Benutzte Prompts:
1. Gestreifte Flauschsocken
2. „Da steht/stand 'alkoholfrei' drauf“
Fandom: Berliner Youtuber (AU)
Personen/Pairing: LeFloid/Frodo(apparat)
Gastauftritte: Der Skoda aus meiner Nano-Fic und LeFloids Camaro.
Wörter: ~ 2.200
Summary:
Flo und Frodo sind Einbrecher und steigen in ein Haus ein, in dem eine scheinbare Bilderbuchfamilie wohnt. Fluff und snark ensue.
Anmerkung:
Ja, ich lebe noch. Ohai!
Ich hatte spontan Lust, aus den beiden ein Paar Gangsterjungs mit trauriger Vergangenheit zu machen. Keine Ahnung, Angst ist halt immer noch a thing bei mir.
Wer noch eine Vorstellung davon braucht, wie sie aussehen, kann sich dieses karieserregende kurze Fanvideo angucken.
Ich wünsche eine schöne Adventszeit!
Ich stelle den Skoda zwei Straßenecken weiter ab. Der Motor stirbt röchelnd vor sich hin. Die olle Schabrackenkarre. Macht mich immer noch fertig, dass wir nicht den geilen Camaro klauen konnten, den der Typ auf der Raststätte neben uns hatte.
„Bist du behindert?“, hat Frodo genuschelt, als er rüberspähte ins Tankstellenhäuschen, wo der Skodabesitzer gedankenlos rumhing – ohne seinen Autoschlüssel.
„Mit 'nem geklauten Chevie durch die Brandenburger Prärie, fällt ooch überhaupt nich' uff.“
Er schnalzte dabei leise mit der Zunge.
„Du hast'se doch nich' mehr alle.“
Eins ist mal klar, wenn der scheiß Fabia gleich nicht wieder anspringt, werde ich das Frodo bis zum Ende unserer Tage vorhalten.
Die Straße ist gleißend hell von bonzigen Weihnachtsbeleuchtungen. Eine schlimmer als die andere. Wir schlendern an einem Vorgarten vorbei, in dem Santa Claus' Rentierschlitten epilepsieerregend blinkert, an einem mit einem aufgepusteten Weihnachtsmann, an einem mit einer gigantischen Vogeltränke, an der eine Sternenlichterkette hängt und an einem Haus, das aussieht wie das aus Schöne Bescherung.
Frodo bleibt stehen und zeigt auf das Nachbarhaus, das als einziges in der Straße mondän und dunkel vor uns liegt.
„Ditte da?“, fragt er und zieht seine Mütze über die roten Ohrenspitzen.
„Nee“, sage ich und stupse ihn mit der Schulter zur Seite.
„Nochmal: Die dunklen Häuser meiden. Das sind die ohne Zeitschaltuhr und du weeßt nie, ob die Besitzer nich' doch jede Sekunde nach Hause kommen.“
Ich ziehe die Nase hoch.
Seit drei Tagen penne ich in diesem verfickten Skoda.
Seit drei Tagen habe ich deswegen Schnupfen.
Die Dreckskarre gehört in den nächsten Graben geschoben.
Ich sehe über meine Schulter. Links, rechts, hinter uns, nochmal nach links. Dann schiebe ich Frodo durch das Tor hin zum voll beleuchteten Haus. Kein Hier wache ich-Hundewarnschild: Check. Keine Autos unter dem Garagenunterstand: Check. Zeitschriften und Werbung, die aus dem Briefkasten gucken: Check. Vor allem: Hauseingang von der Straße abgewandt: Doppelcheck.
Ich schiebe meinen Freund zur Tür und trete fröstelnd von einem Bein aufs andere, als er sein Werkzeug auspackt, spähe immer wieder halb um die Ecke der Veranda, wo man auf die Straße schauen kann.
„Ick könnt' echt 'nen Glühwein vertragen“, murmele ich in meinen Schal.
„So saukalt wie's hier is'.“
Frodo zieht es vor, mich zu ignorieren.
Von mir aus, solange er seinen Job macht. Mit Handschuhen, denen er die Fingerspitzen abgeschnitten hat, fummelt er die Picks raus und geht vor der Tür auf die Knie.
Sein Atem formt Wölkchen in der Luft.
Während er arbeitet, suche ich frierend den Hof neben dem Haus nach Anzeichen einer Alarmanlage ab. Hm. Keine automatischen Lichter und außer den Laternen, die irgendwie auf Mittelalter machen wollen, sieht alles friedlich aus. Zu friedlich fast schon.
Hat mich meine Intuition vielleicht getäuscht und wir werden gleich von einer ultralauten Alarmanlage angebrüllt?
