Titel: Betthupferl
Team: Sonne
Challenge: Romantik/Intimität: JOKER Inspiration (Diese Geschichte von
cricri_72) - Fürs Team
Fandom: Tatort Münster
Rating: P12
Genre: (Pre)Slash, First Kiss, Fluff
Warnungen: None
Zusammenfassung: Die Szene mit Thiel und Boerne in der Romatik-Suite aus "Summ, Summ, Summ", wie sie hätte sein sollen...
Wörter: ~3000
Anmerkungen: Ein Remix von
cricri_72s Geschichte "Romatik-Suite" aus Boernes Perspektive. Die Dialoge stammen von cricri, die Zwischenstücke sind von mir.
Widmung: Für
cricri_72, die die wundervolle Fähigkeit besitzt, Geschichten zu schreiben, die meine Bunnies Amok laufen lassen.
„Was soll das denn bitte werden?“
Argwöhnisch betrachtete Boerne, wie Thiel auf das große Doppelbett zukam. Er war bereits im Schlafanzug – sofern man eine zerknitterte Boxershorts und ein ausgeleiertes St.-Pauli-T-Shirt als Schafanzug bezeichnen wollten – und hielt einen großen flachen, schon etwas mitgenommen aussehenden Karton in der Hand, der verdächtig nach einem Pizzakarton aussah.
„Das ist doch offensichtlich.“
Thiel hob den Karton demonstrativ noch ein bisschen höher, so das Boerne jetzt auch den Aufdruck auf der Oberseite lesen konnte. Eindeutig ein Pizzakarton, der Größe nach mindestens eine Familienpizza.
„So kommen Sie mir nicht ins Bett.“
Boerne widerstand dem Impuls, sich quer über die andere Betthälfte zu werfen und die Bettdecke herunterzuhalten nur mit größter Mühe, aber das hätten dann doch ein bisschen albern ausgesehen. Thiel kümmerte sein Protest natürlich herzlich wenig.
„Jetzt haben Sie sich mal nicht so. Mir knurrt der Magen.“
Wie zum Beweis gab Thiel Magen in diesem Moment tatsächlich ein grauenerregendes Grollen von sich. Thiel hatte eindeutig Hunger. Hätte Boerne ihn nicht längst so gekannt, er hätte fast Mitleid mit ihm haben können. Aber wer so unregelmäßige Essenszeiten pflegte, wie der Herr Hauptkommissar, der war selbst schuld, wenn ihm der Magen knurrte. Wie kam Thiel um diese Urzeit überhaupt an eine Pizza, noch dazu an eine offensichtlich kalte.
„Wo haben Sie das überhaupt her?“
„Ist ‘n Rest. Den hatte ich noch im Kühlschrank.“
Bei dem Wort ‚Kühlschrank‘ saß Boerne augenblicklich senkrecht im Bett. Wie kam Thiel an seinen Kühlschrank? Hatte er denn immer noch nicht begriffen, wie gefährlich diese Spinnen waren. Wenn die ihn gebissen hätten…
„Sie sind doch wohl nicht noch mal in Ihre Wohnung! Wissen Sie nicht, wie gefährlich -“
„Das hat mir dieser Professor Dingens rausgeholt, dieser Spinnentyp, jetzt kommen Sie mal wieder runter.“
Im ersten Moment beruhigte Boerne sich ein wenig. Aber nur für kurze Zeit. Thiel hatte inzwischen das Bett erreicht. Er legte die Pizzaschachtel auf dem Nachttisch ab und schlug in aller Seelenruhe die Bettdecke zurück. Bevor er hineinkletterte hielt er allerdings inne und schien etwas zu überlegen.
„Wobei, da fällt mir ein, dazu würde jetzt ausgezeichnet ein Bier passen.“
Thiel hatte so leichtes Grinsen auf dem Gesicht und sein Ton sagte deutlich, dass er provozieren wollte, trotzdem konnte Boerne nicht verhindern, dass ihm der Protest schon über die Lippen kam, bevor er richtig nachgedacht hatte.
„Unterstehen Sie sich …“
Thiels Grinsen wurde breiter. Er hatte es genau darauf angelegt und jetzt kostete er es vollen Zügen aus. Demonstrativ drehte er um und ging hinüber zur Minibar.
„Sie haben ohnehin noch einiges gutzumachen. Immerhin haben wir Ihren blöden Bananen diese Spinnenplage zu verdanken.“
Das würde Thiel jetzt wahrscheinlich ewig vorhalten. Es war doch nicht seine Schuld, das irgendwelche Minimalkompetenten Menschen bei der Kontrolle der Kisten geschlampt hatten – oder, dass diese Bananenspinnen doch noch nicht ausgestorben waren.
„Es reicht ja wohl, dass ich Sie hier aufgenommen habe!“
„Aufgenommen … so nennt man das heute also.“
Thiel knurrte in den offenen Kühlschrank und Boerne kämpfte gegen den Anflug des schlechten Gewissens, der sich plötzlich meldete. Wenn Thiel ihn nicht mit dem Fuß in der Tür dazu gezwungen hätte, er hätte ihn nicht hereingelassen. Schon aus reinem Selbsterhaltungstrieb, aber das verstand Thiel natürlich nicht. Thiel verstand ja seit Jahren gar nichts. Da wäre es nur gerecht gewesen, wenn er bei seinem Vater genächtigt hätte.
„Und das, obwohl Sie durchaus bei Ihrem Herrn Vater …“
„Auf Herberts oller Couch pennen! Während Sie sich hier die Romantik-Suite leisten! Geht’s noch?“
Offensichtlich hatte Thiel sich endlich für ein Bier entschieden. Er schloss den Kühlschrank und kam zurück zum Bett. Es war Boerne ein Rätsel, wie man da überhaupt so lange überlegen konnte. Das war schließlich kein Wein, das schmeckte doch eh alles gleich.
