Titel: "Kellergänge"
Team: Sonne
Challenge: Angst: Unheimliche Bewegungen aus dem Augenwinkel - Fürs Team
Fandom: Original: SOKO Extrablatt
Rating: P16
Genre: Crime, Angst
Warnungen: Horror/Gore!
Zusammenfassung: Jess macht eine erschreckende Entdeckung...
Wörter: ~1900
Anmerkungen: Ich bin gerade dabei, die Vorgeschichten meiner beiden Hauptfiguren Jess und Ben aus der SOKO Extrablatt so ein bisschen zu erforschen und dabei fiel dieses Schnipselchen hier ab. Und ja, das Ende ist fies, aber so bin ich eben...
Die dunkle Holztür in der hintersten Ecke des Kellers machte nicht den Eindruck, als sei sie in der letzten Zeit benutzt worden. Sie war alt, die Farbe längst abgesplittert, das Holz rau und rissig geworden. In den Rillen zwischen den einzelnen Brettern konnte man noch erahnen, dass sie wohl einmal grün gewesen sein musste. Das kleine Fenster, das ungefähr auf Kopfhöhe eingelassen war, war gesprungen und blind von Staub und Alter, das gusseiserne Gitter davor längst durchgerostet, der schwarze Lack an vielen Stellen abgeplatzt. Irgendjemand hatte mehrere große blaue Müllsäcke davor gestapelt.
Nein, diese Tür wirkte nicht so, als ob in den letzten Jahren irgendjemand hindurch gegangen wäre. Und doch zog sie Jess’ Blick fast magisch auf sich. Sie konnte sich nicht genau erklären, was er war, aber irgendetwas irritierte sie an diesem Bild. Es schien ihr so gewollt. Noch einmal ließ sie den Blick über die Tür gleiten, registrierte die vielen staubigem Spinnweben, die leicht im Luftzug zitterten, die kleinen Farbreste, wie Splitter in dem dunklen Holz, die Türklinke, völlig verrostet und gleichzeitig glatt und glänzend von jahrzehntelanger Benutzung, die Spuren auf dem staubigen Boden, wo die Tür Schutt und Dreck zusammengeschoben hatte, als sie zuletzt geöffnet worden war, die blauen Säcke …
Jess hielt inne. Sie trat einen Schritt näher, ging in die Hocke und untersuchte die Spuren auf dem Boden genauer. Über die Jahre hatte die Tür eine tiefe, halbkreisförmige Spur in den Boden gegraben. Die blauen Säcke verdeckten zwar einen großen Teil davon, trotzdem wurde Jess bei näherer Betrachtung sofort klar, was sie so irritierte: Innerhalb der Spur war der Boden blank und sauber. Überall in diesem Keller war der Boden mit Sand, Staub und abgebröckelten Putzresten bedeckt, die unter ihren Stiefeln knirschen und ihr den letzten Nerv raubten. Nur hier, auf diese, kleinen glattgeschliffenen Stück Fußboden lag kein Körnchen Staub, kein Krümelchen Dreck. Diese Tür war definitiv geöffnet worden, und es war noch nicht sehr lange her. Sie strich mit zwei Fingern über den blanken Boden, betrachtete ihre Fingerspitzen. Sie waren fast sauber.
Natürlich konnte es ein Zufall sein. Die Keller waren alle verbunden, theoretisch hatte jeder in diesem riesigen Häuserblock Zugang zu dieser Tür. Vielleicht waren es nur spielende Kinder gewesen, die sich ein geheimes Versteck gebaut hatten, Jugendliche, die einen Raum fern ab der Kontrolle ihrer Eltern suchten, oder ein heimlicher Liebhaber, der überstürzt vor dem heimkehrenden Partner seines oder seiner Liebsten geflüchtete war. Vielleicht war das aber auch genau der Ort, an dem Weiland sein letztes Opfer versteckt hielt. Die seltsamen Geräusche, dieses gequälte Wimmern, hatte sie durch den ganzen Keller bis hierher geführt und diese Tür war der einzige Weg hinaus. Sie hatte gar keine Wahl, sie musste sie öffnen.
