[identity profile] thots-tochter.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Titel: Reden
Team: Sonne
Challenge: Hurt/Comfort: "Sag mir doch, was los ist..." - für mich
Fandom: SK Kölsch
Rating: P16
Genre: Slash, Angstish, h/c
Warnungen: Mentions of rape! Not graphic.
Zusammenfassung: Klaus möchte endlich wissen, warum Jupp solche Ansgt hat, sich zu outen...
Wörter: ~2000
Anmerkungen: Es kann sein, dass die Geschichte teilweise ein bisschen wirr wirkt, weil sie sich auf eine große Multichapter-Fic bezieht, die ich noch nicht veröffentliche habe (Deutsch-BigBang-Beitrag), aber ich hoffen, man versteht die Grundidee trotzdem. Ich hab den Satz leicht abgewandelt, damit er zum Chara passt, aber der Sinn ist erhalten geblieben, denke ich.


Klaus zögerte einen Moment, als er die Treppe erreichte, die hinunter zur Rheinpromenade führte. Schon von hier oben sah er Jupp im Schatten der Eisenbahnbrücke auf dem Geländer hocken – genau wie er erwartet hatte. Eigentlich war es keine große Sache, jetzt die Stufen hinabzusteigen und mit ihm zu reden, und doch kroch unendliche Panik in ihm hoch. Er wusste, dass das hier womöglich seine einzige Chance war, ihre Beziehung zu retten. Wenn er es nicht schaffte, das Missverständnis auszuräumen, dass Andreas‘ plötzliches Auftauen hervorgerufen hatte, dann würde ihre Beziehung, die vor kaum zwei Monaten so hoffnungsvoll begonnen hatte, hier und jetzt enden.

Das flaue Gefühl in seinem Magen würde stärker. Ihm war fast schlecht vor Nervosität und er konnte spüren, wie seine Hände feucht wurden. Er ballte sie zu Fäusten und vergrub sie in seinen Manteltaschen. Noch einmal atmete er tief durch, dann stieg er langsam, eine Stufe nach der anderen nehmend, mit zitternden Knien die Treppe hinab und ging hinüber zu Jupp. Er war froh, als er endlich das Geländer erreichte und sich anlehnen konnte. Stumm stellte er sich neben Jupp und starrte ebenfalls auf den Fluss hinaus. So klar ihm eben noch gewesen war, was er tun musste, so schwierig war es jetzt, die richtigen Worte zu finden. Schließlich war es Jupp, der das Schweigen zwischen ihnen brach.

„Was willst du?“

Klaus musterte Jupp einen Moment von der Seite. Seine Stimme hatte nicht zornig oder wütend geklungen, nicht einmal wirklich abweisend. Eher kühl und ein bisschen ruppig vielleicht, aber das kannte er schon von Jupp. Es war nur seine Art zu zeigen, dass ihn irgendetwas gerade extrem beschäftigte. Seine Haltung wirkte ein bisschen angespannt, aber er hatte sich noch keinen Millimeter bewegt, starrte einfach nur ziellos auf den Fluss hinaus. Klaus wertete es als gutes Zeichen, dass Jupp nicht abgerückt war.

„Wir sollten reden, Jupp.“
„Worüber?“
„Über uns, Jupp. Über unsere Beziehung. Über das was passiert ist“, antwortete Klaus.
„Was gibt es da zu reden?“
„Viel. Willst du mir nicht endlich sagen, was los ist? Warum du solche Angst hast, dich zu outen? Sogar vor deinen engsten Kollegen.“

Jupp schwieg eine ganze Weile. Umständlich kramte er seinen Tabak aus seiner Jackentasche und begann, sich eine Zigarette zu drehen. Die Geste schien Klaus in ihrer Bedächtigkeit wie eine stumme Bitte von Jupp, ihm noch ein bisschen Zeit zu geben, seine Gedanken zu sortieren. Und so wartete er einfach, bis sein Partner fertig war und den Tabak wieder wegsteckte. Ohne wirklich darüber nachzudenken bot Klaus ihm Feuer an. Jupp drehte tatsächlich den Kopf leicht zu ihm hin und ließ sich die Zigarette anstecken. Er nahm einen tiefen Zug, dann wandte er den Kopf wieder ab, starrte weiter auf das träge dahinfließende Wasser. Langsam ließ er den Rauch zwischen seinen leicht geöffneten Lippen entweichen, bevor er schließlich anfing zu sprechen.