„Das ist hier ja wohl groß genug.“
Thiel machte eine ausladende Geste durch das Schlafzimmer der Suite. Natürlich war die Suite groß genug. Sie war ja auch für zwei Leute gedacht, es war ja immerhin eine Romantik-Suite. Mit Betonung auf Romantik.
„Aber es gibt nur ein Bett! Und in das wollen Sie jetzt mit … mit Ihrer kalten Pizza!“
Um ein Haar hätte er ‚mit mir‘ gesagt, aber im letzten Moment hatte er das zum Glück doch noch verhindern können. Das fehlte ihm noch, dass Thiel jetzt anfing darauf herumzureiten, warum er ein Problem damit hätte, das Bett mit ihm zu teilen. Das hatte er nämlich überhaupt nicht und genau das war ja sein Problem. Ganz am Rande fiel Boerne auf, dass diese Feststellung reichlich unlogisch war, denn wie konnte es das Problem sein, dass etwas eben kein Problem war, aber er hatte jetzt keine geistigen Kapazitäten frei, diesen logischen Knoten zu entwirren. Nicht mit der Aussicht, eine ganze Nacht mit Thiel in einem Bett verbringen zu müssen.
„Ich finde das sehr romantisch.“
Thiels Stimme war plötzlich ganz nahe. Während Boerne damit beschäftigt gewesen war, zu verstehen, wie ein Problem, das keines war genau das entscheidende Problem sein konnte, hatte Thiel mit seinem Bier das Bett erreicht. Er stellte die Flasche neben der Pizzaschachtel ab, kletterte ins Bett und zog sich die Decke über die bloßen Beine. Dann griff er nach der Pizzaschachtel, klappte sie auf und nahm sich ein Stück heraus.
„Außerdem ist kalte Pizza eine Delikatesse. Und ich hab’ Hunger, also Ruhe jetzt.“
Thiel biss herzhaft in die Pizza und Boerne rümpfte die Nase. Kalte Pizza, eine Delikatesse, wo gab es denn sowas? Und dann sollte das auch noch romantisch sein. Da sahen seine Vorstellungen von beidem aber deutlich anders aus. Zum Glück, sonst hätte er jetzt ein ernsthaftes Problem gehabt – das eigentlich immer noch kein Problem war und genau deshalb zu einen wurde, weil es … Nein, Stopp, das wurde jetzt wirklich zu verdreht und es war nur Thiels Nähe geschuldet, dass er dieses Problem nicht lösen konnte. Ohne Thiel hätte er dieses Problem nämlich gar nicht – und ohne die kalte Pizza auch nicht. Boerne rümpfte nochmal die Nase und plötzlich roch er da etwas. Etwas penetrantes, süßliches, irgendwie sehr bekanntes. Er schnupperte genauer, drehte den Kopf in Richtung der Geruchsquelle – und landete natürlich bei dem genüsslich kauenden Thiel und seiner Pizza. Da waren doch nicht etwa…
„Sagen Sie nicht, da sind auch noch Zwiebeln drauf!“
„Wieso, wollten Sie mich heute noch küssen?“
Thiels Betonung sagte deutlich, dass er die Frage weder ernst gemeint hatte, noch sonderlich begeistert von der Idee gewesen wäre, trotzdem spürte Boerne sofort, wie ihm die Röte ins Gesicht stiegt. Er hoffte, dass Thiel viel zu beschäftigt mit seiner ‚Delikatesse‘ war, um seine Reaktion zu bemerken, aber natürlich hatte er kein Glück.
„Was?“
„So hatte ich mir das jedenfalls nicht vorgestellt“
Boerne hatten den Satz noch nicht ganz zu Ende gesprochen, da hätte er sich am liebsten schon dafür geohrfeigt. Oder Thiel. Oder sie beide. Warum musste ausgerechnet Thiel, dieser emotionale Trampel vor dem Herrn, die Gabe besitzen, ihn schon mit einer einzigen flapsig daher gesagten Bemerkung so aus dem Konzept zu bringen.
„So?“
Das Grinsen, dass sich auf Thiels Gesicht schlich, sprach Bände. Mit einem Mal musterte er Boerne höchst interessiert. Wie eine Katze, die eine besonders fette Maus gefunden hatte – und ungefähr so fühlte Boerne sich plötzlich auch.
„Sie haben sich also schon einmal vorgestellt, dass Sie und ich -“
„Thiel!“
Boerne versuchte den Empörten zu geben und angesichts des Grinsens, das Thiel zur Schau trug, gelang ihm das auch ganz gut. Der hatte ja gut reden, der war ja nicht seit gut zehn Jahren unglücklich verliebt. Natürlich hatte er sich schon einmal vorgestellt, dass Thiel mit ihm das Bett teilte, mehr als nur einmal – und natürlich hatte er sich auch vorgestellt, dass Thiel *dieses* Bett mit ihm teilte. Aber das würde er dem impertinenten Herrn Hauptkommissar garantiert nicht auf die Nase binden.
„Sie wissen ganz genau, dass ich das so nicht gemeint habe!“
So wie Thiel vor sich hin grinste, war Boerne sich nicht wirklich sicher, ob Thiel ihm sein Dementi abgenommen hatte, aber er konnte schlecht nachfragen. Dann würde der andere erst recht misstrauisch werden. Thiel war ja nun nicht ganz schlecht in seinem Job, auch wenn Boerne ihm das niemals sagen würde.
„Trotzdem … Kleines Betthupferl gefällig?“
„Wie meinen?“
Im ersten Moment verstand Boerne nicht wirklich, Was Thiel von ihm wollte. Bis der ihm demonstrativ das Stück Pizza entgegen hielt und genervt mit den Augen rollte. Es war doch jetzt nicht seine Schuld, wenn der Herr Hauptkommissar sich in Gedankensprüngen erging, denen kein logisch denkender Mensch folgen konnte.
