[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Fandom: Original, die Autobahngeschichte
Personen: Tabea, Daniel
Challenges: Eigentlicht ist das eine Art Gesamtchallenge, die ich hier beantworte.
Am meisten aber haben mich inspiriert:
A distant place called here
One Moment of Knowing that
A distant glow of hellfire
I am the switch that derails your train



Er nannte sie Asphaltprinzessin.
Manchmal auch Diktator. Wenn sie ihm eine Kaffeetasse ins Gesicht knallte, ihn wütend anblinzelte und anfing, dieses seltsame Geräusch zu machen, welches sich wie das Knurren eines winzigen Hundes anhörte.

Dabei war Tabea kein Diktator.
Sie war eine Gefangene ihres eigenen Lebens, der Fehler, die sie langsam aber sicher zu einem riesigen Haufen ansammelte. Um die letzten Fehler zu vertuschen, beging sie neue, die wiederum vertuscht werden mussten.

Der erste Fehler war das gestohlene Wohnmobil.
Der zweite das geklaute Vermögen ihrer Mutter.
Der dritte und schwerwiegendste war bekanntlich Daniel.

„Das hier ist ein Roadmovie ohne Witz und Kalauer!“, muffelte er im Führerraum des Wohnmobils auf dem Beifahrersitz.

Für ihn hatte alles damit begonnen, dass sein Corsa von Tabeas fahrender Festung im Stand auf einem stinkenden Rastplatz irgendwo bei Neuruppin gerammt worden war, dass er zu hart mit dem Kopf gegen sein Lenkrad geknallt und benommen gewesen war.
Tabeas Unglück hatte seinen Lauf genommen, indem sie und Denise ihn ins Wohnmobil gezerrt und mit grüner Wäscheleine verschnürt hatten.
Er hatte ihnen die Essecke vollgeblutet, gejammert und gezetert und noch heute die Spuren der Leine an den Handgelenken.

Daniel war der Faktor, den sich Tabea in ihren apokalyptischsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Sie hatte sich durch ihn eingesperrt in die ewige Misere, sich die Angst an Bord geholt.
Dieser Kerl war der Faktor X, der ihr gesamtes Leben zerstörte.

„Es gibt kein Bier hier.“, muffelte Daniel weiter. Er hatte eine seiner albernen Phasen, die Tabea bis aufs Blut hasste.

Er wusste, dass er sie jederzeit erpressen konnte. Er war das Druckmittel und der Machthaber in einem. Jederzeit konnte er das Mädchen zurücklassen, an einer Raststätte zur Theke einer Pommesbude gehen und von dort aus die Polizei rufen lassen. Entführung mit Körperverletzung und Beschädigung seines Autos, welches zurückgelassen wahrscheinlich schon längst auseinandergenommen worden war. Das konnte sicher ein-zwei Jahre bringen.

„Es gibt kein Bier, die Toilette kommt dauernd hoch, meine Kippen sind alle und es ist nicht lustig.“
Daniel kurbelte sein Fenster herunter, hielt den Kopf in den Wind und streckte die Zunge raus. Bei der Geschwindigkeit vom 120 Kilometern pro Stunde entstand wahnsinniger Druck im Cockpit.
Tabea rollte die Augen gen Himmel, packte den Jungen am Shirt und zerrte ihn wieder herein.

Seine dunklen Haare waren durcheinandergeworfen und für einen Moment sah es so aus als würde seine Brille nun schief sitzen.
„Es soll auch nicht lustig sein.“, sagte Tabea und wechselte die Spur um einen Steineckes Bäcker-LKW zu überholen.
„Ah, ja klar.“

Die Sonne schien in die Seitenspiegel. Tabea war die ersten beiden Wochen nach Westen gefahren, hatte sich bei Hannover schließlich doch umentschieden und war schließlich in die östlicheren Gefilde zurückgekehrt. Jetzt hielt sie auf Rostock zu.
In früheren Jahren war sie oft auf Usedom im Urlaub gewesen- die einzige Ecke in diesem vermaledeiten Land, die sie etwas besser kannte.
Wahrscheinlich zog es sie dorthin ohne dass sie die Unsinnigkeit in der ganzen Aktion erkannte.

„Warum sollte es auch Spaß machen!“, spottete der Junge und wühlte im Handschuhfach nach etwas Essbarem. Am Deckel klebten Denise´s Gummibärchenkunstwerke, dazwischen rollte eine leere Fantaflasche hin und her und ein ADAC-Plan mit tausend Eselsohren wurde beiseite geworfen.

„Heißt es nicht immer, wenn man jung ist, sollte man solche Gelegenheiten wie diese hier wahrnehmen? Sex, Drug und Rock´n´Roll, du weißt schon.”

