Titel: Hotelnacht
Team: Sonne
Challenge: Romantik/Intimität: Hitze - Für mich
Fandom: Tatort Münster
Rating: P12
Genre: Slash
Warnungen: Tendenziell sinnbefreit
Zusammenfassung: Thiel liegt neben Boerne im Bett und kann nicht schlafen...
Wörter: ~2100
Anmerkungen: Es ist wohl irgendwie eine alternative Szene für Thiel eigentlich einssme Nacht im Hotelzimmer in "Summ, Summ, Summ". Könnte tendezill total sinnlos und ooc sein, aber nachts um haln drei, wenn mir bei jedem Wort die Augen zufallen, übernehme ich keine garantie für gar nichts mehr...
Unruhig rollte Thiel sich im Bett hin und her, fand einfach keinen Schlaf. Tausend Gedanken gingen ihm durch den Kopf und sein Magen fühlte sich an, als wäre er gerade zehn Stunden Achterbahn gefahren – mindestens. Wie war er nur auf diese bekloppte Idee gekommen? Warum war er nicht einfach bei Vaddern geblieben und hatte auf dessen oller Couch gepennt? Die war zwar vielleicht durchgelegen, beschissen unbequem und er hätte Morgen früh Rückenschmerzen gehabt, aber er hätte wenigstens gepennt. Stattdessen lag er jetzt hier, rollte sich im Bett herum wie eine alte Socke in der Waschmaschine und fand keinen Schlaf. Weil er sich ja unbedingt bei Boerne in seiner dummen ‚Romantik-Suite‘ einquartieren musste. Mit Betonung auf ‚Romantik‘, nicht auf ‚Suite‘, denn natürlich war hier nur ein Bett. Ein Doppelbett zwar, ein großes noch dazu, aber trotzdem nur eins. Und eindeutig zu kleine für Boerne und ihn zusammen. Schon aus Prinzip.
Überhaupt Boerne. Der war ja eigentlich der Kern des Problems. Boerne, der diese dämlichen Spinnen eingeschleppt hatte mit seinen blöden Bananen. Boerne, der jetzt hier neben ihm im Bett lag, auf dessen Rücken er gerade blickte, dessen Geruch ganz zart zu ihm herüber drang, dessen dunkles Haar, das unter der Bettdecke hervorlugte so sehr dazu einlud, mit den Fingern hindurchzufahren. Boerne, dessen bloße Anwesenheit schon dafür sorgte, dass er Schmetterlinge im Bauch bekam, wie ein dreizehnjähriger Teenager, der sich zum ersten Mal verliebt hatte. Thiel seufzte unterdrückt. Was hatte er sich da nur wieder eingebrockt? Warum war er bei Boerne eigentlich jedes Mal alle Vernunft über Bord? Er wusste doch, wie Boerne war. Seit fast fünfzehn Jahren wusste er das jetzt. Und trotzdem ließ er sich immer wieder von ihm provozieren. Warum hatte er nicht einfach mit den Schultern gezuckt und war auf Vadderns alte Couch gekrochen? Aber nein, er musste ja Boerne die Stirn bieten. Nicht dass er ernsthaft daran geglaubt hätte, dass Boerne nachgeben würde, aber das war ein anderes Thema. Boerne hatte nachgegeben und deswegen lag er jetzt hier, hatte sich die Decke bis zur Nasenspitze gezogen und fand keinen Schlaf.