„Wollen Sie mal abbeißen? Die ist wirklich gut. Und erzählen Sie mir nicht, Sie haben noch nie kalte Pizza im Bett gegessen.“
„Nicht jeder teilt Ihre kulinarischen Vorlieben.“
Boerne verzog angesichts der Vorstellung in dieses kalte, labberige, fettige Stück belegten Teigfladens zu beißen angewidert das Gesicht. Er würde niemals verstehen, wie man so etwas freiwillig essen konnte. Das war warm schon kaum genießbar, aber eiskalt…
„Außerdem bin ich schon im Bett und muss nicht mehr in selbiges hüpfen.“
Diese Spitze gegen Thiels „Betthupferl“ hatte er sich nicht verkneifen können. Wenn Thiel schon mit ‚Fremdworten‘ um sich warf, dann sollte er die wenigstens auch richtig verwenden. Thiel berührte das naturgemäß wenig. Er verdrehte nur wieder die Augen, kaute vor sich hin wie ein wiederkäuender Ochse und wedelte mit dem Pizzastück vor Boernes Gesicht herum.
„Jetzt haben Sie sich nicht so.“
Thiel hielt ihm die Pizza direkt unter die Nase, so dicht, dass eine kaum eine Wahl hatte als abzubeißen. So nah war der Zwiebelgeruch noch penetranter. Aber vielleicht gab Thiel ja Ruhe, wenn er ihm den Gefallen getan hatte, wenigstens einmal abzubeißen.
„Also bitte …“
Eigentlich hatte er nur eine kleine Ecke abbeißen wollen, aber weil Thiel natürlich mal wieder gemeint hatte, er müsste nachhelfen, und ihm die Pizza viel zu weit in den Mund geschoben hatte, war der Bissen jetzt viel größer geworden, als er geplant hatte. Er kaute krampfhaft gegen diesen riesigen Klumpen aus Teig und Käse an, aber es schien ihm fast, als würde er mit jeder Bewegung seines Kiefers dicker und dicker. Die Tatsache, dass Thiel ihn mit Argusaugen beobachtete macht das ganze nicht besser.
„Und?“
Boerne gab nur einen undefinierbaren von sich. Als ob Thiel nicht selbst gesehen hatte, dass er den Mund eindeutig viel zu voll hatte, um zu sprechen. Hatte er natürlich nicht und machte sich jetzt auch noch einen riesigen Spaß daraus.
„Hätten Sie den Mund mal nicht so voll genommen.“
„Thiel …“
Endlich hatte Boerne es geschafft, die Pizza so weit zu besiegen, dass Sprechen wieder sozial akzeptabel war. Nicht dass es Thiel gestört hätte, hätte er mit vollen Mund gesprochen, das tat der schließlich auch regelmäßig, aber ein Boerne hatte nun einmal gewisse Standards. Ausreden ließ Thiel in trotzdem nicht und zog es auch noch vor, seinen Ausruf vollkommen falsch zu verstehen.
„Ich weiß. Gut, oder?“
Erst wollte Boerne sofort widersprechen, aber dann besann er sich eines Besseren – und so unrecht hatte Thiel ja dann auch wieder nicht. Die Pizza war tatsächlich nicht übel. Ein bisschen labberig, ziemlich fettig und sehr zwiebellastig, aber insgesamt war sie doch besser als gedacht. Boerne war sich nur nicht sicher, ob das wirklich an der Pizza lag oder mehr an Thiel, der ihn erwartungsvoll angrinste. Boerne schluckte den Rest seiner Pizza herunter und mit einem Mal war er sich sicher, dass er diesen Abend ohne Alkohol nicht überstehen würde.
„Ich glaube, ich brauche jetzt auch ein Bier.“
Er schaute Thiel erwartungsvoll an, doch der schien mal wieder eine besonders lange Leitung zu habe. Man konnte fast sehen, wie der berühmte Groschen pfennigweise fiel.
„Ach so, Sie meinen, ich soll noch eins holen?“
„Wenn ich es schon bezahle, könnten Sie ruhig ein wenig zuvorkommender sein.“
Thiel musterte ihn missbilligend, dann seufzte er theatralisch, warf Boerne die Pizzaschachtel auf dem Schoß und quälte sich aus dem Bett. Während Thiel zum zweiten Mal an diesem Abend zur Minibar hinüber marschierte, um das gewünschte Bier zu holen, nah, Boerne sich ein großes Stück Pizza aus dem Karton. Er konnte sich ja nicht den ganzen Abend von Thiel füttern lassen. Wo sollte das denn noch hinführen.
„Hier.“
Unbemerkt war Thiel wieder zum Bett zurückgekehrt. Er kletterte hinein, hielt Boerne mit der einen Hand die Flasche entgegen und riss mit der anderen die Pizzaschachtel wieder an sich.
„Ein bisschen mehr hätten Sie ruhig übriglassen können.“
Boerne antwortete, sondern genehmigte sich nur einen Schluck aus seine Bierflasche und schaute Thiel über den Rand hinweg an. Konnte der Herr Hauptkommissar sich jetzt bitte mal entscheiden. Erst drängte er ihm die Pizza fast gewaltsam auf, dann beschwerte er sich, wenn sein Angebot angenommen wurde. Was denn nun? Thiel grinste nur wissend.
„Doch nicht so verkehrt, hm?“
Was sollte er jetzt dazu sagen? Thiel hatte ja recht. Es war ungesund, fettig, ein bisschen ekelig und vor allem reichlich proletarisch, aber Boerne hätte in diesem Augenblick nirgendwo anders sein wollen als hier im Bett. Mit kalter Pizza, Bier und Thiel. Aber das würde Thiel jetzt falsch verstehen, oder eher wahrscheinlich genau richtig und dann wären sie wieder bei dem Problem, das keins war und eben genau deswegen zu einem wurde. Aber irgendetwas musste er Thiel wohl oder übel antworten.
