02 pm (UTC)
From: [identity profile] cricri-72.livejournal.com
Die Aktion mit der Axt kann ich mir bei Jupp absolut vorstellen :D Wie die ganze Aktion, nach dem Motto "ein echter Mann holt den Weihnachtsbaum selbst aus dem Wald."

Und dann wird es ja richtig ernst ...
Aber wer konnte denn auch ahnen, dass er heute noch zu einer Weihnachtbaumexpedition in die Eifel aufbrechen würde.
Armer Klaus *hugs*

Zu einer völlig erfolglosen Weihnachtsbaumexpedition wohl gemerkt, denn was sie bisher gefunden hatten, waren Buchen in so ziemlich allen Größen und Altersstufen, mit ein paar vereinzelten Eichen und Eschen dazwischen. Aber nichts, was auch nur entfernt Ähnlichkeit mit einem Weihnachtsbaum gehabt hätte.
Oh nein, Jupp :D

Und das Ende ist natürlich wunderschön <3 Mit cuddling for warmth kriegt man mich ja grundsätzlich immer ;) Aber die Stimmung ist auch super beschrieben, ich habe fast mit Klaus mitgefroren, so anschaulich war das.
Edited Date: 2018-12-07 09:03 pm (UTC)

Date: 2018-12-11 10:05 pm (UTC)
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From: [personal profile] der_jemand
Ach, was wäre Weihnachten ohne (versuchten) Waldfrevel. =)
Und als Mensch, der in seinem Leben einmal zu oft in der Eifel bei der (legalen) Weihnachtsbaumsuche gefroren hat: Oh, habe ich mit Klaus gelitten. Das war sehr plastisch und überzeugend beschrieben. Brrr! Gut, dass Jupp dann doch ab und an mal vernünftig ist. :)

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