[identity profile] thots-tochter.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Titel: Gedankengänge
Team: Sonne
Challenge: Schreibaufgabe: Nicht chronologisch - Für mich
Fandom: Tatort Stuttgart
Rating: P12
Genre: Gen/Preslash
Warnungen: Leichte Spoiler für "Scherbenhaufen"
Zusammenfassung: Sebastian denkt nach...
Wörter: ~2300
Anmerkungen: Diese Idee schiebe ich auch schon etwas länger im Kopf rum. Eigentlich soll sie das erste Kapitel einer längeren Multichapter-Fic werden, aber irgendwie wollte das noch nicht so wie ich. Und als ich den Prompt gesehen habe, habe ich dann gedacht, ich könnte es ja mal mit Rückblenden versuchen. Zufrieden bin ich immer noch nicht, aber ich weiß jetzt immerhin warum. Für die Challenge bleibt es jetzt so, für die "richtige" Geschichte wird es dann überarbeitet.


Es war noch früh am Tag als Sebastian das Haus verließ. Leise zog er die Tür hinter sich ins Schloss und gönnte sich einen Moment, um diesen wundervoll klaren, frischen Spätsommermorgen zu genießen. Der Mond war bereits untergegangen, auch die Sterne waren kaum mehr zu sehen und der Himmel färbte sich schon in jenem stählernen Blaugrau, nicht mehr wirklich Nacht aber auch noch nicht Morgen, tauchte die ganze Welt in ein fast unwirkliches blaues Licht. Noch war die Sonne nicht aufgegangen, aber ein heller, gelblicher Streifen am Horizont, dort wo Himmel und Erde sich zu berühren schienen, kündete bereits davon, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis die ersten Strahlen den Himmel erhellten. In diesem Moment aber lag noch eine tiefe Ruhe über der Stadt, Die Geräusche der Nacht waren verklungen, jene des Tages noch nicht erwacht. Still und verlassen lag die Straße vor ihm im Morgenlicht. Kein Auto, kein Fußgänger war zu sehen, sogar die Vögel schwiegen und das Zirpen der Grillen war schon verklungen. Es schien als holte die Welt noch einmal tief Atem, bevor die Sonne über den Horizont stieg und mit ihr die Hitze und die Hektik des Tages über die Stadt hereinbrechen würden. Sebastian tat es ihr gleich, atmete tief ein, ließ die kühle, erfrischende Luft in seine Lungen strömen. Das war so wundervoll befreiend und versetzte ihn in eine unerklärliche Hochstimmung. Mit einem Lächeln auf den Lippen trat er durch das Gartentor hinaus auf den Bürgersteig und machte sich auf den Weg zu Thorsten.

Während Sebastian die Straße entlang lief wunderte er sich fast ein bisschen über sich selbst. Eigentlich hatte er überhaupt keinen Grund, so guter Laune zu sein. Sein Tag hatte vor nicht ganz einer Stunde genau da begonnen, wo der gestrige aufgehört hatte – mit einer heftigen Auseinandersetzung mit Julia, an deren Ende sie ihn vor eine unmögliche Wahl gestellt hatte.

***

Sebastian schlang sich das Handtuch um die Hüften und trat aus dem Badezimmer. Er rubbelte sich mit dem anderen noch ein bisschen die Haare trocken und tappte dabei blind hinüber ins Wohnzimmer, wo er seine Klamotten liegen gelassen hatte.

„Wo willst du jetzt schon hin?“

Sebastian zuckte erschrocken zusammen, kam kurz ins Stolpern und ließ sein Handtuch fallen. Erschrocken schaute er zur Schlafzimmertür hinüber. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Julia schon wach war. Sie hatte zwar einen relativ leichten Schlaf, aber eigentlich hätte er doch gedacht, dass er im Bad leise gewesen war.

„Julia? Warum bist du denn schon so früh auf. Wir haben nicht mal sechs Uhr.“
„Das gleiche könnte ich dich fragen.“
„Ich muss zur Arbeit. In der Müllverbrennungsanlage habe sie eine Leiche gefunden.“
„Damit ist es dann also entschieden.“
„Julia, nicht schon wieder. Das hatten wir doch gestern erst.“
„Es interessiert dich ja aber nicht, was ich zu sagen habe.“
„Natürlich interessiert es mich, aber ich kann das einfach nicht.“

Julia sagte nichts mehr, schaute Sebastian nur lange an. Ihr Blick sagte deutlich, dass ihr seine Antwort überhaupt nicht gefiel, aber was sollte er noch sagen? Sie hatten dieses Gespräch inzwischen so oft geführt und immer mit demselben Ausgang. Er bückte sich, hob sein Handtuch wieder auf und wollte seinen weg ins Wohnzimmer fortsetzen. Er hatte sich gerade abgewandt, als Julia doch noch etwas sagte.