Sie sicherte Ihre Waffe, steckte sie zurück ins Holster und begann die Säcke wegzuräumen. Es war ein Risiko, aber mit der Waffe in der Hand wäre es zu umständlich geworden und hätte viel zu lange gedauert. Im Stillen verfluchte sie Marquart für diesen dilettantischen Zugriff. Sie hatte nichts, keine Einsatzkleidung, keine Weste, kein Funkgerät, nicht einmal eine Taschenlampe. Kurz zog sie ihr Handy hervor, doch ein kurzer Blick auf das Display zeigte ihr, dass der Empfang hier unten noch miserabler war als oben schon. Sie versuchte trotzdem Marquart zu erreichen, aber das Gespräch riss ab, bevor sie überhaupt zu Ende gewählt hatte.
Fluchend steckte sie das Handy wieder weg und wendete sich wieder den Säcken zu. Sie waren nicht besonders groß, aber weich und unglaublich schwer. Altkleider oder Textilabfälle schätzte Jess. Schon nach dem dritten schob sie ihre Ärmel hoch und nach dem fünften rann ihr der Schweiß den Rücken hinab. Neun waren es insgesamt und nachdem sie den letzten zu Seite gepackt hatte, gönnte sie sich einen kurzen Moment zum Verschnaufen. Sie lauschte kurz, doch von den Kollegen, die mit ihr den riesigen Gebäudekomplex durchsuchten, war nichts zu hören. Jess zog ihre Waffe, atmete tief durch und griff nach der Türklinke.
Die Klinke bewegte sich leicht und flüssig unter ihrer Hand, viel zu leicht für eine Tür dieses Alters, und die Tür schwang lautlos auf. Sie war geölt worden und das vor gar nicht langer Zeit. Wer auch immer dieser Tür benutzte, er wollte unauffällig sein. Spielende Kinder und rebellische Jugendliche fielen damit ziemlich sicher aus. Entweder gab es in diesem riesigen Gebäude noch mehr Menschen mit Hang zu bestenfalls halblegalen Freizeitbeschäftigungen oder sie hatte tatsächlich Weilands Versteck gefunden.
Hinter der Tür begann ein enger Gang, der in flachen Stufen langsam aber stetig bergab führte. Er war stockfinster und ein kühler, moderiger Luftzug drang herauf. Der Gang war alt, viel älter als die Häuser, älter selbst als der Keller. Er war aus roten Ziegeln gemauert und nur ein schmales Eisengeländer und ein altertümlicher Drehlichtschalter waren die einzigen Anzeichen, dass dieser Gang in den letzten einhundert Jahren überhaupt schon mal von Menschen betreten worden war.
Jess lauschte in die Dunkelheit. Von irgendwo tief unten drang das leise Geräusch fallender Wassertropfen herauf und noch etwas anderes, ferner, noch leise. Vielleicht das Gurgeln von Wasser. Sie hatte keine Ahnung, wo die Gänge hinführten. Sie waren auf keinem Plan, den sie gesehen hatte verzeichnet gewesen. Vielleicht waren sie mit der Kanalisation verbunden. Sie trat einen Schritt in den Gang hinein, lauschte wieder. Die Geräusche veränderten sich nicht, das seltsame Stöhnen blieb stumm. Jess ließ die Waffe sinken, trat einen Schritt zurück. Vielleicht hatte sie sich doch nur getäuscht. Warum sollte auch ausgerechnet sie durch einen dummen Zufall Weilands Versteck finden, wenn das fast dreißig Beamten, die seit über einem Jahr an diesem Fall arbeiteten, nicht gelungen war. Die Gänge mussten überprüft werden, aber wenn das Geräusch nicht von hier unten gekommen war, dann musste sie das nicht jetzt tun, allein und ohne Ausrüstung. Sie wandte sich ab und wollte gerade die Tür wieder schließen, als das Geräusch erneut erklang.
Ein langgezogenes Stöhnen, wie ein gequältes Tier drang die Treppen hinauf. Jess erstarrte. Das Herz schlug ihr mit einem Mal bis zum Hals. Ganz langsam drehte sie sich auf dem Absatz herum, lauschte abermals. Da war es wieder, schwächer dieses Mal, mehr nur noch ein Wimmern, aber immer noch unverkennbar. Und es kam eindeutig durch den Gang zu ihr herauf. Jess schluckte. Sie wollte da nicht heruntergehen. Ganz allein, ohne Ausrüstung war das Wahnsinn, aber wer auch immer da unten so wimmerte, brauchte dringend Hilfe. Natürlich konnte es wirklich nur ein verletztes oder sterbendes Tier sein, aber das Risiko war ihr zu groß. Sie trat in den Gang. Kurz debattierte sie mit sich selbst, ob sie den Lichtschalter benutzen sollte, oder nicht, aber welche Wahl hatte sie schon? Sie hatte keine Taschenlampe und ohne irgendeine Art von Beleuchtung war es schon drei Schritte in dem Gang so finster, dass sie die Hand vor Augen kaum erkennen konnte. Sie drehte den Schalter.
