Titel: „Auf dem Tisch“
Team: Sonne
Challenge: Angst: Erinnerungen - Für mich
Fandom:SK Kölsch
Rating: P16
Genre: Angst
Warnungen: Character Death
Zusammenfassung: Klaus' schwerster Gang...
Wörter: ~1300
Anmerkungen: So richtig zufrieden bin ich damit nicht, aber besser wird das jetzt glaube ich nicht mehr.
„Und alles andere erfahren wir wie immer nach der Obduktion.“
„Genau!“
„Oder aus’m Express.“
„Irgendwann nähe ich Ihnen ihr loses Mundwerk zu.“
„Dafür müsste ich auf Ihrem Tisch liegen.“
„Das geht schneller, als sie glauben.“
Klaus konnte nicht sagen, warum ihm dieses kleine Wortgefecht zwischen Jupp und Frau Dr. Weiß ausgerechnet jetzt wieder in den Sinn kam. Wann mochte das gewesen sein? Vor acht, vielleicht auch schon neun Jahren? So ganz genau wusste er das nicht mehr. Es war einer ihrer ersten gemeinsamen Fälle gewesen, daran erinnerte er sich noch. Ein halbes, vielleicht ein Dreivierteljahr nachdem er sich nach Köln hatte versetzen lassen. Es war schon so lange her und doch hatte er die Szene plötzlich wieder so deutlich vor Augen, als sei es erst gestern gewesen. Er sah Jupp vor sich, wie er, noch kauend, das Hotelzimmer betrat, indem die beiden Leichen gefunden worden waren, Dino, der neben einer der Leichen am Boden hockte, und einen ersten Überblick über die Opfer und den möglichen Tathergang gab, Frau Dr. Weiß, die, schon im Gehen begriffen, von Jupp einmal mehr in eine ihrer üblichen Kabbeleien verwickelt wurde, sah sich selbst, wie er nicht umhin kam, über Jupps Bemerkung zu lachen. Es war ein beständiges Spiel zwischen den beiden gewesen: Jupp hatte sie mit Kommentaren über ihre Arbeit geneckt und sie hatte ihm dafür in schöner Regelmäßigkeit gedroht, dass sie ihn eines Tages auf ihrem Tisch würde liegen haben. Es hatte immer nur ein Scherz sein sollen und niemand hatte je geglaubt, dass es wirklich einmal so weit kommen würde.
Natürlich wusste Klaus theoretisch, auf eine ferne, ganz abstrakte Art, dass diese Gefahr in ihrem Beruf immer präsent war. Man konnte vorsichtig sein, man konnte Vorkehrungen treffen, Schutzmaßnahmen ergreifen, aber ganz ausschalten konnte man die Gefahr nie. Allen Plänen, allen schusssicheren Westen zum Trotz blieb doch immer ein Restrisiko. Aber das blendete man aus, ignorierte es so gut es ging, er selbst, genauso wie wahrscheinlich auch jeder seiner Kollegen. Sie sollten sie auch sonst ihre Arbeit machen. Wenn man ständig im Kopf hatte, dass jeder Einsatz für jeden von ihnen zur tödlichen Gefahr werden konnte, wenn man immer daran dachte, dass einer von ihnen diesen Einsatz vielleicht nicht überleben würde, dann war kein konzentriertes Arbeiten mehr möglich. Und ihre Arbeit erforderte höchste Konzentration. Natürlich hörte man immer mal wieder von Kollegen, die im Dienst ums Leben gekommen waren, aber er kannte die wenigsten davon, wenn überhaupt, dann doch nur dem Namen nach. Sowas passierte immer nur den anderen.
Mit einem Mal war es so nah, gefährlich nah, zu nah. Jupp war schon lange nicht mehr sein Partner. Seit bald fünf Jahren arbeitete Klaus jetzt in Brüssel und der Kontakt war über die Jahre immer sporadischer geworden. Karten zum Geburtstag und zu Weihnachten, ab und an mal eine E-Mail, meist nur ein paar Zeilen lang, manchmal ein paar private Worte am Rande der seltenen dienstlichen Telefonate. Gesehen hatten sie sich schon seit Jahren nicht mehr und doch war Jupp immer einer der Menschen gewesen, denen er sich am engsten verbunden gefühlt hatte. Allen Unterschieden, allen Gegensätzen zum Trotz, waren Jupp und Flo seine Familie gewesen. Er hatte keine Ahnung, ob Jupp sich dessen bewusst gewesen war. Gesagt hatte er es ihm nie. Jetzt war es zu spät.