Mir bleibt keine Zeit, weil Frodos flinke Hände (so möchte er das nennen: FFH – Frodos Flinke Hände™ ) das Schloss schnell genug knacken. Er packt sein Lockpickset wieder ein und steckt es in seine Jackentasche. Dann streift er seine Ganovenhandschuhe ab und ersetzt sie mit vollständigen, mit denen er keine Fingerabdrücke hinterlassen wird. Er klinkt die Tür auf und öffnet sie weit genug, um seinen Kopf ins Innere zu stecken und ins Haus zu spähen.
Ich ziehe den Kopf ein und warte darauf, dass ein Heidenlärm losgeht.
Aber nichts passiert.
Außer ein Hund, der ein paar Straßen weiter bellt.
Frodo schiebt sich ins Innere. Seine linke Hand winkt nach mir, dass ich ihm folgen soll und das tue ich. Langsam und auf Zehenspitzen.
Drinnen sieht es mega aufgeräumt aus.
Wie deutsch das einfach mal ist, dass Leute, bevor sie in den Urlaub fahren, nochmal die ganze Bude blitzblank putzen. Meine Mutter hat das nie gemacht.
„Für wen soll ich denn putzen?!“, hat sie immer gesagt.
„Für die Einbrecher oder was?“
An den Spruch denke ich jedes Mal, wenn ich irgendwo einsteige und die pure Absurdität bringt mich dazu, wie der letzte Trottel zu grinsen und dann sauertöpfisch zu gucken, weil meine Mutter jetzt nicht mehr mit mir spricht.
Der Flur ist mit goldenen Girlanden geschmückt. In der Küche tickt einsam eine Uhr. Im Fenster hängen Weihnachtsbilderchen. Auf der Anrichte stehen Büchsen, auf denen Engelchen Geschenke einpacken. Wahrscheinlich sind da sogar Plätzchen drin für die lieben Kleinen und für die reizende Familie. Ich fasse nach meinen Handschuhen und streife sie über, gehe mit einem angezogenen Finger über die Arbeitsplatte der strahlend weißen Ikea-Küche. Nicht mal ein Kratzer.
„Woah“, höre ich Frodo hauchen.
„Flo, komm und kiek' dir dit an.“
Ich drehe mich um und latsche rüber, von wo ich ihn höre, vorbei an einer Treppe mit dunkelrotem Teppich auf den Stufen.
Das Wohnzimmer ist halb eingenommen von einem gigantischen Weihnachtsbaum.
Im Dunkeln wirkt er geradezu erschlagend.
„Bescheeerung“, grinst Frodo.
„Den müssen wir mal anmachen!“
„Warte, bist du irre?!“, zische ich, während er sich schon bewegt und dabei auf irgendwas tritt, was knirschend unter seinem Schuh nachgibt.
„Willst du, dass die Nachbarn doch spitzkriegen, dass wer hier is'? Hallo! Frodo!“
Zu spät.
Er findet den Schalter der Lichterkette und betätigt ihn.
Es wird so hell, dass ich augenblicklich erblinde.
Strohsterne, Glaskugeln, Schleifchen, sogar buntes Lametta hängt zwischen den Kerzen. Der scheiß Baum reicht sogar bis zur Decke des Zimmers.
Sind wir aus Versehen ins Haus von Kevin fucking McCallister eingestiegen?
Ich gucke den Baum an. Dann Frodo, dann wieder den Baum.
„Jap“, sagt Frodo sehr pointiert.
„Wir sind die feuchten Banditen.“
Als Antwort kann ich nur meine Rotznase hochziehen.
„Du wirst doch jetzt hoffentlich nicht die Wasserhähne aufdrehen, wenn wir abhauen.“
„Blödsinn“, sagt er.
„In so 'nem schönen Haus? Würden nur Banausen tun.“
Das stimmt. Er steigt in Häuser ein, aber er macht ja nicht mal die Türschlösser kaputt. Letztens hat er die Schmuckschatulle einer betuchten Dame ausgeräumt, den wertlosen Modeschmuck hinterher aber feinsäuberlich wieder zurück sortiert.
Ich weiß sowieso nicht, warum der Junge mir immer noch an der Backe klebt.
Eigentlich sollte der Hunde im Tierheim Gassi führen oder sowas.
Jetzt, da es hell im Wohnzimmer ist, sieht er nach, wo er eben eigentlich draufgetreten ist. Es stellt sich heraus, dass unter dem Baum gefühlt Hunderte von Geschenken liegen, hübsch verpackt in goldenes, blaues, pinkes Papier.
Frodo bückt sich nach dem, was er platt gemacht hat und zerrt den Inhalt aus dem übel bunten Geschenkpapier, auf dem „Für meinen Schatz Sibylle“ steht. Rosa-lila-blau gestreifte Flauschesocken kommen zum Vorschein.
„Sind die weich!“, haucht er jubilierend.
