[identity profile] tanrien.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Titel: Die Tochter der Königin
Fandom: Originales Märchen
Challenge: Frost
Wörter: 719
A/N: Fröhliche Weihnachten!


Die Tochter der Königin

Es war einmal eine Königin, die rief die mutigsten Männer im ganzen Land zusammen. Und die Männer kamen, denn die Schönheit der Königin war unübertroffen. Fast unübertroffen. Die Königin hatte eine Tochter, blass wie der Mond, sagten sie, und ebenso schön. Die Königin liebte ihre Tochter mehr als alles andere, aber ihre Tochter war kalt und starr. Und weil der Winter zu Ende gehen würde, und die Königin den Gedanken nicht ertragen konnte, nicht ein einziges Mal mit ihrer Tochter gesprochen zu haben - und weil ihre Hand Tag um Tag nur kälter wurde, genau wie ihr Gesicht, und alle Farbe aus ihrem Körper verschwunden war - da rief die Königin die Männer herbei. Und sie kamen.

Und die Königin sagte zu den Männern: Bringt mir das Seltenste, das Schönste, das das Herz meiner Tochter erweichen kann; und ihr werdet königlich belohnt.
Und die Männer dachten an Schmuck für ihre Frauen, an Land für ihr Vieh, an Gold für ihre Drachen und an die Prinzessin fürs Bett. Da gingen die Männer los und wahrlich waren es viele; tausende, wie sie das Land noch nicht gesehen hatte. Die Männer durchkämmten das Land und es stöhnte unter ihren rauen Händen, als sie ihm die Schätze entrissen. So wurde es der tiefste Winter während die Männer suchten und die Königin um ihre Tochter bangte.

Als nun die Kälte klirrend war und die Mützen tief über die Gesichter gezogen, da fiel einem Schmied eine Blume ins Auge, die schimmerte, als sei sie aus Glas. Und er dachte sich: Das ist das Schönste, was es gibt. Er pflückte die Blume und trug sie zur Königin.

Doch ein anderer Mann, ein Bauer, beobachtete ihn und nahm einen Ballen Heu mit, der schimmerte wie Glas und fiel wie Schnee und von kaltem, gefrorenen Wasser überzogen war, jeden Morgen, wie von feinen Perlen. Und er trug ihn zur Königin.

Doch ein anderer Mann, ein Falkner, beobachtete ihn, und er nahm einen seiner Falken und erschlug ihn um Sonnenuntergang, und am Morgen war der Falke wie aus Glas. Und er trug ihn zur Königin.

Die Königin betrachtete die Gaben und brachte sie zu ihrer Tochter, doch die Prinzessin blieb hart und kalt. Da weinte die Königin und ihre Tränen zersplitterten wie Glas aus dem Boden.

Da waren die Männer sehr betroffen. Sie gingen wieder los, um das Schönste zu finden und zu dritt - der Schmied, der Bauer und der Falkner - erklommen sie den höchsten Berg und durchquerten das tiefste Tal. Die Nacht war am längsten, als sie sich zum Schlafen hinlegten und Tränen weinten für ihre wunderschöne Königin.

Und als sie weinten, im Morgengrauen, da wachten sie schimmernd wie Glas auf. Da sprangen die Männer auf und sahen ein Mädchen vor ihnen stehen, das schimmerte und glitzerte und kein Mädchen war. Als das Mädchen ihren Blick spürte, verwandelte es sich in einen Schwan und flog davon und hinter sich zog sie den Frost daher, der das ganze Land überzog.

Da wollten die Männer sie fangen und zu ihrer Königin bringen. Und als der Schwan durch den Himmel flog, weiß und blau und eisig und frostig, da schickte der Falkner seinen Falken hinterher und der Falke riss den Schwan vom Himmel.

Da lag der Frost am Boden und der Bauer nahm seine Mistgabel und durchstieß ihre Seite. Der Frost blickte aus ihren unbewegten Augen zu ihnen herauf wie die Prinzessin ihre Mutter ansah. Die Männer fühlten, wie sich ihre Herzen bewegten. Dann aber dachten sie an die trauernde Königin und der Schmied nahm seinen Hammer und schlug den Frost tot.

Die Männer zogen den toten, harten Körper des Frostes durch das ganze Land, über die höchsten Berge und durch die tiefsten Täler, bis ihre Hände blau und schwarz waren. Und obwohl die Nächte noch lang waren, wurde das Land warm und heiß, und der Schnee zog sich zurück und kam nie wieder.

Dann brachten die Männer den Frost zu der Königin. Die Königin weinte Tränen vor dieser Schönheit und sie brachte den Frost vor ihre Tochter. Ihre Tochter weinte, als geschmolzenes Wasser ihre Wangen herunter lief, und die Königin entlohnte die Männer königlich.

Doch die Tochter hörte nicht auf zu weinen, direkt neben dem toten Frost, und die Königin sah zu, wie ihre Tochter schmolz, gleich der Statue aus Eis, die sie war.

Date: 2007-12-24 03:30 pm (UTC)
From: [identity profile] wieldy22.livejournal.com
Das ist so schön märchenhaft. Also wie man sich so ein Märchen halt vorstellt. Genau richtig für den 24. Dezember. Bloß den letzten Satz finde ich irgendwie etwas unpassend (also jetzt nicht das Ende an sich, das richtig so, bloß wie es halt geschrieben wurde, im gegensatz zum rest ist es irgendwie nicht so gekünstelt, also ich weiß nicht und bla und keks)

Date: 2007-12-24 09:14 pm (UTC)
From: [identity profile] wieldy22.livejournal.com
Perfekt :)

Date: 2007-12-24 04:15 pm (UTC)
From: [identity profile] tsutsumi.livejournal.com

Man sollte das nicht lesen, wenn man sowieso schon friert. XD
Hach, das passte jetzt perfekt zu denMärchen, die ich mir bis eben im Fernsehen angeschaut habe. Schönes Mächen- ^.^ Nur tut mir der arme Frost so Leid ;_;

Date: 2008-02-15 09:34 am (UTC)
From: [identity profile] tristraine.livejournal.com
Ich mag Märchen ja sowieso gern, aber das ist wirklich wunderschön *___*
Du hast einen tollen Stil!

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