Titel: Persona non grata
Team: Sonne
Challenge: Farben: SCHWARZ (Liste) - Für mich
Fandom: Alphateam
Rating: P12
Genre: Slash (irgendwie), emotional hurt/no comfort
Warnungen: Homophobia!
Zusammenfassung: Eberhard erfährt, dass er nicht erwünscht ist...
Wörter: ~2300
Anmerkungen: Das Ende ist mal wieder vorne und hinten nicht so geworden, wie ich es gerne gehabt hätte, weil meine Alphateam-Bunnies irgendwie bekloppter werden, je mehr Futter ich ihnen biete, aber das kennt man ja schon. And anyways... die Sommerchallenge ist legitime Spielwiese für neue Fandoms.
Ach so, ja, diese Besuchspatenschaft ist canon, aber icb glaube die Zeitstrukturen passen canonmäßig vorne und hinten nicht. Ich hab' es noch nicht geschafft, alle Infos dazu zusammenzusuchen. Egal, is' ja eh nur Fanfic...
Eberhard war einen Blick auf seine Armbanduhr und fluchte leise. Er hatte Joans mit einem Kinobesuch überraschen wollen, immerhin hatte der Junge heute Geburtstag, aber Nachmittagsvorstellung begann um halb vier und es war inzwischen schon zehn vor drei. Das würden sie kaum noch pünktlich zu Vorstellungsbeginn schaffen. Und das alles nur, weil die Gassner noch auf diesem sinnlosen Personalgespräch beharrt hatte. Für nichts und wieder nichts. Er beschleunigte seinen Schritt nochmals und joggte fast die breite Einfahrt zum Heim hinauf. Wahrscheinlich stand Jonas schon am Fenster und wartete auf ihn. Als er das Gebäude fast erreicht hatte, schaute er zu Jonas‘ Fenster hinauf, doch er konnte niemanden erblicken. Vielleicht zog Jonas sich schon die Schuhe an oder stand längst fix und fertig unten in der Halle und wartete, dass er endlich zur Tür hereinkam.
Eberhard fischte das kleine Päckchen aus der Innentasche seiner Jacke und stieg zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe zum Haupteingang hinauf. Eigentlich rechnete er damit, dass Jonas ihm schon entgegengerannt kam, kaum dass er die Tür geöffnet hatte, doch die große Eingangshalle war still und leer. Jonas war weit und breit nirgends zu sehen. Verwundert schaute Eberhard sich um. Hatte er sich im Datum vertan? Oder in der Uhrzeit? Er kontrollierte abermals seine Armbanduhr. Das Datum stimmte und die Uhrzeit auch so ungefähr. Er war ein bisschen später, aber nicht so spät, dass Jonas hätte glauben können, er käme nicht mehr. Oder war Jonas mal wieder so sehr in einem seiner geliebten Abenteuerbücher vertieft, dass er die Zeit vergessen hatte? Vielleicht sollte er einfach mal nachschauen gehen. Er kannte sich hier so langsam ja ganz gut aus. Mit ein paar schnellen Schritten durchquerte er die Eingangshalle. Gerade als er die Tür zum östlichen Wohnflügel aufstoßen wollte, erklang hinter ihm eine inzwischen leider wohlbekannte Stimme.
„Herr Dr. Scheu, würden Sie bitte mit in mein Büro kommen?“
Eberhard hielt inne und wandte sich zu der Stimme herum. Ein paar Meter hinter ihm stand Frau Weißenbach, die Heimleiterin, und bedachte ihn mit einem sehr missbilligenden Blick. Er schaffte es gerade eben noch, sich davon abzuhalten, genervt mit den Augen zu rollen. Sie wusste doch genau, dass er schon fast eine halbe Stunde zu spät war und heute eigentlich etwas Besonderes mit Jonas vorhatte. Warum musste das jetzt sein?