„Hier, fühl mal.“
Er streicht mir die Dinger gegen die Wange. Also ehrlich, als hätten wir nichts Besseres zu tun.
„Schenk ick dir!“, sagt er und drückt sie mir in die Hände.
„Du frierst doch immer so leicht.“
Pöh. Das sagt er nur, weil ich ihm neulich meine kalten Füße gegen die Waden geschoben habe.
Ich stöhne genervt.
„Vielleicht kannste mal aufhören damit, hier so'n Theater zu veranstalten und dich an die Arbeit machen. Wir ham' nich' ewig Zeit.“
Er zieht einen Flunsch und ich ignoriere das geflissentlich.
„Du hier unten, ich geh nach oben“, sage ich und schnipse ihm gegen die Stirn.
„Los jetz'!“
Ich nehme die Treppe und arbeite mich schleichend vorwärts.
Was ich finde: Ein Kinderzimmer mit rosa Tapete, einem Puppenhaus und einem Kinderbett mit Prinzessinnenschleier am Kopfende. Ein Kinderzimmer mit blauer Tapete, einem Autoteppich und Gummidinosauriern (echt jetzt?!). Ein Schlafzimmer mit breitem Doppelbett, auf der einen Seite Stanislaw Lem- auf der anderen Seite Bridget Jones-Bücher. Ich ziehe eine Schublade des Nachttisches aus der offensichtlichen Ehefrauenseite auf und mir lacht ein riesenhafter schwarzer Vibrator entgegen. Na herzlichen Glückwunsch.
Langsam nehme ich im angrenzenden Badezimmer das Schmuckkästchen von Sibylle auseinander. Blöd für mich, dass die nur bei Bijou Brigitte einkaufen zu gehen scheint; alles billiger Plastestrass-Scheiß. Ich ziehe den Kleiderschrank auf und finde Krawatten mit hässlichen Mustern, Schuhe mit abgewetztem Leder, Turnschuhe, Ballerinas. Ich brauche gar nicht weitersuchen. Leute wie die hier verstecken ihr Geld nicht unterm Kopfkissen. Das Wertvollste wäre, die Flachbildfernseher aus Schlaf- und Wohnzimmer mitgehen zu lassen. Aber die sind wieder so riesig, dass sie nicht mal in unsere Karre passen. (In einem Camaro hätten wir die weggekriegt. Just saying.) Totaler Schuss in den Ofen.
Ich räche mich, indem ich ins blaue Zimmer gehe, drei Dinosaurier schnappe und sie im rosa Zimmer in pinke Puppenkleidchen stecke; zurück ins Schlafzimmer stapfe und die Bücher auf die gegenteiligen Nachttische lege.
Frodo mag es nicht, wenn ich die Häuser, in wir einbrechen, in Schutt und Asche legen. Dann wird er richtig fuchsig.
Aber subtile Sachen lässt er mich machen.
An der Tür drehe ich mich wieder um und gehe zurück, ziehe den Vibrator aus dem Nachttisch und steige zurück nach unten.
Ich finde Frodo in der Küche.
Auf der blanken Arbeitsplatte liegt ein MacBook Air, eine schwarze Kreditkarte und zwanzig Euro.
Naja. Besser als nichts.
Was mich mehr verwundert, ist, dass er sich wie eine Hexe aus einem Märchenfilm über die Induktionsherdplatte beugt und sich den Dampf von etwas reinzieht.
„Wat machst du denn da?“
„Du wolltest Glühwein“, gibt er zur Antwort und drückt mir eine halb leere Flasche in die Hand.
„Du kriegst Glühwein.“
Gerstacker Glühpunsch lese ich und hebe eine Augenbraue, als mein Blick weiterwandert.
„Da steht 'alkoholfrei' drauf.“
Ich wende mich herum und schaue zur Decke;
„Kein teurer Schmuck, kein Geld in der Sockenschublade und dann noch alkoholfreier Punsch. Was für gottlose Menschen wohnen hier bitte?!“
„So schlimm kann'et ja nich' sein.“, sagt Frodo und deutet auf den Vibrator in meiner Hand.
„Is' der für mich?“
„Is' zumindest sexier als Socken.“
„Socken halten wenigstens warm.“
„Der da ooch. Von innen.“
Ich grinse dreckig.
„Und du wunderst dich, warum du keenen richt'jen Glühwein kriegst. Dit' is' allet instant Karma, mein Freund!“
Trotzdem fummelt er eine hässliche Diddl-Tasse aus dem Schrank, füllt heißen Punsch ein und drückt ihn mir in die freie Hand. Die linke, in der ich noch Gefühl habe.
„Du verdienst dit' überhaupt nich' eigentlich.“
Dann sitzen wir vor dem leuchtenden Horrorweihnachtsbaum, trinken viel zu süßen, viel zu alkohollosen Punsch und gucken in die Lichter. Alles auf Zeit, denn draußen wird es langsam dunkel.