„Kennst … kennst du den …“ – Jupp räusperte sich – „den Spruch … ‚Nie nach der Seife bücken‘?“

Klaus starrte Jupp für einen Augenblick einfach nur fassungslos an. Sein Herz setzte einen Schlag aus und er hatte das Gefühl, als hätte ihm jemand den Boden unter den Füßen weggerissen. Er war froh, dass er am Geländer lehnte, denn sonst hätten seine Knie wahrscheinlich nachgegeben. Natürlich kannte er diesen Spruch – und auch, was sich dahinter verbarg. Wollte Jupp ihm damit sagen, dass er … dass man ihn … er schaffte es nicht einmal das zu denken. Das konnte nicht sein, das durfte einfach nicht sein.

„Ja“, antwortete er heiser.

Zu mehr traute er seiner Stimme in diesem Moment nicht. Er umklammerte das Geländer so fest, dass es schmerzte und betet verzweifelt, dass Jupp seine schlimmsten Befürchtungen nicht bestätigen möge.

„Er hieß Dirk. Wir waren zusammen in der Ausbildung. Drüben in Müngersdorf. Polizeikaserne“, fing Jupp langsam an zu erzählen. „Wir waren befreundet, also … so irgendwie. Ich… ich mein‘ vielleicht … vielleicht auch … also…“ Er brach ab und schaute Klaus unsicher an.
„Vielleicht auch mehr?“, fragte Klaus ruhig.
„Ja… nein … ich weiß es nicht. Also, da … da ist nie was … gewesen. Naja, außer einmal…“ – Jupp hustete leicht. Es fiel ihm sichtbar schwer, die passenden Worte zu finden. – „Da… da hat er mich geküsst.“

Jupp brach ab, starrte nur noch wortlos auf den Fluss hinaus und rauchte gedankenverloren seine Zigarette. Klaus musterte ihn eingehend, versucht in seinem Gesicht zu lesen, was gerade in ihm vorging, doch Jupp hatte das Gesicht leicht abgewandt, fast so als hätte er Angst, dass Klaus in seinem Gesicht zu viel erkennen könnte. Klaus sah sich an ein anderes Gespräch erinnert, das sie vor gar nicht allzu langer Zeit unter genau dieser Brücke geführt hatten. Schon damals war ihm Jupps seltsame Anspannung bei manchen Themen aufgefallen. Vielleicht würde er jetzt endlich erfahren, woher die rührten.

„Was ist dann passiert zwischen euch?“, fragte Klaus behutsam nach.
„Nichts weiter“, murmelte Jupp leise.

Er schüttelte leicht den Kopf, als sei er heute noch verwundert darüber. Wieder schwieg er eine ganze Weile, zog nur hin und wieder an seiner Zigarette und schaute dem Treibholz auf seinem Weg flussabwärts hinterher. Man hätte fast meinen können, er hätte das Gespräch längst für beendet erklärt, doch Klaus sah, wie Jupps Wangenmuskeln arbeiteten. Er kämpfte mit sich, kämpfte mit den Erinnerungen, mit den Worten. Klaus konnte Jupps Kampf, seine Anspannung fast körperlich spüren und er war kurzzeitig versucht, ihm zu sagen, dass schon alles okay sei, dass er nichts erzählen müsse, doch er wusste auch, dass das nicht der richtige Weg war. Wenn sie dieses Problem, dass schon viel zu lange zwischen ihnen stand, endlich lösen wollten, dann musst Jupp es erzählen und er musste es hören. Auch um die düsteren Vorstellungen zu besiegen, die ihm wie ein eisiger Klumpen auf dem Magen lagen.

„Ein paar Tage später lag er … nackt in der Dusche. Blutend, halb bewusstlos. Sie … sie standen grölend und … und lachend um ihn herum.“

Jupp hielt inne, schloss die Augen, presste die Lider fest zusammen als könnte er damit die Bilder, die ohne Zweifel vor seinem inneren Auge aufstiegen, damit in Schach halten. Seine Stimme zitterte ganz untypisch und Klaus hatte fast den Eindruck, dass er mit den Tränen kämpfte. Er schluckte leicht. Er wusste, es war nicht richtig und doch konnte er einen Augenblick nichts anderes fühlen als unendliche Erleichterung, dass Jupp nicht von sich selbst gesprochen hatte, als er die Seife erwähnte. Aber Jupp war noch nicht fertig mit seiner Erzählung.