„Gut, eigentlich wollte ich das ja nie, aber ich glaube, es wird Zeit, dass wir uns eine Auszeit nehmen.“
„Was?“
„Ich fahre nachher mit den Kindern für mindestens eine Woche zu meiner Mutter. Danach sehen wir weiter.“
„Was? Julia, ich verstehe das nicht.“
„Ich muss nachdenken, ob dieses Beziehung noch das ist, was ich will. Und dafür brauche ich Abstand. Und du solltest die Chance nutzen, darüber nachzudenken, wo deine Prioritäten liegen.“

Mit diesen Worten drehte Julia sich um und verschwand im Schlafzimmer. Sebastian starrte ihr nur fassungslos hinterher. Das konnte doch wohl nicht ihr Ernst sein. Für einen Moment war er versucht ihr nachzugehen, sie zur Rede zu stellen, was das alles zu bedeuten hatte, doch dann verzichtete er lieber darauf. Die Erfahrung der letzten Wochen sagte ihm, dass das fast unweigerlich zu einem hässlichen und lauten streit führend würde und das war wirklich das letzte, womit er seinen ersten Arbeitstag nach dem Urlaub beginnen wollte. Außerdem mussten die Kinder das nun wirklich nicht mitkriegen. Also ging er hinüber in Wohnzimmer, trocknete sich zu Ende ab und schlüpfte in seine Klamotten. Es war besser, das heute Abend zu besprechen, wenn er nicht so unter Zeitdruck stand und Julia sich etwas beruhigt hatte. Mit diesem Gedanken schlüpfte er aus der Haustür.


***

Und jetzt ging er hier durch den frischen Sommermorgen, grübelte über Julia nach und wunderte sich über diese unangemessene Ruhe, die er empfand. Eigentlich hätte er doch erwarten sollen, dass es ihn mehr traf oder mitnahm, wenn seine Frau eine Auszeit verlangte. Schließlich wusste man doch, dass das in den meisten Fällen nur der Auftakt zur Trennung war. Aber lag ihre Beziehung wirklich so im Argen? Wollte Julia sich wirklich trennen? Oder brauchte sie einfach nur noch ein bisschen Zeit, seine letzte Verletzung zu verarbeiten? Wenn er ehrlich war, musste er sich eingestehen, dass er es nicht wusste. Er hatte sich ja inzwischen daran gewöhnt, dass Julia genervt war von seinen unregelmäßigen Arbeitszeiten und auch immer weniger bereit, die Wochenenddienste und kurzfristigen Einsätze oder Notfälle zu tolerieren. Das war nichts Neues, aber jetzt, so im Rückblick schien es ihm doch so, wäre die Situation in den letzten Monaten nochmal schwieriger geworden. Schon als er Julia den Plan mit der verdeckten Ermittlung unterbreitet hatte, war sie wenig begeistert gewesen und als er dann auch noch angeschossen von dem Einsatz nach Hause gekommen war, da hatte sie drei Tage nur das nötigste mit ihm geredet. Da hatten dann auch die drei Wochen Urlaub auf Gran Canaria, die die Staatsanwältin als Kompensation spendiert hatte, nichts geholfen.

Für Julia schien diese erneute Verletzung die Bestätigung aller ihrer Befürchtungen zu sein. Schon damals nachdem er bei diesem Einsatz in diesem Penthouse angeschossen worden war, war es nicht einfach gewesen, sie davon zu überzeugen, dass sein Job nicht einmal halb so gefährlich war, wie sie ihn in ihrer Vorstellung machte. Beide Verletzungen waren nicht wirklich gravierend gewesen, Streifschüsse, die er schnell überwunden hatte, aber Julia hatte offensichtlich immer noch daran zu knabbern. Damals hatte sie sich zwischenzeitlich so in ihre Sorge hineingesteigert, dass sie ihm sogar Vorwürfe machte, dass er überhaupt auf diesen Notruf reagiert hatte. Irgendwann hatte sich das Ganze wieder beruhigt und er hatte schon gedacht, dass sie das endlich verarbeitet und verstanden hätte, dass es längst nicht so gefährlich war, wie sie es machte, aber inzwischen war er sich da nicht mehr sicher. Es schien vielmehr so, als ob sie einfach nur geschwiegen und alles in sich hineingefressen hätte, weil sie der Meinung war, er würde ihr sowieso nicht zuhören. Und jetzt mit der Sache bei den Imbergers war das alles wieder hervorgebrochen. Schon gestern Abend, als er in der Küche gesessen und seine Dienstwaffe gereinigt hatte, hatten sie übel gestritten.