„Hat das nicht Zeit bis nachher? Jonas wartet sicher schon.“
„Es ist wichtig.“
„Muss das wirklich jetzt sein?“
„Es muss. Bitte…“
Er biss die Zähne zusammen und nickte nur knapp. Wenn er jetzt eine Auseinandersetzung mit der Weißenbach anfing, dann fiel der Nachmittag mit Joans garantiert ins Wasser und das wollte er ihm an seinem Geburtstag sicher nicht antun. Während er ihr durch den Verwaltungstrakt zu ihrem Büro folgte, fragte er sich, was sie jetzt schon wieder von ihm wollte. Sie hatte ihn auf dem Kieker, seitdem er vor drei Jahren die Besuchspatenschaft für Jonas übernommen hatte. Mehrfach hatte sie versucht, ihn bei Jugendamt zu diskreditieren und den Kontakt zu Jonas zu unterbinden. Er verstand bis heute nicht richtig, warum genau – abgesehen von der vagen Ahnung, dass es mit irgendwelchen diffusen Vorurteilen bezüglich Kindesmissbrauch zusammenhing – und eigentlich hatte er auch gedacht, dass sich die Sache mit dem Machtwort von Jonas‘ Betreuerin beim Jugendamt vor gut einem Jahr auch endgültig erledigt hatte. Hatte es aber anscheinend nicht. Er wollte gar nicht wissen, was sie jetzt wieder gefunden hatte. Wenn es nicht um Jonas ginge, er wäre gegangen, kaum dass er ihr Stimme gehört hatte.
Bitte… treten Sie ein.“
Sie öffnete die Tür zu ihrem Büro und bedeutete ihm mit einer Handgeste einzutreten. Eberhard trat an ihr vorbei und nahm auf einem der Besucherstühle Platz. Er beobachtete stumm, wie sie die Tür schloss, um den Schreibtisch herum schritt und sich setzte. Die Art, wie sie die Ellbogen auf der Tischplatte abstützte, die Finger vor dem Gesicht zusammenlegte und ihn musterte, sagte ihm, dass dieses Gespräch unangenehm werden würde. Sehr unangenehm. Wie es ihre Art war, kam sie direkt und ohne Umschweife zur Sache.
„Herr Dr. Scheu, ich muss Ihnen mitteilen, dass Ihre Besuchspatenschaft für Jonas Elsing mit sofortiger Wirkung aufgehoben ist. Hier ist der entsprechende Bescheid vom Jugendamt.“
„Bitte was?“
Seine Reaktion war zu laut und zu heftig, dass wusste Eberhard, aber es kümmerte ihn in diesem Moment überhaupt nicht. Immerhin hatte seine Selbstbeherrschung ausgereicht, dass er nicht aus dem Stuhl aufgesprungen war. Was hatte sich diese missgünstige Möchtegernpädagogin jetzt schon wieder einfallen lassen. Warum konnte sie Jonas dieses kleine Glück seiner regelmäßigen Besuche nicht einfach gönnen? Sie hielt ihn einen Brief entgegen. Er riss ihn ihr fast aus der Hand und überflog ihn mit einem knappen Blick. Ohne seine Lesebrille war die Schrift ziemlich unscharf, aber es reichte, um zu erkennen, dass keine sinnvolle Begründung darin stand.
„Was soll das jetzt wieder?“
„Uns sind ein paar Dinge über Sie zu Ohren gekommen, die uns daran zweifeln lassen, dass Sie ein geeigneter Umgang für Jonas sind.“
Mit einem Mal hatte er eine ganz böse Ahnung, in welche Richtung dieses Gespräch gehen würde, und eine wohlbekannte bittere Wut kroch in ihm herauf. Er biss die Zähne zusammen und schluckte sie so gut wie eben möglich herunter. Es würde Jonas nicht helfen, wenn er jetzt die Beherrschung verlor.
„Dinge? Was für Dinge?“
Man hat Sie gesehen. Mit Ihrem … Freund.“
Die Art, wie sie ‚Freund‘ betonte – irgendwo zwischen widerlichem Insekt und todeswürdigem Verbrechen – sagte eigentlich schon alles. Es lag noch ein vager Hauch von Frage darin, als wollte sie ihm die Chance geben, alles zu dementieren, aber selbst, wenn Eberhard sie nicht so gut gekannt hatte, er wäre nicht darauf angesprungen. Sie hatte ihr Urteil längst gefällt, ganz egal, was er ihr jetzt sagte, und davon würde sie auch nicht abweichen. Außerdem war es für diese Frage auch vollkommen irrelevant, dass er eine Beziehung mit einem Mann führte.
„Ja und?“
„Sie haben uns ihre … Neigung … böswillig verschwiegen. Das wirft ein sehr zweifelhaftes Licht auf Ihre Motivation Kontakt zu Jonas zu pflegen.“
Für einen Augenblick war Eberhard einfach nur sprachlos. Es war nichts Neues für ihn, dass man ihm ob seiner sexuellen Orientierung mit Abneigung und Vorurteilen begegnete, aber eine so bösartige und noch dazu absurde Unterstellung war ihm schon lange nicht mehr begegnet. Er hatte überhaupt nichts verschwiegen, schon gar nicht böswillig. Es hatte niemand gefragt und folglich war es ihm auch nicht wichtig erschienen zu erwähnen, dass er schwul war. Er stand auf Männer, nicht auf Kinder! Aber so wie die Weißenbach ‚Neigung‘ betont hatte, war das für sie ein und dasselbe und alles gleichermaßen pervers. Er ballte die Hände zu Fäusten, holte tief Luft und versuchte eine sinnvolle Erwiderung zu finden, aber die Weißenbach hatte schon weitergesprochen, bevor er auch nur einen klaren Gedanken fassen konnte.