„Sie… sie haben mich alle an-angeschaut … als … als würden sie nur darauf … warten, dass… dass ich einen Fehler mache. Ich… ich bin ge-gegangen.“

Klaus nickte stumm. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Er kannte dieses Gefühl absoluter, ohnmächtiger Hilflosigkeit, das irrationale schlechte Gewissen dessen, der davongekommen war. Er hatte es selbst gespürt, damals, als er im Krankenhaus an Michaels Bett stand. Es gab keine Worte, um dieses Gefühl besser zu machen. Jupps Gesicht wirkte fast noch verkrampfter als vorher und er legte en Kopf in den Nacken, wie es Menschen manchmal taten, wenn sie verhindern wollten, dass die Tränen fließen. Das war immer noch nicht alles, dämmerte es Klaus, und das flaue Gefühl im Bauch, dieser eisige Klumpen in seiner Brust war mit einem Schlag zurück.

„Sie… sie haben mich… mich abgepasst. Bei einer Übung. Haben mich in … in die Ecke gedrängt. Und gedroht. Dass ich … also der… der Nächste…“ Jupps Stimme war fast tonlos, als er das erzählte. „Sie waren richtig … so richtig… geil darauf. Ich… ich hab’s ge-gefühlt.

Jupps Stimme war mit jedem Wort leiser geworden, bis er am Ende kaum mehr zu verstehen war. Trotzdem hallten die Worte in Klaus‘ Kopf wieder. ‚gedroht‘, ‚der Nächste‘, ‚gespürt‘. Klaus konnte nicht leugnen, dass er durchaus nicht wenige schwulenfeindliche Übergriffe erlebt hatte, aber er konnte sich nicht einmal annähernd vorstellen, welche Panik und welchen Horror Jupp in diesem Moment empfunden haben musste. Jetzt verstand er auch, warum Jupp solche Panik hatte, sich zu outen und warum er nicht darüber reden wollte. Wer gab schon gerne zu, dass er vollkommen panisch und hilflos gewesen war. Trotzdem fragte stellte er die eigentlich überflüssige Frage.

„Warum hast du mir das nicht eher gesagt?“
„Verstehst du nicht? Sie haben ihn ver… verg…“

Jupps Stimme schlug von einem Moment auf den nächste von leiser Unsicherheit in verzweifelte Aggression um. Doch selbst in seiner Wut schaffte er es nicht, auszusprechen, was passiert war. Klaus versuchte ihn zu beruhigen, legte ihm sanft die Hand auf den Unterarm, doch Jupp riss den Arm weg.

„Es ist nicht deine Schuld, Jupp.“
„Doch! Ich hab‘ ihm nicht geholfen. Und er … er hat sich … hat sich erschossen.“

Klaus schluckte kurz. Er wusste, dass es nichts gab, was er sagen oder tun konnte um Jupp diese Schuldgefühle zu nehmen, so irrational und unangebracht sie auch sein mochten. Rational war vollkommen klar, dass Jupp kaum etwas anderes hätte tun können, auch wenn es moralisch verwerflich erscheinen mochte. Er hätte keine Chance gehabt.

„Was hättest du denn tun können? Was wäre passiert, wenn du zu ihm gegangen wärst anstatt weg?“, fragte Klaus.

Jupp antwortete nicht, aber das hatte Klaus auch nicht erwartet. Jupps Gesicht zeigte nur zu deutlich, dass er eine sehr genaue Vorstellung davon hatte, was dann passiert wäre. Irgendwie, irgendwo wusste Jupp, dass er kaum eine andere Chance gehabt hätte, nicht gegen eine so aufgeputschte Horde junger Männer. Es hätte für ihn genauso geendet, wie für seinen Freund. Vielleicht sogar schlimmer. Aber Klaus wusste aus Erfahrung auch, dass sich die Schuldgefühle davon nur schwer überzeugen ließen. Er konnte nur hoffen, dass Jupp es irgendwann glaubte, wenn er es ihm nur oft genug sagte.