„Naja, in der Not …“
„… geht auch kalte Pizza im Bett.“
Damit war dann eigentlich alles gesagt. Die Zeit für Flapsigkeiten war vorbei, jetzt würden sie sich ernsthaft unterhalten müssen. Aber da war kein Fall den sie diskutieren konnten und Boerne hatte auch keine bahnbrechenden Erkenntnisse aus seiner Arbeit, die er Thiel erläutern konnte, also schwieg er lieber, denn alles andere, was er Thiel gerne gesagt hätte, konnte er ihm nicht sagen. Thiel sagte auch nichts und so aßen sie schweigend weiter die Pizza und tranken ihr Bier.
Irgendwann war die Schachtel leer und die Flaschen auch. Einer von ihnen würde jetzt wohl oder übel das Licht ausmachen müssen und dann würde sie hier liegen, nebeneinander in der Dunkelheit. Boerne würde sich einmal mehr vorstellen, wie es wäre, wenn sie nicht nebeneinander schliefen, sondern beieinander oder gar mit einander und er würde die ganze Nacht kein Auge zutun aus Furcht, dass er dieser Sehnsucht im Schlaf nachgeben könnte.
„Eigentlich … also im Interesse der Zahnhygiene …“
Große Lust, das warme gemütliche Bett jetzt noch einmal zu verlassen, hatte er Boerne nicht, aber wenn es ihm noch ein paar Minuten Aufschub gewährte, dann war er gewillt auch das auf sich zu nehmen. Leider hatte er seine Rechnung ohne Thiel gemacht.
„Lassen Sie’s gut sein. Das reicht morgen auch noch.“
Synchron stellten sie die Flaschen auf dem Nachttisch ab und Thiel streckte sich nach dem Lichtschalter. Ein leiser Klick und dann spendete nur noch der trübe Lichtschein, der durch den nicht Spalt zwischen den nicht ganz zugezogenen Vorhängen hereinfiel, ein dämmriges Licht. Boerne rutschte tiefer in die Kissen, zog sich die Decke bis über die Schultern, schloss die Augen und versuchte, die Anwesenheit des Anderen auszublenden. Es gelang ihm nicht. Überdeutlich hörte er das leise Rascheln des Bettzeugs, Thiels ruhige Atemzüge, meinte dessen Gegenwart fast körperlich zu spüren. Thiel drehte sich herum und Boerne hoffte, dass der Andere ihm jetzt den Rücken zuwandte, doch Thiels Stimme nahm ihm diese Hoffnung.
„Stört Sie das?“
Fast hätte Boerne ‚Was?‘ gefragt, aber er hielt sich im letzten Moment zurück. Er hatte keine Ahnung, worauf Thiels Frage sich bezog: Die Tatsache, dass Thiel sich hier einfach so aufgedrängt hatte, oder dass er die kalte Pizza mitgebracht hatte, oder dass sie eben diese Pizza im Bett genossen hatten, oder dass Thiel das Licht ausgemacht hatte, oder dass sie überhaupt das Bett miteinander teilten. Es spielte auch keine Rolle, denn die Antwort auf alle diese Fragen war dieselbe.
„Nein.“
Boerne wusste nicht genau, was ihm den Mut geben hatte, diese Antwort laut auszusprechen. Vielleicht war es die Dunkelheit, vielleicht auch diese vollkommen absurde Situation, aber er hatte es getan. Und die Tatsache, dass Thiel nicht panisch aus dem Bett sprang, gab ihm den Mut, noch einen Schritt weiterzugehen. Ganz vorsichtig, mit angehaltenem Atem robbte er ein kleines Stückchen näher an die Thiel heran, dann noch ein Stückchen, streckte schließlich vorsichtig die Hand aus.
„Thiel?“
„Mhm …?“
„Vielleicht habe ich mir doch schon einmal … also, vorgestellt, dass…“
Er brach ab, als seine Finger Thiels Haut berührten. Er fühlte den rasenden Puls unter seinen Fingerspitzen und plötzlich war alles, was er sich in seinen Träumen ausgemalt hatte, so real und zum Greifen nahe und die schiere Möglichkeit dessen verschlug ihm die Sprache.
„Vielleicht wollte ich ja auch hier übernachten.“
Thiels Worte waren nicht das, was Boerne sich vorgestellt hatte, in dieser Situation von dem anderen zu hören und trotzdem sagten sie doch alles, was wichtig war. Boerne schluckte trocken. Dieses Kribbeln in seinem Bauch, das er in den letzten Jahren so sehr mit Thiel verbunden hatte und das er immer verzweifelt versucht hatte, zu unterdrücken, wurde mit einem Mal übermächtig. Sein Herz klopfte zum Zerspringen und er spürte, wie sein Atem sich beschleunigte.
„Außerdem musste ich doch aufpassen, dass Sie hier nicht irgendwelchen dahergelaufenen Schnulzensängern schöne Augen machen.“
„Ich muss doch sehr bitten! Ich mache niemandem schöne Augen!“
Das Lächeln in Thiels Stimme war unüberhörbar gewesen, trotzdem konnte Boerne nicht anders, als auf diese kleine Spitze einzusteigen. Er war Thiel dankbar für diese kleine Ablenkung, sonst hätte er jetzt vermutlich hyperventiliert vor Anspannung. Einen Moment befürchtete er schon, sie hätten die Situation damit zerstört, doch Thiel wurde fast sofort wieder ernst.
„Niemandem?“
Doch, einem hatte er schöne Augen gemacht. Seit Jahren. Aber dieser eine, der sah es ja nur, wenn Boerne anderen schöne Augen machte. Wenn er gewusst hätte, dass es nur eine kalte Pizza und eine Flasche Bier gebraucht hätte…
„Naja … vielleicht habe ich doch gelegentlich …“
Plötzlich lag Thiels Hand in seinem Nacken. Er wurde nach vorn gezogen und ihre Lippen trafen sich, bevor Boerne eine Chance gehabt hätte, seinen Satz zu beenden. Der Kuss war irgendwie schief und unbeholfen und ein bisschen feucht. Thiel schmeckte nach kalter Pizza, Bier und Zwiebeln und es war ganz sicher nicht der perfekte erste Kuss, den Boerne sich erträumt hatte. Aber er war echt.