Eine Reihe kleiner Lampen, die hoch an der Wand des Ganges montiert waren, flammten auf, spendeten ein trübes, gelbliches Licht. Es erreichte kaum den Boden des Ganges, aber es war immer noch besser als gar nichts. Jess fasste ihre Waffe fest mit beiden Händen und schritt langsam die flachen Stufen hinab. Es dauerte eine Weile, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, aber dann schälen sich langsam erste Details aus der Dunkelheit.
Der Gang wurde schnell breiter, wirkte schon bald mehr wie ein Tunnel, der für Fahrzeige gedacht war. Jess hielt sich an die Wand mit dem Geländer, folgte dem sanften Bogen, den sie schlug. Mit jedem Schritt ging es weiter abwärts. Schon bald wurden die Stufen schmaler und steiler. Sie lauschte in die Dunkelheit, doch das Geräusch, das sie hergelockt hatte, kam nicht wieder. Da war nur das leise Tropfen von Wasser, ab und zu ein vereinzeltes Rascheln und Quieken wie von kleinen Nagetieren – Ratten wahrscheinlich – und das Knirschen ihrer eigenen Schritte. Sie atmete nur ganz flach, versuchte jedes unnötige Geräusch zu vermeiden.
Unentwegt ließ sie ihren Blick wandern, versuchte Details zu erkennen, Spuren zu finden, ein Schild vielleicht, ein alter Kalender, ein Plakat, Müll, irgendetwas, dass ihr einen Hinweis geben könnte, was das hier unten war. Aber da war nichts. Nur blanke Ziegelmauern und Dunkelheit.
Dann plötzlich meinte sie etwas zu sehen. Nur ganz eben im Augenwinkel, eine Bewegung, ein Schatten, etwas, das die regelmäßigen Linien der Steine unterbrach. Sie drehte den Kopf minimal, versuchte die Stelle in den Blick zu nehmen, doch da war nichts. Nur zwei Steine die ein bisschen dunkler scheinen. Vielleicht hat sie sich einfach getäuscht, vielleicht haben ihr ihre angespannten Nerven einen Streich gespielt, vielleicht war es aber auch nur eine von den unzähligen Ratten hier unten.
Wieder fiepte es ein paar Meter neben ihr. Jess atmete einmal tief durch, fasste ihre Waffe noch fester und ging langsam weiter. Das Herz schlug ihr längst bis zum Halse, jeder Atemzug schien zur Qual zu werden. War es nicht eben noch heller gewesen? Konnte sie nicht gerade noch bis zur anderen Seite hinübersehen? Oder war der Gang nur wieder breiter gewesen.
Sie blieb wieder stehen, schaute sich um. Nein, der Gang war nicht breiter geworden, aber die Lampe über ihr glomm nur noch ganz schwach. Sie warf einen Blick über die Schulter zurück, doch die Tür war nicht mehr zu sehen. Sie war schon zu weit in den Tunnel gegangen – oder jemand hatte die Tür hinter ihr geschlossen…
Nein, stopp! Gar nicht daran denken! Nur nicht in Panik geraten hier unten! Sie war allein. Ihre Routine war ihre einzige Lebensversicherung. Sie richtete ihren Blick wieder nach vorn – und wieder meinte sie diesen Schatten zu sehen. Als huschte jemand auf der anderen Seite den Gang entlang.
Jess hielt die Luft an, trat einen Schritt von der Wand weg, in die Mitte des Ganges, versucht die gegenüberliegende Wand besser zu erkennen. Doch da war immer noch nicht. Nur uralte Backsteine und dunkle Spuren wo seit Jahrzehnten das Wasser die Wände heruntergelaufen war. Ein paar Meter vor ihr aber wurde es wieder heller. Es schien, als mündete der Gang in eine Kammer oder Kaverne. Sie straffte die Schultern, ging langsam weiter.