Klaus zögerte am Absatz der Treppe, die hinunter in die Gerichtsmedizin und zu den Leichenschauräumen führte. Er wollte diese Treppe nicht hinabsteigen, wollte nicht diesen graugrün gefliesten Gang entlang gehen, wollte nicht die schwere Stahltür beiseiteschieben und in den Aufbahrungsraum treten, nur um Jupp auf einem dieser grauenvollen Metalltische liegen sehen. Kalt, starr, tot, nur bedeckt mit einem dieser sterilen grünen Leichentücher, unter dem über dem Schlüsselbein noch die spitzen jenes typischen, nur grob vernähten Ypsilonschnittes hervorlugen würden.
Er wollte das alles nicht tun und doch wusste er, dass er es tun musste. Er musste diesen Weg gehen, das war er Jupp schuldig, aber vor allem war er es sich selbst schuldig. Seitdem er die Todesnachricht aus Köln erhalten hatte, hatte sich die irrige Hoffnung eingestellt, es sei alles nur ein großes Missver¬ständnis, eine Verwechslung, ein böser Traum. Rational wusste er, dass dem nicht so war, nicht so sein konnte, dass man ihn nur verständigt hatte, weil jeder Zweifel ausgeschlossen war. Aber sein Herz wollte sich der Ratio nicht beugen. Er musste diese irrwitzige Idee dringend niederringen, sonst würde er irgendwann durchdrehen. Auch deswegen musste er Jupp sehen. Damit er begreifen konnte, dass sein Freund wirklich tot war und nie wiederkehren würde. Er musste Abschied nehmen, um weiterleben zu können.
Er atmete noch einmal tief durch, dann trat er auf die erste Stufe. Seine Knie zitterten und er war sich plötzlich nicht mehr sicher ob er den Weg wirklich schaffen würde. Er griff nach dem Handlauf, um sich Halt zu verschaffen. Das Metall fühlte sich eisig an unter seinen Fingern, wie ein düsterer Vorbote dessen, was ihn dort unten erwartet. Mit einem Mal schien es ihm ungewöhnlich kalt hier im Flur und obwohl von draußen die Augustsonne durch die Glastüren strahlte, fröstelte er unwillkürlich. Er konzentrierte sich nur auf die Treppe, versuchte alles andere auszublenden. Stufe um Stufe zwang er sich hinab, einen Fuß vor den anderen setzend, den Gang entlang bis zu der schweren stählernen Schiebetür. Es kostete ihn unendlich Mühe, sie beiseite zu schieben, vielleicht weil sie wirklich so schwer war, vielleicht aber auch, weil er seinen eigenen Widerwillen überwinden musste. Wenn er ihn diesen Raum trat, dann gab es kein zurück mehr, keine Hoffnung auf Irrtum, dann würde die Todesnachricht endgültig grausame Realität werden und seine Welt zerbrechen.
Zögerlich setzte er einen Fuß über die Schwelle und schaute sich kurz um. Er hoffte inständig, das Frau Dr. Weiß nicht da war. Er würde es jetzt nicht aushalten, oder sonst jemandem aus seinem ehemaligen Team. Zumindest in dieser Hinsicht schien ihm das Schicksal gewogen. Es war niemand zu sehen. Der Raum war nur spärlich beleuchtet, aber er brauchte auch kein Licht. Auch nach über fünf Jahren kannte er den Raum noch auswendig und es war ohnehin nur ein Tisch belegt: Der ganz am Ende. Langsam ging Klaus darauf zu. Schon aus der Distanz erkannte er Jupp ohne Zweifel und schon in diesem Moment wäre er am liebsten wieder umgedreht, doch er zwang sich weiterzugehen, bis er direkt vor dem Tisch stand.