„Ich denke, Sie werden verstehen, dass wir im Sinne des Kindswohls jeden weiteren Kontakt zwischen Ihnen und dem Jungen unterbinden müssen.“
„Was?“
Fassungslos starrte er Frau Weißenbach an. Das konnte doch unmöglich ihr Ernst sein. Wusste sie überhaupt, was sie Jonas damit antat? Es war doch kein ein Jahr her, dass er ein langes Gespräch mit ihr und der hausinternen Psychologin geführt hatte. Die hatte damals noch betont, wie ungemein wichtig seine regelmäßigen Besuche für Jonas waren und wie positiv sich der Kontakt auf die Entwicklung des Jungen auswirkte. Da waren noch alle voll dafür gewesen, dass er Jonas weiterhin so oft wie möglich besuchte. Und jetzt sollte das alles nicht mehr gelten, nur weil sie etwas über ihn erfahren hatte, das sie vorher nicht wussten? Er war auch letztes Jahr schon schwul gewesen.
„Wissen Sie eigentlich, was Sie Jonas damit antun? Frau Dr. Schüssler hat doch…“
„… die Sache genauso beurteilt, wie ich. Wir haben die Verantwortung für die gesunde psychische und physische Entwicklung der uns anvertrauten Kinder und der Umgang mit jemandem wie Ihnen gehört da ganz sicher nicht dazu!“
„Also, jetzt reicht es aber!“
Jetzt war er doch aufgesprungen. Was erlaubte diese Frau sich eigentlich? Das war Verleumdung übelster Sorte. So etwas musste er sich ganz sicher nicht bieten lassen. Die Weißenbach erhob sich ebenfalls.
„Ja, da haben Sie vollkommen recht. Es reicht. Ich habe schon viel zu viel Zeit mit Ihnen verschwendet. Verlassen Sie bitte umgehend das Gelände. Und sehen Sie bitte davon ab, Jonas oder uns in Zukunft zu kontaktieren.“
„In dieser Sache ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, verlassen Sie sich darauf.“
„Doch ist es. Sollten Sie sich nicht an meine Anweisungen halten, werde ich eine einstweilige Verfügung gegen Sie erwirken. Und jetzt gehen Sie, bevor ich Sie entfernen lasse.“
Sie weiß mit Nachdruck Richtung Tür. Eberhard überlegt kurz, ob er noch etwas sagen sollte, aber dann entschied er sich dagegen. Bei ihr würde er sowieso nichts erreichen – nicht mit Worten und auch sonst nicht. Für sie waren Schwule Perverse, die sich an kleinen Jungs vergriffen und jedes Argument, dass er vorbrachte um Jonas zu sehen, würde sie in dieser Meinung nur bestärken. Wenn hier noch etwas erreichen wollte, musste er anders vorgehen. Er drehte sich um und verließ ohne ein Wort des Abschieds den Raum.
Mit schnellen Schritten eilte er zurück in Richtung der großen Halle. Er hörte, wie die Weißenbach die Tür hinter ihm schloss und war mehr als froh darüber, dass die sich entschieden hatte, ihn nicht hinauszugeleiten. Bisher hatte er dich noch ganz gut beherrschen können, aber noch ein Wort mehr aus ihrem Mund und es wäre damit vorbei gewesen. Er biss die Zähne zusammen, um sein unbändige Wut nicht an einem unschuldigen Mülleimer auszulassen, doch die Zwischentür zur Halle stieß er trotzdem viel zu heftig auf. Scheppernd schlug sie gegen die Wand und der Griff hinterließ eine hässlich Macke in der dunklen Holzvertäfelung. Es war ihm egal. Sollte die Weißenbach sich doch beschweren, wenn sie über sich brachte, ‚jemanden wie ihn‘ zu kontaktieren. Diese beschissenen Vorurteile, immer und immer wieder. Er hatte sich ja irgendwie inzwischen damit abgefunden, wenn es ihn selbst betraf, aber dass die die Engstirnigkeit seiner Mitmenschen einem kleinen Jungen einen der wichtigsten Fixpunkte in seinem Leben nahm, trieb ihn glatt die Wände hinauf. Als ob Jonas mit seinen gerade einmal neun Jahren nicht schon genug verloren hatte.