Ein leises Rascheln neben ihm riss Thiel aus seinen Gedanken. Er sah, wie Boerne sich bewegte, langsam begann, sich auf den Rücken zu drehen. Schnell rollte Thiel sich wieder herum, wandte Boerne den Rücken zu und stellte sich schlafend. Boerne hatte ihn zwar in seiner Suite aufgenommen – bemerkenswert gelassen am Ende sogar – aber er musste sein Glück ja nun nicht herausfordern. Es war eine Sache, seinem Nachbarn Unterschlupf zu gewähren und mit ihm das Bett zu teilen, aber ein ganz andere, mitten in der Nacht wach zu werden und eben diesen Nachbarn dabei zu erwischen, wie der einen unverhohlen anstarrte. Das könnte für Boerne dann vielleicht doch etwas zu viel des Guten sein. Boerne war den ganzen Abend über schon ungewohnt wortkarg gewesen und ein Streit mit ihm war das letzte, was Thiel jetzt noch gebrauchen konnte. Er hatte wirklich keine Lust sich um halb drei Uhr morgens auf der Straße wiederzufinden, weil Boerne ihn rausgeworfen hatte. Also ignorierte er die unangenehme Hitze, die sich langsam in ihm ausbreitete – die Decken waren wirklich dick und warm –, widerstand der Versuchung, die Füße für ein bisschen Abkühlung unter der Decke hervorzuschieben und versuchte ruhig und gleichmäßig zu atmen. Boerne war bestimmt gar nicht richtig wach, hatte sich nur im Halbschlaf herumgedreht. Daran allerdings ließ Boernes nächste Bewegung doch erhebliche Zweifel aufkommen.
Boernes Arm legte sich um Thiels Bauch, und er wurde mit einem kräftigen Ruck ein Stück rückwärts gegen Boernes Brust gezogen. Thiel keuchte erschrocken auf. Ob vor Überraschung oder doch eher wegen der groben Behandlung vermochte er selbst am allerwenigsten zu sagen. Boerne quittierte sein Keuchen mit einem unverständlichen Gemurmel, das möglicherweise eine Entschuldigung darstellen sollte. Bevor Thiel das allerdings richtig erfassen konnte, waren da mit einem Mal ein paar Finger in seinem Haar, die anfingen, ihn sanft kraulten.
Thiel war im ersten Moment versucht, sich kräftig in den Unterarm zu zwicken, aber allein die rabiate Art, mit der er in die Umarmung gezogen worden war, hatte ihm zur Genüge deutlich gemacht, dass er nicht träumte. Er wusste nicht, was er tun sollte, fühlte sich mit dieser Entwicklung vollkommen überfordert. Sein Körper spielte total verrückt. Er trug ausnahmeweise einen richtigen langen Pyjama, zwei dicke Daunendecken befanden sich irgendwie zwischen ihnen und trotzdem hatte er das Gefühl, Boernes Wärme direkt auf seiner Haut zu spüren. Dazu die Finger, die wich durch seine Haare zausten, über den ganzen Hinterkopf und die Schläfen bis zur Stirn und dann langsam wieder zurück in den Nacken bis unter den Haaransatz. Die Schmetterlinge in seinem Bauch drehten mit einem Mal Loopings und die Hitze die ihm in alle Glieder koch hatte garantiert nichts mehr damit zu tun, dass die Decken zu dick waren. Er musste sich schwer beherrschen, den Kopf nicht unter Boernes Fingern zu bewegen und ihm noch mehr Angriffsfläche zu bieten.
„Boerne…?“, fragte er irgendwann leise. „Was … was wird das hier?“
Schon im nächsten Moment bereute Thiel allerdings, diese Frage überhaupt gestellt zu haben. Fast sofort hörten die Finger auf, ihn zu kraulen, nur einen Augenblick später verschwand auch der Arm um seinen Bauch und Boerne rückte wieder von ihm ab.
„Sie… Sie wirkten so unruhig. Ich wollte Sie nur ein bisschen… Entschuldigen Sie, ich… ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“
Thiel war sprachlos. Abgesehen davon, dass es wirklich nicht oft vorkam, das Boerne die Worte fehlten, versuchte er verzweifelt zu verarbeiten, was hier gerade passierte. Aber ganz gleich wie er zwei und zwei in diesem Augenblick auch zusammenzählte, am Ende kam noch immer fünf raus. Ganz offensichtlich hatte Boerne nicht nur wesentlich weniger Probleme damit, mit ihm das Bett zu teilen, als er ihn den ganzen Abend hatte glauben machen wollen, nein, es schien ihm auch in keiner Weise unangenehm, Thiel in eben diesem Bett sehr vertraulich im Arm zu halten und zu kraulen. Seine einzige Sorge war, dass er ihm damit zu nahe getreten sein könnte.