Genau wie er erwartet hatte, bedeckte eines dieser grünen Tücher Jupps Körper, doch irgendjemand hatte es gnädiger weise so weit hochgezogen, dass die Spuren der Obduktion nicht zu sehen waren. Nur Jupps Gesicht war noch sichtbar. Er sah ein bisschen blasser aus, als Klaus ihn in Erinnerung hatte, die Haare waren ein bisschen kürzer als damals, aber der Dreitagebart genauso unordentlich. Er wirkte ruhig und entspannt, friedlich, als schliefe er einfach nur. Es war ein beruhigendes Bild und gleichzeitig so vollkommen falsch. Jupp war kein ruhiger Mensch, war er nie gewesen. Laut und direkt, in allem was er sagte oder tat, offen in seinem Lachen, schnell mit seinem Zorn, genauso schnell wieder versöhnte, immer mit ganzer Seele und aus tiefsten Herzen dabei. Kompromisse oder Mittelwege hatte es bei Jupp nie gegeben. Ganz oder gar nicht. Am Anfang hatte ihn diese Emotionalität die Wände hochgetrieben und am Ende war sie der Grund gewesen, warum er hatte gehen müssen: Weil er sich in Jupp verliebt hatte. Er hatte gehofft, geglaubt, dass sich seine Gefühle mit der Zeit beruhigt hatten, doch als er jetzt hier stand musste er erkennen, dass diese Hoffnung vergebens war.
Er legte die Hand an Jupps Wange und die Kälte, die er unter seinen Fingern spürte ging ihm durch und durch, kroch seinen Arm hinauf und durch seinen ganzen Körper. Diese seltsame Taubheit, die ihn seit Tagen, seit diesem Anruf irgendwie funktionieren ließ, zerbarst. Seine Augen brannten und die Welt verschwamm, bis das einzige, was er noch erkennen konnte, Jupps Lippen waren. Er wusste, dass es falsch war, trotzdem beugte er sich hinab und küsste Jupp auf den Mund.
„Verzeih‘ mir“, murmelte er leise.
Als er sich wieder aufrichtete fiel endlich die erste Träne.
Team: Sonne
Challenge: Angst: Erinnerungen - Für mich
Fandom:SK Kölsch
Rating: P16
Genre: Angst
Warnungen: Character Death
Zusammenfassung: Klaus' schwerster Gang...
Wörter: ~1300
Anmerkungen: So richtig zufrieden bin ich damit nicht, aber besser wird das jetzt glaube ich nicht mehr.
„Und alles andere erfahren wir wie immer nach der Obduktion.“
„Genau!“
„Oder aus’m Express.“
„Irgendwann nähe ich Ihnen ihr loses Mundwerk zu.“
„Dafür müsste ich auf Ihrem Tisch liegen.“
„Das geht schneller, als sie glauben.“
Klaus konnte nicht sagen, warum ihm dieses kleine Wortgefecht zwischen Jupp und Frau Dr. Weiß ausgerechnet jetzt wieder in den Sinn kam. Wann mochte das gewesen sein? Vor acht, vielleicht auch schon neun Jahren? So ganz genau wusste er das nicht mehr. Es war einer ihrer ersten gemeinsamen Fälle gewesen, daran erinnerte er sich noch. Ein halbes, vielleicht ein Dreivierteljahr nachdem er sich nach Köln hatte versetzen lassen. Es war schon so lange her und doch hatte er die Szene plötzlich wieder so deutlich vor Augen, als sei es erst gestern gewesen. Er sah Jupp vor sich, wie er, noch kauend, das Hotelzimmer betrat, indem die beiden Leichen gefunden worden waren, Dino, der neben einer der Leichen am Boden hockte, und einen ersten Überblick über die Opfer und den möglichen Tathergang gab, Frau Dr. Weiß, die, schon im Gehen begriffen, von Jupp einmal mehr in eine ihrer üblichen Kabbeleien verwickelt wurde, sah sich selbst, wie er nicht umhin kam, über Jupps Bemerkung zu lachen. Es war ein beständiges Spiel zwischen den beiden gewesen: Jupp hatte sie mit Kommentaren über ihre Arbeit geneckt und sie hatte ihm dafür in schöner Regelmäßigkeit gedroht, dass sie ihn eines Tages auf ihrem Tisch würde liegen haben. Es hatte immer nur ein Scherz sein sollen und niemand hatte je geglaubt, dass es wirklich einmal so weit kommen würde.