Nur ein paar Meter vor ihr machte der Gang tatsächlich einen Knick und von der fiel deutlich helleres Licht um die Ecke. Jess schlich vorsichtig näher, presste sich knapp neben der Biegung mit den Rücken gegen die Wand. Sie nahm ihre Waffe hoch vor ihr Gesicht, richtete sie gen Decke. Dann atmete sich nochmal tief durch, zählte im Geiste bis drei. Mit einem Satz sprang sie um die Ecke – und prallte zurück, als sei sie vor eine unsichtbare Wand gesprungen.
Vor ihr lag ein riesiger Raum, der sich über mindesten drei Stockwerke erstreckte. Sie stand auf einer Art Empore, die ungefähr auf halber Höhe um den ganzen Raum lief. Direkt vor ihren Füßen begann eine lange Treppe, die hinab auf den Boden führte. Und dort unten in der Mitte des Raumes bot sich ein Bild absoluten Grauens. Dort unten stand ein großes umgekehrtes Holzkreuz und an dieses Kreuz geschlagen mit großen, schwarzen Eisennägeln war die Leiche einer jungen Frau. Oder das, was davon übrig war, denn der ganze Raum wimmelte von Ratten. Sie rannten über den Boden, über das Kreuz, über einander in ihrer Gier, zu dem Leichnam zu gelangen, sich an ihrem Fleisch gütlich zu tun.
Jess ließ ihre Waffe fallen, schlug die Hände vor den Mund, um den Schrei zu unterdrücken, der sich in ihrer Kehle formte. Sie drehte den Kopf weg – und die Bewegung, die sich noch eben aus dem Augenwinkel wahrnahm war die einzige Warnung, die sie bekam. Sie versuchte noch auszuweichen, doch im nächsten Augenblick traf sie eine Eisenstange mit voller Wucht im Kreuz. Sie wurde nach vorn geschleudert, verlor das Gleichgewicht und stürzte die Treppe hinab. ‚Da hat doch jemand die Tür zugemacht‘, war der letzte Gedanke, der ihr noch durch den Kopf schoss, dann schlug sie mit der Schläfe auf der Kante einer Stufe auf und es wurde schwarz um sie.
Team: Sonne
Challenge: Angst: Unheimliche Bewegungen aus dem Augenwinkel - Fürs Team
Fandom: Original: SOKO Extrablatt
Rating: P16
Genre: Crime, Angst
Warnungen: Horror/Gore!
Zusammenfassung: Jess macht eine erschreckende Entdeckung...
Wörter: ~1900
Anmerkungen: Ich bin gerade dabei, die Vorgeschichten meiner beiden Hauptfiguren Jess und Ben aus der SOKO Extrablatt so ein bisschen zu erforschen und dabei fiel dieses Schnipselchen hier ab. Und ja, das Ende ist fies, aber so bin ich eben...
Die dunkle Holztür in der hintersten Ecke des Kellers machte nicht den Eindruck, als sei sie in der letzten Zeit benutzt worden. Sie war alt, die Farbe längst abgesplittert, das Holz rau und rissig geworden. In den Rillen zwischen den einzelnen Brettern konnte man noch erahnen, dass sie wohl einmal grün gewesen sein musste. Das kleine Fenster, das ungefähr auf Kopfhöhe eingelassen war, war gesprungen und blind von Staub und Alter, das gusseiserne Gitter davor längst durchgerostet, der schwarze Lack an vielen Stellen abgeplatzt. Irgendjemand hatte mehrere große blaue Müllsäcke davor gestapelt.