Team: Sonne
Challenge: Romantik/Intimität: JOKER Inspiration (Diese Geschichte von
Fandom: Tatort Münster
Rating: P12
Genre: (Pre)Slash, First Kiss, Fluff
Warnungen: None
Zusammenfassung: Die Szene mit Thiel und Boerne in der Romatik-Suite aus "Summ, Summ, Summ", wie sie hätte sein sollen...
Wörter: ~3000
Anmerkungen: Ein Remix von
Widmung: Für
„Was soll das denn bitte werden?“
Argwöhnisch betrachtete Boerne, wie Thiel auf das große Doppelbett zukam. Er war bereits im Schlafanzug – sofern man eine zerknitterte Boxershorts und ein ausgeleiertes St.-Pauli-T-Shirt als Schafanzug bezeichnen wollten – und hielt einen großen flachen, schon etwas mitgenommen aussehenden Karton in der Hand, der verdächtig nach einem Pizzakarton aussah.
„Das ist doch offensichtlich.“
Thiel hob den Karton demonstrativ noch ein bisschen höher, so das Boerne jetzt auch den Aufdruck auf der Oberseite lesen konnte. Eindeutig ein Pizzakarton, der Größe nach mindestens eine Familienpizza.
„So kommen Sie mir nicht ins Bett.“
Boerne widerstand dem Impuls, sich quer über die andere Betthälfte zu werfen und die Bettdecke herunterzuhalten nur mit größter Mühe, aber das hätten dann doch ein bisschen albern ausgesehen. Thiel kümmerte sein Protest natürlich herzlich wenig.
„Jetzt haben Sie sich mal nicht so. Mir knurrt der Magen.“
Wie zum Beweis gab Thiel Magen in diesem Moment tatsächlich ein grauenerregendes Grollen von sich. Thiel hatte eindeutig Hunger. Hätte Boerne ihn nicht längst so gekannt, er hätte fast Mitleid mit ihm haben können. Aber wer so unregelmäßige Essenszeiten pflegte, wie der Herr Hauptkommissar, der war selbst schuld, wenn ihm der Magen knurrte. Wie kam Thiel um diese Urzeit überhaupt an eine Pizza, noch dazu an eine offensichtlich kalte.
„Wo haben Sie das überhaupt her?“
„Ist ‘n Rest. Den hatte ich noch im Kühlschrank.“
Bei dem Wort ‚Kühlschrank‘ saß Boerne augenblicklich senkrecht im Bett. Wie kam Thiel an seinen Kühlschrank? Hatte er denn immer noch nicht begriffen, wie gefährlich diese Spinnen waren. Wenn die ihn gebissen hätten…
„Sie sind doch wohl nicht noch mal in Ihre Wohnung! Wissen Sie nicht, wie gefährlich -“
„Das hat mir dieser Professor Dingens rausgeholt, dieser Spinnentyp, jetzt kommen Sie mal wieder runter.“
Im ersten Moment beruhigte Boerne sich ein wenig. Aber nur für kurze Zeit. Thiel hatte inzwischen das Bett erreicht. Er legte die Pizzaschachtel auf dem Nachttisch ab und schlug in aller Seelenruhe die Bettdecke zurück. Bevor er hineinkletterte hielt er allerdings inne und schien etwas zu überlegen.
„Wobei, da fällt mir ein, dazu würde jetzt ausgezeichnet ein Bier passen.“
Thiel hatte so leichtes Grinsen auf dem Gesicht und sein Ton sagte deutlich, dass er provozieren wollte, trotzdem konnte Boerne nicht verhindern, dass ihm der Protest schon über die Lippen kam, bevor er richtig nachgedacht hatte.
„Unterstehen Sie sich …“
Thiels Grinsen wurde breiter. Er hatte es genau darauf angelegt und jetzt kostete er es vollen Zügen aus. Demonstrativ drehte er um und ging hinüber zur Minibar.
„Sie haben ohnehin noch einiges gutzumachen. Immerhin haben wir Ihren blöden Bananen diese Spinnenplage zu verdanken.“
Das würde Thiel jetzt wahrscheinlich ewig vorhalten. Es war doch nicht seine Schuld, das irgendwelche Minimalkompetenten Menschen bei der Kontrolle der Kisten geschlampt hatten – oder, dass diese Bananenspinnen doch noch nicht ausgestorben waren.
„Es reicht ja wohl, dass ich Sie hier aufgenommen habe!“
„Aufgenommen … so nennt man das heute also.“
Thiel knurrte in den offenen Kühlschrank und Boerne kämpfte gegen den Anflug des schlechten Gewissens, der sich plötzlich meldete. Wenn Thiel ihn nicht mit dem Fuß in der Tür dazu gezwungen hätte, er hätte ihn nicht hereingelassen. Schon aus reinem Selbsterhaltungstrieb, aber das verstand Thiel natürlich nicht. Thiel verstand ja seit Jahren gar nichts. Da wäre es nur gerecht gewesen, wenn er bei seinem Vater genächtigt hätte.
„Und das, obwohl Sie durchaus bei Ihrem Herrn Vater …“
„Auf Herberts oller Couch pennen! Während Sie sich hier die Romantik-Suite leisten! Geht’s noch?“
Offensichtlich hatte Thiel sich endlich für ein Bier entschieden. Er schloss den Kühlschrank und kam zurück zum Bett. Es war Boerne ein Rätsel, wie man da überhaupt so lange überlegen konnte. Das war schließlich kein Wein, das schmeckte doch eh alles gleich.
„Das ist hier ja wohl groß genug.“
Thiel machte eine ausladende Geste durch das Schlafzimmer der Suite. Natürlich war die Suite groß genug. Sie war ja auch für zwei Leute gedacht, es war ja immerhin eine Romantik-Suite. Mit Betonung auf Romantik.
