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Titel: Ein kleiner Beamter
Team: Sonne
Challenge: Angst: Masken - Fürs Team
Fandom: Doppelter Einsatz
Rating: P16
Genre: Angst
Warnungen: Implied Suicide! Fetter Spoiler für die Folge "Der Mörder in Dir" (038x03)
Zusammenfassung: Am Ende steht eine unbegreifliche Wahrheit...
Wörter: ~1700
Anmerkungen: Viel gibt es dazu nicht zu sagen. Es ist eine Scene-Fic, die kursiv gesetzten Texte stammen aus der Folge selbst und ich habe echt keine Ahnung, ob man damit etwas anfangen kann, wenn man die Folge nicht kennt.



„Liebe… ja, eine Hoffnung. Ich erinnere mich. Treueschwüre. Zukunftspläne. Hingabe. Vor langer Zeit habe ich das auch einmal gewollt. Aber dann habe ich den Faden verloren.

Es wurde immer schwieriger noch einmal, noch ein letztes Mal daran zu glauben. Nein, die Liebe kam für mich nicht mehr in Frage. Also war ich immer allein.



* * *



Sabrina schaut Ellen hinterher, wie sie den kleinen Jungen die Treppen hinab begleitet zu den Streifenwagen. Ein Teil von ihr ist dankbar, dass Ellen das übernimmt, die kann schließlich viel besser mit Kindern. Der weit größere Teil aber würde nichts lieber als mit ihr gehen. Weg von hier, weg von Winter, weg von dieser Erkenntnis, die da vor ihr liegt wie eine lauernde Schlage, weit, weit weg. Doch sie kann nicht. Nicht nach allem, was sie weiß. Die Tür fällt mit einem leisen Klicken hinter Ellen ins Schloss und Sabrina ist mit Winter allein.

Einen Moment schaut sie auf das braun lackierte Holz, dann wendet sie sich Winter zu. Sie mustert ihn knapp. Er sieht aus wie immer und trotzdem hat sie das Gefühl, einen völlig fremden Menschen vor sich zu haben. Sie muss etwas sagen, ihn etwas fragen, denn von allein wird er nicht reden, das weiß sie. Winter redet fast nie. Aber was sagt man einem langjährigen Kollegen, der sich mit einem Mal als kalter, berechnender Manipulator und Killer entpuppt?

„Warum Benthin?“

Die Frage ist einfach. Die Antwort auch. Es geht nur um Fakten, nicht um Gefühle. Zumindest hofft Sabrina das.

Winter schlägt die Augen nieder, wendet den Kopf ab. Er hat die Hände in den Hosentaschen vergraben, sieht aus wie immer. Es beruhigt Sabrina und treibt sie gleichzeitig die Wände hoch. Wie kann er so ruhig sein? Es ist noch keine Stunde her, da hat er einen Menschen erschossen! Und jetzt steht es hier, schaut sie an und zuckt gleichgültig mit den Schultern. Er nickt zu Tisch herüber.

„Auf dem Tisch.“

Sabrina folgt seinem Blick. Jetzt erst sieht sie den großen braunen Umschlag mit ihrem Namen darauf. Gut sichtbar auf dem Tisch platziert. Wie ein Abschiedsbrief. Wenn die Mutter des kleinen Jungen sich nicht verspätet hätte, sie hätten Winter gar nicht mehr lebend angetroffen.

Sie nimmt den Umschlag auf, starrt ihn an, schaut auf zu Winter, zurück auf den Umschlag. Sie will ihn nicht öffnen, will gar nicht wissen, was darin steckt, aber sie muss. Sie muss wissen warum.

Ein paar bedruckte Blätter kommen zum Vorschein. Der Obduktionsbericht von Nana Walters. Kein Abschiedsbrief, wie die befürchtet hat. Es hätte auch nicht gepasst. Winter redet kaum. Schon gar nicht über sich. Sie blättert den Bericht durch, überfliegt die Ergebnisse, versucht den Grund zu finden, warum Benthin sterben musste. Winter erklärt es, bevor sie es gefunden hat.

„Nana Walters hat noch gelebt, als sie auf die Müllkippe geworfen wurde. Sie ist dort erst verreckt.“

Sabrina wirft den Bericht zurück auf den Tisch, schaut Winter an. Wie er da sitzt, auf dem alten, hässlichen Küchenstuhl, mit hängenden Schultern, die Hände in seinem Schoß vergraben. Wie er starr auf die Tischplatte schaut, ohne jede Regung. Als rede er nur über das Wetter oder die Zeitung von gestern und nicht den Tod zweier Menschen.