Natürlich wusste Klaus theoretisch, auf eine ferne, ganz abstrakte Art, dass diese Gefahr in ihrem Beruf immer präsent war. Man konnte vorsichtig sein, man konnte Vorkehrungen treffen, Schutzmaßnahmen ergreifen, aber ganz ausschalten konnte man die Gefahr nie. Allen Plänen, allen schusssicheren Westen zum Trotz blieb doch immer ein Restrisiko. Aber das blendete man aus, ignorierte es so gut es ging, er selbst, genauso wie wahrscheinlich auch jeder seiner Kollegen. Sie sollten sie auch sonst ihre Arbeit machen. Wenn man ständig im Kopf hatte, dass jeder Einsatz für jeden von ihnen zur tödlichen Gefahr werden konnte, wenn man immer daran dachte, dass einer von ihnen diesen Einsatz vielleicht nicht überleben würde, dann war kein konzentriertes Arbeiten mehr möglich. Und ihre Arbeit erforderte höchste Konzentration. Natürlich hörte man immer mal wieder von Kollegen, die im Dienst ums Leben gekommen waren, aber er kannte die wenigsten davon, wenn überhaupt, dann doch nur dem Namen nach. Sowas passierte immer nur den anderen.
Mit einem Mal war es so nah, gefährlich nah, zu nah. Jupp war schon lange nicht mehr sein Partner. Seit bald fünf Jahren arbeitete Klaus jetzt in Brüssel und der Kontakt war über die Jahre immer sporadischer geworden. Karten zum Geburtstag und zu Weihnachten, ab und an mal eine E-Mail, meist nur ein paar Zeilen lang, manchmal ein paar private Worte am Rande der seltenen dienstlichen Telefonate. Gesehen hatten sie sich schon seit Jahren nicht mehr und doch war Jupp immer einer der Menschen gewesen, denen er sich am engsten verbunden gefühlt hatte. Allen Unterschieden, allen Gegensätzen zum Trotz, waren Jupp und Flo seine Familie gewesen. Er hatte keine Ahnung, ob Jupp sich dessen bewusst gewesen war. Gesagt hatte er es ihm nie. Jetzt war es zu spät.
Klaus zögerte am Absatz der Treppe, die hinunter in die Gerichtsmedizin und zu den Leichenschauräumen führte. Er wollte diese Treppe nicht hinabsteigen, wollte nicht diesen graugrün gefliesten Gang entlang gehen, wollte nicht die schwere Stahltür beiseiteschieben und in den Aufbahrungsraum treten, nur um Jupp auf einem dieser grauenvollen Metalltische liegen sehen. Kalt, starr, tot, nur bedeckt mit einem dieser sterilen grünen Leichentücher, unter dem über dem Schlüsselbein noch die spitzen jenes typischen, nur grob vernähten Ypsilonschnittes hervorlugen würden.
Er wollte das alles nicht tun und doch wusste er, dass er es tun musste. Er musste diesen Weg gehen, das war er Jupp schuldig, aber vor allem war er es sich selbst schuldig. Seitdem er die Todesnachricht aus Köln erhalten hatte, hatte sich die irrige Hoffnung eingestellt, es sei alles nur ein großes Missver¬ständnis, eine Verwechslung, ein böser Traum. Rational wusste er, dass dem nicht so war, nicht so sein konnte, dass man ihn nur verständigt hatte, weil jeder Zweifel ausgeschlossen war. Aber sein Herz wollte sich der Ratio nicht beugen. Er musste diese irrwitzige Idee dringend niederringen, sonst würde er irgendwann durchdrehen. Auch deswegen musste er Jupp sehen. Damit er begreifen konnte, dass sein Freund wirklich tot war und nie wiederkehren würde. Er musste Abschied nehmen, um weiterleben zu können.