„Aber es gibt nur ein Bett! Und in das wollen Sie jetzt mit … mit Ihrer kalten Pizza!“
Um ein Haar hätte er ‚mit mir‘ gesagt, aber im letzten Moment hatte er das zum Glück doch noch verhindern können. Das fehlte ihm noch, dass Thiel jetzt anfing darauf herumzureiten, warum er ein Problem damit hätte, das Bett mit ihm zu teilen. Das hatte er nämlich überhaupt nicht und genau das war ja sein Problem. Ganz am Rande fiel Boerne auf, dass diese Feststellung reichlich unlogisch war, denn wie konnte es das Problem sein, dass etwas eben kein Problem war, aber er hatte jetzt keine geistigen Kapazitäten frei, diesen logischen Knoten zu entwirren. Nicht mit der Aussicht, eine ganze Nacht mit Thiel in einem Bett verbringen zu müssen.
„Ich finde das sehr romantisch.“
Thiels Stimme war plötzlich ganz nahe. Während Boerne damit beschäftigt gewesen war, zu verstehen, wie ein Problem, das keines war genau das entscheidende Problem sein konnte, hatte Thiel mit seinem Bier das Bett erreicht. Er stellte die Flasche neben der Pizzaschachtel ab, kletterte ins Bett und zog sich die Decke über die bloßen Beine. Dann griff er nach der Pizzaschachtel, klappte sie auf und nahm sich ein Stück heraus.
„Außerdem ist kalte Pizza eine Delikatesse. Und ich hab’ Hunger, also Ruhe jetzt.“
Thiel biss herzhaft in die Pizza und Boerne rümpfte die Nase. Kalte Pizza, eine Delikatesse, wo gab es denn sowas? Und dann sollte das auch noch romantisch sein. Da sahen seine Vorstellungen von beidem aber deutlich anders aus. Zum Glück, sonst hätte er jetzt ein ernsthaftes Problem gehabt – das eigentlich immer noch kein Problem war und genau deshalb zu einen wurde, weil es … Nein, Stopp, das wurde jetzt wirklich zu verdreht und es war nur Thiels Nähe geschuldet, dass er dieses Problem nicht lösen konnte. Ohne Thiel hätte er dieses Problem nämlich gar nicht – und ohne die kalte Pizza auch nicht. Boerne rümpfte nochmal die Nase und plötzlich roch er da etwas. Etwas penetrantes, süßliches, irgendwie sehr bekanntes. Er schnupperte genauer, drehte den Kopf in Richtung der Geruchsquelle – und landete natürlich bei dem genüsslich kauenden Thiel und seiner Pizza. Da waren doch nicht etwa…
„Sagen Sie nicht, da sind auch noch Zwiebeln drauf!“
„Wieso, wollten Sie mich heute noch küssen?“
Thiels Betonung sagte deutlich, dass er die Frage weder ernst gemeint hatte, noch sonderlich begeistert von der Idee gewesen wäre, trotzdem spürte Boerne sofort, wie ihm die Röte ins Gesicht stiegt. Er hoffte, dass Thiel viel zu beschäftigt mit seiner ‚Delikatesse‘ war, um seine Reaktion zu bemerken, aber natürlich hatte er kein Glück.
„Was?“
„So hatte ich mir das jedenfalls nicht vorgestellt“
Boerne hatten den Satz noch nicht ganz zu Ende gesprochen, da hätte er sich am liebsten schon dafür geohrfeigt. Oder Thiel. Oder sie beide. Warum musste ausgerechnet Thiel, dieser emotionale Trampel vor dem Herrn, die Gabe besitzen, ihn schon mit einer einzigen flapsig daher gesagten Bemerkung so aus dem Konzept zu bringen.
„So?“
Das Grinsen, dass sich auf Thiels Gesicht schlich, sprach Bände. Mit einem Mal musterte er Boerne höchst interessiert. Wie eine Katze, die eine besonders fette Maus gefunden hatte – und ungefähr so fühlte Boerne sich plötzlich auch.
„Sie haben sich also schon einmal vorgestellt, dass Sie und ich -“
„Thiel!“
Boerne versuchte den Empörten zu geben und angesichts des Grinsens, das Thiel zur Schau trug, gelang ihm das auch ganz gut. Der hatte ja gut reden, der war ja nicht seit gut zehn Jahren unglücklich verliebt. Natürlich hatte er sich schon einmal vorgestellt, dass Thiel mit ihm das Bett teilte, mehr als nur einmal – und natürlich hatte er sich auch vorgestellt, dass Thiel *dieses* Bett mit ihm teilte. Aber das würde er dem impertinenten Herrn Hauptkommissar garantiert nicht auf die Nase binden.
„Sie wissen ganz genau, dass ich das so nicht gemeint habe!“
So wie Thiel vor sich hin grinste, war Boerne sich nicht wirklich sicher, ob Thiel ihm sein Dementi abgenommen hatte, aber er konnte schlecht nachfragen. Dann würde der andere erst recht misstrauisch werden. Thiel war ja nun nicht ganz schlecht in seinem Job, auch wenn Boerne ihm das niemals sagen würde.
„Trotzdem … Kleines Betthupferl gefällig?“
„Wie meinen?“
Im ersten Moment verstand Boerne nicht wirklich, Was Thiel von ihm wollte. Bis der ihm demonstrativ das Stück Pizza entgegen hielt und genervt mit den Augen rollte. Es war doch jetzt nicht seine Schuld, wenn der Herr Hauptkommissar sich in Gedankensprüngen erging, denen kein logisch denkender Mensch folgen konnte.
