[identity profile] thots-tochter.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Titel: Heimkehr
Team: Sonne
Challenge: Schreibaufgaben: Perspektive 2. Person - Fürs Team
Fandom: Original
Rating: P16
Genre: Angst
Warnungen: Implied Child Abuse!
Zusammenfassung: Nicht jede Heimkehr ist glücklich...
Wörter: ~1250
Anmerkungen: Ich habe wie immer keine Ahnung, wo das herkam. Eigentlich sollte es ein Piece für meine "SOKO Extrablatt" werden, aber das Bunny hat irgendwie die völlig falschen Karotten bekommen...


Du stehst auf der Straße vor dem riesigen Haus, die Hand schon auf dem Gartentor, aber du gehst nicht hindurch, stehst nur da und starrst auf die leeren, dunklen Fenster. Es ist schon spät am Abend. Die Sonne ist vor einiger Zeit bereits untergegangen und es wird langsam dunkel. Fast unmerklich büßen die grellen Farben des Tages an Intensität ein. Die Details der Welt verlieren sich im Dunkel der heraufziehenden Nacht. Schon bald sind nur noch Konturen erkennbar und auch sie nicht mehr lange. Was eben noch Häuser, Hecken und Bäume waren, verschwimmt zu einer einheitlichen schwarzen Masse, die sich nur noch gegen den anthrazitfarbenen Nachthimmel ein wenig abhebt. Die ersten Laternen flammen auf, bilden kleine Inseln von Licht und Details in dieser ansonsten so düsteren Sommernacht. Der Himmel ist wolkenverhangen, kein Stern ist zu sehen und den Mond kannst du nur vage erahnen, als hellen Fleck hinter den Wolkenmassen. Die Luft ist schwül und drückend, legt sich wie ein schwerer Mantel über alles. Kein Laut ist zu hören, kein Windhauch regt sich nicht einmal die Grillen mögen zirpen.

Ein Gewitter liegt in der Luft, du kannst den fernen Donner schon hören, doch noch ist es weit weg. Du bist der einzige Mensch auf der Straße, alle anderen haben sich längst in ihre Häuser und Wohnungen verzogen. Aber du weißt, dass sie dich beobachten, spürst mehr, als dass du es wirklich siehst, wie sich die Gardinen in den Fenstern der nahen Häuser bewegen, Gesichter erscheinen, Augen dich misstrauisch mustern. Sie kennen dich hier nicht mehr, du bist schon vor langer Zeit gegangen, lange bevor du diesem Haus tatsächlich den Rücken gekehrt hast. Jetzt bist du zurück, überraschend, unerwartet, am meisten wahrscheinlich für dich selbst.

Endlich überwindest du dich, drückst die Klinke herunter und öffnest das Gartentor. Zögerlich trittst du hindurch. Plötzlich zweifelst du an deinem Entschluss herzukommen. Was willst du hier? Was versprichst du dir davon? Ja, deine Eltern sind gestorben, das Haus gehört jetzt dir, aber wäre es nicht trotzdem besser, die Vergangenheit ruhen zu lassen?
Seitdem der Brief gekommen ist, hast du hin und her überlegt. Mehr als einmal hast du dich schon auf den Weg gemacht, aber noch jedes Mal hat dich irgendwann der Mut verlassen und du bist umgekehrt. Du kannst es immer noch, das weißt du, aber irgendetwas hindert dich. So weit bist du noch nie gekommen und du willst nicht, dass der Weg umsonst gewesen ist. Also gehst du weiter, Schritt um Schritt, auf das große, düstere Haus zu.

Erinnerungen drängen sich auf, werden mächtiger mit jedem Schritt. Du versuchst noch, sie zu unterdrücken, im Zaum zu halten, aber sie überwältigen dich und für einen Augenblick verschwimmen Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Erinnerung. Du siehst wieder das kleine Mädchen vor dir, vier, vielleicht auch schon fünf Jahre alt. Weinend und mit zerrissenen Hosen läuft es den Gartenweg entlang, erklimmt die Stufen vor dem Eingang mit zitternden Knien, drückt die schwere, schwarze Holztür auf und tritt in den dunklen Flur. Du weißt, was sie erwartet. Du bist dieses kleine Mädchen gewesen.

Du gehst weiter und die Bilder gegen mit dir. Sie ändern sich und bleiben doch immer gleich. Das kleine Mädchen wird älter, eine Jugendliche, schließlich eine junge Frau, doch das Gefühl, mit dem sie auf dieses Haus zugeht, ändert sich niemals. Hat es bis heute nicht. Du bist hier nie erwünscht gewesen, vom ersten Moment an. Hier nicht und auch sonst nirgendwo. Du warst schon eine Enttäuschung für deine Eltern, bevor du überhaupt auf der Welt warst. Du warst ja nur ein Mädchen. So hat dein Leben vor beinahe dreißig Jahren unerwünscht begonnen und ist dieser Vorgabe stur gefolgt, bis zu heutigen Tag. Seit du dich erinnern kannst, hast du dich immer nur störend gefühlt, überflüssig. Im Leben deiner Eltern, im Kindergarten, in der Schule, im Studium, im Büro. Du bist immer nur übrig. Das fünfte Rad am Wagen.