Mit einem Mal beschlich Thiel das Gefühl, in Bezug auf seinen Nachbar ein paar ganz entscheidende Dinge verpasst zu haben, auch wen er noch nicht ganz sicher zuordnen konnte, was eigentlich. Vorsichtig rollte er sich wieder auf die andere Seite, bis er Boerne anschauen konnte. Der war zwar von ihm abgerückt, aber längst nicht so weit, wie Thiel befürchtet hatte und er hatte ihm auch nicht den Rücken zugewandt. Nur die Knie hatte er ein bisschen hoch angezogen, ganz so, als hätte er Angst vor seiner Reaktion auf den vorherigen Annäherungsversuch.
„Sie sind mir nicht zu nahe getreten, keine Sorge.“
Thiel versuchte Boerne ein aufmunterndes Lächeln zu schenken, auch wenn er sich nicht sicher war, ob der das in dem diffusen Halblicht, das die Straßenlaternen vor dem Fenster erzeugten überhaupt sehen konnte.
„Aber darf ich Sie mal etwas fragen?“
Boerne antwortete nicht sofort. Thiel meinte, so etwas wie Verwunderung auf seinem Gesicht lesen zu können, aber so ganz sicher war er sich nicht. Boernes Mimik war sowieso schon nicht immer ganz einfach zu lesen und weder die schlechten Lichtverhältnisse noch die Tatsache, das Boernes Gesicht zu Hälfte zwischen Decken und Kissen vergraben ist, machten das in irgendeiner Art besser. Während Thiel auf Boernes Antworte wartete, rang er mit sich, ob er diese Frage jetzt wirklich stellen sollte. Ausgerechnet hier, in diesem Hotelzimmer, wo die Chancen voreinander zu flüchten denkbar schlecht waren, aber letztlich waren dieser Moment so gut wie jeder andere. Thiel wusste, dass ihm die Frage keine Ruhe mehr lassen würde und einander aus dem Weg gehen konnten sie auf Dauer sowieso nicht. Er war so mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er es fast verpasste, wie Boerne nickte. Jetzt galt es. Thiel holte nocheinmal tief Luft, dann stellte er seine Frage.
„Warum haben Sie mich eigentlich wirklich hier aufgenommen? Es zwingt Sie doch niemand dazu und leisten können Sie sich das auch ganz alleine.“
Einen Moment war es ganz still. Thiel hielt die Luft an, fixierte Boernes Gesicht, versuchte jeden noch so kleine Regung zu analysieren. Er befürchtete plötzlich eine unsichtbare Grenze überschritten zu haben, Boerne doch einen entscheidenden Schritt zu nahe gekommen zu sein. Dann hörte er ein leises Seufzen gefolgt vom Rascheln des Bettzeuges und er sah, wie Boerne seine Knie noch ein wenig höher zog, bis fast zu Brust.
„Wie … wie meinen Sie das jetzt? Wie hätte ich denn sonst reagieren sollen?“
Thiels Kopf ruckt nach oben. Die Antwort erstaunt ihn. Mit allen möglichen hat er gerechnet, ironische Bemerkungen, Spott, böse Witze, Herablassung, aber damit nicht. Hatte Boerne etwa das Gefühl, er hätte gar keine andere Wahl gehabt, hätte ihn reinlassen müssen? War er deswegen den ganzen Abend so schweigsam gewesen? Das musste Thiel dringend geraderücken.
„Na, ich meine, Sie hätten mir die Tür vor der Nase zuschlagen oder mich von der Hotelsecurity entfernen lassen können oder sowas ähnliches.“
Er ließ das Ende des Satzes bewusste vage. So wie er sich benommen hatte, hätte Boerne auch die Polizei rufen können und wäre damit vollkommen im Recht gewesen. Wieder brauchte Boerne sehr lange, um zu antworten. Thiel beobachtete ihn genau. In dem schlechten Licht war nur wenig zu erkennen, aber es schien ihm, als wäre Boerne plötzlich sehr unsicher. Er rutschte unruhig hin und her, dann zog er seine Beine noch höher, bis fast unter sein Kinn. Er schluckte sichtbar, öffnete mehrfach den Mund um etwas zu sagen, schloss ihn aber unverrichteter Dinge wieder. Thiel wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Einen so sprachlosen Gerichtsmediziner hatte er noch nie erlebt. Die Frage musste Boerne getroffen haben. Thiel wollte das Gespräch schon abbrechen, Boerne erklären, dass es auch gar nicht so wichtig wäre und dass er so oder so unglaublich dankbar dafür seu, dass er nicht auf Vadderns oller Couch pennen muss, als Boerne doch noch etwas sagt.
