[identity profile] thots-tochter.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Titel: Scheideweg
Team: Sonne
Challenge: Ohne Worte: JOKER (Challenge "Bild" vom 27.05.2018) - Für mich
Fandom: Tatort Stuttgart
Rating: P12
Genre: Preslash, Angstish, h/c
Warnungen: Spoiler für den Tatort "Tödliche Tarnung"
Zusammenfassung: Thorsten muss sich entscheiden...
Wörter: ~1200
Anmerkung1: Mal wieder so eine Szene, die ich schon seit Ewigkeiten verarbeiten wollte, aber nie den richtigen Dreh dazu bekommen habe, bis ich das Bild gesehen habe. Alle Dialogzeilen sind original aus dem Film, der Rest ist von mir.
Anmerkung2: Weltherrschaft! YAY!!!



Thorsten lehnte rücklings am Geländer der Brücke und schaute nachdenklich über den kleinen Fluss hinaus, der das Grundstück von Dr. Vogt begrenzte. Seine neuen Kollegen wuselten unten um den gedeckten Tisch herum. Dr. Vogt stand am Grill, die Frau Staatsanwältin verteilte das Besteck, Nika sortierte irgendwas und Sebastian schenkte Getränke ein. Er wusste nicht so richtig, was er von dieser kleinen Feier zu seinem Geburtstag halten sollte. Eigentlich machte er sich nichts aus seinem ‚Ehrentag‘, erst recht nicht mehr, seitdem Lilly gestorben war, aber andererseits war er von den Bemühungen seiner Kollegen wirklich gerührt. Und auch wenn das Geschenk ein wenig … kurios gewesen war, konnte er doch nicht leugnen, dass es ein warmes Gefühl im Bauch verursachte, dass sie sich solche Mühe gegeben hatten, ein Geschenk für ihn zu finden. Da hatte er es dann auch nicht übers Herz gebracht ihnen zu sagen, dass er weder segeln konnte, noch sich sonderlich viel aus Booten machte. Aus dem Augenwinkel sah er jetzt Sebastian auf sich zukommen, zwei Flaschen Bier in der Hand. Offensichtlich war ihm jetzt doch aufgefallen, dass sein Partner sich abgeseilt hatte. Thorsten seufzte leise. Es war nicht so, dass er Sebastians Nähe nicht schätzte – im Gegenteil, er schätzte sie ein bisschen zu sehr – aber er hatte schon die ganzen letzten Tage, seitdem sie Viktor verhaftet hatten das Gefühl gehabt, dass Sebastian etwas sagen oder fragen wollte und er war sich nicht sicher, ob er sich damit jetzt auseinandersetzen wollte.

„Hey!“

Sebastian trat auf ihn zu, hielt ihm die Bierflaschen entgegen. Thorsten lächelte leicht und nahm ihm eine Flasche ab.

„Danke.“

Sie ließen die Flaschen kurz gegeneinander klinken, dann nahm er einen Schluck und beobachtete Sebastian. Der trank ebenfalls und lehnte sich dann mit den Unterarmen auf das Geländer und starrte dem eilig dahinfließenden Wasser hinterher. Sein Gesichtsausdruck, die etwas verspannte Haltung seiner Schultern, die Art wie er am Etikett seiner Bierfalsche herumknibbelte verriet Thorsten deutlich, dass Sebastian gerade versuchte, den Mut aufzubringen oder die richtigen Worte zu finden, um seine Frage endlich zu stellen.

„Alles klar?“

Okay, das war es jetzt ganz sicher nicht gewesen, was Sebastian schon seit Tagen auf der Seele drückte. In gewissem Sinne wollte er vielleicht schon wissen, wie Thorsten den Einsatz gegen Viktor und vor allem den endgültigen Abschluss der Ermittlungen, die vor über fünf Jahren begonnen hatten, verarbeitet hatte. Aber eigentlich war seine Frage konkreter, bezog sich auf etwas Bestimmtes, das war Thorsten ziemlich klar, sonst würde Sebastian nicht so mit sich ringen, die richtigen Worte zu finden.

„Ja.“

Seine Antwort war wohl nicht so ganz fair, das wusste er schon, aber er konnte und wollte es Sebastian in diesem Moment auch nicht leicht machen. Thorsten war sich nicht ganz sicher, woher diese Überzeugung kam, aber irgendetwas sagte ihm, dass diese Moment für sie beide entscheidend war, dass er ihre ganze Zukunft formen würde – zum Besseren oder zum Schlechteren. Schon deswegen war es wichtig, dass Sebastian sagte, was er sagen wollte, ohne dass Thorsten ihm die Richtung vorgab. Sebastian nahm noch einen Schluck aus seiner Flasche, dann richtete er sich auf und fischte etwas aus seiner Hosentasche.

„Hier, die hab’ ich von deinem Schreibtisch.“

Zwischen seinen Fingern hielt er eine kleine silbrige Kugel. Seine Kugel. Die Kugel, die mit der Viktor ihn erlösen wollte. Die Kugel die ihn töten sollte. Die Kugel, die er auf seinem Schreibtisch liegen hatte, die er jeden Tag ansah, immer wieder befingerte, die ihm Mahnmal und Erinnerung war. Was wollte Sebastian damit? Woher nahm er sich überhaupt das Recht, diese Kugel an sich zu nehmen.