Tabea schwieg. Rock´n´Roll befand sich bereits im Radio- immerhin lief seit Tagen Led Zeppelin hoch und runter bis die alten Tapes glühten.
Für Drogen hatte sie weder Zeit noch Geld- was den Sex anging, war sie sich sicher, Daniel neulich mit Denise in der Koje gehört zu haben als sie draußen versucht hatte, den Grill anzuwerfen.
Der Typ mochte wie ein Streber oder Nerd aussehen- in Wahrheit war er gedankenlos und gelangweilt.
Was auch die einzigen Gründe waren, warum er noch hier war.

„Na okay.“
Er schnallte sich ab und setzte sich bequemer auf dem Beifahrersitz zurecht. Seine Augen hefteten sich für einen Moment auf den Asphalthorizont in der Ferne, über dem die Sommerhitze flirrte.
„Du suchst deinen kleinen Bruder. Du bist total chaotisch, weil du keinen Schimmer hast, wo du zuerst suchen sollst. Du bist total planlos.“
Sie beschleunigte so gut es ging, um diesen bescheuerten Brotlaster zu überholen. Doch viel mehr gab das alte Mobil nicht her. Hinter ihr stauten sich mehrere PKW, die anfingen, ungeduldig links und rechts minimal auszuscheren.
„Dann solltest du wenigstens versuchen, diese Sinnlosigkeit mit etwas Spaß aufzufüllen.“

Im nächsten Moment spürte sie ihre Hand auf seinem Knie liegen.
Sie hatte nicht richtig aufgepasst- hinter ihr hatte ein prolliger, steingrauer BMW gehupt, der Bäckerwagen beschleunigte höhnisch, dort vorne bahnte sich eine Baustelle an.
Tabea hatte nicht mitbekommen, wie das passiert war.
Sie konnte sich nicht erinnern, wie Daniel ihre Hand genommen und dort abgelegt haben könnte.

Er schaute sie beinahe ernst an.

„Nun komm schon, Asphaltprinzessin.“ , sagte er leise.
Es war Teasing, sie wusste es schon längst. Er würde sie wie zuvor nur wieder von sich stoßen, zetern, knurren, an der nicht existenten Fessel reißen. Dies war seine Rache für ihr Verbrechen an ihm- an seinem Schrottauto. Er konnte ihre Schwingungen spüren und wie sie sich selbst unter Kontrolle zu halten versuchte.


Tabeas Atem beschleunigte sich. Sie wollte die Hand dort wegnehmen, sich von Daniel entfernen, doch dann spürte sie, dass er sie festhielt. Sie musste scharf bremsen, der Bäckerlaster ließ sich nicht überholen und die Lichthupe des BMW brannte in den Augen. Sie konnte hören, wie Denise oben in der Koje mit dem Kopf gegen das Dach knallte und fluchte.
Die Zähne aufeinanderbeißend ordnete sie sich wieder rechts ein und ließ sich von dem Idioten Steinecke ausbremsen. Die Autos zogen johlend an ihr vorbei.

Sie hatte wieder eine Schlacht verloren.

„Jetzt lass mich endlich los!“, brüllte sie Daniel an.
Wärme war in ihrer Hand zurückgeblieben. Sein triumphierender Blick schwebte über der Szenerie.

„Du bist in keinem verfickten Roadmovie! Das hier ist Thriller!“
Sie war so außer sich, dass sie sich auf seine Metapher einließ.
Das erschreckte sie.

Daniel hatte eines der Gummibärchen vom Handschuhfach abgelöst und begann darauf herumzukauen.
„Das ist weniger das Problem.“, sagte er und schaute sie über den Rand seiner Brille an.

„Ich sehe die Schwierigkeit eher darin, dass der Regisseur kein Drehbuch hat.“

Die Sonne loderte in den Seitenspiegeln.

Date: 2007-12-31 01:26 pm (UTC)
From: [identity profile] wieldy22.livejournal.com
Wow! Das ist sooo toll *___* und noch keine Kommentare, eine Schande! Nagut, dieser wird auch nicht sehr konstruktiv, eher so eine Art Quietschkommi XD

Besonders das Ende ist so schön! Also die allerletzten beiden Zeilen. Wär schön, wenn es mit den dreien noch irgendwie weiterginge...

Date: 2007-12-31 03:42 pm (UTC)
From: [identity profile] selia-ishida.livejournal.com
Ja, wundervoll *_* *sich da nur dem anderen Kommentar anschließen kann*
Mehr wäre wirklich toll <3

Date: 2007-12-31 03:49 pm (UTC)
From: [identity profile] myojo-s-me.livejournal.com
XD da ham sich aber zwei ganz besonders lieb><
Aber wie ist denn denise dazugekommen? ÖÖ?

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