„Vielleicht… vielleicht wollte ich ja, dass Sie hier übernachten…“
Thiel schaute Boerne ins Gesicht, warte, dass der weitersprach, doch Boerne sagte nichts mehr. Er lag nur stumm da, hatte die Knie inzwischen fast bis zum Kinn gezogen und starrte Thiel mit so weit aufgerissenen Augen an, dass selbst in der Dunkelheit das Weiße in seinen Augen zu erkennen war. Erst jetzt sickerte die Bedeutung von Boernes Worten so langsam ein. Thiel wurde heiß und kalt zugleich, er hatte plötzlich das Gefühl als ob seine Wangen glühten und die Schmetterlinge in seinem Bauch flogen Amok. Jetzt war er sich ganz sicher, dass er in Bezug auf Boerne ein paar wirklich wichtige Dinge verpasst hatte. Er wusste natürlich längst, dass Boerne nicht einmal halb so genervt von seine Gegenwart war, wie er gerne vorgab, aber dass es so weit ging, das überraschte ihn dann doch. Damit hatte er nicht gerechnet.
„Sie wollten, dass ich hier übernachte?“, fragte er deswegen zur Sicherheit noch einmal nach.
Reglos lag Thiel in der Dunkelheit, versuchte Boernes Gesicht zu erkennen, während er auf eine Antwort wartete. Verbissen versuchte er die Hoffnung niederzuringen, die sich seiner plötzlich bemächtigte. Boerne Gesicht veränderte sich plötzlich, schien irgendwie härter zu werden.
„Ja, das wollte ich. Aber wie ich sehe, wissen Sie dieses Opfer nicht zu würdigen. Ich entschuldige mich in aller Form dafür. Angesichts der Umstände ist es vermutlich besser, wenn ich diese Nacht auf dem Sofa beende.“
Ehe Thiel richtig begriff, was eigentlich geschah hatte Boerne sich schon umgedreht, schlug die Decke zurück und war auf dem besten Wege aus dem Bett zu steigen. Erst als Boerne schon ein Bein auf dem Boden hatte, kam wieder Leben in Thiel. Er wühlte sich aus seiner Bettdecke, warf sich quer über das Doppelbett und erwischte Boerne so gerade noch am Handgelenk. Boerne sträubte sich ein wenig, hielt gegen, doch Thiel zog ihn mit einem kräftigen Ruck zu sich. Boerne verlor das Gleichgewicht, kippte zurück auf das Bett und landete halb neben und halb über Thiel. Der Aufprall war ziemlich hart und die Position war auch nicht besonders bequem, aber Thiel wollte sich nicht weiter beschweren, hatte dieses ,Manöver‘ doch immerhin Boernes Gesicht direkt vor seines gebracht.
Thiel wusste, dass er Boerne mit Worten niemals überzeugen konnte, also griff er einfach mit beiden Händen in Boernes Haare, zog ihn zu sich herunter und küsste ihn. Boerne versteifte sich augenblicklich, er erwiderte den Kuss im ersten Moment zwar nicht, zog seinen Kopf aber auch nicht zurück. Das gab Thiel Mut. Ganz sanft strich er mit der Zungenspitze über Boernes Lippen, stupste dagegen – und endlich öffnete Boerne die Lippen, drängte Thiels Zunge entgegen, vertiefte den Kuss. Hände vergruben sich in Thiels Haaren und er schlang die Arme um Boernes Oberkörper, zog in zu sich, so fest er nur konnte. Und die Hitze, die sich in seinem Unterleib aufbaute, langsam in alle Richtungen verteilte, hatte mit den dicken Dauendecken garantiert gar nichts zu tun.
Team: Sonne
Challenge: Romantik/Intimität: Hitze - Für mich
Fandom: Tatort Münster
Rating: P12
Genre: Slash
Warnungen: Tendenziell sinnbefreit
Zusammenfassung: Thiel liegt neben Boerne im Bett und kann nicht schlafen...