Eberhard durchquerte die Halle ohne dich noch einmal umzuschauen. Ein Teil von ihm wünschte sich, Jonas noch zu begegnen, dass er sich wenigstens verabschieden konnte, ihm alles erklären konnte, aber der weit größere Teil hoffte, dass er dem Jungen das ersparen konnte. Jonas würde es kaum verstehen und es würde den Schmerz nur noch größer machen. Bis er die Tür erreichte, fürchtete er, jeden Augenblick Jonas helle Stimme hinter sich zu hören, die seinen Namen rief, das schnelle Trappeln kleiner Füße auf dem alten Steinfußboden, als Jonas hinter ihm hergerannt kam, doch nichts dergleichen geschah. Die Halle blieb so still und leer, wie die vorhin schon gewesen war. Er war fast ein bisschen erleichtert, als er die Tür aufdrückte und hinaus trat – und sei es nur, weil er keine größeren Dummheiten gemacht hatte. Die Tür schnappte hinter ihm ins Schloss und das leise Geräusch hatte etwas Finales, etwas Unumkehrbares an sich, dass ihm durch und durch ging. Sein Herz zog dich schmerzhaft zusammen und da war so ein nagendes Gefühl von Verlust in seiner Brust, wie er es schon lange nicht mehr gespürt hatte.
Er vergrub die Hände in den Jackentaschen, stieg die Treppen hinab und warf einen Blick in den trüben, grauen Novemberhimmel. Vorhin hatte er noch gedacht, dass das Wetter seiner Laune heute nichts anhaben konnte, jetzt war genau das Gegenteil der Fall. Der düstere Himmel, der von Sturm und Regen kündete schien das perfekte Spiegelbild seiner Stimmung zu sein. Alles nur wegen ein paar bösartiger Vorurteile. Der kühle, frische Wind erfasste ihn, strich ihm durchs Haar, fuhr unter seine Jacke und ließ ihn frösteln, half ihm, seine Gedanken ein bisschen zu klären. Sein Wut verflog langsam, wich der Enttäuschung und der Trauer. Er hatte es in den letzten Monaten endlich geschafft, für sich zu akzeptieren, dass er keine Familie haben würde – jedenfalls nicht im klassischen Sinne. Jonas war für ihn in dieser Zeit mehr und mehr der Sohn geworden, den er nie haben würden, und jetzt war mit ein paar lapidaren Worten alles zerstört. ‚Sie werden verstehen…‘ – Nein, er verstand nicht. Gar nichts verstand er. Zornig kickte er gegen ein Stein, der gerade vor seinen Füßen lag. Der schoss quer über den Weg und krachte dann mit einem satten, dumpfen Knall vor eine Mülltonne. Besser ging es ihm danach auch nicht. Im Gegenteil, er fühlte sich noch beschissener, dafür dass er nicht in der Lage war, seine Beherrschung zu wahren. Er beschleunigte seinen Schritt ein wenig, entschlossen, das Heimgelände so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Er hatte kaum drei Schritte gemacht, als hinter ihm eine helle Kinderstimme erklang, gefolgt von einem Klopfen am Fenster.
„Ebby! Hier bin ich. Warte! Ebby!“
Jonas! Diese Stimme hätte Eberhard unter hunderttausenden erkannt. Jetzt stand er an seinem Zimmerfenster und wartet auf ihn, jetzt, wo es zu spät war. Für einen Augenblick hielt Eberhard in der Bewegung inne, war versucht, sich umzudrehen, Jonas zu winken, vielleicht gar zu warten, ob Jonas es schaffte, den Erziehern zu entwischen, doch dann biss er die Zähne zusammen und zwang sich weiterzugehen.
„Ebby, warte auf mich! Ebby!“
Jonas’ Rufe, der verzweifelte Klang seiner Stimme gingen Eberhard durch und durch. Mit jedem Schritt fiel es ihm schwerer hart zu bleiben und weiterzugehen, aber er wusste, dass es seine einzige Chance war. So lange die Anweisung vom Jugendamt bestand hatte, würde man jeden Kontaktversuch mit Jonas gegen ihn auslegen. Er hatte die Regeln in diesem beschissenen Spiel nicht gemacht, aber wenn er es gewinnen wollte, wenn er eine Chance haben wollte, Jonas wiederzusehen, blieb ihm gar nichts anderes übrig, als sie trotzdem zu befolgen. Er konnte nur hoffen, dass Jonas es irgendwann einmal verstand und ihm verzieh.