Aber für einen kurzen Augenblick ist es ganz nett, so zu tun, als wäre das Haus hier unsers.
Minus die pink-blaue-Stereotypenscheiße da oben. Aber mit den teuren Fernsehern und der neuen Tapete und dem Induktionsherd. Ohne Geldsorgen, aber vielleicht mit Familien, die noch mit einem reden. Womöglich sogar ohne Narben, aber mit intakter Psyche.
„Ick weeß genau, wat du jetz' denkst“, sagt Frodo, nachdem er mein Gesicht für eine Weile studiert hat.
„Glaub mir, dit wär' nie so idyllisch, wie du dir das wieder mal ausmalst.“
„Und woher willste' det wissen?“
„Weil's nie so schön is', wie man sich das ausmalt.“
Er trinkt seinen Punsch aus, stellt die Tasse auf dem Teppich ab, passt auf, dass sie nicht umfällt und den weißen Teppich verdreckt.
„In der Schreibtischschublade lag janz hinten genau neben der Kreditkarte dit hier.“
Er greift in seine Hosentasche und zieht eine flache, goldene Schachtel hervor.
Ich fasse nach dem Deckel und ziehe ihn ab. Eine Goldkette mit Diamantanhänger kommt zum Vorschein. Sieht echt aus. Sieht teuer aus. Endlich mal was Wertvolles hier. Im Augenwinkel sehe ich das Zettelchen aus dem Deckel flattern. Ich hebe es auf und falte es auseinander.
Geliebte Lisette, lese ich.
Ich bin auf ewig der Deine.
Ich würde gerne humorlos durch die Nase schnauben, aber dazu ist sie zu verschnupft. Ich klinge eher wie ein rotzendes Nilpferd.
„Arme Sibylle“, sage ich.
Der scheiß Glühpunsch hinterlässt eine Gefühl von quietschender Zuckrigkeit auf den Zähnen. Aber wenigstens ist mir wieder wärmer.
Ich gucke Frodo an. Er guckt mich an.
„Ich weiß“, murmelt er und guckt fast schon sehnsüchtig auf den Weihnachtsbaum.
„Wir sollten verschwinden.“
Er steckt das Geschmeide wieder ein, die Kreditkarte, das Geld, und klemmt sich das MacBook unter den Arm. Aus seiner Jackentasche ragen die hässlichen Flauschesocken. An ihnen bleibt mein Blick hängen. Ich hatte sie liegenlassen und er nimmt sie trotzdem für mich mit.
„Hm“, mache ich.
„Wart' mal. Eine Sache will ick noch machen.“
Er folgt mir die Treppe hinauf und ins Schlafzimmer. Er bleibt im Türrahmen zum Bad stehen, guckt mir zu, wie ich zwischen dem Makeup einen besonders dunkelroten Lippenstift suche und die Kappe abreiße.
Liebe Sibylle, schreibe ich an den Badspiegel.
Dein Mann geht leider fremd. Frag mal nach Lisette.
Gruß, die achtsamen Banditen.
Ich betrachte mein Werk und lasse den Lippenstift Mikedrop-mäßig ins Waschbecken fallen.
Bis irgendwann mein Blick sich mit Frodos trifft.
Er grinst in sich rein, als er zu mir kommt.
„Ach Flo, wie du immer tust, als wärst du voll der Wichser, den nüscht kümmert“, sagt er, zieht mich unfeierlich am Kragen meiner Jacke zu sich und drückt mir einen Kuss auf die Lippen.
„An unser'm Spitznamen müssen wa aber noch arbeiten. Jetz' komm!“
Und kurz höre ich mich auf zu fragen, warum er sich noch immer mit mir abgefucktem Vollpfosten rumtreibt.
Ich sehe ihm nach, jongliere den Vibrator überkrass cool in der Luft und zwinkere mir selbst im Badspiegel zu.
Dann machen wir einen Abgang.
1. Gestreifte Flauschsocken
2. „Da steht/stand 'alkoholfrei' drauf“
Fandom: Berliner Youtuber (AU)
Personen/Pairing: LeFloid/Frodo(apparat)
Gastauftritte: Der Skoda aus meiner Nano-Fic und LeFloids Camaro.
Wörter: ~ 2.200
Summary:
Flo und Frodo sind Einbrecher und steigen in ein Haus ein, in dem eine scheinbare Bilderbuchfamilie wohnt. Fluff und snark ensue.
Anmerkung:
Ja, ich lebe noch. Ohai!
Ich hatte spontan Lust, aus den beiden ein Paar Gangsterjungs mit trauriger Vergangenheit zu machen. Keine Ahnung, Angst ist halt immer noch a thing bei mir.
