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[identity profile] nyx-chan.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Mond
Challenge: Hurt/Comfort – Kinderpflaster (für mich)
Fandom: Original (Gründe für jeglichen Wahnsinn)
Wörter: 828
Anmerkung: Aileen und Vanessa. Lang ist's her (ich glaub, ich bin jetzt deswegen schrecklich sentimental geworden...)



Für einen Moment konnte Aileen vergessen, dass der Sommer zuende ging und es die letzten zwei Wochen fast nur geregnet hatte. Sie zog ein Mal tief den Atem ein und ließ ihn langsam aus ihren Lungen entweichen, den leichten Luftdruck auf den Lippen bewusst genießend. Die letzten Tage versuchte sie, wenn sie sich nicht an Dingen hochdrehte, wie immer, das auszuprobieren – Dinge bewusst wahrzunehmen, bewusst anzusehen. Allgemein das Leben bewusster zu leben, wie es gerade geschah. Es machte Aileen Sorgen, wie sehr das genau danach klang, was ihr Vanessa seit Jahren predigte. Es war erst ein heftiger Mopetunfall nötig, damit sie auch auf den Trichter kam.
Neben ihr auf der Bank saß die Besagte, die Ominöse, die Mitüberlebende. Streckte ihre noch-sommersprossige Nase in die letzten warmen Sonnenstrahlen des Spätsommers. Vanessa sah mit ihren Verbänden, den wie immer unbändigen Haaren, Augenringen und riesigen Plüschbademantel mit Leopardenmuster wie aus der Drogenklinik entflohen aus. Zumindest entsprach das Aileens Vorstellung. Eigentlich würde sie sich nicht wundern, wenn Vanessa tatsächlich mal aus einer Drogenklinik geflohen ist. Vermutlich, weil sie den Bingoabend im Seniorenheim besuchen wollte, und dann wieder sich artig selbst einwies. Aber das eigentlich schlimmste war, dass der widerwärtige Bademantel wirklich furchtbar plüschig, warm und kuschelig war und sich Aileen in ihrer ewigen Sehnsucht nach realer Wärme zu ihm magisch angezogen fühlte. Es stand nur ihr Sinn für Geschmack zwischen ihr und flauschiger Wärme, die nach Vanessa und Krankenhaus roch.
Aileens Sinn für Geschmack gewann. Sie musste es nicht gleich übertreiben mit dem Lebenswandel. Schließlich hatte sie sich nicht den Schädel aufgeschlagen, sondern nur eine Nahtoderfahrung gehabt.

„Biste da noch dran?“, fragte Vanessa mit einem etwas trägen Nuscheln in das einvernehmliche Schweigen.

„Hm? Was meinst du?“, hakte Aileen nach und drehte sich zu ihrer Freundin um.

„Das mit der positiveren Einstellung“, erklärte sie geduldig und blinzelte ins Sonnenlicht.

„Oh. Das.“ Was konnte sie da schon sagen? Ich arbeite dran? Ich bin ein anderer Mensch? Wovon redest du, ich war schon immer positiv? „Ja. Ich versuch's zumindest.“ Tatsächliche Ehrlichkeit, die nicht mit Bösartigkeit zu verwechseln war, aber Gefühle involvierte. Auch so ein merkwürdiges Konzept. Aileen mochte ihre Definisvität. Und sie hasste es, dass sie in der letzten Woche all die tausend Dinge, die Vanessa zu ihrem Verhalten je geäußert hat, aus ihrem Gedächtnis gekram hatte. Vielleicht würde sie sie wieder verschütten. Der Schock nach dem Unfall würde vergehen. Stefan war inzwischen in die Sprachlosigkeit von ihr verwirrt worden.

„Gut.“

Aileen hatte gehofft, dass damit das Thema geklärt war. Stattdessen holte Vanessa etwas aus einer der Taschen des plüschigen Monsters heraus und reichte es ihr herüber. Irritiert griff Aileen nach der kleinen Schachtel und inspizierte die bunte Verpackung mit Kinderpflastern.
„Was soll ich damit? Ich weiß nicht, wo hier die Kinderstation ist.“

„Für dich“, erklärte Vanessa knapp und warf ihr einen vielsagenden Blick zu, den Aileen nicht verstand. Vielleicht hätte sie sich doch den Kopf aufschlagen sollen.

„Wozu? Und woher hast du sie eigentlich? Werden die hier verkauft? Du darfst das Krankenhaus noch gar nicht verlassen.“

Vanessa sah Aileen einen Moment ausdruckslos an, nickte kurz wissend und begann zu erklären. „Ich hab die Packung von Sandra, der Krankenpflegerin auf der Kinderstation, die dafür türkische Bonbons bekam, die sie in ihrem Kiez nicht mehr fand. Die Bonbons hatte ich von Julia, der Mutter von Dimitri, der sich beim Fußballtraining fast das komplette Knie zerfetzt hat. Ich konnte ihr ein Glas Konfitüre von Frau Schmitts besorgen, die großartige Konfitüre macht, aber eine Kommunikationskatastrophe ist. Frau Schmitts Tochter Katja hat mir aber ein Glas eingeschmuggelt, wofür sie ein Fläschchen Morphium bekommen hat, das mir Piotr der Freiwillige für Nacktbilder von Jochen besorgt hat, der ein Mal die Woche wegen Reha hier ist. Jochen hatte keine Skrupel, der ist so eitel. Ich musste ihn dafür beim Flexen aufnehmen und ihm mit dem Schneiden helfen, damit es zu „No Scrubs“ von TLC passt – classic. Und das Beste: ich musste nicht mal meine Zigaretten dafür hergeben.“ Vanessa nickte wieder selbstzufrieden und grinste breit.

„Oh Gott...“, rutschte es Aileen leise heraus als sie ungläubig Vanessa ansah. Sie würde sich vermutlich nicht mal in 30 Jahren daran gewöhnen.

„Achso, und du sollst se dir aufkleben natürlich“, ergänzte Vanessa schließlich und nickte Aileen weiter zu.

„Nee, du, in aller Liebe, aber ich werde nicht mit Kinderpflastern mit - sind das Einhörner?! - herumlaufen, wenn ich mir den Finger aufschneide.“

„Neeee“, antwortete Vanessa gedehnt und begann zu erklären: „Nur für dich, quasi n Memo. Unterm Ärmel oder woanders unter den Klamotten. Dass du am „maximal positiv“ dran bleibst.“

„Oh“, kommentierte es Aileen eloquent. Das war wirklich ... einfach nur sehr niedlich und rührend und eine nette Idee. Irgendwas in ihr wurde ganz weich und drohte durch die Risse ihrer harten Schale zu sickern. Ihr Blick fixierte sich auf der Verpackung. „Ich werde aber keine Regenbögen pupsen.“

„Regenbögen sind n völlig natürliches Bedürfnis, Puppe, dafür musste dich nicht schämen.“

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