Team: Sonne
Challenge: Farben: SCHWARZ (Liste) - Für mich
Fandom: Alphateam
Rating: P12
Genre: Slash (irgendwie), emotional hurt/no comfort
Warnungen: Homophobia!
Zusammenfassung: Eberhard erfährt, dass er nicht erwünscht ist...
Wörter: ~2300
Anmerkungen: Das Ende ist mal wieder vorne und hinten nicht so geworden, wie ich es gerne gehabt hätte, weil meine Alphateam-Bunnies irgendwie bekloppter werden, je mehr Futter ich ihnen biete, aber das kennt man ja schon. And anyways... die Sommerchallenge ist legitime Spielwiese für neue Fandoms.
Ach so, ja, diese Besuchspatenschaft ist canon, aber icb glaube die Zeitstrukturen passen canonmäßig vorne und hinten nicht. Ich hab' es noch nicht geschafft, alle Infos dazu zusammenzusuchen. Egal, is' ja eh nur Fanfic...
Eberhard war einen Blick auf seine Armbanduhr und fluchte leise. Er hatte Joans mit einem Kinobesuch überraschen wollen, immerhin hatte der Junge heute Geburtstag, aber Nachmittagsvorstellung begann um halb vier und es war inzwischen schon zehn vor drei. Das würden sie kaum noch pünktlich zu Vorstellungsbeginn schaffen. Und das alles nur, weil die Gassner noch auf diesem sinnlosen Personalgespräch beharrt hatte. Für nichts und wieder nichts. Er beschleunigte seinen Schritt nochmals und joggte fast die breite Einfahrt zum Heim hinauf. Wahrscheinlich stand Jonas schon am Fenster und wartete auf ihn. Als er das Gebäude fast erreicht hatte, schaute er zu Jonas‘ Fenster hinauf, doch er konnte niemanden erblicken. Vielleicht zog Jonas sich schon die Schuhe an oder stand längst fix und fertig unten in der Halle und wartete, dass er endlich zur Tür hereinkam.
Eberhard fischte das kleine Päckchen aus der Innentasche seiner Jacke und stieg zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe zum Haupteingang hinauf. Eigentlich rechnete er damit, dass Jonas ihm schon entgegengerannt kam, kaum dass er die Tür geöffnet hatte, doch die große Eingangshalle war still und leer. Jonas war weit und breit nirgends zu sehen. Verwundert schaute Eberhard sich um. Hatte er sich im Datum vertan? Oder in der Uhrzeit? Er kontrollierte abermals seine Armbanduhr. Das Datum stimmte und die Uhrzeit auch so ungefähr. Er war ein bisschen später, aber nicht so spät, dass Jonas hätte glauben können, er käme nicht mehr. Oder war Jonas mal wieder so sehr in einem seiner geliebten Abenteuerbücher vertieft, dass er die Zeit vergessen hatte? Vielleicht sollte er einfach mal nachschauen gehen. Er kannte sich hier so langsam ja ganz gut aus. Mit ein paar schnellen Schritten durchquerte er die Eingangshalle. Gerade als er die Tür zum östlichen Wohnflügel aufstoßen wollte, erklang hinter ihm eine inzwischen leider wohlbekannte Stimme.
„Herr Dr. Scheu, würden Sie bitte mit in mein Büro kommen?“
Eberhard hielt inne und wandte sich zu der Stimme herum. Ein paar Meter hinter ihm stand Frau Weißenbach, die Heimleiterin, und bedachte ihn mit einem sehr missbilligenden Blick. Er schaffte es gerade eben noch, sich davon abzuhalten, genervt mit den Augen zu rollen. Sie wusste doch genau, dass er schon fast eine halbe Stunde zu spät war und heute eigentlich etwas Besonderes mit Jonas vorhatte. Warum musste das jetzt sein?