„Wollen Sie mal abbeißen? Die ist wirklich gut. Und erzählen Sie mir nicht, Sie haben noch nie kalte Pizza im Bett gegessen.“
„Nicht jeder teilt Ihre kulinarischen Vorlieben.“
Boerne verzog angesichts der Vorstellung in dieses kalte, labberige, fettige Stück belegten Teigfladens zu beißen angewidert das Gesicht. Er würde niemals verstehen, wie man so etwas freiwillig essen konnte. Das war warm schon kaum genießbar, aber eiskalt…
„Außerdem bin ich schon im Bett und muss nicht mehr in selbiges hüpfen.“
Diese Spitze gegen Thiels „Betthupferl“ hatte er sich nicht verkneifen können. Wenn Thiel schon mit ‚Fremdworten‘ um sich warf, dann sollte er die wenigstens auch richtig verwenden. Thiel berührte das naturgemäß wenig. Er verdrehte nur wieder die Augen, kaute vor sich hin wie ein wiederkäuender Ochse und wedelte mit dem Pizzastück vor Boernes Gesicht herum.
„Jetzt haben Sie sich nicht so.“
Thiel hielt ihm die Pizza direkt unter die Nase, so dicht, dass eine kaum eine Wahl hatte als abzubeißen. So nah war der Zwiebelgeruch noch penetranter. Aber vielleicht gab Thiel ja Ruhe, wenn er ihm den Gefallen getan hatte, wenigstens einmal abzubeißen.
„Also bitte …“
Eigentlich hatte er nur eine kleine Ecke abbeißen wollen, aber weil Thiel natürlich mal wieder gemeint hatte, er müsste nachhelfen, und ihm die Pizza viel zu weit in den Mund geschoben hatte, war der Bissen jetzt viel größer geworden, als er geplant hatte. Er kaute krampfhaft gegen diesen riesigen Klumpen aus Teig und Käse an, aber es schien ihm fast, als würde er mit jeder Bewegung seines Kiefers dicker und dicker. Die Tatsache, dass Thiel ihn mit Argusaugen beobachtete macht das ganze nicht besser.
„Und?“
Boerne gab nur einen undefinierbaren von sich. Als ob Thiel nicht selbst gesehen hatte, dass er den Mund eindeutig viel zu voll hatte, um zu sprechen. Hatte er natürlich nicht und machte sich jetzt auch noch einen riesigen Spaß daraus.
„Hätten Sie den Mund mal nicht so voll genommen.“
„Thiel …“
Endlich hatte Boerne es geschafft, die Pizza so weit zu besiegen, dass Sprechen wieder sozial akzeptabel war. Nicht dass es Thiel gestört hätte, hätte er mit vollen Mund gesprochen, das tat der schließlich auch regelmäßig, aber ein Boerne hatte nun einmal gewisse Standards. Ausreden ließ Thiel in trotzdem nicht und zog es auch noch vor, seinen Ausruf vollkommen falsch zu verstehen.
„Ich weiß. Gut, oder?“
Erst wollte Boerne sofort widersprechen, aber dann besann er sich eines Besseren – und so unrecht hatte Thiel ja dann auch wieder nicht. Die Pizza war tatsächlich nicht übel. Ein bisschen labberig, ziemlich fettig und sehr zwiebellastig, aber insgesamt war sie doch besser als gedacht. Boerne war sich nur nicht sicher, ob das wirklich an der Pizza lag oder mehr an Thiel, der ihn erwartungsvoll angrinste. Boerne schluckte den Rest seiner Pizza herunter und mit einem Mal war er sich sicher, dass er diesen Abend ohne Alkohol nicht überstehen würde.
„Ich glaube, ich brauche jetzt auch ein Bier.“
Er schaute Thiel erwartungsvoll an, doch der schien mal wieder eine besonders lange Leitung zu habe. Man konnte fast sehen, wie der berühmte Groschen pfennigweise fiel.
„Ach so, Sie meinen, ich soll noch eins holen?“
„Wenn ich es schon bezahle, könnten Sie ruhig ein wenig zuvorkommender sein.“
Thiel musterte ihn missbilligend, dann seufzte er theatralisch, warf Boerne die Pizzaschachtel auf dem Schoß und quälte sich aus dem Bett. Während Thiel zum zweiten Mal an diesem Abend zur Minibar hinüber marschierte, um das gewünschte Bier zu holen, nah, Boerne sich ein großes Stück Pizza aus dem Karton. Er konnte sich ja nicht den ganzen Abend von Thiel füttern lassen. Wo sollte das denn noch hinführen.
„Hier.“
Unbemerkt war Thiel wieder zum Bett zurückgekehrt. Er kletterte hinein, hielt Boerne mit der einen Hand die Flasche entgegen und riss mit der anderen die Pizzaschachtel wieder an sich.
„Ein bisschen mehr hätten Sie ruhig übriglassen können.“
Boerne antwortete, sondern genehmigte sich nur einen Schluck aus seine Bierflasche und schaute Thiel über den Rand hinweg an. Konnte der Herr Hauptkommissar sich jetzt bitte mal entscheiden. Erst drängte er ihm die Pizza fast gewaltsam auf, dann beschwerte er sich, wenn sein Angebot angenommen wurde. Was denn nun? Thiel grinste nur wissend.
„Doch nicht so verkehrt, hm?“
Was sollte er jetzt dazu sagen? Thiel hatte ja recht. Es war ungesund, fettig, ein bisschen ekelig und vor allem reichlich proletarisch, aber Boerne hätte in diesem Augenblick nirgendwo anders sein wollen als hier im Bett. Mit kalter Pizza, Bier und Thiel. Aber das würde Thiel jetzt falsch verstehen, oder eher wahrscheinlich genau richtig und dann wären sie wieder bei dem Problem, das keins war und eben genau deswegen zu einem wurde. Aber irgendetwas musste er Thiel wohl oder übel antworten.
„Naja, in der Not …“
„… geht auch kalte Pizza im Bett.“
Damit war dann eigentlich alles gesagt. Die Zeit für Flapsigkeiten war vorbei, jetzt würden sie sich ernsthaft unterhalten müssen. Aber da war kein Fall den sie diskutieren konnten und Boerne hatte auch keine bahnbrechenden Erkenntnisse aus seiner Arbeit, die er Thiel erläutern konnte, also schwieg er lieber, denn alles andere, was er Thiel gerne gesagt hätte, konnte er ihm nicht sagen. Thiel sagte auch nichts und so aßen sie schweigend weiter die Pizza und tranken ihr Bier.