Wörter: ~2100
Anmerkungen: Es ist wohl irgendwie eine alternative Szene für Thiel eigentlich einssme Nacht im Hotelzimmer in "Summ, Summ, Summ". Könnte tendezill total sinnlos und ooc sein, aber nachts um haln drei, wenn mir bei jedem Wort die Augen zufallen, übernehme ich keine garantie für gar nichts mehr...
Unruhig rollte Thiel sich im Bett hin und her, fand einfach keinen Schlaf. Tausend Gedanken gingen ihm durch den Kopf und sein Magen fühlte sich an, als wäre er gerade zehn Stunden Achterbahn gefahren – mindestens. Wie war er nur auf diese bekloppte Idee gekommen? Warum war er nicht einfach bei Vaddern geblieben und hatte auf dessen oller Couch gepennt? Die war zwar vielleicht durchgelegen, beschissen unbequem und er hätte Morgen früh Rückenschmerzen gehabt, aber er hätte wenigstens gepennt. Stattdessen lag er jetzt hier, rollte sich im Bett herum wie eine alte Socke in der Waschmaschine und fand keinen Schlaf. Weil er sich ja unbedingt bei Boerne in seiner dummen ‚Romantik-Suite‘ einquartieren musste. Mit Betonung auf ‚Romantik‘, nicht auf ‚Suite‘, denn natürlich war hier nur ein Bett. Ein Doppelbett zwar, ein großes noch dazu, aber trotzdem nur eins. Und eindeutig zu kleine für Boerne und ihn zusammen. Schon aus Prinzip.
Überhaupt Boerne. Der war ja eigentlich der Kern des Problems. Boerne, der diese dämlichen Spinnen eingeschleppt hatte mit seinen blöden Bananen. Boerne, der jetzt hier neben ihm im Bett lag, auf dessen Rücken er gerade blickte, dessen Geruch ganz zart zu ihm herüber drang, dessen dunkles Haar, das unter der Bettdecke hervorlugte so sehr dazu einlud, mit den Fingern hindurchzufahren. Boerne, dessen bloße Anwesenheit schon dafür sorgte, dass er Schmetterlinge im Bauch bekam, wie ein dreizehnjähriger Teenager, der sich zum ersten Mal verliebt hatte. Thiel seufzte unterdrückt. Was hatte er sich da nur wieder eingebrockt? Warum war er bei Boerne eigentlich jedes Mal alle Vernunft über Bord? Er wusste doch, wie Boerne war. Seit fast fünfzehn Jahren wusste er das jetzt. Und trotzdem ließ er sich immer wieder von ihm provozieren. Warum hatte er nicht einfach mit den Schultern gezuckt und war auf Vadderns alte Couch gekrochen? Aber nein, er musste ja Boerne die Stirn bieten. Nicht dass er ernsthaft daran geglaubt hätte, dass Boerne nachgeben würde, aber das war ein anderes Thema. Boerne hatte nachgegeben und deswegen lag er jetzt hier, hatte sich die Decke bis zur Nasenspitze gezogen und fand keinen Schlaf.
Ein leises Rascheln neben ihm riss Thiel aus seinen Gedanken. Er sah, wie Boerne sich bewegte, langsam begann, sich auf den Rücken zu drehen. Schnell rollte Thiel sich wieder herum, wandte Boerne den Rücken zu und stellte sich schlafend. Boerne hatte ihn zwar in seiner Suite aufgenommen – bemerkenswert gelassen am Ende sogar – aber er musste sein Glück ja nun nicht herausfordern. Es war eine Sache, seinem Nachbarn Unterschlupf zu gewähren und mit ihm das Bett zu teilen, aber ein ganz andere, mitten in der Nacht wach zu werden und eben diesen Nachbarn dabei zu erwischen, wie der einen unverhohlen anstarrte. Das könnte für Boerne dann vielleicht doch etwas zu viel des Guten sein. Boerne war den ganzen Abend über schon ungewohnt wortkarg gewesen und ein Streit mit ihm war das letzte, was Thiel jetzt noch gebrauchen konnte. Er hatte wirklich keine Lust sich um halb drei Uhr morgens auf der Straße wiederzufinden, weil Boerne ihn rausgeworfen hatte. Also ignorierte er die unangenehme Hitze, die sich langsam in ihm ausbreitete – die Decken waren wirklich dick und warm –, widerstand der Versuchung, die Füße für ein bisschen Abkühlung unter der Decke hervorzuschieben und versuchte ruhig und gleichmäßig zu atmen. Boerne war bestimmt gar nicht richtig wach, hatte sich nur im Halbschlaf herumgedreht. Daran allerdings ließ Boernes nächste Bewegung doch erhebliche Zweifel aufkommen.