Wer noch eine Vorstellung davon braucht, wie sie aussehen, kann sich dieses karieserregende kurze Fanvideo angucken.
Ich wünsche eine schöne Adventszeit!
Ich stelle den Skoda zwei Straßenecken weiter ab. Der Motor stirbt röchelnd vor sich hin. Die olle Schabrackenkarre. Macht mich immer noch fertig, dass wir nicht den geilen Camaro klauen konnten, den der Typ auf der Raststätte neben uns hatte.
„Bist du behindert?“, hat Frodo genuschelt, als er rüberspähte ins Tankstellenhäuschen, wo der Skodabesitzer gedankenlos rumhing – ohne seinen Autoschlüssel.
„Mit 'nem geklauten Chevie durch die Brandenburger Prärie, fällt ooch überhaupt nich' uff.“
Er schnalzte dabei leise mit der Zunge.
„Du hast'se doch nich' mehr alle.“
Eins ist mal klar, wenn der scheiß Fabia gleich nicht wieder anspringt, werde ich das Frodo bis zum Ende unserer Tage vorhalten.
Die Straße ist gleißend hell von bonzigen Weihnachtsbeleuchtungen. Eine schlimmer als die andere. Wir schlendern an einem Vorgarten vorbei, in dem Santa Claus' Rentierschlitten epilepsieerregend blinkert, an einem mit einem aufgepusteten Weihnachtsmann, an einem mit einer gigantischen Vogeltränke, an der eine Sternenlichterkette hängt und an einem Haus, das aussieht wie das aus Schöne Bescherung.
Frodo bleibt stehen und zeigt auf das Nachbarhaus, das als einziges in der Straße mondän und dunkel vor uns liegt.
„Ditte da?“, fragt er und zieht seine Mütze über die roten Ohrenspitzen.
„Nee“, sage ich und stupse ihn mit der Schulter zur Seite.
„Nochmal: Die dunklen Häuser meiden. Das sind die ohne Zeitschaltuhr und du weeßt nie, ob die Besitzer nich' doch jede Sekunde nach Hause kommen.“
Ich ziehe die Nase hoch.
Seit drei Tagen penne ich in diesem verfickten Skoda.
Seit drei Tagen habe ich deswegen Schnupfen.
Die Dreckskarre gehört in den nächsten Graben geschoben.
Ich sehe über meine Schulter. Links, rechts, hinter uns, nochmal nach links. Dann schiebe ich Frodo durch das Tor hin zum voll beleuchteten Haus. Kein Hier wache ich-Hundewarnschild: Check. Keine Autos unter dem Garagenunterstand: Check. Zeitschriften und Werbung, die aus dem Briefkasten gucken: Check. Vor allem: Hauseingang von der Straße abgewandt: Doppelcheck.
Ich schiebe meinen Freund zur Tür und trete fröstelnd von einem Bein aufs andere, als er sein Werkzeug auspackt, spähe immer wieder halb um die Ecke der Veranda, wo man auf die Straße schauen kann.
„Ick könnt' echt 'nen Glühwein vertragen“, murmele ich in meinen Schal.
„So saukalt wie's hier is'.“
Frodo zieht es vor, mich zu ignorieren.
Von mir aus, solange er seinen Job macht. Mit Handschuhen, denen er die Fingerspitzen abgeschnitten hat, fummelt er die Picks raus und geht vor der Tür auf die Knie.
Sein Atem formt Wölkchen in der Luft.
Während er arbeitet, suche ich frierend den Hof neben dem Haus nach Anzeichen einer Alarmanlage ab. Hm. Keine automatischen Lichter und außer den Laternen, die irgendwie auf Mittelalter machen wollen, sieht alles friedlich aus. Zu friedlich fast schon.
Hat mich meine Intuition vielleicht getäuscht und wir werden gleich von einer ultralauten Alarmanlage angebrüllt?
Mir bleibt keine Zeit, weil Frodos flinke Hände (so möchte er das nennen: FFH – Frodos Flinke Hände™ ) das Schloss schnell genug knacken. Er packt sein Lockpickset wieder ein und steckt es in seine Jackentasche. Dann streift er seine Ganovenhandschuhe ab und ersetzt sie mit vollständigen, mit denen er keine Fingerabdrücke hinterlassen wird. Er klinkt die Tür auf und öffnet sie weit genug, um seinen Kopf ins Innere zu stecken und ins Haus zu spähen.
Ich ziehe den Kopf ein und warte darauf, dass ein Heidenlärm losgeht.
Aber nichts passiert.
Außer ein Hund, der ein paar Straßen weiter bellt.
Frodo schiebt sich ins Innere. Seine linke Hand winkt nach mir, dass ich ihm folgen soll und das tue ich. Langsam und auf Zehenspitzen.
Drinnen sieht es mega aufgeräumt aus.
