[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Rapunzel
Challenge: Angst: Reue/Büßen (für das Team)
Fandom: Youtuber
Personen/Pairing: Julien Bam/iBlali
Wörter: ~700
Kommentar: Und wieder eine Fortsetzung, diesmal zu: https://120-minuten.livejournal.com/1224774.html

Als er wieder aufwacht, ist der Himmel nicht mehr da.

Das ist blöd, es so zu beschreiben. Es geht ja keiner herum und klaut den Himmel oder so.
Oh fuck.
Der Gedankengang allein macht Julien Angst.

Er starrt die weiße Decke über sich an und blinzelt wie ein Blöder. Irgendjemand hat ihn ausgeschaltet. Haha, was für ein scheiß Witz. Weil er ja diesen An- und Ausschaltknopf auf dem Nacken tätowiert hat und überhaupt-

Weiter kommt er nicht, weil plötzlich jemand in seinem Gesichtsfeld ist.
Eine Frau, die er nicht kennt.

„Sagen Sie mir Ihren Namen“, fordert sie in routiniertem Ton. Sie hat dunkle Ringe unter den Augen und fettige Haare.
'Irgendein Penner', will Julien sagen, aber sein Mund ist zu trocken. Er muss wie ein Fisch an Land schlucken, bevor er ihn irgendwie herausbekommt.
„Ihr Alter?“

Sie nimmt irgendetwas von seinem Bauch und er bemerkt benebelt, dass er zugedeckt war. Dass er seine Klamotten nicht mehr anhat, sondern so ein komisches, halb papierenes Hemd.
„Achtundzwanzig“, zwingt er heraus.

„Beruf?“, fordert sie weiter, während sie irgendetwas an seinem Bauch und dann Arm herumfummelt. Fuck.

Er folgt ihren Bewegungen und entdeckt die Nadel, die in seinem Arm steckt, natürlich dem, den er nicht bis runter hat tätowieren lassen und an dem man noch Venen finden kann.

„Sterbe ich oder so?“, presst er hervor.
Was eine grandiose Frage ist, aber sie drängt sich ihm gerade leicht auf.

„Beantworten Sie mir die Frage“, spult die Pflegerin genervt runter.
„Hegen Sie Selbstmordabsichten oder haben Sie sich nur so zum Spaß zum Schlafen auf die Straße gelegt?“


„Was?“, entgegnet er aus blutleeren Lippen.
Wie kommt sie nur darauf? Er wollte doch nur nicht nach Hause gehen und hat seine Schuhe vergessen. Welcher normale Mensch macht daraus einen Selbstmordversuch?

„Ich will doch nicht tot sein. Ich will nur nicht...“

„Alles klar“, fällt sie ihm ins Wort, weil sie offensichtlich müde ist und seit fünfunddreißig Stunden in ihrer Schicht und unterbezahlt und nervlich am Ende wieso sollte er ihr das überhaupt übelnehmen.
„Es wird noch ein Arzt drübergucken, aber eigentlich können Sie dann auch bald nach Hause gehen, wenn Ihr Kreislauf nicht wieder zusammenbricht.“

Dann rauscht sie weg und hinterlässt eine seltsame Stille, in der Julien endlich beginnt, den Rest der Umgebung wahrzunehmen. Hustende Menschen. Jammernde, wimmernde Menschen. Irgendjemand, der schnarcht. Das Zimmer ist vollgestellt mit Krankenbetten. Rechts neben ihm schläft offenbar ein Teenager seinen Rausch aus. Links liegt einer mit einer gebrochenen Nase oder so etwas. Zumindest ist sein halbes Gesicht in Verband eingewickelt.

Julien schaut die Decke an, diese mondlose, himmellose Grenze.

Und das alles nur, weil er nicht auf sich klarkommt, weil er plötzlich Panikattacken bekommt.
Weil er wahrscheinlich übergeschnappt ist.

Er setzt sich auf und ein Gefühl überwältigt ihn – die Erinnerung an Viktors Lippen, an seine Augen, an seinen Geschmack.

„Ach fuck“, flüstert Julien und legt sein Gesicht in die Hände.

Nicht auch noch das.

Er möchte sich die Nadel aus dem Arm ziehen und schreien. Er möchte sich der Erkenntnis, die ihn da gerade einspannt wie in einen Schraubstock, entziehen, möchte sich verkriechen.


Doch er weiß ja nicht einmal, wo seine matschbekleckerten Klamotten sind.

Also legt er sich wieder hin und versucht, die Panik wegzuatmen. Starrt auf die weiße, weiße Decke, an das Nichts vor seinen Augen, während Natriumchlorid in seine Adern tropft.

Und er bereut. Er bereut den ersten Kuss. Und die Farbexplosionen, die auf den Badezimmerkacheln verschwommen sind. Er bereut, mit all dem angefangen zu haben, mit Labereien über Affären. Denn wer sollte mit so einem verdrehten Dummschwätzer wie ihm denn klarkommen?

Er möchte hier liegenbleiben, quasi wie aufgebahrt, wie ein lebender Toter, wie das Denkmal gegen die Scheißigkeit des Lebens und gegen die Unfähigkeit.

Aber leider stabilisiert sich sein Kreislauf.
Leider wird das Bett, in dem er liegt, für jemanden gebraucht, der wirklich Probleme hat.

Leider bekommt er seine zugematschten Klamotten zurück und wird weggeschickt.

Leider steht am Eingang der Notaufnahme Viktor, als hätte er die ganze Zeit gewusst, dass Julien hier drin war.

Und leider ist hier nirgendwo ein Beichtstuhl, denn Julien hat das Gefühl, dass er ihn brauchen wird.

(To be continued...)

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