„Hat das nicht Zeit bis nachher? Jonas wartet sicher schon.“
„Es ist wichtig.“
„Muss das wirklich jetzt sein?“
„Es muss. Bitte…“
Er biss die Zähne zusammen und nickte nur knapp. Wenn er jetzt eine Auseinandersetzung mit der Weißenbach anfing, dann fiel der Nachmittag mit Joans garantiert ins Wasser und das wollte er ihm an seinem Geburtstag sicher nicht antun. Während er ihr durch den Verwaltungstrakt zu ihrem Büro folgte, fragte er sich, was sie jetzt schon wieder von ihm wollte. Sie hatte ihn auf dem Kieker, seitdem er vor drei Jahren die Besuchspatenschaft für Jonas übernommen hatte. Mehrfach hatte sie versucht, ihn bei Jugendamt zu diskreditieren und den Kontakt zu Jonas zu unterbinden. Er verstand bis heute nicht richtig, warum genau – abgesehen von der vagen Ahnung, dass es mit irgendwelchen diffusen Vorurteilen bezüglich Kindesmissbrauch zusammenhing – und eigentlich hatte er auch gedacht, dass sich die Sache mit dem Machtwort von Jonas‘ Betreuerin beim Jugendamt vor gut einem Jahr auch endgültig erledigt hatte. Hatte es aber anscheinend nicht. Er wollte gar nicht wissen, was sie jetzt wieder gefunden hatte. Wenn es nicht um Jonas ginge, er wäre gegangen, kaum dass er ihr Stimme gehört hatte.
Bitte… treten Sie ein.“
Sie öffnete die Tür zu ihrem Büro und bedeutete ihm mit einer Handgeste einzutreten. Eberhard trat an ihr vorbei und nahm auf einem der Besucherstühle Platz. Er beobachtete stumm, wie sie die Tür schloss, um den Schreibtisch herum schritt und sich setzte. Die Art, wie sie die Ellbogen auf der Tischplatte abstützte, die Finger vor dem Gesicht zusammenlegte und ihn musterte, sagte ihm, dass dieses Gespräch unangenehm werden würde. Sehr unangenehm. Wie es ihre Art war, kam sie direkt und ohne Umschweife zur Sache.
„Herr Dr. Scheu, ich muss Ihnen mitteilen, dass Ihre Besuchspatenschaft für Jonas Elsing mit sofortiger Wirkung aufgehoben ist. Hier ist der entsprechende Bescheid vom Jugendamt.“
„Bitte was?“
Seine Reaktion war zu laut und zu heftig, dass wusste Eberhard, aber es kümmerte ihn in diesem Moment überhaupt nicht. Immerhin hatte seine Selbstbeherrschung ausgereicht, dass er nicht aus dem Stuhl aufgesprungen war. Was hatte sich diese missgünstige Möchtegernpädagogin jetzt schon wieder einfallen lassen. Warum konnte sie Jonas dieses kleine Glück seiner regelmäßigen Besuche nicht einfach gönnen? Sie hielt ihn einen Brief entgegen. Er riss ihn ihr fast aus der Hand und überflog ihn mit einem knappen Blick. Ohne seine Lesebrille war die Schrift ziemlich unscharf, aber es reichte, um zu erkennen, dass keine sinnvolle Begründung darin stand.
„Was soll das jetzt wieder?“
„Uns sind ein paar Dinge über Sie zu Ohren gekommen, die uns daran zweifeln lassen, dass Sie ein geeigneter Umgang für Jonas sind.“
Mit einem Mal hatte er eine ganz böse Ahnung, in welche Richtung dieses Gespräch gehen würde, und eine wohlbekannte bittere Wut kroch in ihm herauf. Er biss die Zähne zusammen und schluckte sie so gut wie eben möglich herunter. Es würde Jonas nicht helfen, wenn er jetzt die Beherrschung verlor.
„Dinge? Was für Dinge?“
Man hat Sie gesehen. Mit Ihrem … Freund.“
Die Art, wie sie ‚Freund‘ betonte – irgendwo zwischen widerlichem Insekt und todeswürdigem Verbrechen – sagte eigentlich schon alles. Es lag noch ein vager Hauch von Frage darin, als wollte sie ihm die Chance geben, alles zu dementieren, aber selbst, wenn Eberhard sie nicht so gut gekannt hatte, er wäre nicht darauf angesprungen. Sie hatte ihr Urteil längst gefällt, ganz egal, was er ihr jetzt sagte, und davon würde sie auch nicht abweichen. Außerdem war es für diese Frage auch vollkommen irrelevant, dass er eine Beziehung mit einem Mann führte.
„Ja und?“
„Sie haben uns ihre … Neigung … böswillig verschwiegen. Das wirft ein sehr zweifelhaftes Licht auf Ihre Motivation Kontakt zu Jonas zu pflegen.“
Für einen Augenblick war Eberhard einfach nur sprachlos. Es war nichts Neues für ihn, dass man ihm ob seiner sexuellen Orientierung mit Abneigung und Vorurteilen begegnete, aber eine so bösartige und noch dazu absurde Unterstellung war ihm schon lange nicht mehr begegnet. Er hatte überhaupt nichts verschwiegen, schon gar nicht böswillig. Es hatte niemand gefragt und folglich war es ihm auch nicht wichtig erschienen zu erwähnen, dass er schwul war. Er stand auf Männer, nicht auf Kinder! Aber so wie die Weißenbach ‚Neigung‘ betont hatte, war das für sie ein und dasselbe und alles gleichermaßen pervers. Er ballte die Hände zu Fäusten, holte tief Luft und versuchte eine sinnvolle Erwiderung zu finden, aber die Weißenbach hatte schon weitergesprochen, bevor er auch nur einen klaren Gedanken fassen konnte.