Wie deutsch das einfach mal ist, dass Leute, bevor sie in den Urlaub fahren, nochmal die ganze Bude blitzblank putzen. Meine Mutter hat das nie gemacht.
„Für wen soll ich denn putzen?!“, hat sie immer gesagt.
„Für die Einbrecher oder was?“
An den Spruch denke ich jedes Mal, wenn ich irgendwo einsteige und die pure Absurdität bringt mich dazu, wie der letzte Trottel zu grinsen und dann sauertöpfisch zu gucken, weil meine Mutter jetzt nicht mehr mit mir spricht.
Der Flur ist mit goldenen Girlanden geschmückt. In der Küche tickt einsam eine Uhr. Im Fenster hängen Weihnachtsbilderchen. Auf der Anrichte stehen Büchsen, auf denen Engelchen Geschenke einpacken. Wahrscheinlich sind da sogar Plätzchen drin für die lieben Kleinen und für die reizende Familie. Ich fasse nach meinen Handschuhen und streife sie über, gehe mit einem angezogenen Finger über die Arbeitsplatte der strahlend weißen Ikea-Küche. Nicht mal ein Kratzer.
„Woah“, höre ich Frodo hauchen.
„Flo, komm und kiek' dir dit an.“
Ich drehe mich um und latsche rüber, von wo ich ihn höre, vorbei an einer Treppe mit dunkelrotem Teppich auf den Stufen.
Das Wohnzimmer ist halb eingenommen von einem gigantischen Weihnachtsbaum.
Im Dunkeln wirkt er geradezu erschlagend.
„Bescheeerung“, grinst Frodo.
„Den müssen wir mal anmachen!“
„Warte, bist du irre?!“, zische ich, während er sich schon bewegt und dabei auf irgendwas tritt, was knirschend unter seinem Schuh nachgibt.
„Willst du, dass die Nachbarn doch spitzkriegen, dass wer hier is'? Hallo! Frodo!“
Zu spät.
Er findet den Schalter der Lichterkette und betätigt ihn.
Es wird so hell, dass ich augenblicklich erblinde.
Strohsterne, Glaskugeln, Schleifchen, sogar buntes Lametta hängt zwischen den Kerzen. Der scheiß Baum reicht sogar bis zur Decke des Zimmers.
Sind wir aus Versehen ins Haus von Kevin fucking McCallister eingestiegen?
Ich gucke den Baum an. Dann Frodo, dann wieder den Baum.
„Jap“, sagt Frodo sehr pointiert.
„Wir sind die feuchten Banditen.“
Als Antwort kann ich nur meine Rotznase hochziehen.
„Du wirst doch jetzt hoffentlich nicht die Wasserhähne aufdrehen, wenn wir abhauen.“
„Blödsinn“, sagt er.
„In so 'nem schönen Haus? Würden nur Banausen tun.“
Das stimmt. Er steigt in Häuser ein, aber er macht ja nicht mal die Türschlösser kaputt. Letztens hat er die Schmuckschatulle einer betuchten Dame ausgeräumt, den wertlosen Modeschmuck hinterher aber feinsäuberlich wieder zurück sortiert.
Ich weiß sowieso nicht, warum der Junge mir immer noch an der Backe klebt.
Eigentlich sollte der Hunde im Tierheim Gassi führen oder sowas.
Jetzt, da es hell im Wohnzimmer ist, sieht er nach, wo er eben eigentlich draufgetreten ist. Es stellt sich heraus, dass unter dem Baum gefühlt Hunderte von Geschenken liegen, hübsch verpackt in goldenes, blaues, pinkes Papier.
Frodo bückt sich nach dem, was er platt gemacht hat und zerrt den Inhalt aus dem übel bunten Geschenkpapier, auf dem „Für meinen Schatz Sibylle“ steht. Rosa-lila-blau gestreifte Flauschesocken kommen zum Vorschein.
„Sind die weich!“, haucht er jubilierend.
„Hier, fühl mal.“
Er streicht mir die Dinger gegen die Wange. Also ehrlich, als hätten wir nichts Besseres zu tun.
„Schenk ick dir!“, sagt er und drückt sie mir in die Hände.
„Du frierst doch immer so leicht.“
Pöh. Das sagt er nur, weil ich ihm neulich meine kalten Füße gegen die Waden geschoben habe.
Ich stöhne genervt.
„Vielleicht kannste mal aufhören damit, hier so'n Theater zu veranstalten und dich an die Arbeit machen. Wir ham' nich' ewig Zeit.“
Er zieht einen Flunsch und ich ignoriere das geflissentlich.
„Du hier unten, ich geh nach oben“, sage ich und schnipse ihm gegen die Stirn.
„Los jetz'!“
Ich nehme die Treppe und arbeite mich schleichend vorwärts.