„Weißt du, ich… ich möchte es ihnen so gerne sagen. Haupt, Gino, Achim, Jenny, … aber ich … ich kann einfach nicht.“

Klaus nickte bedächtig. Haupt, Gino, Achim, Jenny, vielleicht noch Frau Dr. Weiß, das waren neben Flo, Anna und ihm selbst vermutlich die wichtigsten Menschen in Jupps Leben. Sie waren Kollegen, sie arbeiteten jeden Tag zusammen, aber sie waren irgendwo auch Freunde. Und Jupp hatte Angst das zu verlieren, auch wenn Klaus sich das kaum vorstellen konnte, dass es dazu kommen würde. Allerdings waren gerade Gino und Jenny auch Tratschtanten sondergleichen und auch wenn Jupp es niemals zugeben würde, es ihm vielleicht gar nicht so bewusst war, spielte da mit ziemlicher Sicherheit auch noch die Angst eine Rolle, dass es dann bald das ganze Präsidium wusste und die Angreifer von damals doch noch versuchten, ihre Drohung wahr zu machen.

Er überlegte einen Moment. Was Jupp dringend brauchte, war eine positive Erfahrung, am besten von außen, von Menschen, wo es ihm leichter viel mutig zu sein, weil das Risiko nicht so groß war. Weil er sie nicht so gut kannte, weil sie seiner sexuellen Orientierung schon grundsätzlich positiver gegenüberstanden. Ihm kam eine Idee.

„Was hältst du davon, wenn wir Julianes Einladung annehmen und doch mal zu diesem Stammtisch gehen?“
„Hm, ich weiß nicht… ich mein‘, so richtig gehör‘ ich da doch gar nicht … als so … naja… irgendwie…“
„Warum nicht? Du hast einen Sohn, du bist mit einem Mann zusammen, damit bist du eindeutig qualifiziert“, versuchte Klaus ihn zu überzeugen. „Komm, versuch es. Ich glaube, es könnte uns beiden ganz guttun. Ich verspreche dir auch, wenn du dich unwohl fühlst gehen wir sofort wieder.“

Jupp sagte nichts. Er holte nur wieder seinen Tabak hervor, drehte sich eine neue Zigarette und steckte sie an. Immerhin lehnte er nicht sofort rundheraus ab. Klaus wertete das als gutes Zeichen.

„Außerdem möchte ich gerne Julianes Gesicht sehen, wenn wir ihr erzählen, wie falsch sie gelegen hat.“

Die Vorstellung, Juliane unter die Nase reiben zu können, wie sehr sie sich geirrte hatte, als sie sie beide für ein Paar gehalten hatte, schien Jupp zu gefallen. Ein Grinsen breitete sich langsam auf seinem Gesicht aus.

„Wir müssten uns eigentlich bei ihr bedanken“, bemerkte er. „Wenn dich nicht angesprochen hätte wärst du nie ausgezogen und dann hätte ich … also dann hätten wir nie … naja, du weißt schon…“
„Dann hätten wir nie verstanden, was das ist zwischen uns“, vollendete Klaus Jupps angefangenen Satz.

Jupp nickte. Er ließ seine halb aufgerauchte Zigarette in den Fluss fallen und schwang nacheinander die Beine über das Geländer, sodass er schließlich mit dem Rücken zum Fluss saß. Dann streckte er die Hand aus. Klaus ergriff die dargebotene Hand und ließ sich zu Jupp heranziehen. Er legte die Arme um Jupps Hüften und schaute ihn zärtlich an. Jupp hob die Hand legte sanft die Hand an Klaus Wange und strich mit dem Daumen sanft über die Unterlippe.

„Ich liebe dich“, murmelte er. „Und ich will dich nicht verlieren.“
„Ich liebe dich doch auch“, erwiderte Klaus. „Und du…“

Weiter kam er nicht, denn Jupp legte ihm den Daumen über die Lippen und zog ihn zu sich. Langsam näherten sich ihre Gesichter einander an. Klaus schloss die Augen als ihre Lippen sich berührten. Sie versanken in einem zärtlichen Kuss und zum ersten Mal schien es Jupp vollkommen egal, dass sie jemand sehen könnte.

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