„Ich denke, Sie werden verstehen, dass wir im Sinne des Kindswohls jeden weiteren Kontakt zwischen Ihnen und dem Jungen unterbinden müssen.“
„Was?“
Fassungslos starrte er Frau Weißenbach an. Das konnte doch unmöglich ihr Ernst sein. Wusste sie überhaupt, was sie Jonas damit antat? Es war doch kein ein Jahr her, dass er ein langes Gespräch mit ihr und der hausinternen Psychologin geführt hatte. Die hatte damals noch betont, wie ungemein wichtig seine regelmäßigen Besuche für Jonas waren und wie positiv sich der Kontakt auf die Entwicklung des Jungen auswirkte. Da waren noch alle voll dafür gewesen, dass er Jonas weiterhin so oft wie möglich besuchte. Und jetzt sollte das alles nicht mehr gelten, nur weil sie etwas über ihn erfahren hatte, das sie vorher nicht wussten? Er war auch letztes Jahr schon schwul gewesen.
„Wissen Sie eigentlich, was Sie Jonas damit antun? Frau Dr. Schüssler hat doch…“
„… die Sache genauso beurteilt, wie ich. Wir haben die Verantwortung für die gesunde psychische und physische Entwicklung der uns anvertrauten Kinder und der Umgang mit jemandem wie Ihnen gehört da ganz sicher nicht dazu!“
„Also, jetzt reicht es aber!“
Jetzt war er doch aufgesprungen. Was erlaubte diese Frau sich eigentlich? Das war Verleumdung übelster Sorte. So etwas musste er sich ganz sicher nicht bieten lassen. Die Weißenbach erhob sich ebenfalls.
„Ja, da haben Sie vollkommen recht. Es reicht. Ich habe schon viel zu viel Zeit mit Ihnen verschwendet. Verlassen Sie bitte umgehend das Gelände. Und sehen Sie bitte davon ab, Jonas oder uns in Zukunft zu kontaktieren.“
„In dieser Sache ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, verlassen Sie sich darauf.“
„Doch ist es. Sollten Sie sich nicht an meine Anweisungen halten, werde ich eine einstweilige Verfügung gegen Sie erwirken. Und jetzt gehen Sie, bevor ich Sie entfernen lasse.“
Sie weiß mit Nachdruck Richtung Tür. Eberhard überlegt kurz, ob er noch etwas sagen sollte, aber dann entschied er sich dagegen. Bei ihr würde er sowieso nichts erreichen – nicht mit Worten und auch sonst nicht. Für sie waren Schwule Perverse, die sich an kleinen Jungs vergriffen und jedes Argument, dass er vorbrachte um Jonas zu sehen, würde sie in dieser Meinung nur bestärken. Wenn hier noch etwas erreichen wollte, musste er anders vorgehen. Er drehte sich um und verließ ohne ein Wort des Abschieds den Raum.
Mit schnellen Schritten eilte er zurück in Richtung der großen Halle. Er hörte, wie die Weißenbach die Tür hinter ihm schloss und war mehr als froh darüber, dass die sich entschieden hatte, ihn nicht hinauszugeleiten. Bisher hatte er dich noch ganz gut beherrschen können, aber noch ein Wort mehr aus ihrem Mund und es wäre damit vorbei gewesen. Er biss die Zähne zusammen, um sein unbändige Wut nicht an einem unschuldigen Mülleimer auszulassen, doch die Zwischentür zur Halle stieß er trotzdem viel zu heftig auf. Scheppernd schlug sie gegen die Wand und der Griff hinterließ eine hässlich Macke in der dunklen Holzvertäfelung. Es war ihm egal. Sollte die Weißenbach sich doch beschweren, wenn sie über sich brachte, ‚jemanden wie ihn‘ zu kontaktieren. Diese beschissenen Vorurteile, immer und immer wieder. Er hatte sich ja irgendwie inzwischen damit abgefunden, wenn es ihn selbst betraf, aber dass die die Engstirnigkeit seiner Mitmenschen einem kleinen Jungen einen der wichtigsten Fixpunkte in seinem Leben nahm, trieb ihn glatt die Wände hinauf. Als ob Jonas mit seinen gerade einmal neun Jahren nicht schon genug verloren hatte.