Boernes Arm legte sich um Thiels Bauch, und er wurde mit einem kräftigen Ruck ein Stück rückwärts gegen Boernes Brust gezogen. Thiel keuchte erschrocken auf. Ob vor Überraschung oder doch eher wegen der groben Behandlung vermochte er selbst am allerwenigsten zu sagen. Boerne quittierte sein Keuchen mit einem unverständlichen Gemurmel, das möglicherweise eine Entschuldigung darstellen sollte. Bevor Thiel das allerdings richtig erfassen konnte, waren da mit einem Mal ein paar Finger in seinem Haar, die anfingen, ihn sanft kraulten.
Thiel war im ersten Moment versucht, sich kräftig in den Unterarm zu zwicken, aber allein die rabiate Art, mit der er in die Umarmung gezogen worden war, hatte ihm zur Genüge deutlich gemacht, dass er nicht träumte. Er wusste nicht, was er tun sollte, fühlte sich mit dieser Entwicklung vollkommen überfordert. Sein Körper spielte total verrückt. Er trug ausnahmeweise einen richtigen langen Pyjama, zwei dicke Daunendecken befanden sich irgendwie zwischen ihnen und trotzdem hatte er das Gefühl, Boernes Wärme direkt auf seiner Haut zu spüren. Dazu die Finger, die wich durch seine Haare zausten, über den ganzen Hinterkopf und die Schläfen bis zur Stirn und dann langsam wieder zurück in den Nacken bis unter den Haaransatz. Die Schmetterlinge in seinem Bauch drehten mit einem Mal Loopings und die Hitze die ihm in alle Glieder koch hatte garantiert nichts mehr damit zu tun, dass die Decken zu dick waren. Er musste sich schwer beherrschen, den Kopf nicht unter Boernes Fingern zu bewegen und ihm noch mehr Angriffsfläche zu bieten.
„Boerne…?“, fragte er irgendwann leise. „Was … was wird das hier?“
Schon im nächsten Moment bereute Thiel allerdings, diese Frage überhaupt gestellt zu haben. Fast sofort hörten die Finger auf, ihn zu kraulen, nur einen Augenblick später verschwand auch der Arm um seinen Bauch und Boerne rückte wieder von ihm ab.
„Sie… Sie wirkten so unruhig. Ich wollte Sie nur ein bisschen… Entschuldigen Sie, ich… ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“
Thiel war sprachlos. Abgesehen davon, dass es wirklich nicht oft vorkam, das Boerne die Worte fehlten, versuchte er verzweifelt zu verarbeiten, was hier gerade passierte. Aber ganz gleich wie er zwei und zwei in diesem Augenblick auch zusammenzählte, am Ende kam noch immer fünf raus. Ganz offensichtlich hatte Boerne nicht nur wesentlich weniger Probleme damit, mit ihm das Bett zu teilen, als er ihn den ganzen Abend hatte glauben machen wollen, nein, es schien ihm auch in keiner Weise unangenehm, Thiel in eben diesem Bett sehr vertraulich im Arm zu halten und zu kraulen. Seine einzige Sorge war, dass er ihm damit zu nahe getreten sein könnte.
Mit einem Mal beschlich Thiel das Gefühl, in Bezug auf seinen Nachbar ein paar ganz entscheidende Dinge verpasst zu haben, auch wen er noch nicht ganz sicher zuordnen konnte, was eigentlich. Vorsichtig rollte er sich wieder auf die andere Seite, bis er Boerne anschauen konnte. Der war zwar von ihm abgerückt, aber längst nicht so weit, wie Thiel befürchtet hatte und er hatte ihm auch nicht den Rücken zugewandt. Nur die Knie hatte er ein bisschen hoch angezogen, ganz so, als hätte er Angst vor seiner Reaktion auf den vorherigen Annäherungsversuch.