***

Eine Tasse, die geräuschvoll auf dem Küchentisch abgestellt wurde, ließ Sebastian aufschauen. Julia stand neben dem Tisch, zog den Stuhl zurück und setzte sich ihm gegenüber. Ihr Gesichtsausdruck, ihre ganze Haltung – vor allem die Art, wie sie den Rücken gerade hielt, die Ellbogen aufstützte und die Hände vor sich flach auf der Tischplatte ablegte – verhießen nichts Gutes. Sebastian schaute sie fragend an. Er konnte sich zwar schon fast denken, was jetzt kam, trotzdem wartete er darauf, dass Julia den Anfang machte. Sie sagte jedoch kein Wort und so wandte er sich wieder seiner Waffe zu. Er zog den Schlitten probeweise zurück, ob er gut geschmiert war, schielte in die Kammer ob auch keine Rückstände von Schmutz oder Waffenfett mehr zu sehen waren. Als er zufrieden war, ließ er den Schlitten los, schob das Magazin hinein und überprüfte den Sicherungshebel. Dann wischte er noch einmal außen über die Waffe, um alle Reste des Pflegemittels aufzunehmen, und verstaute sie im Holster. Er wollte sich gerade erheben, um sie wieder in den Tresor zu bringen, als Julia ihn doch noch ansprach.

„Deine Antwort lautet also ‚Nein‘?“
„Was?“
Für einen Augenblick war Sebastian nicht ganz klar, was Julia von ihm wollte, doch dann fiel es ihm wieder ein. Der Versetzungsantrag. Was sonst. Schon mit den nächsten Satz bestätigte sie seine Vermutung.
„Du lässt dich also nicht versetzen.“

Es war keine Frage, das machte ihr Ton mehr als deutlich. Eher ein Vorwurf. Seitdem er vom dem Einsatz bei Imberger verletzt nach Hause gekommen war, lag sie ihm damit in den Ohren. Seitdem er auf Ihre Bemerkung, dass sie das nicht mehr lange mitmachen würde, erwidert hatte, dass das nun mal sein Job war und sie ja auch von irgendetwas leben müssten. Irgendwie hatte sie sich da in die fixe Idee verrannt, dass er sich doch einfach zum LKA versetzen lassen könnte. Innendienst: geregelte Arbeitszeiten, pünktlicher Dienstbeginn, pünktlich Feierabend, keine Überstunden, keine Wochenenddienste und das ganze aus einen schönen, sicheren Büro. Abgesehen davon, dass das nicht so einfach war, wie sie sich das vorstellte, wollte er das gar nicht. Er war nicht zur Polizei gegangen, um einen Schreibtischjob zu machen. Wenn er das gewollt hätte, hätte er Jura oder BWL studiert, wie seine Eltern das gerne gesehen hätten. Aber das konnte oder wollte sie einfach nicht verstehen und Sebastian wusste so langsam auch nicht mehr, wie er ihr das begreiflich machen konnte.

„Julia, bitte, das hatten wir doch schon.“
„Ich verstehe dich einfach nicht, Sebastian. Du hast zwei Kinder und eine Frau, du hast Familie. Denkst du auch mal an die? Denkst du auch mal an uns?“
„Das ist unfair! Natürlich denke ich an euch. Ich liebe euch. Aber ich bin nun mal auch Polizist.“
„Das bist du beim LKA auch noch. Aber ich müsste mich nicht jeden Morgen, wenn du aus dem Haus gehst, fragen, ob du abends auch noch wieder nach Hause kommst.“

Sebastian seufzte tief und vergrub das Gesicht in den Händen. Was sollte er auf solche Argumente antworten? Er könnte ihr jetzt erzählen, wie gering die statistische Wahrscheinlichkeit war, im Dienst verletzt, angeschossen oder gar erschossen zu werden, wie sicher sein Job tatsächlich war, wie viel davon doch nur Lauf- und Schreibtischarbeit war, aber das würde nichts bringen. Das hatte die letzten Jahre nichts gebracht. Julia hatte Angst und Angst war rationalen Argumenten selten zugänglich. Sie hatte sich völlig in die Idee verrannt, dass sein Job lebensgefährlich war, dass er jeden Morgen, wenn er das Haus verließ, quasi schon tot war. Irgendwie verstand er ihre Sorge ja schon und auch, dass es nicht schön war, untätig zu Hause sitzen zu müssen, wenn doch mal etwas passierte, aber jetzt gerade übertrieb sie vollkommen.