Nein, diese Tür wirkte nicht so, als ob in den letzten Jahren irgendjemand hindurch gegangen wäre. Und doch zog sie Jess’ Blick fast magisch auf sich. Sie konnte sich nicht genau erklären, was er war, aber irgendetwas irritierte sie an diesem Bild. Es schien ihr so gewollt. Noch einmal ließ sie den Blick über die Tür gleiten, registrierte die vielen staubigem Spinnweben, die leicht im Luftzug zitterten, die kleinen Farbreste, wie Splitter in dem dunklen Holz, die Türklinke, völlig verrostet und gleichzeitig glatt und glänzend von jahrzehntelanger Benutzung, die Spuren auf dem staubigen Boden, wo die Tür Schutt und Dreck zusammengeschoben hatte, als sie zuletzt geöffnet worden war, die blauen Säcke …
Jess hielt inne. Sie trat einen Schritt näher, ging in die Hocke und untersuchte die Spuren auf dem Boden genauer. Über die Jahre hatte die Tür eine tiefe, halbkreisförmige Spur in den Boden gegraben. Die blauen Säcke verdeckten zwar einen großen Teil davon, trotzdem wurde Jess bei näherer Betrachtung sofort klar, was sie so irritierte: Innerhalb der Spur war der Boden blank und sauber. Überall in diesem Keller war der Boden mit Sand, Staub und abgebröckelten Putzresten bedeckt, die unter ihren Stiefeln knirschen und ihr den letzten Nerv raubten. Nur hier, auf diese, kleinen glattgeschliffenen Stück Fußboden lag kein Körnchen Staub, kein Krümelchen Dreck. Diese Tür war definitiv geöffnet worden, und es war noch nicht sehr lange her. Sie strich mit zwei Fingern über den blanken Boden, betrachtete ihre Fingerspitzen. Sie waren fast sauber.
Natürlich konnte es ein Zufall sein. Die Keller waren alle verbunden, theoretisch hatte jeder in diesem riesigen Häuserblock Zugang zu dieser Tür. Vielleicht waren es nur spielende Kinder gewesen, die sich ein geheimes Versteck gebaut hatten, Jugendliche, die einen Raum fern ab der Kontrolle ihrer Eltern suchten, oder ein heimlicher Liebhaber, der überstürzt vor dem heimkehrenden Partner seines oder seiner Liebsten geflüchtete war. Vielleicht war das aber auch genau der Ort, an dem Weiland sein letztes Opfer versteckt hielt. Die seltsamen Geräusche, dieses gequälte Wimmern, hatte sie durch den ganzen Keller bis hierher geführt und diese Tür war der einzige Weg hinaus. Sie hatte gar keine Wahl, sie musste sie öffnen.
Sie sicherte Ihre Waffe, steckte sie zurück ins Holster und begann die Säcke wegzuräumen. Es war ein Risiko, aber mit der Waffe in der Hand wäre es zu umständlich geworden und hätte viel zu lange gedauert. Im Stillen verfluchte sie Marquart für diesen dilettantischen Zugriff. Sie hatte nichts, keine Einsatzkleidung, keine Weste, kein Funkgerät, nicht einmal eine Taschenlampe. Kurz zog sie ihr Handy hervor, doch ein kurzer Blick auf das Display zeigte ihr, dass der Empfang hier unten noch miserabler war als oben schon. Sie versuchte trotzdem Marquart zu erreichen, aber das Gespräch riss ab, bevor sie überhaupt zu Ende gewählt hatte.
Fluchend steckte sie das Handy wieder weg und wendete sich wieder den Säcken zu. Sie waren nicht besonders groß, aber weich und unglaublich schwer. Altkleider oder Textilabfälle schätzte Jess. Schon nach dem dritten schob sie ihre Ärmel hoch und nach dem fünften rann ihr der Schweiß den Rücken hinab. Neun waren es insgesamt und nachdem sie den letzten zu Seite gepackt hatte, gönnte sie sich einen kurzen Moment zum Verschnaufen. Sie lauschte kurz, doch von den Kollegen, die mit ihr den riesigen Gebäudekomplex durchsuchten, war nichts zu hören. Jess zog ihre Waffe, atmete tief durch und griff nach der Türklinke.
Die Klinke bewegte sich leicht und flüssig unter ihrer Hand, viel zu leicht für eine Tür dieses Alters, und die Tür schwang lautlos auf. Sie war geölt worden und das vor gar nicht langer Zeit. Wer auch immer dieser Tür benutzte, er wollte unauffällig sein. Spielende Kinder und rebellische Jugendliche fielen damit ziemlich sicher aus. Entweder gab es in diesem riesigen Gebäude noch mehr Menschen mit Hang zu bestenfalls halblegalen Freizeitbeschäftigungen oder sie hatte tatsächlich Weilands Versteck gefunden.
Hinter der Tür begann ein enger Gang, der in flachen Stufen langsam aber stetig bergab führte. Er war stockfinster und ein kühler, moderiger Luftzug drang herauf. Der Gang war alt, viel älter als die Häuser, älter selbst als der Keller. Er war aus roten Ziegeln gemauert und nur ein schmales Eisengeländer und ein altertümlicher Drehlichtschalter waren die einzigen Anzeichen, dass dieser Gang in den letzten einhundert Jahren überhaupt schon mal von Menschen betreten worden war.