Irgendwann war die Schachtel leer und die Flaschen auch. Einer von ihnen würde jetzt wohl oder übel das Licht ausmachen müssen und dann würde sie hier liegen, nebeneinander in der Dunkelheit. Boerne würde sich einmal mehr vorstellen, wie es wäre, wenn sie nicht nebeneinander schliefen, sondern beieinander oder gar mit einander und er würde die ganze Nacht kein Auge zutun aus Furcht, dass er dieser Sehnsucht im Schlaf nachgeben könnte.
„Eigentlich … also im Interesse der Zahnhygiene …“
Große Lust, das warme gemütliche Bett jetzt noch einmal zu verlassen, hatte er Boerne nicht, aber wenn es ihm noch ein paar Minuten Aufschub gewährte, dann war er gewillt auch das auf sich zu nehmen. Leider hatte er seine Rechnung ohne Thiel gemacht.
„Lassen Sie’s gut sein. Das reicht morgen auch noch.“
Synchron stellten sie die Flaschen auf dem Nachttisch ab und Thiel streckte sich nach dem Lichtschalter. Ein leiser Klick und dann spendete nur noch der trübe Lichtschein, der durch den nicht Spalt zwischen den nicht ganz zugezogenen Vorhängen hereinfiel, ein dämmriges Licht. Boerne rutschte tiefer in die Kissen, zog sich die Decke bis über die Schultern, schloss die Augen und versuchte, die Anwesenheit des Anderen auszublenden. Es gelang ihm nicht. Überdeutlich hörte er das leise Rascheln des Bettzeugs, Thiels ruhige Atemzüge, meinte dessen Gegenwart fast körperlich zu spüren. Thiel drehte sich herum und Boerne hoffte, dass der Andere ihm jetzt den Rücken zuwandte, doch Thiels Stimme nahm ihm diese Hoffnung.
„Stört Sie das?“
Fast hätte Boerne ‚Was?‘ gefragt, aber er hielt sich im letzten Moment zurück. Er hatte keine Ahnung, worauf Thiels Frage sich bezog: Die Tatsache, dass Thiel sich hier einfach so aufgedrängt hatte, oder dass er die kalte Pizza mitgebracht hatte, oder dass sie eben diese Pizza im Bett genossen hatten, oder dass Thiel das Licht ausgemacht hatte, oder dass sie überhaupt das Bett miteinander teilten. Es spielte auch keine Rolle, denn die Antwort auf alle diese Fragen war dieselbe.
„Nein.“
Boerne wusste nicht genau, was ihm den Mut geben hatte, diese Antwort laut auszusprechen. Vielleicht war es die Dunkelheit, vielleicht auch diese vollkommen absurde Situation, aber er hatte es getan. Und die Tatsache, dass Thiel nicht panisch aus dem Bett sprang, gab ihm den Mut, noch einen Schritt weiterzugehen. Ganz vorsichtig, mit angehaltenem Atem robbte er ein kleines Stückchen näher an die Thiel heran, dann noch ein Stückchen, streckte schließlich vorsichtig die Hand aus.
„Thiel?“
„Mhm …?“
„Vielleicht habe ich mir doch schon einmal … also, vorgestellt, dass…“
Er brach ab, als seine Finger Thiels Haut berührten. Er fühlte den rasenden Puls unter seinen Fingerspitzen und plötzlich war alles, was er sich in seinen Träumen ausgemalt hatte, so real und zum Greifen nahe und die schiere Möglichkeit dessen verschlug ihm die Sprache.
„Vielleicht wollte ich ja auch hier übernachten.“
Thiels Worte waren nicht das, was Boerne sich vorgestellt hatte, in dieser Situation von dem anderen zu hören und trotzdem sagten sie doch alles, was wichtig war. Boerne schluckte trocken. Dieses Kribbeln in seinem Bauch, das er in den letzten Jahren so sehr mit Thiel verbunden hatte und das er immer verzweifelt versucht hatte, zu unterdrücken, wurde mit einem Mal übermächtig. Sein Herz klopfte zum Zerspringen und er spürte, wie sein Atem sich beschleunigte.
„Außerdem musste ich doch aufpassen, dass Sie hier nicht irgendwelchen dahergelaufenen Schnulzensängern schöne Augen machen.“
„Ich muss doch sehr bitten! Ich mache niemandem schöne Augen!“
Das Lächeln in Thiels Stimme war unüberhörbar gewesen, trotzdem konnte Boerne nicht anders, als auf diese kleine Spitze einzusteigen. Er war Thiel dankbar für diese kleine Ablenkung, sonst hätte er jetzt vermutlich hyperventiliert vor Anspannung. Einen Moment befürchtete er schon, sie hätten die Situation damit zerstört, doch Thiel wurde fast sofort wieder ernst.
„Niemandem?“
Doch, einem hatte er schöne Augen gemacht. Seit Jahren. Aber dieser eine, der sah es ja nur, wenn Boerne anderen schöne Augen machte. Wenn er gewusst hätte, dass es nur eine kalte Pizza und eine Flasche Bier gebraucht hätte…
„Naja … vielleicht habe ich doch gelegentlich …“
Plötzlich lag Thiels Hand in seinem Nacken. Er wurde nach vorn gezogen und ihre Lippen trafen sich, bevor Boerne eine Chance gehabt hätte, seinen Satz zu beenden. Der Kuss war irgendwie schief und unbeholfen und ein bisschen feucht. Thiel schmeckte nach kalter Pizza, Bier und Zwiebeln und es war ganz sicher nicht der perfekte erste Kuss, den Boerne sich erträumt hatte. Aber er war echt.