„Sie sind mir nicht zu nahe getreten, keine Sorge.“
Thiel versuchte Boerne ein aufmunterndes Lächeln zu schenken, auch wenn er sich nicht sicher war, ob der das in dem diffusen Halblicht, das die Straßenlaternen vor dem Fenster erzeugten überhaupt sehen konnte.
„Aber darf ich Sie mal etwas fragen?“
Boerne antwortete nicht sofort. Thiel meinte, so etwas wie Verwunderung auf seinem Gesicht lesen zu können, aber so ganz sicher war er sich nicht. Boernes Mimik war sowieso schon nicht immer ganz einfach zu lesen und weder die schlechten Lichtverhältnisse noch die Tatsache, das Boernes Gesicht zu Hälfte zwischen Decken und Kissen vergraben ist, machten das in irgendeiner Art besser. Während Thiel auf Boernes Antworte wartete, rang er mit sich, ob er diese Frage jetzt wirklich stellen sollte. Ausgerechnet hier, in diesem Hotelzimmer, wo die Chancen voreinander zu flüchten denkbar schlecht waren, aber letztlich waren dieser Moment so gut wie jeder andere. Thiel wusste, dass ihm die Frage keine Ruhe mehr lassen würde und einander aus dem Weg gehen konnten sie auf Dauer sowieso nicht. Er war so mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er es fast verpasste, wie Boerne nickte. Jetzt galt es. Thiel holte nocheinmal tief Luft, dann stellte er seine Frage.
„Warum haben Sie mich eigentlich wirklich hier aufgenommen? Es zwingt Sie doch niemand dazu und leisten können Sie sich das auch ganz alleine.“
Einen Moment war es ganz still. Thiel hielt die Luft an, fixierte Boernes Gesicht, versuchte jeden noch so kleine Regung zu analysieren. Er befürchtete plötzlich eine unsichtbare Grenze überschritten zu haben, Boerne doch einen entscheidenden Schritt zu nahe gekommen zu sein. Dann hörte er ein leises Seufzen gefolgt vom Rascheln des Bettzeuges und er sah, wie Boerne seine Knie noch ein wenig höher zog, bis fast zu Brust.
„Wie … wie meinen Sie das jetzt? Wie hätte ich denn sonst reagieren sollen?“
Thiels Kopf ruckt nach oben. Die Antwort erstaunt ihn. Mit allen möglichen hat er gerechnet, ironische Bemerkungen, Spott, böse Witze, Herablassung, aber damit nicht. Hatte Boerne etwa das Gefühl, er hätte gar keine andere Wahl gehabt, hätte ihn reinlassen müssen? War er deswegen den ganzen Abend so schweigsam gewesen? Das musste Thiel dringend geraderücken.
„Na, ich meine, Sie hätten mir die Tür vor der Nase zuschlagen oder mich von der Hotelsecurity entfernen lassen können oder sowas ähnliches.“
Er ließ das Ende des Satzes bewusste vage. So wie er sich benommen hatte, hätte Boerne auch die Polizei rufen können und wäre damit vollkommen im Recht gewesen. Wieder brauchte Boerne sehr lange, um zu antworten. Thiel beobachtete ihn genau. In dem schlechten Licht war nur wenig zu erkennen, aber es schien ihm, als wäre Boerne plötzlich sehr unsicher. Er rutschte unruhig hin und her, dann zog er seine Beine noch höher, bis fast unter sein Kinn. Er schluckte sichtbar, öffnete mehrfach den Mund um etwas zu sagen, schloss ihn aber unverrichteter Dinge wieder. Thiel wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Einen so sprachlosen Gerichtsmediziner hatte er noch nie erlebt. Die Frage musste Boerne getroffen haben. Thiel wollte das Gespräch schon abbrechen, Boerne erklären, dass es auch gar nicht so wichtig wäre und dass er so oder so unglaublich dankbar dafür seu, dass er nicht auf Vadderns oller Couch pennen muss, als Boerne doch noch etwas sagt.