Jess lauschte in die Dunkelheit. Von irgendwo tief unten drang das leise Geräusch fallender Wassertropfen herauf und noch etwas anderes, ferner, noch leise. Vielleicht das Gurgeln von Wasser. Sie hatte keine Ahnung, wo die Gänge hinführten. Sie waren auf keinem Plan, den sie gesehen hatte verzeichnet gewesen. Vielleicht waren sie mit der Kanalisation verbunden. Sie trat einen Schritt in den Gang hinein, lauschte wieder. Die Geräusche veränderten sich nicht, das seltsame Stöhnen blieb stumm. Jess ließ die Waffe sinken, trat einen Schritt zurück. Vielleicht hatte sie sich doch nur getäuscht. Warum sollte auch ausgerechnet sie durch einen dummen Zufall Weilands Versteck finden, wenn das fast dreißig Beamten, die seit über einem Jahr an diesem Fall arbeiteten, nicht gelungen war. Die Gänge mussten überprüft werden, aber wenn das Geräusch nicht von hier unten gekommen war, dann musste sie das nicht jetzt tun, allein und ohne Ausrüstung. Sie wandte sich ab und wollte gerade die Tür wieder schließen, als das Geräusch erneut erklang.
Ein langgezogenes Stöhnen, wie ein gequältes Tier drang die Treppen hinauf. Jess erstarrte. Das Herz schlug ihr mit einem Mal bis zum Hals. Ganz langsam drehte sie sich auf dem Absatz herum, lauschte abermals. Da war es wieder, schwächer dieses Mal, mehr nur noch ein Wimmern, aber immer noch unverkennbar. Und es kam eindeutig durch den Gang zu ihr herauf. Jess schluckte. Sie wollte da nicht heruntergehen. Ganz allein, ohne Ausrüstung war das Wahnsinn, aber wer auch immer da unten so wimmerte, brauchte dringend Hilfe. Natürlich konnte es wirklich nur ein verletztes oder sterbendes Tier sein, aber das Risiko war ihr zu groß. Sie trat in den Gang. Kurz debattierte sie mit sich selbst, ob sie den Lichtschalter benutzen sollte, oder nicht, aber welche Wahl hatte sie schon? Sie hatte keine Taschenlampe und ohne irgendeine Art von Beleuchtung war es schon drei Schritte in dem Gang so finster, dass sie die Hand vor Augen kaum erkennen konnte. Sie drehte den Schalter.
Eine Reihe kleiner Lampen, die hoch an der Wand des Ganges montiert waren, flammten auf, spendeten ein trübes, gelbliches Licht. Es erreichte kaum den Boden des Ganges, aber es war immer noch besser als gar nichts. Jess fasste ihre Waffe fest mit beiden Händen und schritt langsam die flachen Stufen hinab. Es dauerte eine Weile, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, aber dann schälen sich langsam erste Details aus der Dunkelheit.
Der Gang wurde schnell breiter, wirkte schon bald mehr wie ein Tunnel, der für Fahrzeige gedacht war. Jess hielt sich an die Wand mit dem Geländer, folgte dem sanften Bogen, den sie schlug. Mit jedem Schritt ging es weiter abwärts. Schon bald wurden die Stufen schmaler und steiler. Sie lauschte in die Dunkelheit, doch das Geräusch, das sie hergelockt hatte, kam nicht wieder. Da war nur das leise Tropfen von Wasser, ab und zu ein vereinzeltes Rascheln und Quieken wie von kleinen Nagetieren – Ratten wahrscheinlich – und das Knirschen ihrer eigenen Schritte. Sie atmete nur ganz flach, versuchte jedes unnötige Geräusch zu vermeiden.
Unentwegt ließ sie ihren Blick wandern, versuchte Details zu erkennen, Spuren zu finden, ein Schild vielleicht, ein alter Kalender, ein Plakat, Müll, irgendetwas, dass ihr einen Hinweis geben könnte, was das hier unten war. Aber da war nichts. Nur blanke Ziegelmauern und Dunkelheit.