„Ich hab’ den Funkspruch gehört, mit dem die Streife sich abgemeldet hat, um zu Walters zu fahren.“

Sachlich und routiniert klingt das. Gründlich, wie Winter immer gewesen ist. Er hat alles geplant, alles im Blick, alles kontrolliert. Jetzt endlich zeigt er eine kleine Regung. Seine Augen werden feucht und da ist so ein Anflug eines bitteren Lachens. Aber es hat nichts mit den Opfern zu tun.

„Da wusste ich, dass ihr ihn kriegen würdet.“
„Wie konntest du das nur tun?“

Die Frage ist unsinnig, aber was soll sie sonst fragen? Angesichts des Abgrunds, der sich vor ihr auftut, gibt es keine Worte, um auch nur annährend in Worte zu fassen, was ihr gerade durch den Kopf geht. Winter zuckt mit den Schultern. Er kann ihr keine Antwort geben. Oder er will es nicht.

Sie möchte ihn bei den Schultern packen, ihn schütteln, anschreien, ohrfeigen, irgendwas. Damit er endlich eine Reaktion zeigt, etwas sagt, etwas erklärt. Aber sie tut es nicht. Sie ballt die Hände zu Fäusten, beißt die Zähne zusammen, geht langsam um den Tisch herum. Hinüber zum Fenster. Starrt hinaus. Unten schiebt Ellen gerade den kleinen Jungen in den Streifenwagen – und Winter bleibt stumm.

„Glaubst du nicht, dass ich auch schon solche Gefühle hatte?“

Dieser Versuch ihn zum Rede zu bringen ist genauso sinnlos wir die Frage zuvor. Mit Worten erreicht sie ihn nicht mehr, aber etwas anderes hat sie auch nicht. Natürlich kennt sie diese Frustration, diese Wut, wenn man wochenlang ermittelt und am Ende nichts hat. Oder noch schlimmer, wenn der Fall hieb- und stichfest scheint und man am Ende sehen muss, wie die Täter die Gerichte trotzdem als freie Menschen verlassen. Und natürlich hat sie auch schon mal gedacht, dass er eine oder andere dieser Typen eine Kugel zwischen die Augen verdient hätte. Aber sie hat es nicht getan. Das ist der Unterschied.

„Tut es dir etwa leid um die Schweine, die dran glauben mussten?“

Nein, es tut ihr nicht leid um diese Typen. Es tut ihr auch nicht leid um Benthin. Wenn sie ihn lebend bekommen hätten, er hätte sich aus der Sache rausgewunden, das ist sicher. Hätte eine große Geschichte erzählt, dass er seinen Türsteher doch beauftragt hätte, das Mädchen ins Krankenhaus zu bringen, dass es doch nicht seine Schuld wäre, wenn der die Nerven verliert. Aber es tut ihr leid um diese Männer, die zu Tätern wurden, die für diese Morde, für ihren fehlgeleiteten Gerechtigkeitssinn mit ihrem Leben bezahlt haben – und um ihren Kollegen.

„Es tut mir leid um dich, Winter. Der Preis ist hoch.“


* * *


„Der nächste Tatort. Die nächsten Spuren, Zeugen, Verdächtige. Seit vielen Jahren ist das meine Welt. Ich rechne, sammle Fakten, stelle Fragen, stelle fest. Ganz sachlich.

Habgier. Lust. Hass. Angst. Die großen Gefühle hatten immer die Anderen. Und wenn ich komme ist die Zeit der großen Gefühle vorbei.“



* * *



Sabrina sieht den Streifenwagen wegfahren, sieht wie Ellen zu ihr hochblickt. Sie wendet sich vom Fenster ab, geht hinüber zur Kommode, hockt sich darauf, schaut Winter lange an, doch der reagiert immer noch nicht.

„Du warst zu lange allein Winter. In dir hat sich was entwickelt, was … was fernab ist von jeder Vernunft … und jeder Menschlichkeit.“

Winters Schultern zucken leicht, da ist ein Schnauben, vielleicht ein unterdrücktes Lachen, so genau kann Sabrina das gerade nicht deuten. Es ist ihr auch egal. Er könnte von ihr aus hysterisch loslachen, wenn er nur endlich eine Reaktion zeigen würden, eine Regung, sie ihr zeigt, dass er doch noch ein Mensch ist.