Niemand hat sich je dafür interessiert, wer du bist, wie du dich fühlst. Keiner hat je wissen wollen, was deine Meinung zu den Dingen ist, wie du die Welt siehst, wovon du träumst, welche Ziele und Wünsche du hast. Deinen Eltern warst du immer am liebsten, wenn du geschwiegen hast. Wann immer du es gewagt hast, einmal etwas zu sagen, sind sie immer nur genervt gewesen. ‚Ja, ja.‘, war alles, was du zu hören bekommen hast. ‚Ja, ja. – Leck mich am Arsch!‘

Sie haben sich nicht mal die Mühe gemacht, dich richtig anzusehen, nicht einmal haben sie bemerkt, wenn du dein Aussehen verändert hast. Die Ohrringe, der neue Haarschnitt, die neue Brille, die schicken neuen Klamotten, nichts ist ihnen von allein aufgefallen. Und wenn du sie darauf aufmerksam gemacht hast, dann hat es sie nicht interessiert. Sie haben immer nur gesehen, was du nicht warst.

„Du bist, was du leistest“, das ist immer der Lieblingsspruch deines Vaters gewesen. Aber es ist eine Lüge gewesen. Ganz egal, was du geleistet hast, ganz egal, wie gut du in der Schule warst, ganz egal, dass du dein Abitur zwei Jahre früher als üblich gemacht hast, ganz egal, dass du dein Studium mit Auszeichnung abgeschlossen hast, ganz egal, dass du einen Job bekommen hast, von dem andere nur träumen können, es war nie genug. Denn keine Leistung konnte diesen einen Makel ausmerzen: Dass du nicht der Sohn bist, den die sich so sehr gewünscht haben. Für sie bist du immer nur ein niemand gewesen, deine Existenz nur ein Fehler, den du nie wieder gutmachen konntest.

Du bist vor der Tür angekommen, starrst auf das dunkle Holz. Es ist alt und rissig geworden mit den Jahren, aber das Gefühl ist immer noch das gleiche. Du musst die Tür nicht berühren, um zu wissen, dass sie sich kalt anfühlt. Eiskalt, wie die Vernichtung, die dahinter lauert. Du erklimmst die Treppe, langsam, Schritt um Schritt, Stufe um Stufe. Schließlich erreichst du die Tür, gehst vor ihr in die Knie. Aus deiner Tasche ziehst du eine kleine, metallene Flasche und ein paar Streichhölzer. Dieses Mal bist du es, die die Vernichtung bringt – und sie wird heiß und brennend sein. Wie der Zorn, der in dir lodert.

Du leerst die Flasche an Fuße der Tür, lässt ein brennendes Streichholz ein die kleine Lache fallen. Im ersten Moment scheint das Hölzchen zu erlöschen und die alte Bitterkeit steigt in dir auf. Du bist eben doch eine Versagerin. Nicht einmal so etwas Simples bekommst du vernünftig hin. Doch dann lodern die Flammen doch noch auf, greifen um sich, lecken hungrig an der alten Tür empor. Schnell haben sie die ganze Tür erfasst, greifen auf den Rahmen über, fressen sich weiter und weiter vor.

Du trittst ein paar Schritte zurück, schaust genussvoll zu, wie ein Fenster nach dem anderen in sanftem orangenem Licht aufleuchtet. Die Flammen fressen sich gierig durch das ganze Haus, schlagen schließlich aus dem Dach, heben sich wundervoll leuchtend gegen den dunklen Nachthimmel ab. Sie sind deine Verbündeten, vernichten alles, was deinen Eltern je wichtig war. So viel wichtiger als du.

Etwas kühles trifft dich an der Hand, reißt dich aus deinen Gedanken. Du schaust herab, doch du kannst nicht erkennen, was es war. Es ist auch egal, denn schon treffen dich immer mehr Regentropfen. Unbemerkt ist das Gewitter näher gekommen. Blitze erhellen den Himmel, Donner rollt über dich hinweg. Das Rauschen des Regens mischt sich mit dem Brausen der Flammen, doch er vermag das Feuer nicht zu löschen. Das ist dein Werk und dieses Mal, ist niemand da, der es zunichte macht. Dieses Mal hast du gewonnen.

Du drehst dich um, gehst den Gartenweg entlang zurück zu deinem Auto und fährst davon, während sich hinter dir die Geister deiner Vergangenheit in Luft auflösen.

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