„Das stimmt doch nicht Julia. Es ist zwei Mal etwas passiert. Zwei Mal in fünfzehn Jahren. Und damit liege ich statistisch schon weit über dem Durchschnitt.“
Reicht dir das nicht? Muss es dich erst richtig erwischen? Willst du unbedingt erschossen werden? Du bist nicht unverwundbar, Sebastian, auch wenn du das vielleicht glaubst.“
„Ich passe doch auf.“
„Das hast du vor vier Wochen auch gesagt. Und wo hat es dann hingeführt? Warum kannst du es nicht wenigstens für uns tun, Sebastian? Für deine Kinder? Für mich? Ich will dich nicht verlieren.“
„Ich bin Polizist geworden, weil mich die Menschen interessieren, nicht weil ich so ein Sesselfurzer mit einem schicken Büro sein wollte. Das bin ich einfach nicht, Julia. Das war ich nie!“

Julia zuckte unter seinen Worten zusammen. Sebastian merkte selbst, dass er am Ende viel zu laut geworden war, viel zu heftig gesprochen hatte, aber es konnte ihm auch nicht wirklich leidtun. Warum verstand Julia denn nicht, dass das genau das eine Zugeständnis war, das er nicht machen konnte. Auch nicht für sich. Nicht mal für sie. Damit würden sie ihre Probleme nicht lösen, eher das Gegenteil. Warum konnte sie das nicht sehen?

„Es liegt an Thorsten, stimmt’s?“
„Was?“
„Seitdem ihr zusammenarbeitet, hast du dich verändert. Du arbeitest immer mehr, kommst immer später nach Hause, gehst immer mehr Risiken ein. Willst du ihm was beweisen, oder was?“
„Julia, das stimmt doch gar nicht.“
„Doch, Sebastian, das stimmt. Denk‘ mal darüber nach.“


***

Sebastian hatte darüber nachgedacht, die halbe Nacht, aber er verstand immer noch nicht, warum Julia der Meinung war, sein Unwillen sich versetzen zu lassen, hinge mit Thorsten zusammen. Der hatte damit gar nichts zu tun, das war eine Entscheidung, die er dann doch wirklich ganz gut allein treffen konnte. Er wollte gar nicht abstreiten, dass ihm Thorstens Meinung wichtig war, immerhin war der sein bester Freund, und natürlich würde es ihm auch leidtun, Thorsten als Partner zu verlieren, aber wenn er sich wirklich versetzen lassen wollen würde, dann würde er das auch durchziehen. Mit oder ohne Thorstens Segen. Nur, er wollte eben nicht. Aber Julia schien in Bezug auf Thorsten genauso wenig rational zu sein, wie wenn es um seinen Job ging. Sie hatte Thorsten ja sogar die Schuld daran gegeben, dass er überhaupt undercover gegangen war. Selbst als er ihr erklärt hatte, dass Thorsten absolut dagegen gewesen war und ihm das auch ganz klar gesagt hatte, war sie davon nicht abzubringen gewesen. Sie meinte ernsthaft, wenn Thorsten nicht gewesen wäre, wäre die Álvarez niemals auf diese Idee gekommen. Dieses Argument war ihm so absurd erschienen, dass er darauf keine Antwort mehr gewusst hatte. Was sollte Thorsten denn machen? Sich im Luft auflösen? Manchmal hatte er fast den Verdacht, als wenn Julia das nicht unrecht wäre.

Sebastian seufzte leise und beschloss, die Grübelei auf später zu verschieben – und vor allem, nochmal mit Julia zu reden bevor er sich hier Dinge zusammenreimte, die am Ende gar nicht stimmten. Außerdem wartete eine Leiche auf ihn, die seine volle Aufmerksamkeit verdient hatte und vor allem wollte er sich einen ersten Arbeitstag nach dem Urlaub nicht damit versauen, dass er mit seinem Partner aneinander geriet, weil er permanent abgelenkt war. Immerhin hatte er Thorsten über drei Wochen nicht gesehen.

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