„Vielleicht… vielleicht wollte ich ja, dass Sie hier übernachten…“
Thiel schaute Boerne ins Gesicht, warte, dass der weitersprach, doch Boerne sagte nichts mehr. Er lag nur stumm da, hatte die Knie inzwischen fast bis zum Kinn gezogen und starrte Thiel mit so weit aufgerissenen Augen an, dass selbst in der Dunkelheit das Weiße in seinen Augen zu erkennen war. Erst jetzt sickerte die Bedeutung von Boernes Worten so langsam ein. Thiel wurde heiß und kalt zugleich, er hatte plötzlich das Gefühl als ob seine Wangen glühten und die Schmetterlinge in seinem Bauch flogen Amok. Jetzt war er sich ganz sicher, dass er in Bezug auf Boerne ein paar wirklich wichtige Dinge verpasst hatte. Er wusste natürlich längst, dass Boerne nicht einmal halb so genervt von seine Gegenwart war, wie er gerne vorgab, aber dass es so weit ging, das überraschte ihn dann doch. Damit hatte er nicht gerechnet.
„Sie wollten, dass ich hier übernachte?“, fragte er deswegen zur Sicherheit noch einmal nach.
Reglos lag Thiel in der Dunkelheit, versuchte Boernes Gesicht zu erkennen, während er auf eine Antwort wartete. Verbissen versuchte er die Hoffnung niederzuringen, die sich seiner plötzlich bemächtigte. Boerne Gesicht veränderte sich plötzlich, schien irgendwie härter zu werden.
„Ja, das wollte ich. Aber wie ich sehe, wissen Sie dieses Opfer nicht zu würdigen. Ich entschuldige mich in aller Form dafür. Angesichts der Umstände ist es vermutlich besser, wenn ich diese Nacht auf dem Sofa beende.“
Ehe Thiel richtig begriff, was eigentlich geschah hatte Boerne sich schon umgedreht, schlug die Decke zurück und war auf dem besten Wege aus dem Bett zu steigen. Erst als Boerne schon ein Bein auf dem Boden hatte, kam wieder Leben in Thiel. Er wühlte sich aus seiner Bettdecke, warf sich quer über das Doppelbett und erwischte Boerne so gerade noch am Handgelenk. Boerne sträubte sich ein wenig, hielt gegen, doch Thiel zog ihn mit einem kräftigen Ruck zu sich. Boerne verlor das Gleichgewicht, kippte zurück auf das Bett und landete halb neben und halb über Thiel. Der Aufprall war ziemlich hart und die Position war auch nicht besonders bequem, aber Thiel wollte sich nicht weiter beschweren, hatte dieses ,Manöver‘ doch immerhin Boernes Gesicht direkt vor seines gebracht.
Thiel wusste, dass er Boerne mit Worten niemals überzeugen konnte, also griff er einfach mit beiden Händen in Boernes Haare, zog ihn zu sich herunter und küsste ihn. Boerne versteifte sich augenblicklich, er erwiderte den Kuss im ersten Moment zwar nicht, zog seinen Kopf aber auch nicht zurück. Das gab Thiel Mut. Ganz sanft strich er mit der Zungenspitze über Boernes Lippen, stupste dagegen – und endlich öffnete Boerne die Lippen, drängte Thiels Zunge entgegen, vertiefte den Kuss. Hände vergruben sich in Thiels Haaren und er schlang die Arme um Boernes Oberkörper, zog in zu sich, so fest er nur konnte. Und die Hitze, die sich in seinem Unterleib aufbaute, langsam in alle Richtungen verteilte, hatte mit den dicken Dauendecken garantiert gar nichts zu tun.
no subject
Date: 2018-09-30 07:03 am (UTC)braucht wegen nachts um 3 noch ein wenig Beta, war aber nichstdestotrotz eine Freude zu lesen :D
no subject
Date: 2018-09-30 07:46 am (UTC)Ja, ich hab' heute früh um halb acht nochmal drüber gelesen, aber mit drei kleinen Kindern auf dem Schoß wird es auch nicht besser, als nachts um halb drei. Aber ich weiß ja, an wen ich mich vertrauensvoll wenden kann... ;)