„Was soll das?“

Am liebsten hätte Thorsten Sebastian die Kugel sofort aus der Hand gerissen, doch er nahm sich im letzten Moment zusammen. Diese Reaktion wäre dann wohl doch ein bisschen übertrieben gewesen – und würde seinem psychologisch gebildeten Partner weit mehr verraten, als Worte jemals konnten. Sebastian schaute derweil kalkulierend zwischen ihm und der Kugel hin und her. Er schien etwas zu überlegen. Dann legte sich plötzlich so etwas wie Entschlossenheit über sein Gesicht, er trat einen Schritt zurück, holte aus und war die Kugel in einem hohen Bogen in den Fluss. Sofort verschwand sie auf Nimmerwiedersehen in den Schaumkronen der Wellen. Fassungslos starrte Thorsten der Kugel hinterher.

„Sag’ mal, spinnst du?“
„Wie willst du denn ein neues Leben anfangen, wenn du dein altes dir jeden Tag in den Weg stellst?“
„Du kannst doch nicht meine Kugel einfach wegschmeißen.“


Thorsten spürte, wie die Wut in ihm hochkochte. Was erlaubte Sebastian sich da eigentlich? Das ging ihn doch überhaupt gar nichts an. Das war Sein Leben und Sebastian hatte kein Recht darüber zu urteilen. Der Besserwisser mit seiner Frau und seinen Kindern und seinem spießigen Einfamilienhaus hatte doch überhaupt keine Ahnung, was es bedeutete, alles zu verlieren, alles hinter sich zu lassen, noch einmal ganz von vorne anfangen zu müssen. Eigentlich hätte er von ihm ein bisschen mehr Einfühlungsvermögen erwartet. Bevor er aber die Worte gefunden hatte, seine Wut und seine Enttäuschung auch nur annährend auszudrücken, griff Sebastian ein weiteres Mal in seine Hosentasche und zog ein zweites Projektil hervor, präsentierte es Thorsten auf der flachen Hand.

„Das ist die echte.“

Sebastians Ton war ein bisschen defensiv, beschwichtigend, aber das interessiert Thorsten gerade überhaupt nicht. Mit einer schnellen Bewegung griff er zu, riss die Kugel geradezu von Sebastians Hand. Für einen Moment erwog sie in die Tasche zu stecken und einfach zu verschwinden, aber dann ließ er es bleiben. Bisher wusste nur Sebastian Bescheid – und wahrscheinlich die Staatsanwältin, wenigstens in groben Zügen aus seiner Akte –, aber wenn er sich einen derartigen Abgang gönnte, dann würden die anderen auch Fragen stellen und dann würde auch hier das Getratsche losgehen – genau wie damals in Hamburg.

Also blieb er stehen, drehte die Kugel nachdenklich zwischen den Fingerspitzen. Sie war beruhigend glatt und kühl. Er spürte, wie seine Wut fast augenblicklich verrauchte, ihn eine seltsame Ruhe erfasste, wie immer, wenn er sie in den Fingern hielt. Es war morbide und gleichzeitig bezeichnend, wie sehr sich sein Leben um dieses kleine Stück Metall drehte. Er hatte die Kugel, die ihn hätte töten sollen, zum Fundament seines neuen Lebens gemacht und das zeigte ihm mehr als alles andere, wie Recht Sebastian mit seiner Feststellung hatte.

Er musste sie loslassen, musste Susanne, Lilly und auch Viktor loslassen, sonst würde er niemals frei sein, egal wie weit weg Hamburg, von allen Erinnerungen er auch sein mochte. Noch einmal drehte er das deformierte Projektil zwischen den Fingern, spürte den alten Schmerz in der Brust, dann holte er aus und warf sie im weiten Bogen ins Wasser. Ein dumpfes Platschen, ein kleiner Spitzer, dann war sie verschwunden. Der Fluss trug sie mit sich fort und für einen Augenblick erlaubte er sich die Illusion, dass sie irgendwann das Meer erreichen würde. Er schaute dem Wasser noch eine ganze Weile nach, obwohl doch längst nichts mehr zu sehen war und vor seinem geistigen Auge sah er Lilly, wie mit strahlenden Augen barfuß durch die Brandung rannte, direkt auf ihn zu, wie sie ihm in die Arme sprang und er sich mit ihr im Kreis drehte. Und er sah Viktor, der langsam den Strand hinab kam, mit windzerzausten Haare, dieses feine Lächeln auf den Lippen, das nur er jemals gesehen hatte, wie er die Hand ausstreckte und er sah sich selbst, wie er die Hand ergriff.

Mit einem leisen Seufzen wandte Thorsten sich ab, setzte sich langsam in Bewegung, runter von der Brücke, zurück zu den anderen. Er spürte Sebastians Hand an seinem Rücken, warm und ermutigend. Lilly und Viktor würden immer einen Platz in seinem Herzen haben, aber es war an der Zeit, voranzuschreiten – mit Sebastian.

Date: 2018-08-09 09:04 am (UTC)
From: [identity profile] turelietelconta.livejournal.com
Gefällt mir gut, Thorstens Gedanken während dieser Sequenz passen sehr gut.

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