Dann plötzlich meinte sie etwas zu sehen. Nur ganz eben im Augenwinkel, eine Bewegung, ein Schatten, etwas, das die regelmäßigen Linien der Steine unterbrach. Sie drehte den Kopf minimal, versuchte die Stelle in den Blick zu nehmen, doch da war nichts. Nur zwei Steine die ein bisschen dunkler scheinen. Vielleicht hat sie sich einfach getäuscht, vielleicht haben ihr ihre angespannten Nerven einen Streich gespielt, vielleicht war es aber auch nur eine von den unzähligen Ratten hier unten.
Wieder fiepte es ein paar Meter neben ihr. Jess atmete einmal tief durch, fasste ihre Waffe noch fester und ging langsam weiter. Das Herz schlug ihr längst bis zum Halse, jeder Atemzug schien zur Qual zu werden. War es nicht eben noch heller gewesen? Konnte sie nicht gerade noch bis zur anderen Seite hinübersehen? Oder war der Gang nur wieder breiter gewesen.
Sie blieb wieder stehen, schaute sich um. Nein, der Gang war nicht breiter geworden, aber die Lampe über ihr glomm nur noch ganz schwach. Sie warf einen Blick über die Schulter zurück, doch die Tür war nicht mehr zu sehen. Sie war schon zu weit in den Tunnel gegangen – oder jemand hatte die Tür hinter ihr geschlossen…
Nein, stopp! Gar nicht daran denken! Nur nicht in Panik geraten hier unten! Sie war allein. Ihre Routine war ihre einzige Lebensversicherung. Sie richtete ihren Blick wieder nach vorn – und wieder meinte sie diesen Schatten zu sehen. Als huschte jemand auf der anderen Seite den Gang entlang.
Jess hielt die Luft an, trat einen Schritt von der Wand weg, in die Mitte des Ganges, versucht die gegenüberliegende Wand besser zu erkennen. Doch da war immer noch nicht. Nur uralte Backsteine und dunkle Spuren wo seit Jahrzehnten das Wasser die Wände heruntergelaufen war. Ein paar Meter vor ihr aber wurde es wieder heller. Es schien, als mündete der Gang in eine Kammer oder Kaverne. Sie straffte die Schultern, ging langsam weiter.
Nur ein paar Meter vor ihr machte der Gang tatsächlich einen Knick und von der fiel deutlich helleres Licht um die Ecke. Jess schlich vorsichtig näher, presste sich knapp neben der Biegung mit den Rücken gegen die Wand. Sie nahm ihre Waffe hoch vor ihr Gesicht, richtete sie gen Decke. Dann atmete sich nochmal tief durch, zählte im Geiste bis drei. Mit einem Satz sprang sie um die Ecke – und prallte zurück, als sei sie vor eine unsichtbare Wand gesprungen.
Vor ihr lag ein riesiger Raum, der sich über mindesten drei Stockwerke erstreckte. Sie stand auf einer Art Empore, die ungefähr auf halber Höhe um den ganzen Raum lief. Direkt vor ihren Füßen begann eine lange Treppe, die hinab auf den Boden führte. Und dort unten in der Mitte des Raumes bot sich ein Bild absoluten Grauens. Dort unten stand ein großes umgekehrtes Holzkreuz und an dieses Kreuz geschlagen mit großen, schwarzen Eisennägeln war die Leiche einer jungen Frau. Oder das, was davon übrig war, denn der ganze Raum wimmelte von Ratten. Sie rannten über den Boden, über das Kreuz, über einander in ihrer Gier, zu dem Leichnam zu gelangen, sich an ihrem Fleisch gütlich zu tun.
Jess ließ ihre Waffe fallen, schlug die Hände vor den Mund, um den Schrei zu unterdrücken, der sich in ihrer Kehle formte. Sie drehte den Kopf weg – und die Bewegung, die sich noch eben aus dem Augenwinkel wahrnahm war die einzige Warnung, die sie bekam. Sie versuchte noch auszuweichen, doch im nächsten Augenblick traf sie eine Eisenstange mit voller Wucht im Kreuz. Sie wurde nach vorn geschleudert, verlor das Gleichgewicht und stürzte die Treppe hinab. ‚Da hat doch jemand die Tür zugemacht‘, war der letzte Gedanke, der ihr noch durch den Kopf schoss, dann schlug sie mit der Schläfe auf der Kante einer Stufe auf und es wurde schwarz um sie.