Was ich finde: Ein Kinderzimmer mit rosa Tapete, einem Puppenhaus und einem Kinderbett mit Prinzessinnenschleier am Kopfende. Ein Kinderzimmer mit blauer Tapete, einem Autoteppich und Gummidinosauriern (echt jetzt?!). Ein Schlafzimmer mit breitem Doppelbett, auf der einen Seite Stanislaw Lem- auf der anderen Seite Bridget Jones-Bücher. Ich ziehe eine Schublade des Nachttisches aus der offensichtlichen Ehefrauenseite auf und mir lacht ein riesenhafter schwarzer Vibrator entgegen. Na herzlichen Glückwunsch.
Langsam nehme ich im angrenzenden Badezimmer das Schmuckkästchen von Sibylle auseinander. Blöd für mich, dass die nur bei Bijou Brigitte einkaufen zu gehen scheint; alles billiger Plastestrass-Scheiß. Ich ziehe den Kleiderschrank auf und finde Krawatten mit hässlichen Mustern, Schuhe mit abgewetztem Leder, Turnschuhe, Ballerinas. Ich brauche gar nicht weitersuchen. Leute wie die hier verstecken ihr Geld nicht unterm Kopfkissen. Das Wertvollste wäre, die Flachbildfernseher aus Schlaf- und Wohnzimmer mitgehen zu lassen. Aber die sind wieder so riesig, dass sie nicht mal in unsere Karre passen. (In einem Camaro hätten wir die weggekriegt. Just saying.) Totaler Schuss in den Ofen.
Ich räche mich, indem ich ins blaue Zimmer gehe, drei Dinosaurier schnappe und sie im rosa Zimmer in pinke Puppenkleidchen stecke; zurück ins Schlafzimmer stapfe und die Bücher auf die gegenteiligen Nachttische lege.
Frodo mag es nicht, wenn ich die Häuser, in wir einbrechen, in Schutt und Asche legen. Dann wird er richtig fuchsig.
Aber subtile Sachen lässt er mich machen.
An der Tür drehe ich mich wieder um und gehe zurück, ziehe den Vibrator aus dem Nachttisch und steige zurück nach unten.
Ich finde Frodo in der Küche.
Auf der blanken Arbeitsplatte liegt ein MacBook Air, eine schwarze Kreditkarte und zwanzig Euro.
Naja. Besser als nichts.
Was mich mehr verwundert, ist, dass er sich wie eine Hexe aus einem Märchenfilm über die Induktionsherdplatte beugt und sich den Dampf von etwas reinzieht.
„Wat machst du denn da?“
„Du wolltest Glühwein“, gibt er zur Antwort und drückt mir eine halb leere Flasche in die Hand.
„Du kriegst Glühwein.“
Gerstacker Glühpunsch lese ich und hebe eine Augenbraue, als mein Blick weiterwandert.
„Da steht 'alkoholfrei' drauf.“
Ich wende mich herum und schaue zur Decke;
„Kein teurer Schmuck, kein Geld in der Sockenschublade und dann noch alkoholfreier Punsch. Was für gottlose Menschen wohnen hier bitte?!“
„So schlimm kann'et ja nich' sein.“, sagt Frodo und deutet auf den Vibrator in meiner Hand.
„Is' der für mich?“
„Is' zumindest sexier als Socken.“
„Socken halten wenigstens warm.“
„Der da ooch. Von innen.“
Ich grinse dreckig.
„Und du wunderst dich, warum du keenen richt'jen Glühwein kriegst. Dit' is' allet instant Karma, mein Freund!“
Trotzdem fummelt er eine hässliche Diddl-Tasse aus dem Schrank, füllt heißen Punsch ein und drückt ihn mir in die freie Hand. Die linke, in der ich noch Gefühl habe.
„Du verdienst dit' überhaupt nich' eigentlich.“
Dann sitzen wir vor dem leuchtenden Horrorweihnachtsbaum, trinken viel zu süßen, viel zu alkohollosen Punsch und gucken in die Lichter. Alles auf Zeit, denn draußen wird es langsam dunkel.
Aber für einen kurzen Augenblick ist es ganz nett, so zu tun, als wäre das Haus hier unsers.
Minus die pink-blaue-Stereotypenscheiße da oben. Aber mit den teuren Fernsehern und der neuen Tapete und dem Induktionsherd. Ohne Geldsorgen, aber vielleicht mit Familien, die noch mit einem reden. Womöglich sogar ohne Narben, aber mit intakter Psyche.
„Ick weeß genau, wat du jetz' denkst“, sagt Frodo, nachdem er mein Gesicht für eine Weile studiert hat.
„Glaub mir, dit wär' nie so idyllisch, wie du dir das wieder mal ausmalst.“
„Und woher willste' det wissen?“
„Weil's nie so schön is', wie man sich das ausmalt.“
Er trinkt seinen Punsch aus, stellt die Tasse auf dem Teppich ab, passt auf, dass sie nicht umfällt und den weißen Teppich verdreckt.