Eberhard durchquerte die Halle ohne dich noch einmal umzuschauen. Ein Teil von ihm wünschte sich, Jonas noch zu begegnen, dass er sich wenigstens verabschieden konnte, ihm alles erklären konnte, aber der weit größere Teil hoffte, dass er dem Jungen das ersparen konnte. Jonas würde es kaum verstehen und es würde den Schmerz nur noch größer machen. Bis er die Tür erreichte, fürchtete er, jeden Augenblick Jonas helle Stimme hinter sich zu hören, die seinen Namen rief, das schnelle Trappeln kleiner Füße auf dem alten Steinfußboden, als Jonas hinter ihm hergerannt kam, doch nichts dergleichen geschah. Die Halle blieb so still und leer, wie die vorhin schon gewesen war. Er war fast ein bisschen erleichtert, als er die Tür aufdrückte und hinaus trat – und sei es nur, weil er keine größeren Dummheiten gemacht hatte. Die Tür schnappte hinter ihm ins Schloss und das leise Geräusch hatte etwas Finales, etwas Unumkehrbares an sich, dass ihm durch und durch ging. Sein Herz zog dich schmerzhaft zusammen und da war so ein nagendes Gefühl von Verlust in seiner Brust, wie er es schon lange nicht mehr gespürt hatte.
Er vergrub die Hände in den Jackentaschen, stieg die Treppen hinab und warf einen Blick in den trüben, grauen Novemberhimmel. Vorhin hatte er noch gedacht, dass das Wetter seiner Laune heute nichts anhaben konnte, jetzt war genau das Gegenteil der Fall. Der düstere Himmel, der von Sturm und Regen kündete schien das perfekte Spiegelbild seiner Stimmung zu sein. Alles nur wegen ein paar bösartiger Vorurteile. Der kühle, frische Wind erfasste ihn, strich ihm durchs Haar, fuhr unter seine Jacke und ließ ihn frösteln, half ihm, seine Gedanken ein bisschen zu klären. Sein Wut verflog langsam, wich der Enttäuschung und der Trauer. Er hatte es in den letzten Monaten endlich geschafft, für sich zu akzeptieren, dass er keine Familie haben würde – jedenfalls nicht im klassischen Sinne. Jonas war für ihn in dieser Zeit mehr und mehr der Sohn geworden, den er nie haben würden, und jetzt war mit ein paar lapidaren Worten alles zerstört. ‚Sie werden verstehen…‘ – Nein, er verstand nicht. Gar nichts verstand er. Zornig kickte er gegen ein Stein, der gerade vor seinen Füßen lag. Der schoss quer über den Weg und krachte dann mit einem satten, dumpfen Knall vor eine Mülltonne. Besser ging es ihm danach auch nicht. Im Gegenteil, er fühlte sich noch beschissener, dafür dass er nicht in der Lage war, seine Beherrschung zu wahren. Er beschleunigte seinen Schritt ein wenig, entschlossen, das Heimgelände so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Er hatte kaum drei Schritte gemacht, als hinter ihm eine helle Kinderstimme erklang, gefolgt von einem Klopfen am Fenster.
„Ebby! Hier bin ich. Warte! Ebby!“
Jonas! Diese Stimme hätte Eberhard unter hunderttausenden erkannt. Jetzt stand er an seinem Zimmerfenster und wartet auf ihn, jetzt, wo es zu spät war. Für einen Augenblick hielt Eberhard in der Bewegung inne, war versucht, sich umzudrehen, Jonas zu winken, vielleicht gar zu warten, ob Jonas es schaffte, den Erziehern zu entwischen, doch dann biss er die Zähne zusammen und zwang sich weiterzugehen.
„Ebby, warte auf mich! Ebby!“
Jonas’ Rufe, der verzweifelte Klang seiner Stimme gingen Eberhard durch und durch. Mit jedem Schritt fiel es ihm schwerer hart zu bleiben und weiterzugehen, aber er wusste, dass es seine einzige Chance war. So lange die Anweisung vom Jugendamt bestand hatte, würde man jeden Kontaktversuch mit Jonas gegen ihn auslegen. Er hatte die Regeln in diesem beschissenen Spiel nicht gemacht, aber wenn er es gewinnen wollte, wenn er eine Chance haben wollte, Jonas wiederzusehen, blieb ihm gar nichts anderes übrig, als sie trotzdem zu befolgen. Er konnte nur hoffen, dass Jonas es irgendwann einmal verstand und ihm verzieh.