Er atmete noch einmal tief durch, dann trat er auf die erste Stufe. Seine Knie zitterten und er war sich plötzlich nicht mehr sicher ob er den Weg wirklich schaffen würde. Er griff nach dem Handlauf, um sich Halt zu verschaffen. Das Metall fühlte sich eisig an unter seinen Fingern, wie ein düsterer Vorbote dessen, was ihn dort unten erwartet. Mit einem Mal schien es ihm ungewöhnlich kalt hier im Flur und obwohl von draußen die Augustsonne durch die Glastüren strahlte, fröstelte er unwillkürlich. Er konzentrierte sich nur auf die Treppe, versuchte alles andere auszublenden. Stufe um Stufe zwang er sich hinab, einen Fuß vor den anderen setzend, den Gang entlang bis zu der schweren stählernen Schiebetür. Es kostete ihn unendlich Mühe, sie beiseite zu schieben, vielleicht weil sie wirklich so schwer war, vielleicht aber auch, weil er seinen eigenen Widerwillen überwinden musste. Wenn er ihn diesen Raum trat, dann gab es kein zurück mehr, keine Hoffnung auf Irrtum, dann würde die Todesnachricht endgültig grausame Realität werden und seine Welt zerbrechen.
Zögerlich setzte er einen Fuß über die Schwelle und schaute sich kurz um. Er hoffte inständig, das Frau Dr. Weiß nicht da war. Er würde es jetzt nicht aushalten, oder sonst jemandem aus seinem ehemaligen Team. Zumindest in dieser Hinsicht schien ihm das Schicksal gewogen. Es war niemand zu sehen. Der Raum war nur spärlich beleuchtet, aber er brauchte auch kein Licht. Auch nach über fünf Jahren kannte er den Raum noch auswendig und es war ohnehin nur ein Tisch belegt: Der ganz am Ende. Langsam ging Klaus darauf zu. Schon aus der Distanz erkannte er Jupp ohne Zweifel und schon in diesem Moment wäre er am liebsten wieder umgedreht, doch er zwang sich weiterzugehen, bis er direkt vor dem Tisch stand.
Genau wie er erwartet hatte, bedeckte eines dieser grünen Tücher Jupps Körper, doch irgendjemand hatte es gnädiger weise so weit hochgezogen, dass die Spuren der Obduktion nicht zu sehen waren. Nur Jupps Gesicht war noch sichtbar. Er sah ein bisschen blasser aus, als Klaus ihn in Erinnerung hatte, die Haare waren ein bisschen kürzer als damals, aber der Dreitagebart genauso unordentlich. Er wirkte ruhig und entspannt, friedlich, als schliefe er einfach nur. Es war ein beruhigendes Bild und gleichzeitig so vollkommen falsch. Jupp war kein ruhiger Mensch, war er nie gewesen. Laut und direkt, in allem was er sagte oder tat, offen in seinem Lachen, schnell mit seinem Zorn, genauso schnell wieder versöhnte, immer mit ganzer Seele und aus tiefsten Herzen dabei. Kompromisse oder Mittelwege hatte es bei Jupp nie gegeben. Ganz oder gar nicht. Am Anfang hatte ihn diese Emotionalität die Wände hochgetrieben und am Ende war sie der Grund gewesen, warum er hatte gehen müssen: Weil er sich in Jupp verliebt hatte. Er hatte gehofft, geglaubt, dass sich seine Gefühle mit der Zeit beruhigt hatten, doch als er jetzt hier stand musste er erkennen, dass diese Hoffnung vergebens war.
Er legte die Hand an Jupps Wange und die Kälte, die er unter seinen Fingern spürte ging ihm durch und durch, kroch seinen Arm hinauf und durch seinen ganzen Körper. Diese seltsame Taubheit, die ihn seit Tagen, seit diesem Anruf irgendwie funktionieren ließ, zerbarst. Seine Augen brannten und die Welt verschwamm, bis das einzige, was er noch erkennen konnte, Jupps Lippen waren. Er wusste, dass es falsch war, trotzdem beugte er sich hinab und küsste Jupp auf den Mund.
„Verzeih‘ mir“, murmelte er leise.
Als er sich wieder aufrichtete fiel endlich die erste Träne.