„In der Schreibtischschublade lag janz hinten genau neben der Kreditkarte dit hier.“
Er greift in seine Hosentasche und zieht eine flache, goldene Schachtel hervor.
Ich fasse nach dem Deckel und ziehe ihn ab. Eine Goldkette mit Diamantanhänger kommt zum Vorschein. Sieht echt aus. Sieht teuer aus. Endlich mal was Wertvolles hier. Im Augenwinkel sehe ich das Zettelchen aus dem Deckel flattern. Ich hebe es auf und falte es auseinander.
Geliebte Lisette, lese ich.
Ich bin auf ewig der Deine.
Ich würde gerne humorlos durch die Nase schnauben, aber dazu ist sie zu verschnupft. Ich klinge eher wie ein rotzendes Nilpferd.
„Arme Sibylle“, sage ich.
Der scheiß Glühpunsch hinterlässt eine Gefühl von quietschender Zuckrigkeit auf den Zähnen. Aber wenigstens ist mir wieder wärmer.
Ich gucke Frodo an. Er guckt mich an.
„Ich weiß“, murmelt er und guckt fast schon sehnsüchtig auf den Weihnachtsbaum.
„Wir sollten verschwinden.“
Er steckt das Geschmeide wieder ein, die Kreditkarte, das Geld, und klemmt sich das MacBook unter den Arm. Aus seiner Jackentasche ragen die hässlichen Flauschesocken. An ihnen bleibt mein Blick hängen. Ich hatte sie liegenlassen und er nimmt sie trotzdem für mich mit.
„Hm“, mache ich.
„Wart' mal. Eine Sache will ick noch machen.“
Er folgt mir die Treppe hinauf und ins Schlafzimmer. Er bleibt im Türrahmen zum Bad stehen, guckt mir zu, wie ich zwischen dem Makeup einen besonders dunkelroten Lippenstift suche und die Kappe abreiße.
Liebe Sibylle, schreibe ich an den Badspiegel.
Dein Mann geht leider fremd. Frag mal nach Lisette.
Gruß, die achtsamen Banditen.
Ich betrachte mein Werk und lasse den Lippenstift Mikedrop-mäßig ins Waschbecken fallen.
Bis irgendwann mein Blick sich mit Frodos trifft.
Er grinst in sich rein, als er zu mir kommt.
„Ach Flo, wie du immer tust, als wärst du voll der Wichser, den nüscht kümmert“, sagt er, zieht mich unfeierlich am Kragen meiner Jacke zu sich und drückt mir einen Kuss auf die Lippen.
„An unser'm Spitznamen müssen wa aber noch arbeiten. Jetz' komm!“
Und kurz höre ich mich auf zu fragen, warum er sich noch immer mit mir abgefucktem Vollpfosten rumtreibt.
Ich sehe ihm nach, jongliere den Vibrator überkrass cool in der Luft und zwinkere mir selbst im Badspiegel zu.
Dann machen wir einen Abgang.
no subject
Date: 2018-12-01 09:25 pm (UTC)FFH – Frodos Flinke Hände™
*snort*
da hab ich ja noch andere Assoziationen zu als Schlösser knacken ;)
Wie deutsch das einfach mal ist, dass Leute, bevor sie in den Urlaub fahren, nochmal die ganze Bude blitzblank putzen.
Ich fühle mich ertappt ... O.K., alles putzen tue ich jetzt nicht, aber aufräumen schon. Und Geschirr spülen und so. Auf jeden Fall ist es ordentlicher, als wenn ich da bin.
„Kein teurer Schmuck, kein Geld in der Sockenschublade und dann noch alkoholfreier Punsch. Was für gottlose Menschen wohnen hier bitte?!“
„So schlimm kann'et ja nich' sein.“, sagt Frodo und deutet auf den Vibrator in meiner Hand.
Bester Dialog :D
no subject
Date: 2018-12-05 08:46 pm (UTC)Ach lass mal, ich sauge auch gerne mal durch, bevor ich irgendwie wegfahre. Das ist total okay. Wir sollten dazu stehen.
Danke für's Lesen und für den Kommentar, aww <3
no subject
Date: 2018-12-06 09:05 pm (UTC)Es mag der Glühwein sein, der aus mir spricht, aber das ist so ein Fast-Schlusssatz, der mich seelig warm lächelnd zurück lässt. Hach.
Überhaupt, wundervoll. Ich habe gelacht und geschmunzelt und Weihnachtsstimmung gefunden (und Gefühle für den Skoda entwickelt).
Und wenn ich mal nicht im Zug sitze, werde ich dann wohl mal das Vudeo für Gesichter zu den Namen gucken. =)