„Ich hab’ den Leuten eine Chance gegeben.“

Plötzlich ruckt er herum, starrt sie an, versucht ihren Blick zu halten, will sie überzeugen. Glaubt er das wirklich? Sieht er sich wirklich als Chance für diese Leute? Sieht er einen Mord als Chance? Rache? Will er wirklich, dass sie ihm das glaubt?

„Wenn dir diese Leute so am Herzen lagen, warum hast du dich danach nie mehr um sie gekümmert, hm?“

Die Frage trifft ihn, das sieht sie deutlich. Plötzlich kann er ihr nicht mehr in die Augen schauen, dreht den Kopf weg, senkt den Blick. Sie hat seine Geschichte, als das entlarvt, was sie war: Eine Lüge.

„Ich glaube, du hattest ganz andere Motive, Winter. Ich glaube es hat dir Spaß gemacht. Ein kleiner Beamter, der nichts in seinem Leben geregelt kriegt, den niemand auf der Rechnung hat, und plötzlich lässt er die Puppen tanzen, plötzlich beherrscht er die Menschen wie Marionetten.“

Sabrina spürt, wie ihr die Tränen kommen. Jedes Wort ist wie ein Stich in ihrer Brust, aber sie kann nicht aufhören. Mit jedem Wort setzt sich das Puzzle ein bisschen mehr zusammen, ergibt am Ende ein Bild. Ein furchtbares Bild.

„Es hat dich angemacht. Gib’s doch zu!“

Winter sagt nichts, zieht nur die Schultern hoch. So sehr sie sich auch wünscht, dass er wütend wird, aufspringt, sie anschreit, was sie da für eine Scheiße erzählt, es passiert nicht. Langsam erhebt er sich von seinem Stuhl, geht hinüber zur Tür. Im Türrahmen dreht er sich um, schaut sie an.

Da sind Tränen in seinen Augen, er schluckt, atmet schwer, braucht mehrere Anläufe um ein Wort über die Lippen zu bringen. Aber am Ende ist es doch nicht das, worauf Sabrina immer noch gehofft hat.

„Glaubst du das wirklich, was du da gerade gesagt hast?“

Was soll sie dazu sagen? Nein, sie glaubt es nicht, sie will es nicht glauben und doch, ja, sie weiß, dass es stimmt. Irgendwie, irgendwo weiß sie es einfach. Aber das bringt sie nicht über die Lippen.

„Ich weiß es nicht.“

Sie hört die Tränen in ihrer eigenen Stimme – und Winter hört es auch. Er nickt langsam, er hat sie genau verstanden. Er schaut zu Boden und dann ist das wieder dieses bittere, halbe Lachen.

„Ich muss mal pinkeln.“

Er lächelt, als er das sagt. Sabrina versteht genau, was er meint, aber sie sagt nichts. Winter nimmt seinen Hut ab, spielt einen Moment mit der Krempe, bevor er sich auf dem Absatz umdreht und ihn an den Haken neben der Badezimmertür hängt. Er lässt sich Zeit, viel Zeit. Vielleicht will er sie prüfen, noch ein letztes Mal, ob sie eingreift, ob sie eine gute Polizistin ist. Vielleicht ist es auch eine stumme Bitte, ihn zurückzuhalten.

Sabrina reagiert nicht, schaut ihm einfach nur hinterher. Starrt auf diesen Hut und fragt sich, wie oft sie Winter schon ohne Hut gesehen hat. Sie weiß es nicht, aber nach allem, was passiert ist, muss sie sich fragen, ob sie Winter überhaupt jemals richtig gesehen hat. Hat er ihr überhaupt erlaubt, ihn wirklich zu sehen?

Winter tritt durch die Tür, schließt sie hinter sich. Leise und sorgfältig bis zum Schluss.

Ein Schuss kracht durch die stille Wohnung. Ein Körper schlägt dumpf auf dem Boden auf. Sabrina schließt die Augen und endlich rinnen die ersten Tränen über ihre Wangen.


* * *


„Nein, Nein, ich bin niemals stolz auf mich gewesen. Das war alles nur Dienst. Und es war in Ordnung.

Ich habe keine Kinder, keine Familie, keine Leidenschaften. Ich hinterlasse keine Spuren und Menschen, die mich eben noch gesehen haben, wissen jetzt schon nicht mehr, dass es mich gibt. So ist es immer gewesen. Fast immer.

Wenn man so lange zusammen gearbeitet hat, dann muss man sich anständig verabschieden. Das gehört sich so. Ich war lange dabei. Es war eine gute Zeit. Es gibt Leute, die alles mögliche von sich behaupten, ich bin immer nur eins gewesen: Polizeibeamter.“

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